{"id":84174,"date":"2022-02-08T00:01:38","date_gmt":"2022-02-07T23:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84174"},"modified":"2022-02-18T12:52:41","modified_gmt":"2022-02-18T11:52:41","slug":"das-abstrakte-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/08\/das-abstrakte-theater\/","title":{"rendered":"Das abstrakte Theater"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\">I<\/h4>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Zeit hat [die Kunst, die es verdient] ihr Theater, jede das Ihre, jede ein anderes. Dem k\u00fcnstlerischen Tiefstand unserer Zeit entspricht der Tiefstand ihres Theaters. Aber nachdem heute einige junge Quellen wirklicher Kunst aufgebrochen sind, geht endlich auch \u00fcber die B\u00fchne die Unruhe der Neuerer. [Die Befreiung von den spielerischen und historischen] Das Theater, das wir in einigen Jahrzehnten haben werden, ist uns allen [noch] ein Geheimnis, da die entscheidenden Werke noch nicht geschaffen sind. Aber das soll kein Grund sein, uns heute in unseren Theatern so zu langweilen, wie wir es thats\u00e4chlich thun. [K\u00f6nnen wir \u2013 so gut wie wir Bilder malen, die niemand liebt, nur das geheime Deutschland liebt, so wollen wir auch auf der B\u00fchne Dingen zeigen, die nicht f\u00fcr aller Augen sind, unsere Arbeit thun, die der Menge schwer, zur Unlust der Gleichg\u00fcltigen, zur Freude der Wenigen, der Ernsten. Wir f\u00fchlen alle Einwendungen voraus, die] [War es mit der Malerei nicht auch genau so? Aber seit einigen Jahren entstehen Werke, die die Gewohnheit der Langeweile L\u00fcgen strafen; es gibt wieder ein \u00bbgeheimes Deutsch land\u00ab, das erwacht ist, dessen Augen sehen und dessen Ohren h\u00f6ren. Das erwacht ist, in dem jeder mit einem stummen Nicken den anderen versteht. Es sind nur Wenige, aber diese Wenigen k\u00f6nnen sagen: \u00bbes ist wieder eine Lust zu leben\u00ab!] [Ein jeder langweilt sich dort, denn sich langweilen hei\u00dft gezwungen zu werden, seine Aufmerksamkeit auf \u00c4u\u00dferlichkeiten, auf alles, was unsren Geist nichts angeht, zu richten.] Man will uns n\u00f6tigen, unsre Aufmerksamkeit auf \u00c4u\u00dferlichkeiten, also auf Dinge, die unsren Geist nichts angehen, zu richten; das Leben selbst langweilt uns best\u00e4ndig durch seine Tendenz, uns durch \u00c4u\u00dferlichkeiten vom wahren Denken abzulenken. [Hierin liegt der tragische Zwiespalt von Leben und Sein.] Pseudokunst und B\u00fchne von heute langweilen aus dem gleichen Grunde.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nicht aus Eitelkeit oder \u00dcbermut strecken wir Maler einer neuen Kunst unsere Hand auch nach dem Theater aus. Die Arbeit der Erneuerung, die uns ganz erf\u00fcllt, kann vor der B\u00fchne nicht Halt machen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir wissen, da\u00df unser Beginnen hier wie in der Malerei f\u00fcr die Allgemeinheit verfr\u00fcht ist, da\u00df die Stunde des modernen Theaters noch nicht erf\u00fcllt ist. Aber wer gleich uns im Fr\u00fchlicht des Morgen lebt, kann nicht im Gestern und Heute ausruhen. [Man darf unserm Urteil schon vertrauen, da\u00df wir die Einwendungen selbst voraus kennen, mit denen man unsre Arbeit widerlegt.] Wir kennen nur einen Einwand, der uns bedroht: Ohne Dichtung kann man keine B\u00fchne schaffen. Gut! so wollen wir unsere eigenen Dichter sein [Vielleicht werden wir auch noch die Euren, bis die besseren Dichter kommen, die uns l\u00e4chelnd ins Publikum, in ihr Publikum verweisen werden.], bis die Stunde kommt, in der wir ins Publikum zur\u00fccktreten d\u00fcrfen, um die wahren Dichter zu h\u00f6ren, nach denen wir uns heute sehnen.