{"id":84511,"date":"2019-12-08T00:01:47","date_gmt":"2019-12-07T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84511"},"modified":"2023-11-09T07:20:37","modified_gmt":"2023-11-09T06:20:37","slug":"hands-off","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/08\/hands-off\/","title":{"rendered":"HANDS OFF!"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Glaubt mir, ich war auch einmal jung. So jung wie die mitglieder des deutschen werkbundes, des \u00f6sterreichischen werkbundes, des usw. usw. Auch mir gefielen, als ich noch ein knabe war, die sch\u00f6nen ornamente, die unsern hausrat bedeckten, auch ich berauschte mich an dem worte \u201ekunstgewerbe\u201c \u2013 so hie\u00df damals, was wir gestern \u201eangewandte kunst\u201c nannten und heute \u201ewerkkunst\u201c nennen \u2013, auch mich befiel eine tiefe traurigkeit, wenn ich meinen leib bis zu den f\u00fc\u00dfen hinab besah und an meinem rocke, meiner weste, meiner hose und meinen schuhen so gar nichts von kunst, gewerbekunst, angewandter kunst, also kunst \u00fcberhaupt, entdecken konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich wurde \u00e4lter und in meinen j\u00fcnglingsjahren fiel mir dann doch auf, da\u00df in fr\u00fcheren zeiten der rock sich mit dem schranke im einklang befunden hatte. Damals hatten beide ornamente, beide wiesen dieselbe kunst\u00fcbung auf, und so blieb mir nur \u00fcbrig, dar\u00fcber nachzudenken, wer recht habe, der heutige, ornamentlose rock oder der heutige schrank mit seinen altherk\u00f6mmlichen ornamenten des renaissance-, rokoko-, empirestils. Dar\u00fcber waren wir uns einig, da\u00df sowohl der rock wie der schrank dem geiste unserer zeit entsprechen sollten. Ich und die andern. Aber ich gab den tr\u00e4umen meiner knabenjahre den abschied, die andern blieben ihnen treu. Und von da an stimmten wir nicht mehr zusammen. Ich entschied mich f\u00fcr den rock. Ich sagte, da\u00df er recht habe. Ich fand, da\u00df er, und nicht der schrank, im geiste unserer zeit geschaffen sei. Er hatte keine\u00a0ornamente. Nun gut \u2013 es war mir hart, so zu denken, aber ich dachte es durch \u2013 unsere zeit hat eben keine ornamente. Wie, keine ornamente? Wo doch die ornamente aus allen zeitschriften, aus \u201eJugend\u201c, \u201eDeutscher Kunst und Dekoration\u201c, \u201eDekorativer Kunst\u201c usw. nur so spro\u00dften und bl\u00fchten? Und ich dachte die sache wieder und wieder durch, und, so weh es mir tat, ich fand, da\u00df diese neuerfundenen ornamente noch weniger mit unserer zeit zu tun hatten, als die falsche nachahmung alter stile. Ich fand, da\u00df sie nichts anderes sind als krankhafte hirngespinste einzelner, die unseligerweise den kontakt mit der zeit verloren haben, kurz ich fand, was ich in meinem vortrag \u201eornament und verbrechen\u201c ausgef\u00fchrt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also nochmals: der anzug, den ich trage, ist wirklich im geiste unserer zeit geschaffen, und ich werde daran bis an mein lebensende glauben, und wenn ich auf der welt der einzige mit diesem glauben bleiben sollte. Aber ich fand noch viele andere gegenst\u00e4nde, die diesen geist unserer zeit aufwiesen. Da gab es schuhe und stiefel, koffer und pferdegeschirre, zigarettenetuis und uhren, perlenschn\u00fcre und ringe, st\u00f6cke und schirme, wagen und visitkarten. Und daneben, zur gleichen Zeit, die arbeiten unseres kunstgewerbes, die einen ganz anderen geist aufwiesen. Ich suchte den grund dieses diametralen gegensatzes aufzufinden. Den fand ich leicht. Alle \u2013 f\u00fcr mich \u2013 unzeitgem\u00e4\u00dfen arbeiten waren von handwerkern erzeugt worden, die in die abh\u00e4ngigkeit von k\u00fcnstlern und architekten geraten waren, w\u00e4hrend die arbeiten, die zeitgem\u00e4\u00df waren, von