{"id":8411,"date":"2013-02-03T00:03:48","date_gmt":"2013-02-02T23:03:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8411"},"modified":"2013-02-03T10:27:00","modified_gmt":"2013-02-03T09:27:00","slug":"eingeseifte-damonen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/03\/eingeseifte-damonen\/","title":{"rendered":"Eingeseifte D\u00e4monen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/BachmannCover1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8415\" style=\"border: 1px solid black;\" title=\"BachmannCover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/BachmannCover1.jpg\" alt=\"\" width=\"111\" height=\"200\" \/><\/a>Vor den Soaps im Fernsehen gab es die Soaps im Radio. Es waren Familienserien \u201ePension Spreewitz\u201c aus Westberlin, \u201eNeumann 2 x klingeln\u201c in der DDR und in \u00d6sterreich gab es \u201eDie Radiofamilie Floriani\u201c. \u00a0Die beiden erstgenannten konnte man vor nicht allzu langer Zeit im Sender Deutschlandradio Kultur in origineller Form wieder h\u00f6ren. Je eine Folge der Ost- und eine der Westserie wurden gekoppelt und leicht ironisch aus heutiger Sicht kommentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Florianis dagegen sind nun als Buch bei keinem geringeren als beim Verlag Suhrkamp erschienen. Nicht alle 330 Folgen, sondern die 15, die Ingeborg Bachmann geschrieben hat. Ja \u2013 Ingeborg Bachmann hat Soaps verfasst. Genau in der Zeit, als sie kometenhaft am deutschen Literaturhimmel erscheint. Kein Wunder also, dass sie selbst nirgendwo die Soaps erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glicherweise gibt es sogar diese Selbstzeugnisse, aber der private Nachlass Ingeborg Bachmanns ist bis zum Jahr 2025 gesperrt. Das ist noch eine Weile hin, und damit wir bis dahin die Bachmann nicht vergessen, d\u00fcrfen wir nun ihre Soaps lesen. Ich musste das tun, weil ich mich f\u00fcr diese Rezension entschieden hatte. Ganz ehrlich: ich bin dauernd eingeschlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist eine b\u00fcrgerliche Wiener Familie: Vater Hans ist der biedere Oberlandesgerichtsrat, der sich hin und wieder heimlich einen Wermut-Soda im Kaffeehaus genehmigt und seine Kinder mit Angeklagten verwechselt. \u00a0Mutter Vilma ist die grundg\u00fctige Hausfrau, hat immerhin irgendwann einmal zwei Semester Kunstgeschichte studiert \u00a0und die beiden Kinder Helli und Wolferl sind \u00a017 und 13 Jahre alt und zoffen sich untereinander oder mit ihren Eltern. Da ist der Bruder von Hans, Guido, der Bewegung in die Familie bringt, weil er abstruse Dinge erfindet oder sich f\u00fcr einen Habsburger h\u00e4lt. Die Alten verdrehen die Augen und leihen ihm immer mal Geld, die Kinder finden ihren Onkel toll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Wienern bereitete diese Familienserie gro\u00dfes Vergn\u00fcgen, auch, weil auf humorvolle Weise Diskussionen der Zeit verarbeitet wurden, wie die gemeinsame Erziehung von M\u00e4dchen und Jungen in einer Klasse. Geliebt wurde die Serie vor allem deshalb, weil deren Darsteller bekannte Wiener Schauspieler waren. Darauf weist auch die Wahl der Namen hin; die Figuren sind nach den Vornamen der Sprecher benannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was sollen wir heute mit diesen kleinen Streitereien anfangen. Wir fragen uns, wo waren die Florianis im Krieg? Die Kinder sind Jahrgang 1935 und 37, haben also den Krieg auch erlebt. Die ganze Familie hat keine Vergangenheit. Einzig dem Onkel Guido wird ein Mitl\u00e4ufertum nachgesagt, er war ein \u201ekleiner Nazi\u201c. Und aus dem