{"id":84666,"date":"2023-06-21T00:01:39","date_gmt":"2023-06-20T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84666"},"modified":"2022-02-25T16:44:44","modified_gmt":"2022-02-25T15:44:44","slug":"trilogie-der-leidenschaftslosen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/21\/trilogie-der-leidenschaftslosen\/","title":{"rendered":"Trilogie der Leidenschaftslosen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Ein K\u00f6nig<\/b> sitzt auf seinem Thron und spricht: \u00bbAlle meine Stra\u00dfen sind geplastert \u2013 kein Steinchen kann meine Schritte hemmen \u2013 alle meine Stra\u00dfen sind gefegt \u2013 kein St\u00e4ubchen kann meine Kleider beschmutzen \u2013 alle Stra\u00dfen sind mit Baldachinen \u00fcberdeckt \u2013 keine Regenp\u00fctze kann mich zum Ausgleiten verleiten \u2013 doch was hilft das alles gegen die furchtbare Erkenntnis: man k\u00f6nne \u00fcber sich selber stolpern. \u2013 Herr Geheimrat, es tut mir leid, wir m\u00fcssen zu Haus bleiben \u2013 man k\u00f6nnte \u00fcber sich selber stolpern.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie m\u00fc\u00dften sich selber vergessen lernen\u00ab, sagte der Geheimrat. \u00bbStreichen Sie das Datum Ihres Regierungsantrittes aus dem Kalender \u2013 Sehen Sie sich nicht mehr in den Spiegel, denn durch die Reinigkeit des Glases bringen Sie Ihre Gestalt mit dem Nichts in Verbindung \u2013 Sie m\u00fc\u00dften sich in sich selber verlieben\u00ab, sagte der Geheimrat, \u00bbdenn auf Fl\u00fcgeln des Gesanges \u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch w\u00e4re nicht die erste Frau, die mich verf\u00fchrt\u00ab, seufzte der K\u00f6nig. \u00bbSie \u00fcbersehen die Gefahren des Mitleids und der rein menschlichen Einf\u00fchlung.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Die T\u00e4nzerin<\/b> sagte: \u00bbUff\u00ab und der Ballettmeister setzte sich und sagte: \u00bbSchlu\u00df\u00ab. Die T\u00e4nzerin warf die unversch\u00e4mten Flitter auf einen Schemel und stellte sich in ein Waschbecken, um sich abzuseifen. Sie war etwas erhitzt und kokettierte heftig mit ihrem Spiegelbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lehrer bi\u00df sich in die Lippen. Sie schien gar keine Empfindung f\u00fcr die Anwesenheit eines Mannes zu haben. Er fand sich pl\u00f6tzlich schamlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie fixierte die Rubinenkn\u00f6pfe seines festgest\u00e4rkten Vorhemdes: \u00bbSagen Sie etwas!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Lippen zitterten. Seine cynisch langen Finger umkrallten die Kniee. Die ganze herrische Gestalt, die nur aus Knochen und Sehnen zu bestehen schien, dieses anatomische Praeparat aus dem Panoptikum, dem ein grausamer Medikaster alles Fett <a id=\"page75\" title=\"JohannN\/MEsswein\" name=\"page75\"><\/a>praepariert hat, verkrampft sich zu einer Bitte: \u00bbLa\u00df mir meine \u00dcberlegenheit.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er spricht hastig. Von der hohen Schule des Tanzes, von den Idealen der reinen Kunst. \u00bbLeichtigkeit, Fr\u00e4ulein\u00ab, sagte er, \u00bbLeichtigkeit, Fr\u00e4ulein! So ein alter wei\u00dfhaariger Tanzmeister w\u00e4re gern Jehova selber, der Donner vom Sinai, nichts d\u00fcrfte mehr schwer sein, und alles m\u00fc\u00dfte heiter werden, l\u00e4cheln, mein Fr\u00e4ulein, goldig l\u00e4cheln, Bewegung alles und Musikmeisterschaft \u00fcberhaupt \u2013 niemand d\u00fcrfte an Trag\u00f6die denken.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie steckte die Ringe an ihre Wurstfinger und dr\u00fcckte ihm heftig die Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen wartete ihr Galan, ein biederer Realgymnasiast.