{"id":84085,"date":"2022-03-04T00:01:46","date_gmt":"2022-03-03T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84085"},"modified":"2023-06-17T08:09:32","modified_gmt":"2023-06-17T06:09:32","slug":"im-fegefeuer-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/04\/im-fegefeuer-des-krieges\/","title":{"rendered":"Im Fegefeuer des Krieges"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Am 4. M\u00e4rz 1916 ist\u00a0Franz Marc in einem sinnlosen Krieg bei Verdun gefallen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wir Krieger in diesen Monaten drau\u00dfen erleben, \u00fcberragt in weitem Bogen unsere Denk\u00adkraft. Wir werden Jahre brauchen, bis wir diesen sagenhaften Krieg als Tat, als unser Erlebnis werden begreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht sch\u00fcrfen die in der Heimat Verbliebenen schon ein paar Schichten tiefer in seinen Geheimnissen. Wir, die wir drau\u00dfen sind, immer Erwartungen und Befehle im Kopf, unerm\u00fcd\u00adlich reiten und marschieren, um dann ein paar Stunden zu schlafen wie die B\u00e4ren \u2013 wir k\u00f6nnen nicht denken. Wir k\u00f6nnen nur primitiv erleben; unser Bewu\u00dftsein schwankt oft zwischen zwei Fragen: Ist dieses tolle Kriegerleben nur ein Traum, oder sind unsere Heimatgedanken, die uns manchmal streifen, der Traum? Eher scheint beides ein Traum zu sein, als beides wahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir liegen an einem Waldrand mit unseren Munitionswagen; gewitterartig rollt der Kano\u00adnendonner am ganzen Horizont. \u00dcberall die kleinen Sprengw\u00f6lkchen; beides geh\u00f6rt schon zur Landschaft, wie auch das Echo, das jeden Schu\u00df verdoppelt weitertr\u00e4gt. Pl\u00f6tzlich ein Surren, das in einem ungeheuren Bogen \u00fcber uns weggeht, ungleich, in steten Schwingungen, \u00fcberge\u00adhend von hellem Pfeifen in tiefes Brummen; wie der hohe, weite Schrei des Raubvogels, immer kurz hintereinander, mit dem Eigensinn des Tieres, das keinen anderen Ruf kennt. Dann in der Ferne ein dumpfer Knall. Es sind schwere, feindliche Artilleriegeschosse, die \u00fcber uns wegrasen, nach einem uns unbekannten Ziel. Ein Schu\u00df zieht den anderen nach. Der Himmel steht im reinsten Herbstblau, und doch f\u00fchlen wir die hohen Rinnen, in denen die Geschosse ihn durch\u00adst\u00fcrmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Artilleriekampf hat selbst f\u00fcr den Artilleristen oft etwas Mystisches, Mythisches. Wir sind Kinder zweier Weltalter. Wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts erfahren t\u00e4glich, da\u00df alle Sage, alle Mystik, aller Okkultismus einmal Wahrheit wird, also auch einmal Wahrheit gewesen ist. Was Homer von dem unsichtbaren, donnergrollenden Zeus singt, dem fernhin\u00adtreffenden, und von Mars mit seinen unsichtbaren Pfeilen, wir haben es zu Wahrheit gemacht. Und doch sch\u00fctzt uns alles Wissen nicht vor dem mystischen Schauer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sagt uns, da\u00df das nahe St\u00e4dtchen vom Feind in Brand geschossen wird, also liegen wir wohlgeborgen unter dem Zenith der gro\u00dfen Gescho\u00dfkurve. Wir bleiben die Nacht in Stellung; das Sausen t\u00f6nt \u00fcber uns lautsingend durch die klare Nacht. Wir schlafen in unsere M\u00e4ntel ge\u00adh\u00fcllt. Die Pferde senken die K\u00f6pfe und ruhen im m\u00fcden Stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist ein jeder f\u00fcr sich und kann tr\u00e4umen, denken, wenn ihm der Schlaf die Gedanken nicht abrei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer kleinen Ecke unseres Bewu\u00dftseins gr\u00fcbeln wir vielleicht noch zwischen Wachen und Schlafen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum war ein gro\u00dfer Krieg weniger Rassenkrieg als dieser. Wo ist heute die germanische Rasse? Hat dieses Wort je ein gr\u00f6\u00dferes Fiasko erlebt? Man wird sich endg\u00fcltig daran gew\u00f6hnen, anstatt \u00bbgermanisch\u00ab das Wort \u00bbdeutsch\u00ab zu setzen; daf\u00fcr wird der deutsche Adler auch ein paar wuchtige Krallen mehr in sein Wappen bekommen; den neuen deutschen Adler m\u00f6chte ich gern zeichnen, wenn dieser Krieg einmal vorbei ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, wenn der Krieg einmal vorbei ist, was wird dann in Deutschland?