{"id":84652,"date":"2010-05-16T00:01:32","date_gmt":"2010-05-15T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84652"},"modified":"2021-05-24T08:43:41","modified_gmt":"2021-05-24T06:43:41","slug":"von-mir-und-vom-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/05\/16\/von-mir-und-vom-ich\/","title":{"rendered":"Von Mir und vom Ich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"motto\" style=\"text-align: right\">Motto: Seltsam, wie hier der Verstand<br \/>\nAn mir h\u00e4mmert, an mir hirnert,<br \/>\nSelbstsadistisch arrogant,<br \/>\nSelbst den Stirner unterstirnert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Cogito ergo sum: Das Denken ist kein Beweis f\u00fcr das Ich, sondern das Ich ein Postulat des Denkens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Bild und eine Erfahrung: Am fernen Ufer singen die Sirenen. Wohl wei\u00df Odysseus, L\u00fcge ist es, was die Dichter von ihren blutgierigen Vogelkrallen berichten. Hold und lieblich w\u00e4re es, bei ihnen zu wohnen. Er sehnt sich hin\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber Glied um Glied ist er am Maste seines Schiffes angekettet. Nicht von Freunden, die uns ja so oft vom Sch\u00f6nsten entfernt halten \u2013 um unseres Besten willen \u2013! Vergessene W\u00fcnsche, l\u00e4ngst schal gewollter Wille, t\u00f6richte Knabensehnsucht \u2013 daraus ist seine Kette geschmiedet, die unsichtbare unzerrei\u00dfbare, die bei jedem Aufb\u00e4umen tiefer in sein Fleisch einschneidet. Der Fessel des nordischen Feuergottes vergleichbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und am Steuer sitzt der Traum seiner selbst, der lang schon tote.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Du sagst: \u00bbLieber der Sklave eines Menschen, denn der Halbaffe seiner Idee!\u00ab Sch\u00f6n. Wie steht es mit dem Halbaffentum der Ichidee?<\/p>\n<p class=\"dblmarg\" style=\"text-align: justify\">Ein anderes bin ich, der ich bin (Ur-Ich),<br \/>\nEin anderes das Ich, das ich denke (Ich-Idee).<\/p>\n<p class=\"dblmarg\" style=\"text-align: justify\">Oder: Das Urich = Postulat des Denkens<br \/>\nDie Ichidee = Objekt des Denkens.<\/p>\n<p class=\"dblmarg\" style=\"text-align: justify\">Die erste Gleichung: das entschleierte Bild von Sais.<br \/>\nDie zweite Gleichung: der schimmernde Schleier des Grausigsten. <a id=\"page62\" title=\"wedi\/MEsswein\" name=\"page62\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und da kam der Pedant der Innerlichkeit und schrie mich an: Was tust du den Mund auf, du Unheiliger! Wei\u00dft du nicht, da\u00df das Wort den Gedanken nicht formt, sondern umformt! Da\u00df es den gl\u00fchenden Strom des Schmerzlichsten und Freudigsten zu buntem Glaswerk erstarren l\u00e4\u00dft?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00bbDas Wort ist ein eigenwilliger Herr. Warum begiebst du dich unter seine Herrschaft?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich antwortete: \u00bbO Prophet! Wahrlich, du bist ein K\u00f6nig ohne Kamarilla! Wohl beherrscht mich das Wort. Aber es ist nicht mein Herr. Es ist mein Scherge.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00bbWissen Sie \u00fcbrigens, wer der Pfeil der Eleaten ist, von dem die Schulmeister so Wunderliches berichten? Der traf und sich doch nicht bewegte, der flog und doch ruhte? Der Pfeil ist das Wort.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Wort als Scherge. Oder: Die Sprache ist die Bureaukratie der Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ebensowenig wie man in Worten zu denken braucht, braucht man in Worten zu dichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man braucht wahrscheinlich die Idee zum Kunstwerk, wie den Bast zum Kr\u00e4nzewinden. Aber der Bast ist selten das Sch\u00f6ne am Kranz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Kunstgewerbe erf\u00fcllt die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit die befruchtende Funktion der Idee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr