{"id":84437,"date":"2003-01-11T00:01:54","date_gmt":"2003-01-10T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84437"},"modified":"2022-10-16T12:11:10","modified_gmt":"2022-10-16T10:11:10","slug":"die-menschheit-ist-heute-gesuender-denn-je","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/11\/die-menschheit-ist-heute-gesuender-denn-je\/","title":{"rendered":"Die menschheit ist heute ges\u00fcnder denn je"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die menschheit ist heute ges\u00fcnder denn je, krank sind nur einige wenige. Diese wenigen aber tyrannisieren den arbeiter, der so gesund ist, da\u00df er kein ornament erfinden kann. Sie zwingen ihn, die von ihnen erfundenen ornamente in den verschiedensten materialien auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist dem ornamentiker wohlbekannt, und die \u00f6sterreichischen ornamentiker suchen diesem mangel die besten seiten abzugewinnen. Sie sagen: \u201eEin konsument, der eine einrichtung hat, die ihm schon nach zehn jahren unertr\u00e4glich wird, und der daher gezwungen ist, sich alle zehn jahre einrichten zu lassen, ist uns lieber als einer, der sich einen gegenstand erst dann kauft, wenn der alte aufgebraucht ist. Die industrie verlangt das. Millionen werden durch den raschen wechsel besch\u00e4ftigt.\u201c Es scheint dies das geheimnis der \u00f6sterreichischen national\u00f6konomie zu sein; wie oft h\u00f6rt man beim ausbruch eines brandes die worte: \u201eGott sei dank, jetzt haben die leute wieder etwas zu tun.\u201c Da wei\u00df ich ein gutes mittel: Man z\u00fcnde eine stadt an, man z\u00fcnde das reich an, und alles schwimmt in geld und wohlstand. Man verfertige m\u00f6bel, mit denen man nach drei jahren einheizen kann, beschl\u00e4ge, die man nach vier jahren einschmelzen mu\u00df, weil man selbst im versteigerungsamt nicht den zehnten teil des arbeits- und materialpreises erzielen kann, und wir werden reicher und reicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der verlust trifft nicht nur den konsumenten, er trifft vor allem den produzenten. Heute bedeutet das ornament an dingen, die sich dank der entwicklung dem ornamentiertwerden entzogen haben, vergeudete arbeitskraft und gesch\u00e4ndetes material. Wenn alle gegenst\u00e4nde \u00e4sthetisch so lange halten w\u00fcrden, wie sie es physisch tun, k\u00f6nnte der konsument einen preis daf\u00fcr entrichten, der es dem arbeiter erm\u00f6glichen w\u00fcrde, mehr geld zu verdienen und weniger lang arbeiten zu m\u00fcssen. F\u00fcr einen gegenstand, bei dem ich sicher bin, da\u00df ich ihn voll ausn\u00fctzen und aufbrauchen kann, zahle ich gerne viermal so viel wie f\u00fcr einen in form oder material minderwertigen. Ich zahle f\u00fcr meine stiefel gerne vierzig kronen, obwohl ich in einem anderen gesch\u00e4ft stiefel um zehn kronen bekommen w\u00fcrde. Aber in jenen gewerben, die unter der tyrannei der ornamentiker schmachten, wird gute oder schlechte arbeit nicht gewertet. Die arbeit leidet, weil niemand gewillt ist, ihren wahren wert zu bezahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das ist gut so, denn diese ornamentierten dinge wirken nur in der sch\u00e4bigsten ausf\u00fchrung ertr\u00e4glich. Ich komme \u00fcber eine feuersbrunst leichter hinweg, wenn ich h\u00f6re, da\u00df nur wertloser tand verbrannt ist. Ich kann mich \u00fcber den gschnas im k\u00fcnstlerhaus freuen, wei\u00df ich doch, da\u00df er in wenigen tagen aufgestellt, in einem tage abgerissen wird. Aber das werfen mit goldst\u00fccken statt mit kieselsteinen, das anz\u00fcnden einer zigarette mit einer banknote, das pulverisieren und trinken einer perle wirkt un\u00e4sthetisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Ornament und Verbrechen<\/strong>, von Adolf Loos, Wien 1908<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die menschheit ist heute ges\u00fcnder denn je, krank sind nur einige wenige. Diese wenigen aber tyrannisieren den arbeiter, der so gesund ist, da\u00df er kein ornament erfinden kann. 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