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird es neben dem politischen Deutschland auch ein k\u00fcnstlerisches geben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben in den letzten Jahren vieles in der Kunst und im Leben f\u00fcr morsch und abgetan er\u00adkl\u00e4rt und auf neue Dinge gewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand wollte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wu\u00dften nicht, da\u00df so rasend schnell der gro\u00dfe Krieg kommen w\u00fcrde, der \u00fcber alle Worte weg selbst das Morsche zerbricht, das Faulende ausst\u00f6\u00dft und das Kommende zur Gegenwart macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch diesen gro\u00dfen Krieg wird mit vielem anderen, das sich zu Unrecht in unser zwanzig\u00adstes Jahrhundert hin\u00fcbergerettet hat, auch die Pseudokunst ihr Ende finden, mit der sich der Deutsche bislang gutm\u00fctig zufrieden gegeben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Drang der Deutschen, formbildnerisch Neues in Musik, Dichtung und Kunst aufzuneh\u00admen, war in der letzten Generation so gering, da\u00df man sich die schlechtesten und fadenscheinig\u00adsten Wiederholungen alter guter Kunstformen gefallen lie\u00df. Das Volk als Ganzes ahnte wohl den gro\u00dfen Krieg sicherer als der Einzelne und spannte alle seine Nerven nach ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst in solcher Wartezeit war nicht aktuell, Kunst als Volkstat unzeitgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das deutsche Volk ahnte, da\u00df es erst durch den gro\u00dfen Krieg gehen mu\u00dfte, um sich ein neues Leben und neue Ideale zu formen. Es behielt recht mit seinem Unwillen, in elfter Stunde neue Kunstideen aufzunehmen. Man s\u00e4t nicht feinen Samen, wenn ein Sturm am Himmel steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist schnell hereingebrochen und hat manche zarte Saat zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht, da\u00df viel von dem, was wir neuen Maler in Deutschland an ungewohnten Kunstformen vor dem Kriege geschaffen haben, Wurzel fassen konnte. Wir werden von vorn anfangen m\u00fcssen zu arbeiten; erst an uns selber in der Schule dieses gro\u00dfen Krieges, dann an un\u00adserem deutschen Volk. Denn wenn das gro\u00dfe Aufatmen kommt, wird der Deutsche auch wie\u00adder nach seiner Kunst fragen, ohne die er in keiner reifen Zeit war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war Bildner in der Gotik, Dichter und Musiker im neunzehnten Jahrhundert und wird wieder Bildner im zwanzigsten Jahrhundert sein. Wir Deutsche sind seit der Gotik formbildne\u00adrisch unsagbar arm geworden; wir besorgten anderes f\u00fcr die Welt; heute besorgen wir das Letz\u00adte: diesen entsetzlichen Krieg. Wer ihn drau\u00dfen miterlebt und das neue Leben ahnt, das wir uns mit ihm erobern, der denkt wohl, da\u00df man den neuen Wein nicht in alte Schl\u00e4uche fa\u00dft. Wir werden das neue Jahrhundert mit unserem formbildnerischen Willen durchsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele Gedanken Christi sind heute noch ungewu\u00dft, ungenutzt, verschwiegen. Jede Zeit hat ihren Christus, den sie verdient, und nimmt so viel aus diesem unersch\u00f6pften Born, als ihre Kr\u00fcge fassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gro\u00dfe Nazarener hat die Gesetze der Natur intuitiv erfa\u00dft. Seine bilderreiche Sprache hat neben unserem neuen erkenntnis-theoretischen Denken ihre Wucht nicht verloren. Seine tiefsten Gedanken wandeln noch parallel mit unserem Forschen; wir h\u00f6ren