{"id":84466,"date":"2023-04-11T00:01:37","date_gmt":"2023-04-10T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84466"},"modified":"2022-02-25T13:51:55","modified_gmt":"2022-02-25T12:51:55","slug":"abschied-von-peter-altenberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/11\/abschied-von-peter-altenberg\/","title":{"rendered":"ABSCHIED VON PETER ALTENBERG"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Mein lieber Peter,<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">nun bist du tot, und man hat mich gebeten, etwas \u00fcber dich zu schreiben. Man erwartet wohl etwas feierliches, gro\u00dfe und klangvolle worte, wie sie eben ein freund finden wird angesichts des todes, angesichts &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich wei\u00df, mein lieber Peter, du erwartest das nicht von mir. Du warst selbst gegen alles feierliche. In deinen b\u00fcchern erscheinst du dem leser oft pathetisch. Aber wer einmal den klang deiner stimme geh\u00f6rt hat \u2013 oh, welch sch\u00f6ne stimme hast du gehabt! \u2013 dem erschien deine schreibweise das nat\u00fcrlichste von der welt, directement nonchalant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch ich soll dich den leuten erkl\u00e4ren. Man wei\u00df von dir nur, da\u00df du bei tage schliefst und bei nacht in den vergn\u00fcgungslokalen herumsa\u00dfest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also ein lump, einer, der sein geld vergeudet! Aber nein, das warst du nicht; du warst der sparsamste der sparsamen. Jeden morgen, bevor du dich zur ruhe legtest, z\u00e4hltest du dein geld. \u00dcber jeden heller konntest du dir rechenschaft geben. Jeden ersparten groschen trugst du in die sparkasse. Und als du einmal \u2013 es war in Gmunden \u2013 von einem hoteleinbruch h\u00f6rtest, da wurde auch der letzte heller deponiert, und du hast folgendes telegramm an deinen bruder aufgegeben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLieber Georg, schicke mir hundert kronen, habe mein ganzes geld auf die postsparkasse getragen und starre nun dem hungertod entgegen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also ein geizhals! Nein, bei gott, das warst du nicht. Stets hattest du eine kleinigkeit f\u00fcr alle die mi\u00dfhandelten\u00a0kinder, von denen P. A. in den zeitungen erfuhr. Peter Altenberg \u2013 10 kronen. Das war eine st\u00e4ndige notiz in den ausweisen der kinderschutz- und rettungsgesellschaft. Man frage die kellner, mark\u00f6re und stubenm\u00e4dchen. Nein, kein kavalier gab gr\u00f6\u00dfere trinkgelder als P. A. Und wenn es sich darum handelte, jemandem eine herzensergie\u00dfung rasch zukommen zu lassen, dann wurde der hausdiener in der nacht aufgeklingelt und mu\u00dfte ein zehn seiten langes telegramm auf dem hauptpostamt aufgeben, f\u00fcr das die hundert kronen fast aufgingen, die er von dir mitbekam. Inhalt: ich liebe dich! Aber auf altenbergisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also doch ein verschwender! Nein, denn die letzten zwei jahre hast du nur von kartoffeln, drei portionen t\u00e4glich, gelebt, weil du es f\u00fcr eine irrsinnige verschwendung gehalten hast, zehn kronen f\u00fcr eine fleischspeise auszugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also ein gen\u00fcgsamer, dem alles recht war! Nein, das warst du schon gar nicht. Nie hat die welt einen empfindlicheren, sensibleren feinschmecker gesehen als dich. Unter hunderten von \u00e4pfeln konntest du mit todessicherheit den k\u00f6stlichsten heraussuchen, nicht mit deinen h\u00e4nden, nein, mit den augen. Mit deinen augen erkanntest du den zarten krebs, den nierenbraten. Von jedem tier a\u00dfest du nur das leichtestverdauliche st\u00fcck: das filet. Vom rebhuhn und vom fasan hast du nur das brustfleisch gegessen; das schwarze fleisch blieb liegen. Spargel, ja, aber nur den edelsten solospargel. Und als du einmal, nachdem du den kellner schon zum dritten mal zur\u00fcckgeschickt hattest, dir doch den nierenbraten einreden lie\u00dfest, da versuchtest du ihn, lie\u00dfest den braten stehen, bezahltest ihn und bliebst hungrig. \u201ePeter, willst du denn\u00a0gar nichts essen?