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">II<\/h4>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">[Die Welt dreht sich so langsam, da\u00df wir ihre Bewegung, ihren Gang nicht wahrnehmen, verzweifelt sehen wir alles immer am alten Platz.] Man darf uns nicht mi\u00dfverstehen; wir wollen keine B\u00fchnenreform; wir geben keine [h\u00f6flichen] Winke, wie man es auf der B\u00fchne noch besser machen k\u00f6nnte, als man es heute schon macht. Man k\u00f6nnte unsren Willen nicht gr\u00f6blicher mi\u00dfverstehen. Unsre Bilder und unsre Ideen sind eine neue Daseinsform, ein Gedanke, an dessen Dauer die gegenw\u00e4rtigen Formen zu Grunde gehen werden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die heutige Daseinsform \u2013 die gleichzeitig immer auch ihre eigene gute oder schlechte Kunstform zeitigt \u2013 kann man mit dem Begriff \u00bbFortschritt\u00ab bezeichnen. Zweifellos wird heute entsetzlich viel gear beitet; alles f\u00fcr den Gott des Fortschritts, der in das Unerme\u00dfliche schwillt, da er keine Form hat, sondern wesenlos vor der Arbeit herflieht wie eine Fata Morgana. Der Fortschritt besitzt heute alle Eigenschaften eines Religionssystems, in dem es Profeten Priester und die ungeheure gl\u00e4ubige Laienwelt gibt. Das traurige Kapitel der tr\u00fcgerischen Lockmittel, deren keine Religion noch entraten konnte, hat in dem modernen Werbesystem eine besonders raffinierte Form angenommen. Es sind die modernen \u00bbErrungenschaften\u00ab, deren geheime Kriegslist ist, die innerlichen, ererbten und organischen \u3008?\u3009 F\u00e4higkeiten der Menschen durch \u00e4u\u00dferliche, lernbare, mechanische F\u00e4higkeiten zu ersetzen. Wie eine solche Religion der Selbstverst\u00fcmmelung die Menschen hat ergreifen k\u00f6nnen, wissen wir nicht. Bewundernsw\u00fcrdig ist die Geschicklichkeit der Priester dieser Religion, den Menschen diese Verst\u00fcmmelung ihrer organischen Kr\u00e4fte zu verbergen durch das Scheinman\u00f6ver des sogenannten \u00bbFortschritts\u00ab, an dem jeder, auch \u00bbder Geringste\u00ab, mitarbeiten darf; die Menschen gehen auch auf den plumpsten K\u00f6der; man baut den Menschen Eisenbahnen [(-sie d\u00fcrfen sie sich selber bauen!)], um ihnen das Gehen und Lastentragen zu ersparen. In Wirklichkeit aber, um sie k\u00f6rperlich abh\u00e4ngig [und schlecht] zu machen. Man erfindet f\u00fcr die Menschen das Telefon, die Schnellpresse und dergleichen, um das selbst\u00e4ndi ge Denken zu verschlechtern. Man baut Maschinen, damit die Menschen ihre wunderbaren kunsthandwerklichen F\u00e4higkeiten verlernen sollen und plump und dumm genug f\u00fcr die Religion des Fortschritts werden. Auch diese Religion wird wie alle anderen bis zum bittern Ende einer systematischen Selbstverst\u00fcmmelung durchschritten, durchkeucht werden m\u00fcssen, auch auf die Gefahr und Gew\u00e4hr, uns bei kommenden, starken V\u00f6lkern mit unseren \u00bbErrungenschaften\u00ab unsterblich l\u00e4cherlich zu machen. Es ist zum mindesten zweifelhaft, ob es gen\u00fcgt, sie bis zum Ende nur in Gedanken durchzudenken. [Wir werden wohl diese Religion der systematischen Selbstverst\u00fcmmelung bis zum Schlu\u00df kosten m\u00fcssen. Diese Errungenschaften sind aber in der Hand der Menschen auch ein sehr gef\u00e4hrliches, blutiges Spielzeug, vielleicht endet alles vorzeitig im Blute, das uns leicht dazu bringen k\u00f6nnte, uns gegenseitig und \u00bbvor der Zeit\u00ab damit abzuw\u00fcrgen; drau\u00dfen werden die gesunden Heiden stehen und dem grausigen Spiel zusehen. Der Eifer, mit dem man heute f\u00fcr seine neue Religion t\u00e4tig ist] [Aber die Priester rechnen ruhig mit dem blinden Eifer der Menge. Alle Religionen waren blutig; die unsre wird vielleicht die blutigste sein.]<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie jede Religion hat auch diese ihre Sch\u00f6nheit. Die Naturwissenschaften sind in ihrer Organisation und Planm\u00e4\u00dfigkeit sogar allen fr\u00fcheren Teogonien \u3008sic!