{"id":84448,"date":"2023-01-10T00:01:29","date_gmt":"2023-01-09T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84448"},"modified":"2022-02-25T08:39:48","modified_gmt":"2022-02-25T07:39:48","slug":"kulturentartung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/10\/kulturentartung\/","title":{"rendered":"KULTURENTARTUNG"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermann Muthesius, dem wir eine reihe instruktiver b\u00fccher \u00fcber englisches leben und wohnen verdanken, hat die ziele des deutschen werkbundes dargelegt und seine existenz zu begr\u00fcnden versucht. Die ziele sind gut. Aber gerade der deutsche werkbund wird sie nie erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade der deutsche werkbund nicht. Die mitglieder dieses bundes sind menschen, die versuchen, an die stelle unsrer gegenw\u00e4rtigen kultur eine andre zu setzen. Warum sie das tun, wei\u00df ich nicht. Aber ich wei\u00df, da\u00df es ihnen nicht gelingen wird. In die speichen des rollenden rades der zeit hat noch niemand mit plumper hand einzugreifen versucht, ohne da\u00df ihm die hand weggerissen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben unsere kultur, unsere formen, in denen sich unser leben abspielt, und die gebrauchsgegenst\u00e4nde, die uns dieses leben erm\u00f6glichen. Kein mensch, auch kein verein, schuf uns unsere schr\u00e4nke, unsere zigarettendosen, unsere schmuckst\u00fccke. Die zeit schuf sie uns. Sie \u00e4ndern sich von jahr zu jahr, von tag zu tag, von stunde zu stunde. Denn von stunde zu stunde \u00e4ndern wir uns, unsere anschauungen, unsere gewohnheiten. Und dadurch \u00e4ndert sich unsere kultur. Aber die leute vom werkbund verwechseln ursache und wirkung. Wir sitzen nicht so, weil ein Tischler einen sessel so oder so konstruiert hat, sondern der tischler macht den sessel so, weil wir so oder so sitzen wollen. Und daher ist \u2013 zur freude eines jeden, der unsere kultur liebt, \u2013 die t\u00e4tigkeit des werkbundes wirkungslos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann die ziele des deutschen werkbundes nach Muthesius in zwei worte fassen: g\u00fcte der arbeit, schaffung <span id=\"Seite_272\" class=\"PageNumber\"><\/span>des stiles unserer zeit. Diese ziele sind ein ziel. Denn wer im stile unserer zeit arbeitet, arbeitet gut. Und wer nicht im stile unserer zeit arbeitet, arbeitet schlampig und schlecht. Und das ist recht so. Denn schlechte form \u2013 so nenne ich die, die nicht dem stile unserer zeit gem\u00e4\u00df ist, \u2013 wirkt vers\u00f6hnlich, wenn man das gef\u00fchl hat, da\u00df sie doch bald hin wird. Wenn aber der schund f\u00fcr die ewigkeit gearbeitet wird, dann wirkt er doppelt un\u00e4sthetisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der bund will dinge, die nicht im stile unserer zeit sind, f\u00fcr die ewigkeit arbeiten. Das ist schlecht. Aber Muthesius sagt auch, da\u00df durch das zusammenarbeiten im deutschen werkbund der stil unserer zeit gefunden werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist unn\u00f6tige arbeit. Den stil unserer zeit haben wir ja. Wir haben ihn \u00fcberall dort, wo der k\u00fcnstler, also das mitglied jenes bundes, bisher seine nase noch nicht hineingesteckt hat. Vor zehn jahren gingen diese k\u00fcnstler auf neue eroberungen aus und versuchten, nachdem sie schon die tischlerei heruntergebracht hatten, sich der schneiderei zu bem\u00e4chtigen. Die mitglieder des damals noch nicht bestehenden bundes geh\u00f6rten der Secession an, trugen gehr\u00f6cke in schottischen stoffen mit samtaufschl\u00e4gen und steckten ein st\u00fcck pappendeckel in den stehumlegkragen \u2013 marke \u201ever sacrum\u201c \u2013, das, mit schwarzer seide \u00fcberzogen, die illusion einer dreimal um den hals gebundenen krawatte erweckte. Mit einigen kr\u00e4ftigen aufs\u00e4tzen<sup id=\"cite_ref-2\" class=\"reference\"><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Kulturentartung#cite_note-2\">[H 2]<\/a><\/sup> \u00fcber diese fragen trieb ich die herren aus der schneider- und schusterwerkstatt und rettete auch andere noch nicht von den \u201ek\u00fcnstlern\u201c verseuchte gewerbe vor der unerbetenen invasion. Der schneidermeister, der sich diesen kultur- und kunstbestrebungen so<span id=\"Seite_273\" class=\"PageNumber\"><\/span> willf\u00e4hrig gezeigt hatte, wurde verlassen, und die herren nahmen ein abonnement bei einem renommierten wiener schneider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird man leugnen wollen, da\u00df unsere lederwaren im stile unserer zeit sind?! Und unsere e\u00dfbestecke und gl\u00e4ser?! Und unsere badewannen und amerikanischen waschtische?! Und unsere werkzeuge und maschinen?! Und alles, alles \u2013 es sei wieder gesagt \u2013, was den k\u00fcnstlern nicht in die h\u00e4nde gefallen ist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind diese sachen sch\u00f6n? Ich frage nicht danach. Sie sind im geiste unserer zeit und daher richtig. Sie h\u00e4tten