{"id":84506,"date":"2023-11-10T00:01:32","date_gmt":"2023-11-09T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84506"},"modified":"2022-02-26T09:13:04","modified_gmt":"2022-02-26T08:13:04","slug":"heimatkunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/10\/heimatkunst\/","title":{"rendered":"HEIMATKUNST"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die architekten haben mit der reproduktion der alten stile schiffbruch gelitten, sie leiden jetzt, nachdem sie ohne erfolg versucht haben, den stil unserer zeit zu finden, wieder schiffbruch. Und da kommt ihnen das schlagwort \u201eheimatkunst\u201c als letzter rettungsanker sehr gelegen. Ich hoffe, da\u00df es damit endg\u00fcltig abgetan ist. Ich hoffe, da\u00df das arsenal des b\u00f6sen damit endg\u00fcltig ersch\u00f6pft ist. Ich hoffe, da\u00df man dann endlich sich auf sich selbst besinnen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wort heimat hat einen sch\u00f6nen klang. Und die pflege der heimatlichen bauweise ist eine berechtigte forderung. Kein fremdk\u00f6rper sollte sich in ein stadtbild hineinwagen d\u00fcrfen, kein indischer pagodenprunk sich auf dem lande breit machen. Wie aber wird von den heimatk\u00fcnstlern die frage gel\u00f6st? Vor allem soll jeder technische fortschritt aus dem bauwesen f\u00fcr ewige zeiten eliminiert werden. Neue erfindungen, neue erfahrungen sollen nicht verwendet werden, da sie \u2013 nun, da sie der heimischen bauweise nicht entsprechen. Ein wahres gl\u00fcck f\u00fcr die heimatk\u00fcnstler, da\u00df die menschen in der steinzeit noch nicht diese forderung aufstellten, weil wir dann keine heimische bauweise bes\u00e4\u00dfen, und sie dadurch keine lebensbedingungen h\u00e4tten! Das holzzementdach, eine so epochale errungenschaft, die, w\u00e4re sie uns im siebzehnten jahrhundert beschieden worden, von den bauk\u00fcnstlern mit jubelschreien empfangen worden w\u00e4re, wird von den heimatk\u00fcnstlern verneint. Schlie\u00dflich wissen auch die anderen architekten damit nichts anzufangen. Vor dreihundert jahren, als die italienische bauweise\u00a0\u00fcber die alpen kam, da seufzten die wiener baumeister unter dem druck, den das schindeldach auf ihre erfindungskraft aus\u00fcbte. Man probierte es, um des nordischen schnees und regens herr zu werden, mit ziegeln, die in m\u00f6rtel gelegt wurden, man f\u00fchrte falsche mauern \u00fcber die giebelfronten und setzte falsche fenster ein. Und man sehnte sich nach dem flachen dache jahrhundertelang. Als aber nach dem gro\u00dfen brande in Hamburg der einfache handelsmann in Hirschberg in Schlesien endlich das gro\u00dfe problem des feuer- und wassersicheren billigen flachen daches l\u00f6ste, war die sehnsucht der jahrhunderte schon verflogen, und der gro\u00dfe moment fand wahrlich ein kleines geschlecht. Man konnte das flache dach nicht verwenden. Das w\u00e4re kein ungl\u00fcck. Aber ein ungl\u00fcck ist es f\u00fcr die kultur der menschheit, da\u00df sich in Deutschland gesetzgeber finden, die unter dem drucke der heimatk\u00fcnstler das holzzementdach polizeilich verbieten. Aus \u00e4sthetischen gr\u00fcnden. Denn auf dem lande decke man mit ziegeln oder schiefer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Wien verschandeln die architekten die stadt, ohne von der polizei dazu veranla\u00dft zu werden. Aus freien st\u00fccken. Alle gr\u00f6\u00dfe ist dadurch aus der stadt verschwunden. Wenn ich mich bei der oper aufstelle und zum Schwarzenbergplatz hinunterblicke, so habe ich das intensive gef\u00fchl: Wien! Wien, die millionenstadt, Wien, die metropole eines gro\u00dfen reiches. Wenn ich aber die zinsh\u00e4user am Stubenring betrachte, so habe ich nur ein gef\u00fchl: f\u00fcnfst\u00f6ckiges M\u00e4hrisch-Ostrau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und hier erhebe ich die erste anklage gegen die heimatk\u00fcnstler. Gro\u00dfe st\u00e4dte wollen sie zu kleinst\u00e4dten herabdr\u00fccken, kleinst\u00e4dte zu d\u00f6rfern. Aber unser bestreben hat die umgekehrte richtung zu nehmen. Geradeso\u00a0wie sich der raseurgehilfe bei der auswahl seiner kleidung von dem richtigen bestreben leiten l\u00e4\u00dft, f\u00fcr einen grafen gelten zu wollen, w\u00e4hrend es keinen grafen gibt, der bei der auswahl seiner kleidungsst\u00fccke von dem bestreben erf\u00fcllt