kleinen Nazi ist dann ein komischer Vogel geworden? Und das soll sich Ingeborg Bachmann ausgedacht haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens jetzt muss der Mann genannt werden, dem wir dieses Vergn\u00fcgen verdanken:\u00a0 Joseph McVeigh ist Historiker und Germanist, Professor am Smith College in Northampton, er erforscht vor allem deutsche und \u00f6sterreichische Nachkriegsliteratur. \u00a0Er hat diese 15 Folgen der Radiofamilie herausgegeben und ein ausf\u00fchrliches anmerkungsreiches Nachwort verfasst. Anlass war, dass in den 1990er Jahren im Nachlass von J\u00f6rg Mauthe, Kollege und Mitverfasser der \u201eRadiofamilie\u201c,\u00a0 Typoskripte auftauchten, die eindeutig Ingeborg Bachmann zugeordnet werden konnten.<\/p>\n<div id=\"attachment_8418\" style=\"width: 202px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/220px-Brant_rock_radio_tower_1910.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8418\" class=\"size-medium wp-image-8418 \" style=\"border: 1px solid black;\" title=\"220px-Brant_rock_radio_tower_1910\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/220px-Brant_rock_radio_tower_1910-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/220px-Brant_rock_radio_tower_1910-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/220px-Brant_rock_radio_tower_1910.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8418\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: Wikipedia Sendemast in Brant Rock (Postkarte, um 1910)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Radiosendern kommt in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle zu. Die Besetzer nutzen sie zur Umerziehung und Demokratisierung der Deutschen, aber auch der \u201eMitl\u00e4ufer\u201c in \u00d6sterreich. In Wien gibt es einen russischen Sender und der amerikanische Sender \u201eRot Wei\u00df Rot\u201c setzt bewusst gegen die kommunistische Ideologie b\u00fcrgerliche, konservative, demokratische Werte. Es soll an den Vorkriegsstatus \u00d6sterreichs angekn\u00fcpft werden. Bei diesem Sender nun arbeitet Ingeborg Bachmann, nachdem sie 1950 in Wien \u00fcber Heidegger promoviert hat. \u00a0Zuerst als Sekret\u00e4rin, dann als Skript Writer. Es ist ein gut bezahlter Job. Sie \u00fcbersetzt, sie bearbeitet beispielsweise Franz Werfels Novelle \u201eTod des Kleinb\u00fcrgers und Thomas Wolfes Drama \u201eMannerhouse\u201c. Sie schreibt das H\u00f6rspiel \u201eEin Gesch\u00e4ft mit Tr\u00e4umen\u201c, das 1952 gesendet wird. Neben ihrer Arbeit beim Funk schlie\u00dft sie einen ersten Roman ab, der als verschollen gilt und schreibt Buchrezensionen, ein Essay \u00fcber Musil und nat\u00fcrlich &#8211; Gedichte. F\u00fcr die sp\u00e4ter unter Schreibblockaden leidende Bachmann sind diese fr\u00fchen 1950er Jahre die schaffensreichste Zeit. Ein halbes Jahr nach Beginn ihrer T\u00e4tigkeit beim Sender \u00a0wird sie von der Gruppe 47 eingeladen, ein Jahr danach erh\u00e4lt sie den Preis der Gruppe 47, wenige Wochen bevor ihr erster Gedichtband \u201eDie gestundete Zeit\u201c erscheint, direkt danach verl\u00e4sst sie den Sender und wird freiberufliche Schriftstellerin. Mit anderen Worten: Ingeborg Bachmann arbeitet in dieser Zeit konsequent und stringent an ihrer Schriftstellerkarriere. Die Redakteurst\u00e4tigkeit ist ein Brotjob. Und die \u201eRadiofamilie\u201c steckt in dem engen Korsett der Serie, die ideologischen Vorgaben kamen von den Amerikanern. Ob Bachmann an der Konzeption der Serie mitgearbeitet hat, ist noch nicht zu Ende erforscht. Und selbst wenn \u2026 \u00a0Das ist Handwerk, das sich die Skript