{"id":84955,"date":"2011-01-31T00:01:17","date_gmt":"2011-01-30T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84955"},"modified":"2022-02-28T18:37:31","modified_gmt":"2022-02-28T17:37:31","slug":"im-regal-unter-h-stehen-6-titel-von-hadayatullah-huebsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/31\/im-regal-unter-h-stehen-6-titel-von-hadayatullah-huebsch\/","title":{"rendered":"Im Regal unter \u201eH\u201c stehen 6 Titel von Hadayatullah H\u00fcbsch"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Regal unter \u201eH\u201c stehen 6 Titel von Hadayatullah H\u00fcbsch, es ist \u00fcberf\u00fcllt, aber an H\u00fcbsch liegt es nicht. Gerade mal einen halben Zentimeter brauchen die 6 Titel. Es gibt noch an anderen Stellen Verschiedenes: so die von ihm herausgegebene Anthologie \u201esocial beat D\u201c, Edition Druckhaus 1995. Irgendwo mu\u00df es auch einen Gedichtband geben, momentan nicht auffindbar wie etliche weitere von den d\u00fcnnen Heften und Faltbl\u00e4ttchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin Hadayatullah H\u00fcbsch fast zweimal begegnet. Einmal waren wir in Leipzig auf der Messe, mit der Zeitschrift \u201eWiecker Bote\u201c, die ich ein paar Jahre lang mit herausgab. Angelika Janz las aus ihrem \u201eim Verlag des Wiecker Boten\u201c erschienenen Buch \u201eorten vern\u00e4hte alphabetien\u201c (2002). Neben mir sa\u00df ein b\u00e4rtiger Herr. Nach der Lesung kamen zwei B\u00e4rte ins Gespr\u00e4ch. Zuerst \u00fcber die Lesung bzw. die Vortragsweise. Er hatte Vorschl\u00e4ge. Ich wei\u00df nicht mehr, wor\u00fcber wir sonst sprachen, kurz vor Schlu\u00df fragte er mich, ob ich nicht mal einen Aufsatz \u00fcber ihn schreiben wolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im n\u00e4chsten Jahr an gleicher Stelle kam ich beim Stand des Verlags Der Islam vorbei. Nach meiner Gewohnheit sichtete ich den Drehst\u00e4nder mit Flyern und Heftchen, und da ich als Laufkunde auf der Suche nach Prospekten nicht aufdringlich erscheinen wollte, sah ich den Herrn dahinter nur aus dem Augenwinkel an. Er trug einen dunklen Bart und mir schien, er h\u00e4tte mich fragend, fast forschend angesehen, ich erwiderte den Blick nicht, steckte meine schmale Beute ein und ging. Zehn Meter weiter im Gedr\u00e4nge des Messehallengangs fiel mir ein: Mensch, das war H\u00fcbsch! Meine Ignoranz tat mir leid, aber ich kehrte nicht um. Man trifft sich immer zweimal im Leben, aber nicht immer ein drittes Mal. Ein paar Jahre sp\u00e4ter die Nachricht von seinem Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eins der Hefte in meinem Regal tr\u00e4gt den Titel \u201eMein Weg zum islam\u201c. Es hat eine ISBN, aber keinen Preis und keine Jahreszahl. Es war noch zur D-Mark-Zeit. 22 Seiten in recht gro\u00dfer Schrift. Der Autor erz\u00e4hlt sein Leben von der Geburt in Chemnitz 1946, der Flucht vor den Russen, der Schulzeit und Jugend zwischen Rockmusik, rebellischer Dichtung und linker Politik. Haschisch und LSD tauchen auf und werden allt\u00e4gliche Praxis. Er versucht eine Kommune zu gr\u00fcnden, aber als er merkt, \u201eda\u00df die Leute, mit denen ich in einem Haus zusammenlebte, mich als F\u00fchrer haben wollten, w\u00e4hrend ich davon tr\u00e4umte, als gleicher unter gleichen zu leben\u201c, geht er eines Tages gru\u00dflos weg. Er kommt zur Mutter der Kommunen, der Kommune I in Berlin. \u201eIch wurde dort auch aufgenommen und f\u00fchrte bald das Rauchen von Haschisch ein.