{"id":84475,"date":"2023-06-10T00:01:59","date_gmt":"2023-06-09T22:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84475"},"modified":"2022-02-25T16:31:10","modified_gmt":"2022-02-25T15:31:10","slug":"arnold-schoenberg-und-seine-zeitgenossen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/10\/arnold-schoenberg-und-seine-zeitgenossen\/","title":{"rendered":"ARNOLD SCH\u00d6NBERG UND SEINE ZEITGENOSSEN"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie gurrelieder \u2013 die letzten kompositionen! Wie reimen sie sich die zusammen? Wenn Sch\u00f6nberg wirklich die letzten jahre seines schaffens \u2013 und daran ist doch nicht zu zweifeln \u2013 vertritt, wie stellt er sich dann zu den gurreliedern? Mu\u00df er die nicht verleugnen? Unterdessen erfahren wir das gegenteil; wir haben gesehen, da\u00df er sie selbst einstudiert und dirigiert hat. Erkl\u00e4ren sie uns diesen widerspruch!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verehrtes publikum, du hast unrecht. Kein mensch verleugnet das, was er geschaffen hat. Weder der handwerker noch der k\u00fcnstler. Weder der schuster noch der musiker. Die unterschiede in der form, die das publikum wahrnimmt, sind dem schaffenden menschen verborgen. Die schuhe, die der meister vor zehn jahren gemacht hat, waren gute schuhe. Warum sollte er sich ihrer sch\u00e4men? Warum sollte er sie verleugnen? \u201eSchauen sie sich den dreck nicht an, das habe ich vor zehn jahren gemacht!\u201c kann nur ein architekt gesagt haben. Aber architekten z\u00e4hle ich bekanntlich nicht zu den menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der handwerker schafft die form unbewu\u00dft. Die form wird durch die tradition \u00fcbernommen, und die ver\u00e4nderungen, die w\u00e4hrend des lebens des handwerkers sich vollziehen, sind nicht von seinem willen abh\u00e4ngig. Seine auftraggeber, die sich ver\u00e4ndern \u2013 sie werden \u00e4lter \u2013, geben ihm die anregungen, und so vollzieht sich ein wechsel, der weder dem konsumenten noch dem produzenten bewu\u00dft wird. An seinem lebensabend macht der meister andere schuhe als in seiner jugend. Wie ja auch seine\u00a0handschrift im laufe von f\u00fcnfzig jahren eine andere geworden ist. Wie ja alle handschrift sich im gleichen ma\u00dfe \u00e4ndert und alle schreiber an dieser ver\u00e4nderung im gleichen ma\u00dfe teilhaben, so da\u00df man mit leichtigkeit aus der form der buchstaben auf das jahrhundert schlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders der k\u00fcnstler. Der hat keinen auftraggeber. Derjenige, der ihm den auftrag erteilt, ist er selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein erstes werk wird immer das produkt seines milieus und seines willens sein. Aber in diesem ersten werk ist f\u00fcr den, der Ohren hat, zu h\u00f6ren, und Augen hat, zu sehen, das ganze lebenswerk des k\u00fcnstlers enthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die krokodile sehen einen menschlichen embryo und sagen: \u201ees ist ein krokodil\u201c. Die menschen sehen denselben embryo und sagen: \u201ees ist ein mensch\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den gurreliedern sagen die krokodile: \u201edas ist Richard Wagner\u201c. Aber die menschen f\u00fchlen nach den ersten drei takten das unerh\u00f6rt neue und sagen: \u201edas ist Arnold Sch\u00f6nberg!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nie war es anders. Diesem mi\u00dfverst\u00e4ndnis war das leben eines jeden k\u00fcnstlers unterworfen. Sein eigenstes bleibt dem zeitgenossen unbekannt. Wohl f\u00fchlt dieser das mysterium als etwas fremdes. Er hilft sich im anfang mit analogien. Kommt ihm aber das neue, das ich des k\u00fcnstlers, zum vollen bewu\u00dftsein, dann versucht er, seine eigene inferiorit\u00e4t durch lachen und toben zu retten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir kennen das werk Rembrandts von seiner fr\u00fchesten knabenzeit an. Er war ein ber\u00fchmter maler. Dann schuf er die nachtwache. Man br\u00fcllte und tobte: \u201eWarum schafft er jetzt anders? \u2026 Das ist nicht der ber\u00fchmte Rembrandt, das ist eine schauderhafte klexerei!\u201c Der meister erstaunte und wu\u00dfte nichts von dem, was das publikum meinte. Er sah nicht, was das publikum sah.\u00a0Er hatte sich gar nicht ge\u00e4ndert, nichts neues vollbracht. Nach dreihundert jahren gibt das publikum dem meister recht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war wirklich kein neuer Rembrandt, nur ein besserer, gr\u00f6\u00dferer, gewaltigerer. Und die nachfahren, die das werk Rembrandts durchbl\u00e4ttern, k\u00f6nnen den ri\u00df, der von den zeitgenossen im schaffen des meisters so scharf festgestellt wurde, \u00fcberhaupt nicht sehen. Schon in den knabenzeichnungen ist der ganze Rembrandt enthalten, und wir fragen uns erstaunt, wie es m\u00f6glich war, da\u00df das revolution\u00e4re dieser bilder so widerspruchslos hingenommen wurde. Aber die krokodile sahen nur das krokodil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soll ich andere beispiele anf\u00fchren? Den weg Beethovens? Hat man vergessen, da\u00df die neunte symphonie mit der taubheit des meisters entschuldigt wurde? Da\u00df dieses werk uns vielleicht f\u00fcr immer verloren gegangen w\u00e4re, wenn nicht die franzosen sich f\u00fcr den \u201everr\u00fcckt gewordenen\u201c deutschen meister eingesetzt h\u00e4tten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es werden vielleicht jahrhunderte vergehen m\u00fcssen, bis die menschen sich dar\u00fcber wundern werden, wor\u00fcber sich die zeitgenossen Arnold Sch\u00f6nhergs den kopf zerbrochen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eDie gurrelieder \u2013 die letzten kompositionen! Wie reimen sie sich die zusammen? 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