den Dichter ist die Denkkraft auch ein Sinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die Freude an Sich selbst \u2013 an der Ichidee \u2013 ist ein<br \/>\npoetisches Erlebnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">W\u00fcnschen ist Selbstpoetik. <a id=\"page63\" title=\"wedi\/MEsswein\" name=\"page63\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Genu\u00dfwert der Philosophie, jeder indirekte, jeder eingebildete Genu\u00df, jede Macht- und Tatenfreude ist in der Ichpoetik begr\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So ist die Beziehung zwischen Kunst und Leben wieder hergestellt. Denn Kunstwerk am Kunstwerk bildet sich das Leben an der Dichtung und die Dichtung am Leben. Wie sich Fackel an Fackel entz\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der \u00e4sthetische Ichthyosaurus sucht ein festes \u2013 also begreifliches Verh\u00e4ltnis zu seiner Ichidee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er erzieht sich Eigenschaften an. Die kann er sich merken. Da wei\u00df er, was er an sich hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er wird zum Charakter, zur Pers\u00f6nlichkeit, zum Original.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir aber sind uns in jedem Augenblick ein Anderes, stets Unbegreifliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir f\u00fchlen Uns, ohne Uns zu definieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er wird zum Halbaffen seiner Ichdefinition.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir werden uns zum D\u00e4mon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es gibt kein h\u00f6heres Dasein, als das Unbegreifliche, und Homer ist sein Prophet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84551 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-204x300.jpg\" alt=\"\" width=\"204\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-204x300.jpg 204w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-260x382.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis-160x235.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Jacob_van_Hoddis.jpg 374w\" sizes=\"auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px\" \/><\/a><\/p>\n<div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify\">Jakob van Hoddis (Geburtsname<i>Hans Davidsohn<\/i>; * 16. Mai 1887 in Berlin; \u2020 1942 in Sobib\u00f3r, &#8222;Generalgouvernement&#8220;) war ein deutscher Dichter des literarischen Expressionismus. Er ist besonders bekannt f\u00fcr das Gedicht<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/11\/weltende-2\/\"><i>Weltende<\/i><\/a>, ein Werk aus der Anfangszeit des Expressionismus. KUNO m\u00f6chte den Lyriker nicht auf dieses <span class=\"aCOpRe\"><em>One<\/em>&#8211;<em>Hit<\/em>&#8211;<em>Wonder<\/em> reduziert wissen, die Redaktion entdeckt in seiner Kurzprosa einen Vorl\u00e4ufer der neuen Literaturrichtung <em>Twitteratur<\/em> und macht es sich zur Aufgabe an diesen Sprachwitzigen Autor zu erinnern.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Postskriptum des Magiers:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"centerbig\" style=\"text-align: right\">Galgenlied<\/p>\n<p class=\"vers\">Das Ur-Ich und die Ich-Idee<br \/>\nGingen selbander im gr\u00fcnen Klee:<br \/>\nDie Ichidee fiel hin ins Gras,<br \/>\nDas Ur-Ich wurde vor Schreck ganz bla\u00df. <a id=\"page64\" title=\"wedi\/MEsswein\" name=\"page64\"><\/a><br \/>\nDa sprach das Ur- zur Ichidee:<br \/>\n\u00bbWas wandelst du im gr\u00fcnen Klee?\u00ab<br \/>\nDa sprach die Ichidee zum Ur-:<br \/>\n\u00bbIch wandle nur auf deiner Spur.\u00ab \u2013<br \/>\nDa, Freunde, hub sich gro\u00dfe Not:<br \/>\n<b>Ich schlug mich gegenseitig tot.<\/b><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Motto: Seltsam, wie hier der Verstand An mir h\u00e4mmert, an mir hirnert, Selbstsadistisch arrogant, Selbst den Stirner unterstirnert. 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