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchularbeiten schon gemacht?\u00ab fragte sie schnippisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging neben ihr, die H\u00e4nde in den Hosentaschen, und starrte verzweifelt auf die Reihe von Bogenlampen, die die Allee an ihrem Ende zu auf dem Boden zu ber\u00fchren drohte \u2013 gem\u00e4\u00df einem Gesetz der Perspektive \u2013 \u00e4u\u00dferst modern phantastisch \u2013 aber jeder traditionellen Lyrik abhold.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJosephine\u00ab, sagte er, \u00bbwas soll man mit Ihnen reden?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan sollte \u00fcberhaupt nicht reden\u00ab, kam die Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sah sie von der Seite an und erinnerte sich mit Besch\u00e4mung, bei einer Keilerei heute fr\u00fch den K\u00fcrzeren gezogen zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan sollte es sich leichter machen\u00ab, hie\u00df es weiter. Und dann \u2013 unter Androhung einer Umarmung \u2013: \u00bbIch w\u00fcrde es euch g\u00f6nnen, wenn der Alte lieber Gott w\u00e4re. Vor lauter Hoppa Grazie und Tackt Tralala w\u00fcrdet ihr keine ruhige Minute haben.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Ein Affe<\/b> war einst, der war ein Dorfschulze unter den Affen, und jede Nacht traf er sich mit seinen Kumpanen zu Kokusessen und Witzeerz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch einst auf dem Wege zum Wirtshaus kam es \u00fcber ihn \u2013 sei es, weil der Mond ihm zu eisig auf den behaarten Sch\u00e4del schien \u2013 dieses unerbittliche Gestirn \u2013 sei es, da\u00df der Wind einen fremden Bl\u00fctenduft ihm zuwehte durch die schokoladene Finsternis \u2013 wer verm\u00f6chte die Geheimnisse der Intuition erraten \u2013\u00a0verb\u00fcrgt ist, da\u00df er in jener Nacht unter seine Kumpane trat und sprach: \u00bbWas ist des Lebens Zweck? Und wozu \u00e4ndern wir uns von Tag zu Tag? Man sagt, die Menschen seien eine h\u00f6here Stufe unserer Rasse, meine braven! \u2013 Aber geht, wir haben H\u00e4nde und k\u00f6nnen auf allen vieren gehen \u2013 sie aber haben nur zwei H\u00e4nde und m\u00fcssen auf den F\u00fc\u00dfen gehen \u2013 Bedenkt die Entfremdung eines Organes seiner freien Zweckbestimmung \u2013 die Unterwerfung desselben einer einzigen Funktion \u2013 seiner Aesthetisierung sozusagen \u2013 man zwingt es mehr, einen Zweck darzustellen als ihm zu dienen \u2013 die Entzweckm\u00e4\u00dfigung \u2013 das scheint mir das ideale Ziel der Entwickelung der Hand zum Fu\u00df zu sein. Und nun noch eins, meine Lieben: Ist der Mensch wirklich ein h\u00f6heres Wesen? \u2013 Er, der doch von den Affen abstammt, also verursacht ist, ist er nicht f\u00fcr jene tiefere genetische Anschauung, die Zusammenh\u00e4nge \u00fcberblickt, doch nur ein Affe? Wozu die Qual der Historie und des vernichtenden Kampfes ums Dasein?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser Frage schlo\u00df er seine Rede und ging hinaus in die schokoladenfarbene Nacht zu seiner problemumrauschten Lagerst\u00e4tte und bereitete sich f\u00fcr die n\u00e4chste Zusammenkunft vor. Und er kam wieder und sprach: \u00bbDas Dasein hat keinen Zweck, denn es entbehrt des zureichenden Grundes \u2013 Wie nun? Wir sitzen und knacken N\u00fcsse und erz\u00e4hlen uns Witze um Lachen \u2013 sollten wir uns nicht in unserem freiesten erheben zur H\u00f6he der Welterkenntnis, wenn wir uns am ungebundensten sind, wenn wir lachen? Auf, meine Herren! seien wir ehrlich und lachen von heute ab \u2013 ohne Gr\u00fcnde.