{"id":84459,"date":"1999-12-17T00:01:46","date_gmt":"1999-12-16T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84459"},"modified":"2022-02-17T17:50:30","modified_gmt":"2022-02-17T16:50:30","slug":"die-kranken-ohren-beethovens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/17\/die-kranken-ohren-beethovens\/","title":{"rendered":"DIE KRANKEN OHREN BEETHOVENS"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die wende des achtzehnten und neunzehnten jahrhunderts lebte in Wien ein musiker namens Beethoven. Das volk verlachte ihn, denn er hatte seine schrullen, eine kleine gestalt und einen komischen kopf. Die b\u00fcrger nahmen an seinen kompositionen ansto\u00df. \u201eDenn\u201c, so sagten sie, \u201eschade, der mann hat kranke ohren. Schreckliche dissonanzen heckt sein gehirn aus. Da er aber behauptet, da\u00df es herrliche harmonien seien, so sind seine ohren, da wir nachweislich gesunde ohren besitzen, krank. Schade!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der adel aber, der dank der rechte, die ihm die welt verliehen hatte, auch die pflichten kannte, die er der welt schuldig war, gab ihm das n\u00f6tige geld, um seine werke auff\u00fchren zu k\u00f6nnen. Der adel hatte auch die macht, eine oper Beethovens im kaiserlichen operntheater zur auff\u00fchrung zu bringen. Aber die b\u00fcrger, die das theater f\u00fcllten, bereiteten dem werk eine solche niederlage, da\u00df man eine zweite auff\u00fchrung nicht wagen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hundert jahre sind seither verflossen, und die b\u00fcrger lauschen ergriffen den werken des kranken, verr\u00fcckten musikanten. Sind sie adelig geworden, wie die edlen vom jahre 1819, und haben ehrfurcht bekommen vor dem willen des genius? Nein, sie sind alle krank geworden. Sie haben alle die kranken ohren Beethovens. Durch ein jahrhundert haben die dissonanzen des heiligen Ludwig ihre ohren maltr\u00e4tiert. Das haben die ohren nicht aushalten k\u00f6nnen. Alle anatomischen details, alle kn\u00f6chelchen, windungen, trommelfelle und trompeten erhielten die krankhaften formen, die das ohr Beethovens aufwies.\u00a0Und das komische gesicht, hinter dem die gassenbuben spottend nachliefen, wurde dem volke zum geistigen antlitz der welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Um die wende des achtzehnten und neunzehnten jahrhunderts lebte in Wien ein musiker namens Beethoven. Das volk verlachte ihn, denn er hatte seine schrullen, eine kleine gestalt und einen komischen kopf. 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