Writer anhand einiger amerikanischer Handb\u00fccher selbst beigebracht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch McVeigh sieht in der Seifenoper mehr. Er sucht eine Verbindung vom Stil der \u201eRadiofamilie\u201c zu Bachmanns sp\u00e4terem Schaffen. Er nennt drei Aspekte: die positive Besch\u00e4ftigung mit dem b\u00fcrgerlichen Alltag, die Figur des Nazi-Mitl\u00e4ufers Guido und insgesamt den humorvollen Ton. Letzteres griff das deutsche Feuilleton in der Besprechung der \u201eRadiofamilie\u201c jubelnd auf: endlich eine humorvolle Bachmann, war da so oder \u00e4hnlich zu lesen. Man k\u00f6nnte McVeigh erwidern: Dass die Serie in einem altbackenen Wiener Humor gehalten ist, den auch Skript Writer Bachmann bedienen muss, geh\u00f6rt wohl zum Handwerk. Und dass Humor in ihren literarischen Werken nicht vorkommt, k\u00f6nnte auf diese Erfahrung zur\u00fcck zu f\u00fchren sein, dann w\u00e4re es eine Abgrenzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Malina.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8421\" style=\"border: 1px solid black;\" title=\"Malina\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Malina.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"184\" \/><\/a>Mc Veighs\u00a0 andere\u00a0 Behauptungen sind noch merkw\u00fcrdiger: So sieht er in der Figur des liebenswerten Spinners Guido eine Rehabilitation des besch\u00e4digten Vaterbildes der Bachmann und eine Vorwegnahme der Vaterfigur in \u201eMalina\u201c. Und schlie\u00dflich: der b\u00fcrgerliche Alltag sei das, wonach die Bachmann sich gesehnt h\u00e4tte.\u00a0 Er stellt die These auf:\u00a0 \u201eDie Dichterin (\u2026) bedient sich der relativen Anonymit\u00e4t des Mediums Radio, um auf diskrete Weise auch pers\u00f6nliche D\u00e4monen zu bannen.\u201c Die Ver\u00f6ffentlichung der \u201eRadiofamilie\u201c \u00a0sei ein erster Schritt (Achtung, da kommen also noch mehr!) zu einem \u201eneuen Verst\u00e4ndnis der Dichterin\u201c und ihrer Werke in den fr\u00fchen 50er Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gar nicht zu lesen ist bei McVeigh, dass der Rundfunk f\u00fcr die meisten Nachkriegsschriftsteller eine wichtige Einnahmequelle war. Viele Schriftsteller der Gruppe 47 arbeiteten f\u00fcr den Funk. Vieles von dem, was damals f\u00fcr den Funk geschrieben wurde, ist heute vergessen. Gebleiben sind die literarischen Formen des Funks: Essay (Arno Schmidt) und vor allem das H\u00f6rspiel (B\u00f6ll, Hildesheimer, Lenz, Eich, Aichinger), das in den 1950er Jahren eine heute unvorstellbare Bl\u00fctezeit erlebte, die Quote betrug Abend f\u00fcr Abend 30 bis 40 Prozent Zuh\u00f6rer! Der hochangesehene H\u00f6rspielpreis der Kriegsblinden war ein Ritterschlag, den Ingeborg Bachmann 1959 mit dem H\u00f6rspiel \u201eDer gute Gott von Manhattan\u201c empfing. Ein Teil ihres &#8218;g\u00fcltigen&#8216; Werkes entstand f\u00fcr den Funk. Die \u201eRadiofamilie\u201c allerdings hat Ingeborg Bachmann aus gutem Grund verschwiegen und dabei h\u00e4tte man es belassen sollen.<\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"color: #888888;\">* * *<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ingeborg Bachmann: <strong>Die Radiofamilie<\/strong>, herausgegeben von Joseph McVeigh, gebunden, 411 Seiten,\u00a0 24,90 Euro, ISBN: 978-3-518-42215-1 Suhrkamp Berlin 2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Wir danken Julietta Fix f\u00fcr die Cooperation.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor den Soaps im Fernsehen gab es die Soaps im Radio. 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