\u201c \u2013 \u201eNein, mein budget f\u00fcr heute ist bereits ersch\u00f6pft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also warst du genu\u00dfs\u00fcchtig. Denn du warst am liebsten dort, wo zigeunermusik spielte, champagner getrunken wurde und die m\u00e4dchen tanzten. Also warst du ein alkoholiker, mein lieber. Aber nein, kein mensch hat den alkohol so tief geha\u00dft wie du. Wie die kinder die bittere medizin verabscheuen, so graute dir vor wein und schnaps, getr\u00e4nken, die literweise auf deinem nachttisch standen und von denen du glasweise trinken mu\u00dftest, um dir den schlaf zu verschaffen. Aber bei tisch h\u00e4tte es niemand vermocht, dir ein gl\u00e4schen lik\u00f6r einzureden. Bier und champagner? Als das bier dir zum schlafmittel wurde \u2013 vierundzwanzig flaschen f\u00fcr die nacht \u2013, da mu\u00dftest du auch deinen philisterhaften stammtischschoppen aufgeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also waren es die frauen, die dich hinzogen. Aber du sa\u00dfest in einem winkel und sprachst mit freunden und k\u00fcmmertest dich nicht um die m\u00e4dchen. Der walzer war dir verha\u00dft. Nur wenn eine amerikanische oder eine englische melodie ert\u00f6nte, da konntest du zuh\u00f6ren, begeistert zuh\u00f6ren und mitsingen. Wie eine oboe klang deine stimme. Manchmal gefiel dir auch ein m\u00e4dchen. Aber reden wolltest du mit ihr nicht. Mit deinen augen wolltest du sie genie\u00dfen \u2013 jedes wort, das sie sprach, brachte dir eine entt\u00e4uschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also warst du ein weiberfeind? Ja und nein. Aus deinen b\u00fcchern wollten die leute herausgelesen haben, da\u00df du der letzte troubadour gewesen seist. Wie entt\u00e4uscht waren sie, als sie dich sprechen h\u00f6rten. Denn du kanntest die frau, du, der du eine frauenseele in deinem mannesk\u00f6rper trugst. Eine perverse frauenseele allerdings,\u00a0so da\u00df f\u00fcr die welt alles in ordnung schien. Nur dein verh\u00e4ltnis zu den kindern mu\u00dften sie mi\u00dfverstehen. Sie wu\u00dften nicht, da\u00df es ein weibliches, m\u00fctterliches verh\u00e4ltnis war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiblich war deine peinliche ordnungsliebe, die reinlichkeitsliebe f\u00fcr deine sachen. Deine wohnung ist r\u00fchrend, und ich fordere Wien, die stadt Wien auf, diese wohnung im museum der stadt Wien unterzubringen. Diese kammer, in der P. A. gehaust hat, wird doch noch platz finden. Die tapete, die er ausgesucht hat, wird noch aufzutreiben sein. Und alles an die alte geh\u00f6rige stelle, samt dem kleinen weihwasserbecken, dem rosenkranz und dem bilde der muttergottes aus Mariazell um zehn kreuzer, das dir das stubenm\u00e4dchen mitgebracht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die stubenm\u00e4dchen! Sie werden heute im grabenhotel alle weinen. Auch der hausdiener. P. A. war ein tyrann. Aber noch nie wurde ein tyrannischer herr so geliebt wie dieser, weil er der menschlichste unter allen tyrannen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Habe ich mit diesen paar zeilen dich den leuten verst\u00e4ndlich gemacht? Ich glaube nicht. Und wenn auch! Keine stimme w\u00e4re stark und m\u00e4chtig genug, den wienern begreiflich zu machen, da\u00df seit dem begr\u00e4bnistag Grillparzers kein gr\u00f6\u00dferer ihrer s\u00f6hne zu grabe getragen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mein lieber Peter, nun bist du tot, und man hat mich gebeten, etwas \u00fcber dich zu schreiben. 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