w\u00e4re, f\u00fcr einen raseurgehilfen gehalten zu werden. Dieses einfache prinzip, dieses streben nach vornehmheit und daher vollkommenheit, das die menschheit seit urbeginn erf\u00fcllt, hat den heutigen stand unserer kultur geschaffen. Aber die heimatk\u00fcnstler machen es umgekehrt. Dieselben details, dieselben dachformen, erker, t\u00fcrme und giebel, die in M\u00e4hrisch-Ostrau bekannt sind, seitdem es dreist\u00f6ckige h\u00e4user gibt, werden nun in der hauptstadt verwendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alte ringstra\u00dfe ist kein architektonisches heldenst\u00fcck. Steinformen erscheinen in zement gegossen und angenagelt. Doch diese fehler haben die neuen wiener h\u00e4user auch. Die h\u00e4user der siebziger jahre nahmen ihre formen aber von den pal\u00e4sten des italienischen adels ab. So, wie es die baumeister des achtzehnten jahrhunderts getan hatten. Dadurch erhielten wir einen wiener stil, den stil der hauptstadt. Das haus auf dem Michaelerplatz mag gut oder schlecht sein, aber eines m\u00fcssen ihm auch seine gegner lassen: da\u00df es nicht provinzm\u00e4\u00dfig ist. Da\u00df es ein haus ist, das nur in einer millionenstadt stehen kann. Right or wrong, my country! Recht oder schlecht \u2013 meine stadt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere architekten haben allerdings keine sehnsucht nach dem wiener baustil. Sie sind auf die deutschen bauzeitungen abonniert, und das ergebnis eines solchen abonnements ist erschreckend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der letzten zeit gibt es h\u00e4user in der inneren stadt, die frischweg aus Magdeburg oder Essen an der Ruhr\u00a0nach Wien importiert sind. Wenn sich die magdeburger solche h\u00e4user gefallen lassen, ist das nicht unsere sache. Aber wir in Wien d\u00fcrfen wohl dagegen protestieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese h\u00e4user haben alle ein gemeinsames. Sie haben eine vertikale gliederung. Die deutschen wurden alle durch das vorbild des kaufhauses Wertheim ganz benebelt. In Berlin, der stadt mit den endlos langen stra\u00dfen, mag eine solche bauweise durchaus am platze sein. Die vertikale gliederung zerschneidet die langen stra\u00dfenfronten und gibt dem auge ersehnte ruhepunkte. Aber in Wien \u2013 ich spreche immer nur von der inneren stadt \u2013 in der stadt mit den kurzen stra\u00dfen, verlangt das auge eine horizontale gliederung der fassaden. Robert \u00d6rley hat mit recht darauf hingewiesen,<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Heimatkunst#cite_note-1\">[H 1]<\/a><\/sup> da\u00df der graben durch das neue haus ecke Habsburgergasse f\u00fcr immer ruiniert ist. Am graben steht die dreifaltigkeitss\u00e4ule. Es ist selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df eine solche s\u00e4ule einen horizontalen hintergrund verlangt. Aber man baute ein haus, das, kommt man vom Stephansplatz, der silhouette der pests\u00e4ule den ung\u00fcnstigsten hintergrund gibt, der sich denken l\u00e4\u00dft. Kommt man vom kohlmarkt, so sieht man wieder an der stelle des alten trattnerhofes eine echt deutsche importe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin f\u00fcr die traditionelle bauweise. Ein mustergeb\u00e4ude f\u00fcr ein grabenhaus ist das sparkassengeb\u00e4ude. Nach dem bau dieses hauses wurde die tradition verlassen. Hier haben wir anzuschlie\u00dfen. Gibt es ver\u00e4nderungen? O ja! Es sind dieselben ver\u00e4nderungen, die die neue kultur geschaffen haben. Kein mensch kann ein werk wiederholen. Jeder tag schafft den menschen neu, und der neue mensch ist nicht imstande, das zu arbeiten, was der alte schuf. Er glaubt, dasselbe zu arbeiten, und\u00a0es wird etwas neues. Etwas unmerklich neues, aber nach einem jahrhundert merkt man den unterschied doch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es keine bewu\u00dften ver\u00e4nderungen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die gibt es. Meine sch\u00fcler wissen: Eine ver\u00e4nderung gegen\u00fcber dem althergekommenen ist nur dann erlaubt, wenn die ver\u00e4nderung eine verbesserung bedeutet. Und da rei\u00dfen die neuen erfindungen gro\u00dfe l\u00f6cher in die tradition, in die traditionelle bauweise. Die neuen erfindungen, das elektrische licht, das holzzementdach, geh\u00f6ren nicht einem bestimmten landstrich, sie geh\u00f6ren dem ganzen erdball.