{"id":84471,"date":"2023-08-05T00:01:48","date_gmt":"2023-08-04T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84471"},"modified":"2022-02-25T18:36:48","modified_gmt":"2022-02-25T17:36:48","slug":"der-staat-und-die-kunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/05\/der-staat-und-die-kunst\/","title":{"rendered":"DER STAAT UND DIE KUNST"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Aus dem vorwort zu den \u201erichtlinien f\u00fcr ein kunstamt\u201c<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der staat hat sich zu entscheiden, ob er den k\u00fcnstlern helfen will oder der kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der monarchie war der herrscher der schutzherr der kunst. In der republik ist es das volk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solange der monarch, immer gegen die anschauungen des volkes k\u00e4mpfend, \u00e4ngstlich besorgt, seine pflicht dem geiste gegen\u00fcber zu erf\u00fcllen, sich dem willen des k\u00fcnstlers unterwarf, solange er in seinen rechten, die ihm das volk verlieh, seine pflicht dem universum gegen\u00fcber erkannte und erf\u00fcllte, war er am platze. Er hatte abzutreten, als er die s\u00fcnde beging, die nicht vergeben werden kann: die s\u00fcnde wider den heiligen geist. Und wenn er sich auch nur der unterlassungss\u00fcnde schuldig gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine erbschaft tritt ein neuer herrscher an, das volk. Der heilige geist offenbart sich der menschheit als der gro\u00dfe mensch. Keiner nation geh\u00f6rt er an, sondern der ganzen menschheit. Er ist der f\u00fchrer, der wissende, der weise, der wegweiser f\u00fcr kommende geschlechter. Ihm, den die vorsehung immer wieder materialisiert, dem sie einen menschlichen k\u00f6rper verleiht, hat die menschheit den weg zu verdanken, den sie, immer gegen ihren willen, bis heute gemacht hat und noch machen wird; ihm hat sie zu verdanken, da\u00df er sie aus den h\u00f6hlen der vorzeit in geordnete wohnsitze gef\u00fchrt hat, aus dumpfem triebleben zu freiem denken. Ihm verdankt sie, da\u00df der himmel blau ist und t\u00f6ne das menschenherz bewegen k\u00f6nnen,\u00a0da\u00df liebe mehr ist als ein trieb zur vermehrung, und da\u00df der mensch staunend des gestirnten himmels \u00fcber ihm und des moralischen gesetzes in ihm gewahr wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein ungeheures verantwortungsgef\u00fchl mu\u00df nun das volk packen: wie ist die s\u00fcnde wider den heiligen geist zu vermeiden? Denn diese ist uns\u00fchnbar, und keine noch so t\u00e4tige reue k\u00f6nnte die schmach tilgen, wenn man den geist oder seine inkarnation, van Beethoven, gehindert h\u00e4tte, die neunte symphonie zu schreiben. Der gedanke, der damit der menschheit geschenkt wurde, h\u00e4tte in dieser form ihr nie mehr gegeben werden k\u00f6nnen. Auch der zeitpunkt ist entscheidend. Damals, und nur damals, brauchte die menschheit zu ihrer fortentwicklung diese t\u00f6ne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser zum menschen materialisierte geist, der uns sprechen, h\u00f6ren und sehen gelehrt hat, der geist, der uns zunge, auge und ohr gebildet hat, er ist es, der unseren k\u00f6rper baut. Er hat uns f\u00fchlen gelehrt und unsere seele im wandel der jahrtausende immer neu umgebildet, reicher gemacht und zur aufnahme der dinge in uns, neben uns und \u00fcber uns bef\u00e4higt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der mensch stellt sich dem heiligen geiste, dem sanctus spiritus, dem schaffenden geiste, dem creator spiritus, feindlich entgegen. Er w\u00fcnscht ruhe. Gl\u00fccklich lebt er in der gesicherten position, die ihm die gro\u00dfen der vorzeit bereitet haben. Da\u00df er weiter soll, da\u00df er seinen endlich erreichten, gesicherten platz verlassen soll, bereitet ihm unbehagen, und daher ha\u00dft er den k\u00fcnstlermenschen, der ihm die liebgewordenen anschauungen durch neue verdr\u00e4ngen will. Der widerstand, den die menschheit ihren f\u00fchrenden geistern entgegensetzt, wird um so st\u00e4rker sein, je gr\u00f6\u00dfer die kluft ist, die zwischen\u00a0volk und k\u00fcnstler, zwischen dem zeitgenossen und dem k\u00fcnstlermenschen sich auftut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zeitgenossen des k\u00fcnstlers geh\u00f6ren verschiedenen perioden an. In der gewesenen monarchie verteilten sich die einwohner auf die letzten tausend jahre. Im neuen \u00d6sterreich verteilen sich die menschen auf die letzten drei jahrhunderte. Sprechen diese zust\u00e4nde blo\u00df f\u00fcr eine \u00e4nderung aus \u00f6konomischen gr\u00fcnden, so <i>gebietet<\/i> es der geist dem staate, dem k\u00fcnstlermenschen jene umgebung zu schaffen, die ihm die geringsten widerst\u00e4nde entgegensetzt. Die geringsten widerst\u00e4nde werden ihm menschen entgegensetzen, die nicht nur leiblich, sondern auch geistig seine zeitgenossen sind: menschen aus dem zwanzigsten jahrhundert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der staat hat daher die pflicht, das volk dem k\u00fcnstler m\u00f6glichst nahezubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere art der kunstf\u00fcrsorge kann der staat nicht leisten. Keinem sterblichen ist es gegeben, den k\u00fcnstlermenschen, der mit uns lebt, zu erkennen. Der einzelne darf sich irren \u2013 dem staate m\u00fc\u00dfte ein irrtum als s\u00fcnde wider den heiligen geist angerechnet werden. Der einzelne ist nur sich selbst verantwortlich \u2013 der staat ist, dank der autorit\u00e4t, die er sich anma\u00dft, der menschheit gegen\u00fcber verantwortlich. Der einzelne kann den unterst\u00fctzen, den er f\u00fcr den k\u00fcnstlermenschen h\u00e4lt, der staat aber w\u00fcrde bei einem irrtum dem ihm unbekannten genius ein martyrium bereiten. Denn eines nur l\u00e4hmt dessen schaffenskraft: die bevorzugung des nichtk\u00fcnstlers durch die autorit\u00e4t und das ihr folgende triumphgeheul der urteilslosen menge, in dem die stimme des k\u00fcnstlers erstickt. <i>Gleiches recht, oder, wenn man will, gleiches unrecht f\u00fcr alle!<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem vorwort zu den \u201erichtlinien f\u00fcr ein kunstamt\u201c Der staat hat sich zu entscheiden, ob er den k\u00fcnstlern helfen will oder der kunst. In der monarchie war der herrscher der schutzherr der kunst. 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