{"id":84449,"date":"1998-10-23T00:01:14","date_gmt":"1998-10-22T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84449"},"modified":"2022-02-17T17:49:42","modified_gmt":"2022-02-17T16:49:42","slug":"buchdrucker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/10\/23\/buchdrucker\/","title":{"rendered":"BUCHDRUCKER"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier steht ein sessel. Dieser sessel ist ein kunstprodukt. Wenn ich den sessel male, so ist dieser gemalte sessel nur eine abbildung dieses kunstproduktes, also ein kunstwerk aus zweiter hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versuchen wir dasselbe auf buchstaben anzuwenden. Buchstaben k\u00f6nnen in stein gemei\u00dfelt, in bronze gegossen, mit der feder hingeschrieben werden. Man kann mit hilfe von licht und schatten und perspektive stein- und bronzebuchstaben zu papier bringen. Das sind aber nur abbildungen von buchstaben, nicht buchstaben selbst. Die buchstaben f\u00fcr das papier haben keine anderen dimensionen als die der druckerschw\u00e4rze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt tischler, denen es freude macht, m\u00f6bel zu verfertigen, die nur f\u00fcr vorlagenwerke taugen. So gibt es auch buchdrucker, die ihren stolz dareinsetzen, abbildungen von geschriebenen, gemei\u00dfelten und gegossenen worten zu schaffen. Da werden typen gew\u00e4hlt, die prachtvolle schatten werfen, und das ganze wird schlie\u00dflich noch dadurch herausgehoben, da\u00df es auf eine tafel gesetzt erscheint, welchen effekt rechts und unten angebrachte schattenstriche hervorrufen. Aber damit begn\u00fcgt man sich nicht. Man versucht auch, reine buchdruckerarbeit nachzubilden. Da l\u00e4\u00dft man entweder ein blatt papier mit der stecknadel angeheftet oder aufgerissen oder wieder mit einem hineingeknickten eselsohr versehen erscheinen. Hier wird ein schiefgestelltes kartenblatt vorget\u00e4uscht, so da\u00df die buchstaben darauf perspektivisch immer kleiner und kleiner werden m\u00fcssen, dort\u00a0wirft ein solches nachgebildetes blatt gar schatten auf das wirkliche papier. Alles immer aus zweiter hand!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der richtige buchdrucker will aber nicht druckarbeiten nachbilden, sondern selbst der sch\u00f6pfer neuer werke werden. Wenn daher von buchdruckerarbeiten gesprochen wird, wird nat\u00fcrlich nur von diesen talentsch\u00f6pfungen die rede sein. Verschwiegen darf aber nicht werden, da\u00df es sogar <i>typen<\/i> gibt, die gezeichnete, lithographierte und geschriebene buchstaben nachahmen. Das geh\u00f6rt in das kapitel der imitation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In neuerer zeit wurde den k\u00fcnstlern durch die gro\u00dfe verbreitung des plakats eine neue aufgabe gestellt. Es galt, das schwierige problem zu l\u00f6sen, wie buchstaben, richtige buchdruckerbuchstaben, mit abbildungen so vereinigt werden k\u00f6nnen, da\u00df beides zusammen ein vollendetes kunstwerk ergibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die arbeit war nicht leicht. Die vereinigung zweier verschiedener techniken aus dem gebiet der graphischen kunst ist unm\u00f6glich. Man denke sich den effekt aus, den etwa eine alpenlandschaft in der gew\u00f6hnlichen \u00f6lfarbenmanier hervorrufen w\u00fcrde, wenn man in den blauen \u00e4ther oder in den gr\u00fcnen see mit der \u00fcblichen druckschrift die worte hineinsetzen w\u00fcrde: \u201eAlpenkr\u00e4utersekt ist der beste!\u201c Man braucht sich das gar nicht auszudenken, man kann es ohnedies h\u00e4ufig genug sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da galt es nun, sich in der bildlichen darstellung den buchstaben anzuschlie\u00dfen. Die lithographen hatten es leicht. Cheret, der lithograph, hatte sie gelehrt, lithographierte menschen zu zeichnen. Aber f\u00fcr die buchdrucker war nicht gesorgt. Der mann, der das neue, das niedagewesene schaffen sollte, konnte nur ein buchdrucker sein. Er durfte nur in druckerschw\u00e4rze denken k\u00f6nnen,\u00a0die ganze welt mu\u00dfte ihm wie ein gro\u00dfes st\u00fcck papier vorkommen, auf das der liebe herrgott mensch und vieh, hof und haus, baum und berg, himmel und stein hinaufgedruckt hat. Einer mu\u00dfte es sein, der ohne zu spekulieren, vollst\u00e4ndig naiv und aus innerstem drange heraus \u201egedruckte\u201c menschen schaffen