{"id":84521,"date":"2008-12-09T00:01:51","date_gmt":"2008-12-08T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84521"},"modified":"2022-02-17T17:54:22","modified_gmt":"2022-02-17T16:54:22","slug":"kultur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/12\/09\/kultur\/","title":{"rendered":"KULTUR"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mag f\u00fcr den deutschen nicht sehr angenehm sein, zu h\u00f6ren, er solle seine eigene kultur aufgeben und die englische annehmen. Aber das h\u00f6rt der bulgare auch nicht gern und der chinese noch weniger. Mit sentimentalit\u00e4ten ist dieser frage nicht heizukommen. Der ruf nach einem nationaldeutschen stil mag in unklaren k\u00f6pfen bei der kleidung noch einige verwirrung anrichten, auch bei betten und nachtt\u00f6pfen. Aber bei kanonen herrschen die englischen formen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche mag sich \u00fcberdies tr\u00f6sten. Es ist seine eigene kultur, der die engl\u00e4nder im neunzehnten jahrhundert die bahn brechen. Es ist die germanische kultur, die im inselreiche wie ein mammut in den tundren unversehrt in eis gehalten wurde und nun frisch und lebendig alle \u00fcbrigen kulturen niederstampft. Im zwanzigsten Jahrhundert wird nur<i>eine<\/i> kultur den erdball beherrschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In alten zeiten hatten viele kulturen friedlich nebeneinander platz. Von jahrtausend zu jahrtausend, von jahrhundert zu jahrhundert verringerten sich die kulturen. Im f\u00fcnfzehnten jahrhundert verloren die germanischen v\u00f6lker ihre kultur und wurden gezwungen, die romanische anzunehmen, die bis zum neunzehnten jahrhundert Europa beherrschte. Ich habe vor zehn jahren<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Kultur_(Loos)#cite_note-1\">[H 1]<\/a><\/sup> diese bei den kulturen zu charakterisieren versucht. Die romanische: die kultur der katze, die germanische: die kultur des schweines.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schwein ist des germanen vornehmstes haustier. Es ist das reinlichste tier, wie der germane unter den\u00a0europ\u00e4ern der reinlichste mensch ist. Es ist ein wassertier. Wasser ist ihm ein so starkes bed\u00fcrfnis, da\u00df es keinen halben tag ohne bad aushalten kann. Der begriff der reinlichkeit ist wohl jedem tiere fremd, aber die haut des schweines d\u00fcrstet nach feuchtigkeit. Die romanen und orientalen haben daf\u00fcr kein verst\u00e4ndnis, und so verkommt das schwein bei ihnen und wird gezwungen \u2013 es ist die unerh\u00f6rteste tierqu\u00e4lerei \u2013, sich in seinem eigenen unrat zu w\u00e4lzen. Und bei den juden gilt das schwein gar als unrein. Beim deutschen bauern schl\u00e4ft es mit der familie. Es ist von allen tieren das unentbehrlichste. Seine haut ist nackt wie die der menschen. Und die anatomen studierten, bevor sie sich an den menschlichen leichnam wagten, am schwein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der romane ist, wie ich sagte, anderer ansicht. Das schwein macht sich schmutzig und geht nachher ins wasser. Romanische kultur predigt: Mache dich nicht schmutzig, dann brauchst du kein wasser. Es war schon ein romanisierter germane, der sein s\u00f6hnchen lehrte: Das mu\u00df ein sch\u00f6nes schwein sein, das sich alle tage waschen mu\u00df. Das kulturideal der romanen ist die katze. Die katze ist ein richtiges drecktier. Von allen tieren ha\u00dft sie das wasser am meisten. Den ganzen tag \u00fcber leckt sie den schmutz, der sich an ihrem fell ansammelt, und daher geht sie jedem schmutz \u00e4ngstlich aus dem wege. Der engl\u00e4nder aber, der repr\u00e4sentant der germanischen kultur, macht sich immer schmutzig. Im stall, zu pferde, im feld, in wald und flur, auf bergen und yachten. Er greift \u00fcberall selbst zu und \u00fcberl\u00e4\u00dft das nicht bezahlten knechten. Er reitet. Der romane l\u00e4\u00dft sich vorreiten. Fuchsjagd und karussel. Der engl\u00e4nder lehrte uns, unsere berge zu besteigen, und tausend dinge, bei denen man sich\u00a0schmutzig macht. Aber er badet heute noch, so wie unsere vorfahren im vierzehnten jahrhundert. Auch auf dem inselreiche haben zwei kulturen nebeneinander durch jahrtausende platz gehabt, die englische und die schottische. Die schottische erwies sich als die st\u00e4rkere, da sie der germanischen kulturanschauung mehr entspricht. Die engl\u00e4nder sind schotten geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die engl\u00e4nder sind ackerbauern, die schotten viehz\u00fcchter. Der germane f\u00fchlt sich am wohlsten im gebirge. Hier beh\u00e4lt er seine eigenart am besten. Der pflug kam durch die slawen nach Europa, wie denn auch den pflug in allen germanischen sprachen ein slawisches wort bezeichnet. Er verlangt die ebene, und der mann, der hinter dem pflug geht, braucht hohe stiefel, mit denen man wohl reiten, aber schlecht marschieren kann. Die germanen aber sind ein marschvolk. Der germane tr\u00e4gt den bundschuh. Zu pferde tuts ein leibriemen. Wer aber schn\u00fcrschuhe tr\u00e4gt und marschiert, braucht hosentr\u00e4ger. Wer reitet, braucht seine knie und schenkel nicht und tr\u00e4gt sie im engen futteral. Wer aber marschiert, der braucht freie knie und weite hosen. Oder am besten gar keine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der ebene braucht man glattes tuch, in den bergen rauhes. Die kleidung Werthers ist tot. Sie hatte noch zu viel slawisches. Reithosen und reitstiefel, blauer tuchrock und reithut. Diese kleidung starb daran, da\u00df man sie zur festkleidung bestimmte. Sie wurde zum frackanzug, der in der kultivierten welt das tageslicht scheut, den aber der deutsche professor noch heute zum gaudium der stra\u00dfenjugend tr\u00e4gt, wenn er zu seinem minister geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der neue Werther verbl\u00fcfft die welt in schn\u00fcrschuhen und schottischen str\u00fcmpfen, kniehose und rock aus rauhem stoff. Bis nach hundert jahren der deutsche\u00a0professor in diesem kleide seine aufwartung beim minister machen wird. Dann aber wird Lotten ein mann entgegentreten, der eine weite hose bis unter die achselh\u00f6hle tr\u00e4gt, durch achselspangen festgehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der amerikanische arbeiter hat die welt erobert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der mann im overall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es mag f\u00fcr den deutschen nicht sehr angenehm sein, zu h\u00f6ren, er solle seine eigene kultur aufgeben und die englische annehmen. Aber das h\u00f6rt der bulgare auch nicht gern und der chinese noch weniger. 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