{"id":84527,"date":"2008-08-24T00:01:38","date_gmt":"2008-08-23T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84527"},"modified":"2022-02-17T17:55:02","modified_gmt":"2022-02-17T16:55:02","slug":"wohnen-lernen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/24\/wohnen-lernen\/","title":{"rendered":"WOHNEN LERNEN!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Wohnst du noch oder lebst du schon?<\/span><\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span class=\"ILfuVd\" style=\"color: #999999;\"><span class=\"hgKElc\">den Ursprung dieser Frage hat Adolf Loos vor 100 Jahren l\u00e4ngst beantwortet.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neue bewegung, die alle bewohner dieser stadt wie ein fieber befallen hat, die <i>siedlungsbewegung<\/i>, verlangt neue menschen. Menschen, die, wie Leberecht Migge, der gro\u00dfe g\u00e4rtner, so richtig sagt, moderne nerven besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben es leicht, menschen mit modernen nerven zu schildern. Wir brauchen unsere phantasie nicht anzustrengen. Sie leben schon fix und fertig, allerdings nicht in \u00d6sterreich, sondern etwas weiter westlich. Die nerven, die die amerikaner heute besitzen, werden unsere nachkommen erst erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im amerikaner ist der st\u00e4dter und der bauer nicht so scharf getrennt wie bei uns. Jeder bauer ist ein halber st\u00e4dter, jeder st\u00e4dter ein halber bauer. Der amerikanische stadtmensch hat sich von der natur nicht so weit entfernt wie sein europ\u00e4ischer kollege oder, besser gesagt, wie sein kontinentaler kollege. Denn auch der engl\u00e4nder ist ein rechter bauer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide, engl\u00e4nder und amerikaner, empfinden das wohnen mit anderen leuten unter einem dache als unerquicklichen zustand. Jeder, arm oder reich, strebt nach seinem eigenen heim. Und wenn es nur ein cottage, eine verfallene h\u00fctte mit tief herabh\u00e4ngendem strohdach, w\u00e4re. In der stadt spielen sie theater und bauen zinsh\u00e4user, deren einzelwohnungen in zwei stockwerken angeordnet sind, die eine eigene holztreppe verbindet. \u00dcbereinander gest\u00fclpte cottages.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da komme ich zum ersten programmpunkte meiner ausf\u00fchrungen. Der mensch im eigenheim wohnt in zwei stockwerken. Er trennt sein leben scharf in zwei\u00a0teile. In das leben bei tage und in das leben bei nacht. In wohnen und schlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man darf sich das leben in zwei stockwerken nicht unbequem vorstellen. Schlafzimmer nach unserem begriff gibt es allerdings nicht. Dazu sind diese r\u00e4ume zu klein und unwohnlich. Das einzige m\u00f6bel ist das wei\u00dflackierte eisen- oder messingbett. Schon ein nachtk\u00e4stchen wird man vergeblich suchen. Und kasten gibts schon gar nicht. Das oder besser der \u201ec1oset\u201c, der wandschrank, w\u00f6rtlich der verschlu\u00df, tritt an stelle der schr\u00e4nke. Diese schlafr\u00e4ume dienen wirklich nur zum schlafen. Sie sind leicht aufzur\u00e4umen. Aber eines haben sie vor unseren schlafzimmern voraus, sie haben nur eine eingangst\u00fcr und k\u00f6nnen niemals als durchgangszimmer ben\u00fctzt werden. Des morgens kommen alle familienmitglieder zur gleichen zeit herunter. Auch das baby wird heruntergebracht und bleibt nun tags\u00fcber bei der mutter in den wohnr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jeder familie gibt es einen tisch, um den sich die ganze familie zur mahlzeit versammeln kann. Also wie bei den bauern. Denn in Wien k\u00f6nnen es nur zwanzig prozent der einwohner dieser stadt tun. Wie machens die \u00fcbrigen achtzig prozent? Nun, einer sitzt beim herd, einer h\u00e4lt den topf in der hand, drei bei tisch, die andern okkupieren die fensterbretter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun soll jede familie, die ein eigenes heim bekommt, einen tisch erhalten, der sich wie der tisch des bauern in der wohzimmerecke befindet. Wie bei den bauern. Das wird eine sch\u00f6ne revolution geben! Man h\u00f6rt stimmen f\u00fcr und wider. \u201eNa, na, d\u00f6s tun mer n\u00f6t! D\u00f6s hab ich bei den bauern in Ober\u00f6sterreich gesehen. Dort sitzn s\u2019 um an tisch und essen alle aus derselben sch\u00fcssel. A na, wir san so was n\u00f6t gw\u00f6hnt. Wir essen einzeln.\u201c\u00a0Und ein vorsorgender vater meint: \u201eWas, um an tisch? Da\u00df sich meine kinder das wirtshausgehn angw\u00f6hnen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn ich das erz\u00e4hle, so lachen die leute. Aber ich weine innerlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des tisches wegen werden wir uns nicht streiten. Man wird schon bald dahinter kommen, da\u00df das gemeinschaftliche fr\u00fchst\u00fcck geld erspart. Das wiener fr\u00fchst\u00fcck \u2013 ein schluck kaffee stehend am herd und das st\u00fcck brot, das zur h\u00e4lfte auf der treppe, zur andern h\u00e4lfte auf der stra\u00dfe verzehrt wird, \u2013 verlangt um zehn uhr ein gulasch, also einen magenbetrug, und, da das gulasch sch\u00f6n papriziert ist, ein kr\u00fcgel bier. Diese mahlzeit, die der engl\u00e4nder und der amerikaner nicht einmal dem namen nach kennen, hei\u00dft bei uns gabelfr\u00fchst\u00fcck, offenbar deshalb, weil dabei nur das messer in aktion tritt. Man soll zwar nicht mit dem messer essen \u2013 \u201eaber womit essen s\u2019 denn nacher die so\u00df?!