noch immer das Murmeln dieses lebendigen Quells neben uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In so wilden Tagen wie den unseren werden alle uralte Fragen neu gestellt, manche toten tot\u00adgesagten Fragen stehen auf aus ihren Gr\u00e4bern. Alle gro\u00dfen Ereignisse der Weltgeschichte sind gro\u00dfe Gerichtstage f\u00fcr die menschliche Erkenntnis. Die ehrw\u00fcrdigsten Meinungen und Glau\u00adbenss\u00e4tze werden neu gewogen. Was gestern galt, ist heute verpa\u00dft und abgetan. Nur die guten Dinge bleiben, die echten, inhaltsschweren, wahren; sie gehen gel\u00e4utert und gest\u00e4hlt durch das Fegefeuer des Krieges.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir Europ\u00e4er haben in jahrhundertelanger ernster, gemeinsamer Arbeit einen solchen ech\u00adten \u2013 nach Menschenwissen echten, wahren Schatz gehoben, ein Erbgut, das noch jeden Krieg \u00fcberdauert hat und an dem kein Rost nagt: die \u00bbexakten Wissenschaften\u00ab. Zum ersten und ein\u00adzigen Male ist dem menschlichen Geist das \u00bbAbsolute\u00ab gegl\u00fcckt: sich ein Reich zu schaffen, das \u00bbauch nicht von dieser Welt\u00ab ist und doch alles, was Welt ist, f\u00fchlend und ordnend durchdringt. Die Wissenschaften kennen keine nationale Schranken, die Politik hat keinen Raum in ihnen. Alle modernen Menschen, alle guten Europ\u00e4er stehen im Bann und Bunde dieses Reiches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen es nicht guthei\u00dfen, da\u00df dem Geiste dieses obersten europ\u00e4ischen Gewissens ent\u00adgegen einige deutsche Gelehrte mit gutem Namen etwas unternommen haben, das in Europa wie ein Signal zum Bannbruch wirken k\u00f6nnte: \u00bbsie verzichten in deutschem Nationalgef\u00fchl auf die ihnen durch Auszeichnungen von englischen Universit\u00e4ten, Akademien und gelehrten Ge\u00adsellschaften erwiesenen Ehren und damit verbundenen Rechte\u00ab\u00a0Das ist nicht gut. Hier wird auf dem freien Forum der Wissenschaft ein Zaun errichtet; er kann nicht lange stehen; denn die Wissenschaft ist st\u00e4rker, eine geistige Macht, die sich in das Unendliche dehnt; aber der Versuch ist eben darum nicht gut, weil er keine Zukunft in sich tr\u00e4gt. Alle nationale Erregung unserer Tage kann ihn nicht rechtfertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Feind steht nicht dort, wohin der Pfeil abgesandt wurde. Unser deutscher Kulturgeist und nationaler Impuls mu\u00df in ganz anderer Richtung aktiv und aggressiv werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soll der Krieg uns das bringen, was wir ersehnen und das in einem Verh\u00e4ltnis zu unseren Op\u00adfern steht \u2013 der Atem stockt vor dieser Riesengleichung \u2013, so m\u00fcssen wir Deutsche nichts lei\u00addenschaftlicher meiden als die Enge des Herzens und des nationalen Wollens. Sie verd\u00fcrbe uns alles. Wer hat, dem wird gegeben. Nur mit dieser Devise werden wir auch geistig die Sieger blei\u00adben und die ersten Europ\u00e4er sein. Der kommende Typ des Europ\u00e4ers wird der deutsche Typ sein; aber zuvor mu\u00df der Deutsche ein guter Europ\u00e4er werden. Das ist er heute nicht immer und \u00fcberall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Franz Marc eingezogen und fiel zwei Jahre sp\u00e4ter im Alter von 36 Jahren vor Verdun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/FranzMarc-e1621242809104.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84086 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/FranzMarc-159x300.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"300\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192 <\/strong>Einen\u00a0Nachruf von Else Lasker-Sch\u00fcler finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/03\/04\/franz-marc\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 \u00a0<\/strong>Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 4. 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