{"id":84186,"date":"1994-12-01T00:01:25","date_gmt":"1994-11-30T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84186"},"modified":"2022-02-18T14:19:08","modified_gmt":"2022-02-18T13:19:08","slug":"kandinsky","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/12\/01\/kandinsky\/","title":{"rendered":"Kandinsky"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie freue ich mich, \u00fcber Kandinsky schreiben zu d\u00fcrfen. Wenn ich ihn mir im Geiste vorstelle, sehe ich ihn immer in einer breiten Stra\u00dfe, in der sich fratzenhafte schreiende Gestalten dr\u00e4ngen; mitten durch sie geht ruhig ein kluger Mensch: das ist er. Kubin m\u00fc\u00dfte ihn so zeichnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kandinskys Bilder dagegen sehe ich in meiner Vorstellung ganz abseits der Stra\u00dfe in die blaue Himmelswand getaucht; dort leben sie in Stille ihr Feierleben. Sie sind heute noch da und werden bald ins Dunkle der Zeitenstille entweichen und strahlend wiederkommen wie Kometen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn ich an diese Bilder denke und zugleich an das, was der Europ\u00e4er \u203aMalerei\u2039 zu nennen sich gew\u00f6hnt hat, so habe ich ein Bild in meiner Vorstellung, wie der \u203aGeist\u2039 die Malerei heimsucht; ja und schwer heimsucht! Sie hatte sich so wohl ohne ihn gef\u00fchlt und ist nun h\u00f6chst erschrocken und schl\u00e4gt verzweifelt um sich, um den \u203aGeist\u2039 nicht eindringen zu lassen. Das m\u00fc\u00dfte Paul Klee zeichnen. Nur er k\u00f6nnte das.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und noch etwas empfinde ich, wenn ich an Kandinskys Bilder denke: eine unsagbare Dankbarkeit, da\u00df es wieder einmal einen Mann gibt, der Berge ver setzen kann. Und mit welch vornehmer Geste hat er dies getan. Es ist eine unaussprechliche Beruhigung, dies zu wissen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie t\u00f6richt sind alle Versuche, gegen Kandinskys Kunst anzugehen. Da gibt es eine besondere Art von Denkern, die heute noch ernsthaft er\u00f6rtern, wieweit Kandinskys Kunst \u00fcberhaupt m\u00f6glich und vorstellbar ist; sie vergessen vollst\u00e4ndig, da\u00df diese Bilder ja l\u00e4ngst gemalt sind, schon da sind. Jedermann kann sie sehen. Aber so ist es: alle, die ihr trockenes Herz nicht klopfen f\u00fchlen vor den gro\u00dfen Werken, schm\u00e4hen nach gemeiner Leute Art eben diese Werke, statt an sich selbst einige einfache Fragen zu stellen. Sie holen eine verstaubte Logik aus dem Winkel ihrer Schulerinnerungen und pr\u00fcfen mit ihr die Bilder. Sie messen die Flugkraft des Vogels mit dem Zollstab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Lassen wir sie. Es ist schade um Zeit und Wort. Es gibt ganz Anderes, \u00fcber das man nachdenken mu\u00df. K\u00f6nnen Dinge, die einmal geschaffen sind, wieder vergehen? K\u00f6nnen sie geleugnet oder auch nur von der Stelle ger\u00fcckt werden? Wir Maler kennen jenen geheimnisvollen Moment in unsrer Arbeit, in dem das Werk zu atmen beginnt. Es f\u00e4llt von uns ab und beginnt sein eigenes Leben. Waren wir auch zu Beginn Herr des Bildes, so werden wir in diesem Moment sein Sklave. Es sieht uns fremd, gro\u00df, mahnend, zwingend an. Das Fr\u00fch oder<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Kunst\/L\/Marc-Schriften\" name=\"139\">[139]<\/a> Sp\u00e4t dieses wun derbaren Augenblickes gibt ein feines Kriterium der Kunst ab. Wir Maler wissen dies. Manche, Allzuviele, bleiben bis zum Ende die Herren ihrer Bilder. Je gebieterischer der Maler in der Welt auftritt, desto armseliger, sklavischer sehen gew\u00f6hnlich seine Bilder aus. Darum werden diese Maler im Leben immer mehr gefeiert als ihre Bilder, an denen nichts zu feiern ist, da sie ja nur nach Vorschrift ihrer Herren entstanden sind, \u2013 ein trauriges Symptom aus dem Lebenslauf vieler, vieler unsrer ber\u00fchmten Maler; sie schufen als J\u00fcnglinge mit ehrlicher Hingabe ihre ersten sch\u00f6nen Sachen und enden als gro\u00dfe Herren mit ganz dummen Erzeugnissen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die echten Werke l\u00f6sen sich nach dem ersten Anfang schon von dem Willen des Sch\u00f6pfers ab. Es scheint mir, da\u00df heute gar nicht viel solche Werke entstehen. Zu den seltenen Ausnahmen geh\u00f6ren die Werke Kandinskys; sie sind nicht aus sterblichem Willen geformt; ihr Eigenleben l\u00e4uterte sein Wollen und hielt ihn bei der Arbeit in Bann; ihr Sein ist unsterblich. Ich sehe sie wieder, an die Himmelswand gestellt \u2013 warum sollen wir nicht glauben, da\u00df ein Erzengel sie dort gemalt hat, Dinge aus seinem Reich, durch die Hand unseres Freundes Kandinsky?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-14642 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky-187x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky-187x300.jpeg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Vassily-Kandinsky.jpeg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnerung wird zunehmend auf neue Technologien ausgelagert. Das Grundproblem der Erinnerungskultur (siehe auch: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/01\/01\/in-eigener-sache\/\">In eigener Sache<\/a>), der Zeugenschaft, der Autorschaft, ist die Frage: Wer erz\u00e4hlt, wer verarbeitet, wem eine Geschichte geh\u00f6rt? \u2013 <span data-offset-key=\"nqia-2-0\">\u201eKultur schafft und ist Kommunikation, Kultur lebt von der Kommunikation der Interessierten.\u201c, schreibt Haimo Hieronymus in einem der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/06\/05\/interim-kulturnotizen\/\">Gr\u00fcndungstexte<\/a> von KUNO. <\/span>Die ausf\u00fchrliche Chronik des Projekts <em>Das Labor<\/em> lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/10\/zukunft-braucht-herkunft\/\">hier<\/a>. Diese Ausgrabungsst\u00e4tte f\u00fcr die Zukunft ist seit 2009 ein Label, die <em>Edition Das Labor<\/em>. Diese Edition arbeitet ohne Kapital, zuweilen mit Kapit\u00e4lchen, meist mit einer gro\u00dfen k\u00fcnstlerischen Spekulationskraft. Eine \u00dcbersicht \u00fcber die in diesem <em>Labor<\/em> seither realisierten K\u00fcnstlerb\u00fccher, B\u00fccher und H\u00f6rb\u00fccher finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnstlerbucher sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie freue ich mich, \u00fcber Kandinsky schreiben zu d\u00fcrfen. 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