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so geh\u00f6ren auch neue geistesrichtungen allen bewohnern der erde. Die l\u00fcge von der heimatkunst war den baumeistern der renaissance fremd. Sie bauten alle im r\u00f6mischen stil. In Spanien und Deutschland, in England und Ru\u00dfland. Und schufen dadurch den stil ihrer heimat, mit dem die leute von heute jede weitere entwicklung totschlagen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, der echten heimatkunst wird nicht einmal dadurch abbruch getan, wenn fremde meister im lande bauen. Mit recht z\u00e4hlt man die halle im garten des palais Waldstein und das belvedere in Prag zur deutschen renaissance, und das palais Liechtenstein hinter dem burgtheater ist das sch\u00f6nste und monumentalste beispiel des wiener barocks, obwohl alle diese bauten von italienischen meistern und werkleuten aufgef\u00fchrt wurden. Hier vollzieht sich ein mysteri\u00f6ser proze\u00df, der bisher von den psychologen noch nicht beachtet und daher nicht aufgekl\u00e4rt wurde. Man sieht: selbst der fremde meister hat in einer stadt nur seinem eigenen gewissen zu folgen. Das \u00fcbrige kann er ruhig der luft, die er atmet, \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie hat nun der meister der gro\u00dfstadt zu bauen, wenn\u00a0er auf das land gerufen wird? Die heimatk\u00fcnstler sagen: wie ein bauer!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir den bauer bei seiner arbeit. Er steckt den boden ab, auf dem sich das haus erheben soll und gr\u00e4bt die fundamente aus. Der maurer legt ziegel auf ziegel und unterdessen hat der zimmermann seine werkst\u00e4tte daneben aufgeschlagen. Er macht das dach. Ein sch\u00f6nes oder h\u00e4\u00dfliches dach? Er wei\u00df es nicht. Das dach!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es kommt der tischler und nimmt ma\u00df f\u00fcr fenster und t\u00fcren und es kommen alle handwerker, nehmen ihre ma\u00dfe und gehen in ihre werkst\u00e4tten und arbeiten. Und wenn alles an seinen ort und seine stelle versetzt ist, nimmt der bauer einen pinsel und streicht sein haus sch\u00f6n wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der architekt aber kann so nicht arbeiten. Er arbeitet nach einem festen plan. Und wenn er die naivit\u00e4t des bauern kopieren wollte, so ginge er allen kultivierten menschen genau so auf die nerven, wie es die ischler dirndln oder die ober\u00f6sterreichisch daherredenden b\u00f6rsianer tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese naivtuerei, dieses absichtliche zur\u00fcckschrauben auf einen anderen kulturzustand ist w\u00fcrdelos und l\u00e4cherlich und war daher den alten meistern fremd, die nie w\u00fcrdelos und l\u00e4cherlich waren. Betrachtet doch die alten herrenh\u00e4user und kirchen auf dem lande, die von stadtbaumeistern herr\u00fchren. Stets waren sie in eben dem stile gebaut, in dem der meister in der stadt baute. Denkt an die Weilburg in Baden, an die kirchen aus dem anfange des neunzehnten jahrhunderts in Nieder\u00f6sterreich. Wie herrlich f\u00fcgen sie sich in die landschaft ein, w\u00e4hrend die\u00a0kindischen versuche der architekten in den letzten vierzig jahren, der natur mit steilen d\u00e4chern, erkern und anderem rustikalen gejodel entgegen zu kommen, schm\u00e4hlich gescheitert sind. Selbst der Husarentempel hat den charakter des wienerwaldes, aber jeder aussichtsturm im burgruinenstil sch\u00e4ndet den berg. Denn der Husarentempel ist wahrheit, und der burgruinenstil l\u00fcge. Und die natur kann es nur mit der wahrheit halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Statt aber die neuesten errungenschaften unserer kultur und unseres geisteslebens, statt unsere neuen erfindungen und erfahrungen auf das land hinauszubringen, versuchen es die heimatk\u00fcnstler, die l\u00e4ndliche bauweise in die stadt hineinzutragen. Die bauernh\u00e4user erscheinen diesen herren exotisch, was sie mit dem worte malerisch umschreiben. Malerisch erscheinen die kleidung der bauern, ihr hausrat und ihre h\u00e4user nur uns. Die bauern selbst kommen sich gar nicht malerisch vor, auch ihre h\u00e4user sind es f\u00fcr sie nicht. Sie haben auch nie malerisch gebaut. Aber die stadtarchitekten tun es nun nicht mehr anders. Malerisch sind