niemals in eine andere zeit hineingepa\u00dft und h\u00e4tten auch nicht von anderen v\u00f6lkern verwendet werden k\u00f6nnen. Folglich sind sie im stile unserer zeit. Und wir in \u00d6sterreich k\u00f6nnen uns in dem stolzen bewu\u00dftsein wiegen, da\u00df diese dinge, au\u00dfer in England, in keinem lande des erdballs in gleicher g\u00fcte erzeugt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich gehe weiter. Ich sage es frei heraus, da\u00df ich meine glatte, leicht gebogene, exakt gearbeitete zigarettendose sch\u00f6n finde, da\u00df sie mir ein inniges \u00e4sthetisches vergn\u00fcgen bereitet, w\u00e4hrend ich die von einer dem werkbunde angeh\u00f6rigen werkst\u00e4tte (entwurf professor soundso) gearbeitete scheu\u00dflich finde. Und wer einen stock mit silbernem griff aus solcher manufaktur tr\u00e4gt, ist f\u00fcr mich kein gentleman.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dinge, die in kultivierten l\u00e4ndern im stile unserer zeit \u2013 den der deutsche werkbund erst suchen will \u2013 gearbeitet werden, betragen rund gerechnet neunzig prozent. Zehn prozent \u2013 dazu geh\u00f6rt unsere tischlerarbeit \u2013 sind uns durch die k\u00fcnstler verlorengegangen. Gewi\u00df, diese zehn prozent gilt es wieder zu gewinnen. Man mu\u00df nur selbst im stile unserer zeit f\u00fchlen und denken. Das<span id=\"Seite_274\" class=\"PageNumber\"><\/span> andre macht sich dann von selbst. F\u00fcr die modernen menschen kann man das Hans Sachs-wort variieren: die zeit, die sang f\u00fcr sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn jahren, gleichzeitig mit dem Caf\u00e9 Museum, schuf Josef Hoffmann, der den deutschen werkbund in Wien vertritt, die inneneinrichtung des verkaufsladens der apollokerzenfabrik am hof. Man pries das werk als einen ausdruck unserer zeit. Heute wird das niemand mehr behaupten wollen. Die distanz von zehn jahren hat uns gezeigt, da\u00df es ein irrtum war. Und so wird man nach weiteren zehn jahren klar und deutlich sehen, da\u00df die heutigen arbeiten in dieser richtung mit dem stile unserer tage nichts gemein haben. Gewi\u00df, Hoffmann hat die laubs\u00e4gearbeit seit dem Caf\u00e9 Museum aufgegeben und hat sich, was die konstruktion anlangt, meiner art gen\u00e4hert. Aber heute noch glaubt er, mit merkw\u00fcrdigen beizen, mit aufpatronierten und eingelegten ornamenten seine m\u00f6bel versch\u00f6nern zu k\u00f6nnen. Der moderne mensch jedoch h\u00e4lt ein unt\u00e4towiertes antlitz f\u00fcr sch\u00f6ner als ein t\u00e4towiertes, und wenn die t\u00e4towierung von Michelangelo selber herr\u00fchren sollte. Und mit dem nachtk\u00e4stchen h\u00e4lt er es ebenso.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um den stil unserer zeit finden zu k\u00f6nnen, mu\u00df man ein moderner mensch sein. Aber menschen, die jene dinge, die bereits im stile unserer zeit sind, zu \u00e4ndern suchen oder andere formen an ihre stelle setzen m\u00f6chten \u2013 ich verweise nur auf e\u00dfbestecke \u2013 zeigen damit, da\u00df sie den stil unserer zeit nicht erkennen. Sie werden vergeblich danach suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem aber empfindet der moderne mensch die verquickung der kunst mit dem gebrauchsgegenstande als die st\u00e4rkste erniedrigung, die man ihr antun kann.<span id=\"Seite_275\" class=\"PageNumber\"><\/span> Goethe war ein moderner mensch. Ich vermisse sein wort \u2013 er und Bacon und Ruskin und k\u00f6nig Salomo werden auf der mauer der kunstschau zitiert \u2013, das vor allem wegen seines direkten hinweises dort nicht fehlen d\u00fcrfte: \u201eDie kunst, die dem alten seine fu\u00dfboden bereitete und dem christen seine kirchenhimmel w\u00f6lbte, wird jetzt auf dosen und armb\u00e4nder verkr\u00fcmelt. Diese zeiten sind schlechter als man denkt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hermann Muthesius, dem wir eine reihe instruktiver b\u00fccher \u00fcber englisches leben und wohnen verdanken, hat die ziele des deutschen werkbundes dargelegt und seine existenz zu begr\u00fcnden versucht. Die ziele sind gut. Aber gerade der deutsche werkbund wird sie nie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/10\/kulturentartung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":222,"featured_media":97999,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2939],"class_list":["post-84448","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-adolf-loos"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/222"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=84448"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100401,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84448\/revisions\/100401"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97999"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=84448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=84448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=84448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}