{"id":84301,"date":"2008-02-17T00:01:02","date_gmt":"2008-02-16T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84301"},"modified":"2022-03-02T10:16:23","modified_gmt":"2022-03-02T09:16:23","slug":"romanzero","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/02\/17\/romanzero\/","title":{"rendered":"Romanzero"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem dritten Gedichtband, <em>Romanzero<\/em> (erschienen 1851) gibt Heinrich Heine ein Lehrst\u00fcck in westlicher Unwissenheit mit Gedanken, die uns sehr heutig vorkommen. Er, Heine, war ein deutscher Dichter, dem deutschen, westlichen Kulturkreis zugeh\u00f6rig. Aber er war Jude, man lie\u00df es ihn sp\u00fcren. So wurde er vielleicht unfreiwillig auf sein j\u00fcdisches Erbteil, ich sage nicht: zur\u00fcckgeworfen, sondern er hatte den anderen etwas voraus. Freilich, Goethe wandelte auf west-\u00f6stlichen Pfaden und besch\u00e4ftigte sich intensiv mit der Poesie der Perser und Araber, Inder, Hebr\u00e4er, T\u00fcrken und Chinesen. Aber sein <em>West-\u00f6stlicher Divan<\/em> blieb ein Ladenh\u00fcter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heine besch\u00e4ftige sich in den 20er Jahren mit der j\u00fcdischen Tradition und erneut in der Krankheitsphase seiner letzten Lebensjahre. Davon zeugt auch der Zyklus <em>Hebr\u00e4ische Melodien<\/em> im <em>Romanzero<\/em>. Das lange Gedicht <em>Jehuda ben Halevy<\/em>erz\u00e4hlt die Geschichte eines hebr\u00e4ischen Dichters dieser Zeit \u2013 eigentlich nur eine Legende von seinem Tod vor Jerusalem. Der vierte Abschnitt dieses Gedichts tr\u00e4gt den Titel &#8222;Meine Frau ist nicht zufrieden&#8220;. In diesem Ausschnitt fragt sie und der Dichter gibt Antwort. In kommentierten Ausgaben kann man lesen, dass diese Figur Z\u00fcge von Heines Frau Mathilde trage, und wird auf ihre mangelhafte Schulbildung verwiesen \u2013 was f\u00fcr ein Unsinn! Es ist nicht die Unwissenheit Mathildes und keineswegs nur die &#8222;Lakunen&#8220;, Bildungsl\u00fccken &#8222;der franz\u00f6sischen Erziehung&#8220;. Welcher Germanistikstudent heute h\u00e4tte im Studium ein Gedicht von Ibn Gabirol oder Halevy gelesen? Oder wenigstens von ihren deutschen Kollegen? Seit 17 Jahrhunderten leben Juden in Deutschland, sie lasen und schrieben \u2013 Hebr\u00e4isch, Jiddisch und Deutsch. Lesen wir sie? \u00dcbersetzen wir ihre B\u00fccher? Ich habe meine Zweifel. H\u00f6ren wir jetzt Heines Dichter-Ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSonderbar!\u00ab &#8211; setzt sie hinzu &#8211;<br \/>\n\u00bbDa\u00df ich niemals nennen h\u00f6rte<br \/>\nDiesen gro\u00dfen Dichternamen,<br \/>\nDen Jehuda ben Halevy.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,<br \/>\nSolche holde Ignoranz,<br \/>\nSie bekundet die Lakunen<br \/>\nDer franz\u00f6sischen Erziehung,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pariser Pensionate,<br \/>\nWo die M\u00e4dchen, diese k\u00fcnft&#8217;gen<br \/>\nM\u00fctter eines freien Volkes,<br \/>\nIhren Unterricht genie\u00dfen &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alte Mumien, ausgestopfte<br \/>\nPharaonen von \u00c4gypten,<br \/>\nMerowinger Schattenk\u00f6n&#8217;ge,<br \/>\nUngepuderte Per\u00fccken,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Zopfmonarchen Chinas,<br \/>\nPorzellanpagodenkaiser &#8211;<br \/>\nAlle lernen sie auswendig,<br \/>\nKluge M\u00e4dchen, aber Himmel &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragt man sie nach gro\u00dfen Namen<br \/>\nAus dem gro\u00dfen Goldzeitalter<br \/>\nDer arabisch-althispanisch<br \/>\nJ\u00fcdischen Poetenschule,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragt man nach dem Dreigestirn,<br \/>\nNach Jehuda ben Halevy,<br \/>\nNach dem Salomon Gabirol<br \/>\nUnd dem Moses Iben Esra &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragt man nach dergleichen Namen,<br \/>\nDann mit gro\u00dfen Augen schaun<br \/>\nUns die Kleinen an &#8211; alsdann<br \/>\nStehn am Berge die Ochsinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Raten m\u00f6cht ich dir, Geliebte,<br \/>\nNachzuholen das Vers\u00e4umte<br \/>\nUnd Hebr\u00e4isch zu erlernen &#8211;<br \/>\nLa\u00df Theater und Konzerte,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Widme ein&#8217;ge Jahre solchem<br \/>\nStudium, du kannst alsdann<br \/>\nIm Originale lesen<br \/>\nIben Esra und Gabirol<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und versteht sich den Halevy,<br \/>\nDas Triumvirat der Dichtkunst,<br \/>\nDas dem Saitenspiel Davidis<br \/>\nEinst entlockt die sch\u00f6nsten Laute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alcharisi &#8211; der, ich wette,<br \/>\nDir nicht minder unbekannt ist,<br \/>\nOb er gleich, franz\u00f6s&#8217;scher Witzbold,<br \/>\nDen Hariri \u00fcberwitzelt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gebiete der Makame,<br \/>\nUnd ein Voltairianer war<br \/>\nSchon sechshundert Jahr&#8216; vor Voltair&#8216; &#8211;<br \/>\nJener Alcharisi sagte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDurch Gedanken gl\u00e4nzt Gabirol<br \/>\nUnd gef\u00e4llt zumeist dem Denker,<br \/>\nIben Esra gl\u00e4nzt durch Kunst<br \/>\nUnd behagt weit mehr dem K\u00fcnstler &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber beider Eigenschaften<br \/>\nHat Jehuda ben Halevy,<br \/>\nUnd er ist ein gro\u00dfer Dichter<br \/>\nUnd ein Liebling aller Menschen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97877\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine-160x227.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/>Heinrich Heine gilt als \u00dcberwinder der Romantik. Er machte die Alltagssprache lyrikf\u00e4hig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte, elegante Leichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong>\u00a0\u2192 \u00a0Ein Essay von Heinrich Heine \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/16\/die-deutsche-literatur\/\">die deutsche Literatu<\/a>r<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In seinem dritten Gedichtband, Romanzero (erschienen 1851) gibt Heinrich Heine ein Lehrst\u00fcck in westlicher Unwissenheit mit Gedanken, die uns sehr heutig vorkommen. Er, Heine, war ein deutscher Dichter, dem deutschen, westlichen Kulturkreis zugeh\u00f6rig. 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