{"id":8459,"date":"2012-11-10T18:52:05","date_gmt":"2012-11-10T17:52:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8459"},"modified":"2024-08-27T14:57:29","modified_gmt":"2024-08-27T12:57:29","slug":"was-ist-politische-kunst-oder-paul-klee-und-iwan-konstantinovich-aiwasowski-%e2%80%a2-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/10\/was-ist-politische-kunst-oder-paul-klee-und-iwan-konstantinovich-aiwasowski-%e2%80%a2-teil-2\/","title":{"rendered":"Was ist politische Kunst? Oder: Paul Klee und Iwan Konstantinovich Aiwasowski \u2022 Teil 2"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Der Familienstreit<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie zu erwarten, kommt es nicht so schnell zu einer Aufkl\u00e4rung des Problems, da ja auch noch der Familienstreit im Raum h\u00e4ngt. Koljas Frau wirft die verstaubte Kaffeemaschine an, die ich bisher immer nur f\u00fcr eine Attrappe gehalten habe (hier gibt es doch gar keinen Wasseranschluss), Koljas Sohn setzt sich auf die einzige Sitzm\u00f6glichkeit, die es im Raum gibt\u00a0\u2013 eine Kiste, die f\u00fcr Altpapier gedacht ist\u00a0\u2013 und z\u00fcndet sich eine Zigarette an. Snegurotschka bleibt mitten im Raum stehen, sie besitzt mehr denn je die erstarrte Sch\u00f6nheit einer invertierten G\u00f6ttin, mit ihrem rabenschwarzen Haar, den vielen Piercings und dem f\u00fcr sie charakteristischen Schweigen. Sie kaut an den N\u00e4geln. Ihr Bruder hat sich komplett in eine Rauchwolke eingeh\u00fcllt. Kolja verteilt Blinis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWillst du auch einen Kaffee?\u00ab \u00bbUnd wer macht nun die Tour?\u00ab \u00bbWir m\u00fcssen das jetzt hier erstmal kl\u00e4ren.\u00ab \u00bbSie kennt ihn doch gar nicht &#8230;\u00ab \u00bbDu h\u00e4ltst den Mund.\u00ab \u00bbWenn sie ihn doch liebt?\u00ab \u00bbHat er wenigstens Geld?\u00ab \u00bbDu denkst nur ans Geld.\u00ab \u00bbNein, ich denke an unsere Zukunft, und unsere Zukunft ist auch ihre.\u00ab \u00bbH\u00e4ttest du dich nicht in irgendeiner anderen Branche selbst\u00e4ndig machen k\u00f6nnen?\u00ab \u00bbDas liegt nicht an der Branche&#8230;\u00ab \u00bbStimmt, das liegt an dir.\u00ab \u00bbDu hast mich immer nur entmutigt.\u00ab \u00bbGeht es nun um die Schuldfrage oder darum, wie wir weiterleben sollen?\u00ab \u00bbMensch, Wassilij wird uns enterben.\u00ab \u00bbUnd der Typ ist wirklich verheiratet?\u00ab \u00bbIch fass es nicht.\u00ab \u00bbDas ist doch heutzutage das Normale.\u00ab \u00bbMehr als eine Handvoll Rauchmelder pro Tag \u00fcberpr\u00fcfen tust du da doch nicht.\u00ab \u00bbApropos, gibt es hier einen?\u00ab \u00bbDer w\u00e4re schon l\u00e4ngst losgegangen bei dem Gequarze.\u00ab \u00bbAscher gibs hier auch nicht.\u00ab \u00bbSteck die Zeitungen nicht in Brand.\u00ab \u00bbDeine bl\u00f6den Jobs, Papa, bringen alle nichts.\u00ab \u00bbIch tue dass, damit ich nicht trinke.\u00ab \u00bbWas du nicht sagst.\u00ab \u00bbEs geht ja nur darum, dass Kolja sonst noch mehr trinken w\u00fcrde.\u00ab \u00bbWas habt ihr da in den Kaffee gemischt?\u00ab \u00bbWir k\u00f6nnen doch nichts mehr \u00e4ndern.\u00ab \u00bbIch gebe zu bedenken, dass es schon viertel vor 6 ist.\u00ab \u00bbJa, aber es geht hier um eine ungewollte Schwangerschaft und eine aussterbende Gro\u00dffamilie.\u00ab \u00bbWenn sie sich doch lieben. \u00ab \u00bbEs geht um die Liebe.\u00ab \u00bbEs geht um die Kunst!\u00ab \u00bbDie einzige, die hier wirklich mit beiden Beinen im Leben steht, ist Snegurotschka.\u00ab Letztere hat sich aber gerade hingesetzt, und weil sie sich vor M\u00fcdigkeit nicht aufrecht halten kann, sinkt sie in sich zusammen und schl\u00e4ft ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelassen beobachte ich, wie der Zeiger der Armbanduhr auf 5 Minute vor 6 rutscht. Die hochprozentige Beimischung des Kaffees und die fettigen, s\u00fc\u00dfen Pfannkuchen haben mich warm und satt gemacht. Kolja erweckt in mir immer Mitleid. Er ist gro\u00df und kr\u00e4ftig und hat die Konturen eines Riesenbabys. Ungef\u00e4hr ein Dreiviertel des Jahres ist er erk\u00e4ltet, spricht im Fl\u00fcsterton und tr\u00e4gt einen extra dicken Schal, wodurch er wie eine Eule wirkt. Snegurotschka hingegen ist ein Energieb\u00fcndel. Sie f\u00e4hrt immer mindestens zwei Touren auf einmal und hat, soweit ich wei\u00df, noch einen soliden Vollzeitjob. F\u00fcr sie ist das nur ein bisschen Fr\u00fchsport. Und jetzt bringt sie die erste gro\u00dfe Liebe zu Fall?