handwerkern geschaffen wurden, denen der architekt noch keine entw\u00fcrfe lieferte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich stand der satz fest: Wollt ihr ein zeitgem\u00e4\u00dfes\u00a0handwerk haben, wollt ihr zeitgem\u00e4\u00dfe gebrauchsgegenst\u00e4nde haben, so vergiftet die architekten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich damals, es sind jetzt zwanzig jahre her, wohlweislich geh\u00fctet, diesen vorschlag auszusprechen. Ich war feige und f\u00fcrchtete die folgen. Ich schlug daher einen andern weg ein. Ich sagte mir: ich will den tischler lehren, so zu arbeiten, als h\u00e4tte noch nie ein architekt in seine werkstatt hinein gepfuscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war leichter gedacht als getan. Es war so, als sollte ein mann unser modernes m\u00e4nnerkleid erfinden, nachdem durch ein jahrhundert alle leute wie auf einem maskenball in griechischer, burgundischer, \u00e4gyptischer oder rokokotracht herumgelaufen waren. Aber als ich die schneiderei betrachtete, konnte ich mir sagen: hundert jahre haben keine so gro\u00dfen umw\u00e4lzungen hervorgebracht. Vor hundert jahren trug man einen blauen frack mit goldenen kn\u00f6pfen, heute tr\u00e4gt man einen schwarzen mit schwarzen kn\u00f6pfen. Sollte es in einer schreinerei wirklich ganz anders sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich dachte: Vielleicht haben diese vermaledeiten architekten auch in der tischlerei irgend etwas \u00fcbrig gelassen, woran sich f\u00fcr das heutige ankn\u00fcpfen lie\u00dfe, vielleicht ist in der tischlerwerkstatt etwas ihren verruchten h\u00e4nden entgangen und hat ohne ihre mithilfe den ruhigen gang der entwicklung genommen? Das dachte ich beim aufstehen und einschlafen, beim essen und trinken, beim spazierengehen, kurz immer und \u00fcberall. Da fiel mein blick auf den guten alten wasserkasten mit seiner holzverkleidung, die die r\u00fcckwand zum watercloset alten systems bildet. Da war, was ich suchte!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welches gl\u00fcck! Sind doch auch alle anderen gegenst\u00e4nde, die zu unserer reinigung dienen, bad und waschtisch,\u00a0kurz alle sanit\u00e4ren artikel, von den \u201ek\u00fcnstlern\u201c verschont geblieben. Wohl gab es vereinzelte geschirre unter dem bette, die von k\u00fcnstlerhand mit rokokoornamenten verziert waren, aber sie waren selten. Und so war auch jene einzige tischlerarbeit \u2013 als nicht nobel genug \u2013 der \u201eangewandten kunst\u201c entgangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war nun das wesentliche an dieser holzverkleidung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da mu\u00df ich bitten, ein paar worte \u00fcber tischlertechnik sagen zu d\u00fcrfen. Der tischler kann auf verschiedene art h\u00f6lzer zu einer fl\u00e4che zusammenf\u00fcgen. Eine davon ist das system: rahmen und f\u00fcllung. Zwischen dem rahmen und der f\u00fcllung wurde als \u00fcbergang eine profilierte leiste eingeschoben, oder der rahmen, da die f\u00fcllung fast immer vertieft lag, mit einem profil, einer kehlung versehen. Ganz abrupt sa\u00df die f\u00fcllung einen halben zentimeter hinter dem rahmen. Das war alles. Vor hundert jahren war es genau ebenso gewesen. Nun hatte ich die gewi\u00dfheit, da\u00df sich an dieser form nichts ge\u00e4ndert hatte und da\u00df alle die versuche, mit denen uns die wiener Secession und die belgische moderne j\u00e4hlings \u00fcberfallen hatten, verirrungen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An die stelle der phantasieformen vergangener jahrhunderte, an die stelle der bl\u00fchenden ornamentik vergangener zeiten, hatte daher die reine, pure konstruktion zu treten. Gerade linien, rechtwinkelige kanten: so arbeitet der handwerker, der nichts als den zweck vor augen und material und werkzeug vor sich hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein kollege (er ist heute ein f\u00fchrender wiener architekt) sagte mir einmal: \u201eIhre ideen m\u00f6gen ja f\u00fcr die billige arbeit gelten. Was machen sie aber, wenn sie einen million\u00e4r einzurichten haben?