{"id":84658,"date":"2022-05-16T00:01:55","date_gmt":"2022-05-15T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84658"},"modified":"2022-02-24T11:36:12","modified_gmt":"2022-02-24T10:36:12","slug":"der-feind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/16\/der-feind\/","title":{"rendered":"Der Feind"},"content":{"rendered":"<p class=\"center\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">(Eine Tirade)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Massen sind unterwegs, um Gott zu suchen. Da sie verlernt haben zu glauben, m\u00fcssen sie erkennen. Die L\u00fcfte sind erf\u00fcllt von dunkler Qual und einem Geschrei von Angst. Etwas Dumpfes ist um jeden Lebendigen. Etwas das zuviel fragt und zuviel antwortet, anklagt und trauert. Was verwirfst du und was gibst du daf\u00fcr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Goethe, schon ein heiter unerm\u00fcdlich Lebendiger, einer der immer wu\u00dfte, weil er an jedem Vesper von neuem empfand, durfte klagen: Gef\u00e4hrlich ist&#8217;s, den Tag dem Tag zu zeigen. Welch eine unerh\u00f6rt schmerzhafte Geste in der Lehrhaftigkeit dieses Greises, der von der Sonne schreiben konnte:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">\u00bbIhr Anblick gibt den Engeln St\u00e4rke,<br \/>\nWenn keiner sie ergr\u00fcnden mag.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war das f\u00fcr ihn ein Ereignis, die Romantik, diese gesch\u00e4ftigen Schlegels, die Sanskritisten und Ideologen der Liebe. Warum nannte der Dichter Buddha fratzenhaft, der den Mephisto schuf? Warum lernte der Spottvogel, der einst Wanzen und Knoblauch und Kreuz zusammen genannt hatte, pl\u00f6tzlich Hebr\u00e4isch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und warum ist dem Heiden, dem Olympier in Wilhelm Meisters Wanderjahren, das Neue Testament die h\u00f6chste Andeutung des G\u00f6ttlichen? Welch trostloses Wort: \u00bbDoch Homeride zu sein, wenn auch als letzter, ist sch\u00f6n.\u00ab Und er, der fr\u00fcher der Skandal aller biederen Deutschen gewesen war, wenn er auf dem Marktplatz von Jena mit der Peitsche knallte, nahm den Backel in die Hand, um die vorlauten jungen Leute skandieren zu lehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sind diese Indier, die seit dem vorigen Jahrhundert unsere Sprachwissenschaften verpestet haben, dieser Auswurf des arischen Europa, die Menschenm\u00f6rder und Pferdeopferer? Diese Weisen, die den Begriff Gottes solange zu zerdenken wu\u00dften, bis er die Wirklichkeit aufhob? Und die die menschliche <a id=\"page68\" title=\"wedi\/MEsswein\" name=\"page68\"><\/a>Sprache so zu zerst\u00f6ren wu\u00dften, da\u00df sie zu Zauberformeln erstarrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind wir die letzten, die Gott sp\u00fcren d\u00fcrfen? Welch eine Verw\u00fcnschung murmelte sich aus Ru\u00dfland hinein in die Tr\u00e4ume unserer Jugend aus den Romanen eines Dostojewsky und der Romantik eines Leo Tolstoi. Was sprach der D\u00e4nenprinz Hermann Bang von hoffnungslosen Geschlechtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nihilismus wird positiv und will Thesen haben. Die Gott hassen, werden Gl\u00e4ubige. Die Akademien, denen ihr Gr\u00fcnder Leibniz, der geistige Revolution\u00e4r Europas, den Anspruch auf die Regierung des Erdteils zuschrieb, z\u00fcchten Staatsbeamte und liberale Familienv\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch warum ist jenen das z\u00e4rtliche Nein unserer Morgentr\u00e4ume, da eine wilde Liebe zu ihnen verst\u00f6rt hat, ein Dolchsto\u00df t\u00f6dlicher als der Neid ihrer Konkurrenten? Ihr Professoren, die ihr euer Brot Systemen verdankt, ihr aufgekl\u00e4rten Hunde, die ihr nicht gehen d\u00fcrft, bevor ihr euch klar seid, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde, ihr verheirateten M\u00f6nche und verbuhlten Ehem\u00e4nner, ihr Transportarbeiter, die ihr ein Himmelreich auf Erden zu gr\u00fcnden euch verma\u00dfet, nachdem ihr den Glauben an den wahren Himmel verrietet, weil euch der Katechismus am Streiken hindert, ihr verkaterten Gestalten, die ihr die Welt nur verachten d\u00fcrft, wenn ihr sie f\u00fcr Schwindel haltet, ihr Narrentorkel, die ihr die Welt verachten d\u00fcrft, wenn ihr sie f\u00fcr Schwindel haltet, ihr Wei\u00dfb\u00e4rte, die ihr aus dem Wissen vom Menschen eine Wissenschaft zu machen euch erk\u00fchnt, ihr glaubt wirklich, Sokrates Abstinenz predigen zu d\u00fcrfen, vom Wein, vom Weh und vom Weib?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84551 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-204x300.jpg\" alt=\"\" width=\"204\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-204x300.jpg 204w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-260x382.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-160x235.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis.jpg 374w\" sizes=\"auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px\" \/><\/a>Jakob van Hoddis (Geburtsname<i>Hans Davidsohn<\/i>; * 16. Mai 1887 in Berlin; \u2020 1942 in Sobib\u00f3r, &#8222;Generalgouvernement&#8220;) war ein deutscher Dichter des literarischen Expressionismus. Er ist besonders bekannt f\u00fcr das Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/11\/weltende-2\/\"><i>Weltende<\/i><\/a>, ein Werk aus der Anfangszeit des Expressionismus. KUNO m\u00f6chte den Lyriker nicht auf dieses <span class=\"aCOpRe\"><em>One<\/em>&#8211;<em>Hit<\/em>&#8211;<em>Wonder<\/em> reduziert wissen, die Redaktion entdeckt in seiner Kurzprosa einen Vorl\u00e4ufer der neuen Literaturrichtung <em>Twitteratur<\/em> und macht es sich zur Aufgabe an diesen Sprachwitzigen Autor zu erinnern.<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p>In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Eine Tirade) Die Massen sind unterwegs, um Gott zu suchen. Da sie verlernt haben zu glauben, m\u00fcssen sie erkennen. Die L\u00fcfte sind erf\u00fcllt von dunkler Qual und einem Geschrei von Angst. Etwas Dumpfes ist um jeden Lebendigen. 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