\u3009und Kirchenorganisationen weit \u00fcberlegen, ihr Siegeslauf ist von einer unerh\u00f6rten Schnelligkeit; mit einer erschreckbaren Sturzgewalt zerst\u00f6rte sie tausendj\u00e4hrige Gedanken, alles aufsaugend und negierend.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Naturwissenschaften, das moderne System, sind rein negierende Kr\u00e4fte. [Die positiven Wissenschaften sind ja nichts als eine Revision] Sie stellen eine gr\u00fcndliche Revision alles Geschehenen dar und sind wie die historische Akribie eine kritische Disziplin. Selbst die technischen Triumphe dieses merkw\u00fcrdigen Zeitalters sind keine positiven Werte; sie negieren die Vergangenheit; sie sind unvergleichlich in ihrem gro\u00dfen Eifer, aufzur\u00e4umen, \u00bbaufzukl\u00e4ren\u00ab und zu ordnen; die wahren Gelehrten vom Schlage Jules Fabre und die gro\u00dfen chemischen Analytiker wissen das, eine Thatsache, die die Menge nicht erfahren darf um des \u00bbGlaubens\u00ab und der \u00bbPropaganda\u00ab willen. Der Menge mu\u00df immer ein Heil gepredigt werden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das gro\u00dfe Reinigungswerk der Wissenschaften ist auch noch nicht zu Ende gethan; aber ehe die kritische Besinnung der Menschheit vollendet sein wird, ehe wir vor dem Nichts, vor der letzten Negation stehen, m\u00fcssen und werden neue Lebensformen entstanden sein, \u2013 solche neuen Formen sind unser Weniger hohes, sehr fernes Ziel.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Heute gibt es \u00fcberhaupt keine Lebensformen; was wir heute davon schon scheinbar haben, ist wirklich Schein, Reform, erborgt, ererbt; wir leben gar nicht wirklich, da wir keine echten Formen des Lebens haben.<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Kunst\/L\/Marc-Schriften\" name=\"123\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/FranzMarc-e1621242809104.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84086 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/FranzMarc-159x300.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"300\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnerung wird zunehmend auf neue Technologien ausgelagert. Das Grundproblem der Erinnerungskultur (siehe auch: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/01\/01\/in-eigener-sache\/\">In eigener Sache<\/a>), der Zeugenschaft, der Autorschaft, ist die Frage: Wer erz\u00e4hlt, wer verarbeitet, wem eine Geschichte geh\u00f6rt? \u2013 <span data-offset-key=\"nqia-2-0\">\u201eKultur schafft und ist Kommunikation, Kultur lebt von der Kommunikation der Interessierten.\u201c, schreibt Haimo Hieronymus in einem der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/06\/05\/interim-kulturnotizen\/\">Gr\u00fcndungstexte<\/a> von KUNO. <\/span>Die ausf\u00fchrliche Chronik des Projekts <em>Das Labor<\/em> lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/10\/zukunft-braucht-herkunft\/\">hier<\/a>. Diese Ausgrabungsst\u00e4tte f\u00fcr die Zukunft ist seit 2009 ein Label, die <em>Edition Das Labor<\/em>. Diese Edition arbeitet ohne Kapital, zuweilen mit Kapit\u00e4lchen, meist mit einer gro\u00dfen k\u00fcnstlerischen Spekulationskraft. Eine \u00dcbersicht \u00fcber die in diesem <em>Labor<\/em> seither realisierten K\u00fcnstlerb\u00fccher, B\u00fccher und H\u00f6rb\u00fccher finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnstlerbucher sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I Jede Zeit hat [die Kunst, die es verdient] ihr Theater, jede das Ihre, jede ein anderes. Dem k\u00fcnstlerischen Tiefstand unserer Zeit entspricht der Tiefstand ihres Theaters. 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