\u201c Beim Jahreswechsel 1968\/69 nimmt er eine \u00dcberdosis und erlebt schlimme 8 Tage und N\u00e4chte, er landet im Irrenhaus. Der Anwalt eines gro\u00dfen Verlages, bei dem von ihm, dem einst G\u00fcnter Grass eine gro\u00dfe Zukunft als Lyriker prophezeit hatte, 1969 ein erster Gedichtband erscheinen sollte, boxt ihn nach 14 Tagen raus. Er geht nach Frankfurt zur\u00fcck, verkauft Drogen und besch\u00e4ftigt sich mit Zen-Buddhismus. Mehrere Aufenthalte in der Irrenanstalt. Er reist nach Marokko, wo ihm amerikanische Hippies Haschisch anbieten. Es wird immer schlimmer. Eines Tages auf einer Autofahrt durch Marokko, auf dem absoluten Tiefpunkt \u201eein Wunder\u201c. \u201eEine unsichtbare Kraft hielt mich fest. Ich stand wie verwurzelt, schaute in den Himmel, und aus meiner Brust kam das Gebet: \u201aO Allah, bitte reinige mich!\u2018 \u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kannte den Islam nicht, nur Zen und Christentum. Aber er betete zu Allah, f\u00fcr ihn eine Art Offenbarung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch nicht die Heilung. Schlimme Zeiten folgen. Gef\u00e4ngnis und Irrenhaus in Spanien. Dann in Frankfurt ein zweites Wunder. Beim H\u00f6ren pakistanischer Musik im Haus der Mutter erscheint aus dem Wort OM, im Hinduismus ein Wort f\u00fcr Gott, ein wei\u00dfer Blitz \u2013 direkt zu der Stelle im Regal, wo der Koran steht. \u201eIch hatte nur wenige Zeilen gelesen, als mir pl\u00f6tzlich ganz klar wurde, da\u00df hier Gott zu mir sprach.\u201c Er sagt der Mutter, er sei Muslim geworden \u2013 sie h\u00e4lt ihn f\u00fcr verr\u00fcckt. Er findet eine Moschee, man nimmt ihn auf und hilft ihm. Noch ist er sehr krank. Er tr\u00e4umt vom Teufel, erschrickt \u00fcber die vielen S\u00fcnden, die er begangen hat, und beschlie\u00dft, auf die Pilgerreise nach Mekka zu gehen. In Spanien nimmt er eine F\u00e4hre nach Marokko, aber man l\u00e4\u00dft ihn nicht herein. In Spanien folgt Gef\u00e4ngnis, Krankenhaus, wieder Gef\u00e4ngnis, ein Proze\u00df. Schlie\u00dflich in Frankfurt bringt ein drittes Wunder den Durchbruch. Zwei dicke wei\u00dfe Strahlen, \u201ewie Laser-Strahlen\u201c, aus den Augen des 3. Khalifen der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat, der gerade in Frankfurt weilt, direkt in seine Augen. Die wei\u00dfe Farbe der Strahlen bedeutet, wie er sp\u00e4ter erf\u00e4hrt, da\u00df die Person, von der sie ausgingen, erleuchtet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das dritte Wunder ist der Durchbruch und die Heilung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_65815\" style=\"width: 288px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65815\" class=\"wp-image-65815 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah-278x300.jpg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah-278x300.jpg 278w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah-949x1024.jpg 949w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah-768x829.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah-560x604.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah-260x281.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah-160x173.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hadayatullah.jpg 1112w\" sizes=\"auto, (max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-65815\" class=\"wp-caption-text\">Der Urvater des Social-Beat. Hadayatullah H\u00fcbsch. Photo: Masroor-ahmad<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a>. Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im Regal unter \u201eH\u201c stehen 6 Titel von Hadayatullah H\u00fcbsch, es ist \u00fcberf\u00fcllt, aber an H\u00fcbsch liegt es nicht. Gerade mal einen halben Zentimeter brauchen die 6 Titel. 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