<\/p>\n<div style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Arno_polyphon-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Arno_polyphon-web-300x217.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde einer Welle\" width=\"300\" height=\"217\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Arno Kappe \u2022 Welle<\/p><\/div>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Zwei sehr verschiedene K\u00fcnstler<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd eigentlich streiten wir uns seit gestern abend um 11 darum, wer der bessere Maler ist: Paul Klee oder Iwan Konstantinovich Aiwasowski.\u00ab Sohn: \u00bbJetzt fangt ihr schon wieder damit an. Ich geh dann mal telefonieren.\u00ab Ab mit dem Handy. \u00bbHaben Sie spezielle Bilder im Sinn, oder geht es um das Gesamtwerk?\u00ab \u00bbBilder, die das Gesamtwerkt rep\u00e4sentieren: Aiwasowski, <em>Die neunte Welle<\/em>, Klee, <em>Polyphone Str\u00f6mungen<\/em>.\u00ab \u00bbGute Auswahl. Ich behaupte, die beiden Werke behandeln vordergr\u00fcndig das Meer und im tiefsten Innern die komplexen Kr\u00e4fte der Natur.\u00ab \u00bbAh, eine Kennerin!\u00ab \u00bbNicht wirklich, ich wollte blo\u00df mal bildende Kunst studieren und interessiere mich f\u00fcr diese Maler &#8230;\u00ab \u00bbWie Snegurotschka!\u00ab \u00bb&#8230; meines Erachtens kann man sie nicht ernsthaft miteinander vergleichen. Nicht nur, dass Klee beinah 60 Jahre sp\u00e4ter geboren wurde, auch verfolgen sie ganz verschiedene k\u00fcnstlerische Fragestellungen.\u00ab \u00bbNun, man k\u00f6nnte doch auch sagen: <em>P<\/em><em>olyphone Str\u00f6mungen<\/em> analysieren die Natur, w\u00e4hrend <em>Die neunte Welle<\/em> eine Fotografie ist, eine russische wohlgemerkt\u00ab, mischte sich nun Koljas Frau schw\u00e4rmerisch ein. \u00bbKlee stellt doch auch eine Welle dar. Doch bei Aiwasowski gerate ich ins Tr\u00e4umen. Das ist unsere russische Natur!\u00ab \u00bbAiwasowski verherrlicht den Krieg. Seeschlachten. Diese sterbenden Soldaten. Als sei es notwendig. Nein, ich mag ihn nicht &#8230; Und er hat immer nur das eine Thema: Meer und Marine.\u00ab \u00bbMonothematisch nennt man das. Das kann auch tiefere Erkenntnisse bringen. Als das mit dem Kunststudium nicht klappte, habe ich mich aufs Schreiben verlegt. Ich versuche seit bestimmt zwei Jahren den Himmel zu beschreiben. Unseren st\u00e4ndigen Begleiter. Er ist jeden Tag anders, und er tr\u00f6stet uns jeden Tag. Wir arbeiten unter ihm. Ist er nicht der eigentliche Grund, warum wir diesen Job gew\u00e4hlt haben?\u00a0\u2013 Ich scheitere \u00fcbrigens jeden Tag. Ich beschreibe alles andere, aber nicht den Himmel. Oder nur unzul\u00e4nglich. Und wahrscheinlich ist \u00fcber den Himmel zu schreiben furchtbar unpolitisch &#8230;\u00ab (Es ist nicht das erste Mal, dass ich Russen begegne, einfachen Leuten, Arbeitern, mit einer Allgemeinbildung, die man hierzulande m\u00fchsam suchen muss; sie sch\u00e4tzen die deutsche Kultur, zitieren Heine, kennen H\u00f6lderlin auswendig, &#8230; Feuchtwanger!) \u00bbIch w\u00fcrde sagen, Klee ist politischer. Mit Machtergreifung der Nazis verlor er seine Kunstprofessur und emigrierte in die Schweiz. Und im ersten Weltkrieg konnte er vermeiden, an der Front eingesetzt zu werden und sogar seine Malerei fortsetzen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist, bitte sehr, \u203apolitische Kunst\u2039? Ist nicht Aiwasowski politischer, weil er sich f\u00fcr Propagandazwecke hat einnehmen lassen?