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er verlie\u00df seine Freunde und seine palmenumrauschte Lagerst\u00e4tte und die schokoladefarbene Nacht seiner Heimat und gr\u00fcndete die Religion derer, die ohne Gr\u00fcnde lachen \u2013 und die Weisen und die Priester und sein ganzes Volk sa\u00df auf den Bergen und sang:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Tiefe feite dich vor Gr\u00fcnden<br \/>\nHeiter rieten wir (uns): Nicht<br \/>\nDeines Unsinns B\u00fcnde gr\u00fcnde<br \/>\nBreiter treibe hin zum Licht<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">St\u00e4ndig schallt die alte Losung<br \/>\nErl\u00f6sung: L\u00f6sung ausgelacht.<br \/>\nIst es Liebe, ist es Bosung,<br \/>\nWas uns das Genie vermacht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Galileo Galilei soll diesen prophetischen Urmenschen in den W\u00e4ldern der Mongolei getroffen haben. \u2013 Er war sehr einsam und sa\u00df betr\u00fcbt und mager auf einem Steine: \u00bbIch habe keinen Bauch mehr zum Lachen\u00ab, trauerte er, \u00bbdenn ich mu\u00df meine J\u00fcnger t\u00e4glich lehren \u2013 da\u00df man das Leben nicht ernst nehmen soll.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Geschrei aber jener Affen, die dem einsamen Mann anhangen, soll den Felsw\u00e4nden jener Gegend ein besonders melodisches Echo verleihen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84551 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-204x300.jpg\" alt=\"\" width=\"204\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-204x300.jpg 204w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-260x382.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-160x235.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis.jpg 374w\" sizes=\"auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px\" \/><\/a><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jakob van Hoddis (Geburtsname\u00a0<i>Hans Davidsohn<\/i>; * 16. Mai 1887 in Berlin; \u2020 1942 in Sobib\u00f3r, &#8222;Generalgouvernement&#8220;) war ein deutscher Dichter des literarischen Expressionismus. Er ist besonders bekannt f\u00fcr das Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/11\/weltende-2\/\"><i>Weltende<\/i><\/a>, ein Werk aus der Anfangszeit des Expressionismus. KUNO m\u00f6chte den Lyriker nicht auf dieses <span class=\"aCOpRe\"><em>One<\/em>&#8211;<em>Hit<\/em>&#8211;<em>Wonder<\/em> reduziert wissen, die Redaktion entdeckt in seiner Kurzprosa einen Vorl\u00e4ufer der neuen Literaturrichtung <em>Twitteratur<\/em> und macht es sich zur Aufgabe an diesen Sprachwitzigen Autor zu erinnern.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein K\u00f6nig sitzt auf seinem Thron und spricht: \u00bbAlle meine Stra\u00dfen sind geplastert \u2013 kein Steinchen kann meine Schritte hemmen \u2013 alle meine Stra\u00dfen sind gefegt \u2013 kein St\u00e4ubchen kann meine Kleider beschmutzen \u2013 alle Stra\u00dfen sind mit Baldachinen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/21\/trilogie-der-leidenschaftslosen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":223,"featured_media":99385,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2940],"class_list":["post-84666","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-jakob-van-hoddis"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/223"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=84666"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100612,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84666\/revisions\/100612"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99385"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=84666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=84666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=84666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}