konnte, menschen aus druckerschw\u00e4rze, menschen, von denen man nie annehmen w\u00fcrde, da\u00df sie ihr papier verlassen k\u00f6nnen, menschen, bei denen niemand das verlangen tr\u00e4gt, zu wissen, wie sie von der seite oder von hinten aussehen. Wie w\u00fcrde der zeichenlehrer sagen? \u201eStilisierte menschen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein solcher buchdrucker kam. Es ist Bradley, der amerikaner, der nun in Springfield, Massachusetts, lebt. Er ist der prototyp des stolzen, starren schriftsetzers, der nicht zul\u00e4\u00dft, da\u00df mit dem gedruckten buchstaben zeichnerkunstst\u00fccke aufgef\u00fchrt werden. Bei ihm gibts keine m\u00e4tzchen, keine typen, die sich \u00fcber die anderen erheben. Seine buchstaben springen nie herum. In der offizin wurde stets strenge darauf gesehen, da\u00df die lettern eine mathematische gerade bilden. Das setzt sich fest. Luftperspektive, also den wechsel des farbtones innerhalb einer farbfl\u00e4che bei zunehmender entfernung, kennt er nicht. Hier h\u00f6rt ein farbton auf, hier setzt der andere an. Er sieht sehr primitiv. Er sieht nur zwei farben und die farblosigkeit, die f\u00fcr ihn wei\u00dfes papier bedeutet. Denn mit zwei \u201ebuchdruckfarben\u201c mu\u00df er auskommen. Aber mit diesen zwei t\u00f6nen wirkt er st\u00e4rker als unsere maler mit ihrem neunfarbendruck. Seine welt ist klein, klein, wie die welt des handwerks schon einmal ist. Aber in dieser welt ist er k\u00f6nig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere wiener drucker haben keine herrschergel\u00fcste. Sie haben sich das szepter vom maler und vom architekten\u00a0entrei\u00dfen lassen, die nat\u00fcrlich in ihrer art damit umgehen. Buchdruckerarbeit k\u00f6nnen sie nicht liefern, gerade so wie ein maler wohl einen schuh malen, aber niemals machen kann. Denn, glaubt mir, die schusterarbeit ist gerade so schwer oder so leicht zu erlernen wie die anderen gewerbe alle. Der einzige grund, warum uns die maler noch keine schuhe machen, da sie sich doch schon bald <i>aller<\/i> werkst\u00e4tten bem\u00e4chtigt haben, ist, da\u00df unsere f\u00fc\u00dfe empfindlicher sind als unsere augen. Die halten einiges aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war nicht immer so. Als die menschen noch zartere augen hatten, da verlangte man auch, da\u00df man im lesen und denken nicht durch schlechten druck und schlechtes papier gequ\u00e4lt werde. Man gab dem buche nach rechts, links und unten eine angemessene breite wei\u00dfen papieres, damit die finger, mit denen man das buch gefa\u00dft h\u00e4lt, entsprechend raum hatten. Heute mu\u00df man mitten in den druck hineintappen.<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leute, die alles von einem guten buche verlangen, was man von ihm verlangen kann, werden bei uns selten auf ihre rechnung kommen. Das ist um so mehr zu bedauern, als die technische leistungsf\u00e4higkeit der wiener firmen auf graphischem gebiete in Europa unerreicht ist. Wo gibt es auf der welt eine firma wie Angerer &amp; G\u00f6schl, von deren wichtigkeit man erst im auslande kenntnis erh\u00e4lt? Wir haben uns zu sehr an sie gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den druckern ragt die druckerei von Adolph Holzhausen hervor, die allerdings nur wissenschaftliche werke druckt. Denn es ist merkw\u00fcrdig: die wissenschaftlichen werke repr\u00e4sentieren sich fast alle t\u00fcchtig und vornehm, w\u00e4hrend die werke der sch\u00f6nen literatur sich alle nur m\u00f6glichen verunstaltungen gefallen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/12\/2016-haimo-handy-133.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-35574 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/12\/2016-haimo-handy-133-300x168.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/12\/2016-haimo-handy-133-300x168.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/12\/2016-haimo-handy-133-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/strong>Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hier steht ein sessel. Dieser sessel ist ein kunstprodukt. Wenn ich den sessel male, so ist dieser gemalte sessel nur eine abbildung dieses kunstproduktes, also ein kunstwerk aus zweiter hand. Versuchen wir dasselbe auf buchstaben anzuwenden. 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