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses zweite fr\u00fchst\u00fcck sei dem hausvater geg\u00f6nnt, so lange er sich mit dem schluck schwarzen kaffees zu hause begn\u00fcgen mu\u00df. Aber seine frau wird bald dahinter kommen, da\u00df sich um dieses geld f\u00fcr die ganze familie ein herrlicher amerikanischer fr\u00fchst\u00fcckstisch erwerben l\u00e4\u00dft, so s\u00e4ttigend, da\u00df man bis mittag nichts essen kann. In der amerikanischen familie ist das fr\u00fchst\u00fcck die sch\u00f6nste mahlzeit. Alles ist durch den schlaf erfrischt, das zimmer behaglich, frisch durchl\u00fcftet und warm. Der ganze tisch ist mit speisen besetzt. Zuerst i\u00dft jeder einen apfel. Und dann teilt die mutter das oatmeal aus, diese herrliche speise, der Amerika seine energischen menschen, seine gr\u00f6\u00dfe und seine wohlfahrt verdankt. Die wiener werden allerdings lange gesichter machen, wenn ich ihnen verrate, da\u00df oat hafer und meal speise bedeutet. Aber wir\u00a0werden in Lainz den ausfl\u00fcglern die hafergr\u00fctze nach amerikanischer art zubereitet vorsetzen und hoffen, ganz Wien zu haferessern zu bekehren. Was n\u00fctzen uns die mit hafer gef\u00fctterten sch\u00f6nen pferde, auf die wir so stolz sind! Auch die menschen sollten bei uns \u201etrockene\u201c k\u00f6pfe, ausdrucksvolle gesichter bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob arm oder reich, pauper oder milliard\u00e4r, die hafergr\u00fctze fehlt in Amerika auf keinem fr\u00fchst\u00fcckstisch. Alles \u00fcbrige, der billige fisch oder das teure kalbskotelett, richtet sich nach den verh\u00e4ltnissen. Nat\u00fcrlich gibt es tee und brot, was merkw\u00fcrdigerweise auch zu mittag und am abend serviert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mittagessen ist eine sehr einfache sache. Der vater ist nicht zu hause, die mutter hat den ganzen vormittag zu tun, um das haus in ordnung zu bringen. Denn einen dienstboten hat die hausfrau nicht. Und dieses fehlen des dienstbaren geistes hat es mit sich gebracht, da\u00df die speisen im wohnraum zubereitet werden. Denn die frau des hauses hat ein anrecht darauf, ihre zeit nicht in der k\u00fcche, sondern im wohnzimmer zu verbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche anordnung bedingt aber eine zweiteilung des kochens. Es zerf\u00e4llt in zwei scharf getrennte teile. Der eine teil ist die arbeit beim feuer, die arbeit am herde. Der andere teil ist die vorarbeit und die reinigung des geschirres. Der erste teil wird im wohnzimmer, wo sich der herd befindet, absolviert. Dazu ist allerdings notwendig, da\u00df der herd sich dem blick des bewohners so viel als m\u00f6glich verbirgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist nicht alles in Amerika erfunden worden, um dieses problem zu l\u00f6sen! Erst neulich sah ich in einem blatte eine photographie, vielmehr zwei photographien. Das eine bild zeigte einen herd, der in einer wandnische\u00a0untergebracht war, das zweite einen schreibtisch. Es war dieselbe nische in der wand: ein druck auf einen knopf und wie bei einem tabernakel dreht sich, je nach bedarf, durch elektrischen strom getrieben das werk um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber eine solche anordnung verlangt mehr, als die technik hervorbringen kann. Sie verlangt menschen, die sich vor dem kochen nicht f\u00fcrchten. Wir, die wir alle ein gelindes grauen vor dem kochen empfinden, ein gef\u00fchl, das bauern, engl\u00e4nder und amerikaner nicht besitzen, wundern uns, da\u00df heute in den hotels speiser\u00e4ume entstehen, in denen vor den speisenden g\u00e4sten gekocht wird. Rostraum hie\u00dfen diese r\u00e4ume w\u00e4hrend des krieges, grillroom hei\u00dfen sie jetzt wieder. Aber der einfache siedler wird ihn wohnk\u00fcche oder kochzimmer nennen und wird es so nobel haben wie ein englischer lord. Oder so ordin\u00e4r wie ein \u00f6sterreichischer bauer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer siedeln will, mu\u00df umlernen. Das st\u00e4dtische zinshauswohnen m\u00fcssen wir vergessen. Wenn wir aufs land wollen, m\u00fcssen wir beim bauern in die schule gehen und sehen, wie ers macht. Wir m\u00fcssen wohnen lernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ornament und Verbrechen<\/strong>, von Adolf Loos, Wien 1908<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohnst du noch oder lebst du schon? den Ursprung dieser Frage hat Adolf Loos vor 100 Jahren l\u00e4ngst beantwortet. 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