\u201c Er hatte von seinem\u00a0standpunkt aus recht. Die phantastische form, die verzierung, war alles, was man an kostbarkeit kannte. Noch wu\u00dfte man nichts von den wahren qualit\u00e4tsunterschieden. Die aber hat es bei den vom architekten in ruhe gelassenen handwerkern immer gegeben. Kein mensch wunderte sich, da\u00df f\u00fcr ein paar schuhe bei dem einen schuster zehn, bei einem andern f\u00fcnfzig kronen bezahlt wurden, obgleich beide paare nach ein und derselben \u201ezeichnung\u201c im schuhmacherjournal gearbeitet waren. Aber wehe dem tischler, der bei einer ausschreibung f\u00fcnfzig prozent mehr als sein konkurrent verlangt h\u00e4tte! Da wurde nach material und arbeit nicht unterschieden, und der teure mann, der die bessere arbeit liefern wollte, wurde als schwindler gebrandmarkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gab dieser gute arbeiter es auf und lieferte so schlecht wie die andern. Auch das haben wir den k\u00fcnstlern zu verdanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man bedenke, da\u00df edles material und gute arbeit fehlende ornamentik nicht etwa blo\u00df aufwiegen, sondern da\u00df sie ihr an k\u00f6stlichkeit weit \u00fcberlegen sind. Ja, sie schlie\u00dfen die ornamentik aus, denn selbst der verkommenste mensch wird sich heute scheuen, eine edle holzfl\u00e4che mit intarsien zu verzieren, das seltsame naturspiel einer marmortafel zu gravieren oder einen herrlichen silberfuchs in kleine quadrate zu zerschneiden, um damit ein schachbrettmuster mit anderem pelzwerk zusammenzust\u00fcckeln. Vergangene zeiten kannten die wertsch\u00e4tzung des materials, wie wir sie f\u00fchlen, nicht. Da konnte man leicht \u2013 und ohne gewissenbisse \u2013 ornamentieren. Wir haben f\u00fcr die ornamentik fr\u00fcherer perioden herrlicheres eingetauscht. <i>Das edle material ist gottes wunder.<\/i> Gerne gebe ich f\u00fcr eine wertvolle perlenschnur alle kunstwerke\u00a0Laliques oder den ganzen schmuck der Wiener Werkst\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wei\u00df aber auch der \u201ek\u00fcnstler\u201c, der am rei\u00dfbrett sitzt, von der fanatischen besessenheit des perlenh\u00e4ndlers, der jahre seines lebens damit zubringt, eine perlenreihe zusammenzustellen, oder von den tiefen n\u00f6ten des tischlers, der ein edles holz gefunden hat und nun eine bestimmte arbeit daraus verfertigen will?!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im jahre 1898 wurde jedes holz rot, gr\u00fcn, blau oder violett gebeizt \u2013 der architekt hatte ja einen farbenkasten zur verf\u00fcgung \u2013, und erst, als ich in meinem Caf\u00e9 Museum in Wien zum ersten mal bei einer modernen arbeit mahagoniholz verwendete, kamen die wiener darauf, da\u00df es nicht nur phantastische formen und farben, sondern auch verschiedenes material gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch verschiedene arbeit. Weil ich dies wu\u00dfte und achtete, leben einfache m\u00f6bel, die ich vor zwanzig jahren geschaffen habe, heute noch und sind im gebrauch (so ein speisezimmer in Buchs bei Aarau). Die phantasieerzeugnisse des secessions- und jugendstils jener Zeit sind verschwunden und vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Material und arbeit haben das recht, nicht alle jahre durch neue modestr\u00f6mungen entwertet zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Glaubt mir, ich war auch einmal jung. 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