unregelm\u00e4\u00dfige fenster, malerisch die rauhe, die abgeschlagene wand, malerisch die alten dachziegel. Und dies wird in der stadt nach den geboten der heimatkunst alles imitiert. Wir d\u00fcrfen f\u00fcnf stockwerke bauen. Aber wir t\u00e4uschen vor, da\u00df das haus weniger habe \u2013 l\u00e4ndlich sittlich \u2013 und machen nur vier. Und der f\u00fcnfte stock? Der steckt im dach und zwar von dachziegeln verdeckt, die mit allen m\u00f6glichen finessen hundertj\u00e4hrigen gebrauch vort\u00e4uschen m\u00fcssen. Was aber ein echter heimatk\u00fcnstler ist, der wird auch f\u00fcr das richtige gr\u00fcne moos sorgen. Auch die hauswurz ist nicht zu vergessen. Und ich sehe schon die zeit kommen, wo unsere gesch\u00e4fts- und mieth\u00e4user, unsere theater-\u00a0und konzerth\u00e4user mit schindeln und stroh gedeckt werden. Nur immer l\u00e4ndlich sch\u00e4ndlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sich jetzt unter dem schlagworte heimatlicher baukunst in unserer stadt und in unseren vorst\u00e4dten zeigt, das ist erschreckend. Der vornehme stil, in dem unsere urgro\u00dfeltern in Hietzing und D\u00f6bling gebaut haben, ist vergessen, und ein tohuwabohu von rokokoschn\u00f6rkeln, balkonen, neckischen eckl\u00f6sungen, erkern, giebeln, t\u00fcrmen, d\u00e4chern und wetterfahnen ist auf die landschaft losgelassen. Der eine ist auf ein amerikanisches blatt abonniert und baut daher aus quadern, die allerdings nicht aus den Rocky-mountains herr\u00fchren, sondern beim hofsteinmetzmeister Soundso solange fein s\u00e4uberlich behauen wurden, bis sie recht nach wildwest aussahen, der andere ist auf den Studio abonniert und baut die sogenannten vogelh\u00e4user, durchsichtige h\u00e4user, die von weitem schon den beschauer ihren grundri\u00df mit den verschwiegensten gem\u00e4chern ahnen lassen. Am liebsten wollten alle mit stroh decken, das ist das \u201eheimatlichste\u201c, was man hat. Le dernier cri!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einigen tagen wird eines der letzten der alten hietzinger h\u00e4user abgebrochen. Es st\u00f6\u00dft an das parkhotel Sch\u00f6nbrunn an, und der grund wird zu dessen vergr\u00f6\u00dferung verwendet. Welche kultur war in diesem hause, welche vornehmheit! Wie wienerisch, wie \u00f6sterreichisch, wie menschlich! Und daher: wie hietzingerisch! Die beh\u00f6rde sieht es nicht gerne, wenn man sich an die tradition h\u00e4lt. Solche h\u00e4user haben bekanntlich keine fassade, und das liebt man nicht. Man hat es gerne, wenn man es den andern parven\u00fcs gleich macht, einer soll den andern \u00fcberschreien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst in diesem sommer wurde der bau eines familienhauses\u00a0in Hietzing von der kommission laut protokoll mit folgenden worten zur\u00fcckgewiesen: \u201eDie fassade l\u00e4\u00dft malerische ausgestaltung vermissen, wie dies in dieser gegend durch anbringung von d\u00e4chern, t\u00fcrmchen, giebeln und erkern zu geschehen pflegt. Wegen dieser m\u00e4ngel wird die baubewilligung nicht erteilt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An h\u00f6heren stellen denkt man allerdings dar\u00fcber anders, und die architekten k\u00f6nnen sich bei der verschandelung der wiener vorst\u00e4dte nicht auf die baubeh\u00f6rde berufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nenne die neue sucht, im stile von Berlin-Grunewald oder M\u00fcnchen-Dachau zu arbeiten, m\u00fcnchnerei \u2013 wienerisch ist anders. Wir haben so viel italienische luft \u00fcber die alpen her\u00fcbergeweht bekommen, da\u00df wir wie unsere v\u00e4ter in einem stile bauen sollten, der gegen die au\u00dfenwelt abschlie\u00dft. Das haus sei nach au\u00dfen verschwiegen, im inneren offenbare es seinen ganzen reichtum. Das tun nicht nur die italienischen h\u00e4user (bis auf die venezianischen), sondern auch alle deutschen. Nur die franz\u00f6sischen, die unseren architekten immer vorschweben, k\u00f6nnen sich im aufzeigen ihres grundrisses nicht genug tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das dach sei in \u00d6sterreich flach. Die alpenbewohner haben des windes und des schnees wegen die flachste dachneigung: es ist daher selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df ihnen unsere heimatk\u00fcnstler die steilsten d\u00e4cher hinbauen, solche, die nach jedem schneefall eine gefahr f\u00fcr die bewohner bilden. Das flache dach steigert die sch\u00f6nheit unserer bergwelt, das steile dach verk\u00fcmmert sie. Ein merkw\u00fcrdiges beispiel, wie die innere wahrheit auch das \u00e4sthetisch richtige zeitigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re noch etwas bez\u00fcglich des materials zu sagen.