\u00ab \u00bbMich st\u00f6rt eher der Tick, dass das Meer nie ohne etwas dargestellt wird. Sonst w\u00e4re er wirklich fantastisch.\u00ab \u00bbJa, aber das ist ja nur eine Zeiterscheinung gewesen. Wichtiger ist die Frage, ob er etwas Eigenes, Neues geschaffen hat.\u00ab \u00bbMuss man denn immer Neues schaffen?\u00ab<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Schnee!<\/span><strong><br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kolja wird pl\u00f6tzlich von einem schlimmen Hustenanfall ergriffen. \u00bbVerdammt. Ich habe eine Allergie gegen Druckerschw\u00e4rze. Ich werde noch krepieren an diesem Job! Wir lenken uns doch alle nur ab. Mit der Kunst, mit der Liebe &#8230; mit der Arbeit. Vom Tod lenken wir uns ab. F\u00fcr 9 Cent pro Zeitung &#8230; Das macht bei einer St\u00fcckzahl von 150 (und mehr sind das hier ja nicht) mit Nachtzuschlag und Augenzudr\u00fccken nichtmal 200 Euro im Monat. Gerade mal soviel, dass man nicht gleich vor die Hunde geht. Aber es lohnt sich nicht, daf\u00fcr seinen wertvollen Schlaf zu opfern. Wir sind uns doch dar\u00fcber einig, dass wir diese Zeitungen hier heute liegen lassen und uns nochmal ins Bett legen, oder?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Koljas Handy schrillt. Frau Vollbart von der VZG. Eine Beschwerde. Herr Neumann hat heute seine WAZ nicht bekommen. \u00bbDas kann sein. Mir fehlte ein ganzer Stapel. Ab Saar 24 konnte ich nicht mehr beliefern\u00ab, l\u00fcgt Kolja spontan und herzerweichend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann: \u00bbSie l\u00e4sst nachliefern. Mann. In dieser Villen-Siedlung beschwert sich doch eh keiner. Vor halb 10 steht niemand auf \u2013 und wenn, dann lesen die noch mindestens zwei, drei Wochenzeitungen. Komm, lasst uns gehen.\u00ab \u00bbUnd die Zeitungen?\u00ab \u00bbAm besten in den Altpapiercontainer. Die k\u00f6nnen uns nicht entlassen. Die k\u00f6nnen ja keine dummen Russen an unserer Stelle einstellen. Hi, hi.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das meinte Chefin also mit hoher Haushaltsabdeckung. Ein Einfamilienhaus hat eine WAZ und ist damit zu 100% abgedeckt. Und daf\u00fcr: Treppchen rauf, T\u00fcrchen auf, T\u00fcrchen zu, Treppchen runter, und vermutlich ist weder gestreut noch beleuchtet, und man riskiert sein Leben und soll dann noch spezielle Zustellungsarten ber\u00fccksichtigen, das Tourenbuch quillt ja \u00fcber davon: hinter Fenstergitter, neben die Garage, in der M\u00fclltonne (jawohl!) &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich ganz gut, dass ich mir die Tour nicht hab&#8216; anh\u00e4ngen lassen. Manchmal bringt es was, wenn ich z.B. die Schl\u00fcssel am Vormittag noch unerlaubterweise f\u00fcr eine Posttour nutzen kann. (Keiner wei\u00df, warum das nicht erlaubt ist\u00a0\u2013 obwohl Zeitung- und Postzustellung \u00fcber ein- und dieselbe Firma l\u00e4uft). Doch was soll ich mit dem einzigen Schl\u00fcssel f\u00fcr das einzige Hochhaus, in dem sich zudem noch eine Tierfutterhandlung befindet, die den ganzen Tag ge\u00f6ffnet hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kolja sammelt Frau und Tochter ein, und sie d\u00fcsen wieder ab. Der Sohn ist verschwunden. Vermutlich fr\u00fchst\u00fccken bei der Tanke ein St\u00fcck weiter stadtausw\u00e4rts. Ich schalte das Licht aus, schlie\u00dfe die Garage zu und denke immer noch \u00fcber den Begriff <em>politische Kunst<\/em> nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soeben f\u00e4ngt es an zu schneien. Das ist ein gutes Zeichen, denn wenn es schneit, ist es nicht so kalt. Und wenn ich es mir genau \u00fcberlege, ist die K\u00e4lte mein Thema, nicht der Himmel &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00e4lte, ein russisches Sprichwort ungewisser Herkunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Familienstreit Wie zu erwarten, kommt es nicht so schnell zu einer Aufkl\u00e4rung des Problems, da ja auch noch der Familienstreit im Raum h\u00e4ngt. 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