{"id":84487,"date":"2023-07-13T00:01:25","date_gmt":"2023-07-12T22:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84487"},"modified":"2022-02-25T17:27:25","modified_gmt":"2022-02-25T16:27:25","slug":"das-mysterium-der-akustik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/13\/das-mysterium-der-akustik\/","title":{"rendered":"DAS MYSTERIUM DER AKUSTIK"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat mich gefragt, ob der B\u00f6sendorfersaal erhalten werden solle. Der frager ging wohl von der voraussetzung aus, da\u00df es eine sache der piet\u00e4t w\u00e4re, einen saal, der in der musikgeschichte Wiens eine so gro\u00dfe rolle gespielt hat, nicht zu demolieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber diese frage ist nicht eine sache der piet\u00e4t, sondern eine frage der akustik. Diese frage will ich nun beantworten. Es war gut, da\u00df ich gefragt wurde, sonst h\u00e4tte ich die antwort mit ins grab genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit jahrhunderten besch\u00e4ftigen sich die architekten mit der frage der akustik. Sie wollten sie auf konstruktivem wege l\u00f6sen. Sie zeichneten gerade linien vom tongeber nach der decke und meinten, da\u00df der schall wie eine billardkugel im selben winkel von der bande abspringe und seinen neuen weg nehme. Aber alle diese konstruktionen sind unsinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn die akustik eines saales ist nicht eine frage der rauml\u00f6sung, sondern eine frage des materials. Einen akustisch schlechten saal kann man durch weiche stoffe, durch vorh\u00e4nge und wandbespannungen verbessern. Ja, ein mitten durch den saal gespannter zwirnsfaden kann die akustik eines raumes v\u00f6llig ver\u00e4ndern und verbessern. Das aber sind surrogate. Denn diese weichen stoffe saugen den ton auf und nehmen ihm seine f\u00fclle. Da wu\u00dften die griechen besser bescheid. Unter den sitzen ihrer theater hatten sie in gleichen abst\u00e4nden kammern angebracht, in denen sich jeweils ein riesiges metallenes becken befand, das mit trommelfell bespannt war. Sie versuchten, den ton zu verst\u00e4rken, nicht, ihn zu schw\u00e4chen.\u00a0Und der B\u00f6sendorfersaal hat die herrlichste akustik, ohne alle vorh\u00e4nge, mit geraden, nackten mauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also gilt es wohl, einen neuen saal zu bauen, mit den genauen abmessungen des alten, um den anh\u00e4ngern der bisherigen akustiktheorie recht zu geben, und aus demselben material, um mir recht zu geben? Das resultat: der saal w\u00e4re vollst\u00e4ndig unakustisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat diese versuche schon gemacht. In Manchester wurde der ber\u00fchmte bremer konzertsaal genau kopiert, der als der bestakustische weltber\u00fchmt ist. Mit negativem erfolge. Aber bisher war jeder <i>neue<\/i> saal schlecht akustisch. Manche erinnern sich der er\u00f6ffnung der wiener hofoper. Man klagte damals, da\u00df es mit der wiener gesangskunst durch das unakustische haus f\u00fcr immer vorbei sei. Und heute gilt die oper als das muster eines akustischen theaters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben sich unsere ohren ge\u00e4ndert? Nein, das material, aus dem der saal besteht, hat sich ge\u00e4ndert. Das material hat durch vierzig jahre immer gute musik eingesogen und wurde mit den kl\u00e4ngen unserer philharmoniker und den stimmen unserer s\u00e4nger impr\u00e4gniert. Das sind mysteri\u00f6se molekularver\u00e4nderungen, die wir bisher nur am holze der geige beobachten konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um einen raum akustisch zu machen, mu\u00df man also darin musik machen? Nein, das gen\u00fcgt nicht. <i>Gute<\/i> musik mu\u00df man drinnen machen. Denn die seelen der menschen kann man wohl betr\u00fcgen, aber nicht die seele des materials. S\u00e4le, in denen man bisher nur blechmusik gespielt hat, bleiben ewig unakustisch. Aber, so fein empfindlich ist die seele des materiales: man lasse durch acht tage eine milit\u00e4rmusik im B\u00f6sendorfersaal schmettern, und die ber\u00fchmte akustik des raumes ist sofort beim teufel. Wie\u00a0die geige eines Paganini durch einen st\u00fcmper sofort ruiniert werden w\u00fcrde. \u00dcberhaupt wird blechmusik vom baumaterial nicht gut ertragen. Daher ist immer die eine seite eines opernhauses weniger akustisch. S\u00e4le, in denen nie blechinstrumente spielen, weisen mit der zeit die beste akustik auf. Im m\u00f6rtel des B\u00f6sendorfersaales wohnen die t\u00f6ne Liszts und Meschaerts und zittern und vibrieren bei jedem tone eines neuen pianisten und s\u00e4ngers mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist das mysterium der akustik des raumes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man hat mich gefragt, ob der B\u00f6sendorfersaal erhalten werden solle. 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