\u00a0Es wurde mir von sehr autoritativer seite der vorwurf gemacht, da\u00df ich, obwohl ich die heimatliche seite des hauses am Michaelerplatz so sehr hervorhebe, marmor aus Griechenland herbeigeholt habe. Nun, die wiener k\u00fcche ist wienerisch, obwohl sie gew\u00fcrze aus dem fernen Orient verwendet, und ein wiener haus kann auch echt und wahr, also wienerisch sein, wenn das kupferdach aus Amerika ist. Aber der einwand ist nicht so einfach abzuweisen. In Wien ein bauwerk in backstein auszuf\u00fchren, w\u00e4re falsch. Aber nicht deshalb, weil wir keinen backstein haben (denn wir haben ihn), sondern weil wir besseres haben, den kalkverputz. In Danzig kann ich wohl die putztechnik verwenden, in Wien darf ich die mauern nicht im rohen zustand lassen. Das material darf ich \u00fcberall herholen, die technik jederzeit gegen eine bessere vertauschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Statt l\u00fcgnerischen schlagworten wie \u201eheimatkunst\u201c zu folgen, entschlie\u00dfe man sich doch endlich zu der einzigen wahrheit zur\u00fcckzukehren, die ich immer verk\u00fcnde: zur tradition. Man gew\u00f6hne sich, zu bauen wie unsere v\u00e4ter gebaut haben, und f\u00fcrchte nicht, unmodern zu sein. Dem bauern sind wir \u00fcberlegen. Nicht nur unserer dreschmaschinen, sondern auch unseres wissens und unserer erfahrungen im baufach hat er teilhaftig zu werden. Wir sollen seine f\u00fchrer sein, nicht seine nach\u00e4ffer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das l\u00fcgnerische getue, das in der bauerntheaterspielerei gipfelt, mit ihren bunten bauernstoffen, die nach rocks-drops-bonbons gezeichnet sind, mit der ganzen unwahren naivtuerei, die gewaltsam stammelt, statt frei zu reden, mit der kindlichen maskerade, die sich schon darin dokumentiert, da\u00df unsere kunstgewerbeschule unter einer leitung steht, die mit recht als gr\u00f6\u00dfte autorit\u00e4t in felsbl\u00f6cken aus papiermach\u00e9 und gras aus leinwandstreifen gesch\u00e4tzt wird, das ganze kindische gelalle, das sich unter dem namen heimatkunst birgt, m\u00f6ge aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir arbeiten so gut wie wir k\u00f6nnen, ohne auch nur eine sekunde \u00fcber die form nachzudenken. Die beste form ist immer schon bereit, und niemand f\u00fcrchte sich, sie anzuwenden, wenn sie auch in ihrem grunde von einem andern herr\u00fchrt. Genug der originalgenies! Wiederholen wir uns unaufh\u00f6rlich selbst! Ein haus gleiche dem andern! Man kommt dann zwar nicht in die \u201eDeutsche Kunst und Dekoration\u201c und wird nicht kunstgewerbeschul-professor, aber man hat seiner zeit, sich, seinem volke und der menschheit am besten gedient. Und damit seiner heimat!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die architekten haben mit der reproduktion der alten stile schiffbruch gelitten, sie leiden jetzt, nachdem sie ohne erfolg versucht haben, den stil unserer zeit zu finden, wieder schiffbruch. Und da kommt ihnen das schlagwort \u201eheimatkunst\u201c als letzter rettungsanker sehr&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/10\/heimatkunst\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":222,"featured_media":97999,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2939],"class_list":["post-84506","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-adolf-loos"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/222"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=84506"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84506\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100793,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84506\/revisions\/100793"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97999"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=84506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=84506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=84506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}