{"id":84066,"date":"2023-11-24T00:01:15","date_gmt":"2023-11-23T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=84066"},"modified":"2023-10-19T16:56:50","modified_gmt":"2023-10-19T14:56:50","slug":"tristram-shandy-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/24\/tristram-shandy-2\/","title":{"rendered":"Tristram Shandy"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Der Mann tr\u00e4gt eine Per\u00fccke. Sie ist ihm leicht verrutscht. Das gibt dem Bild den Charakter eines Schnappschusses und l\u00e4sst uns \u2013 schlie\u00dflich ist es ein Gem\u00e4lde, und da ist nichts dem Zufall \u00fcberlassen \u2013 dar\u00fcber nachdenken, was uns ein Maler sagen m\u00f6chte, wenn er der Per\u00fccke eines von ihm Portr\u00e4tierten eine leichte Schr\u00e4glage verpasst, und was in einem Portr\u00e4tierten vorgegangen sein mag, der sich dagegen nicht wehrt. Vielleicht wollen uns die beiden, Maler und Gemalter, in heimlicher Komplizenschaft darauf hinweisen, dass der, den wir hier sehen, die Konventionen zwar beherrscht, sich aber nicht von ihnen beherrschen l\u00e4sst. Oder dass er seine eigenen Konventionen hat. Dass er manchmal ein bisschen schr\u00e4g ist oder vielleicht ein bisschen wild. Im Dialekt von North Yorkshire gibt es f\u00fcr eine solche leicht wilde Schr\u00e4glage ein altes, damals schon sehr selten gebrauchtes Wort. Es lautet: <em>shandy<\/em>. Dieses Wort findet sich, sieht man genau hin, auf dem obersten der Bl\u00e4tter, auf denen der Ellenbogen des Mannes ruht. Nun l\u00e4sst sich noch mehr entziffern: and ions f Tristram Shandy.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Hans von Trotha<\/p>\n<div id=\"attachment_19943\" style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Gema\u0308lde-von-Joshua-Reynolds.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19943\" class=\"wp-image-19943 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Gema\u0308lde-von-Joshua-Reynolds.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"600\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Gema\u0308lde-von-Joshua-Reynolds.jpg 480w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Gema\u0308lde-von-Joshua-Reynolds-240x300.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19943\" class=\"wp-caption-text\">Laurence Sterne (1713-1768), Gem\u00e4lde von Joshua Reynolds, 1760<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut Friedrich Nietzsche war er <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19824\">Der freieste Schriftsteller<\/a>. Laurence Sterne, der vor 310 Jahren in Clonmel (Irland) geboren wurde. Hans von Trotha erinnert an den irischen Humoristen, der\u00a0 mit seinem Roman <em>The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman<\/em> 1759 einen Literaturskandal ausl\u00f6ste, weil der Autor alle Erz\u00e4hlkonventionen auf so k\u00fchne wie geistreiche Weise auf den Kopf stellt. Leben und Ansichten Tristram Shandys\u201c werden im Lauf der Handlung (?) aber kaum zum Gegenstand des Romans, sondern vielmehr die Ehefreuden seiner Eltern und das Liebesleben seines Onkels Toby.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Verfasser des \u201aTristram Shandy\u2018 zeigt uns die verborgensten Tiefen der Seele; er \u00f6ffnet eine Luke der Seele, erlaubt uns einen Blick in ihre Abgr\u00fcnde, Paradiese und Schmutzwinkel und l\u00e4\u00dft gleich die Gardine davor wieder fallen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heinrich Heine<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman besteht aus neun B\u00e4nden mit jeweils rund 40 Kapiteln. Einige der Kapitel enthalten Unterkapitel mit eigenen \u00dcberschriften, w\u00e4hrend andere Kapitel bewusst ausgelassen sind oder nur aus einer Zeile bestehen. Einige Kapitel sind rund 25 Seiten lang. Im neunten Band werden das 18. und 19. Kapitel zun\u00e4chst ausgelassen und dann nach dem 25. Kapitel eingef\u00fcgt. Die Typografie zeichnet sich durch Besonderheiten wie geschw\u00e4rzte Seiten, eingef\u00fcgte krakelige Linien und Auslassungen in Form von langen Sternchenreihen aus. Buchgestalterisch besteht die Besonderheit, dass auf Anweisung Sternes mittels im Text gesetzter \u201eAnweisungen an den Buchbinder\u201c einzelne Seiten mit marmorierten Buntpapieren beklebt werden mussten, sodass jedes Exemplar der Drucke unikale Bestandteile enth\u00e4lt.<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Auch heute noch, nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence Sternes \u201aThe Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman\u2018 das Urteil, da\u00df es zu den 10 gr\u00f6\u00dften B\u00fcchern geh\u00f6re, die bisher in englischer Sprache geschrieben worden sind.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Arno Schmidt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch handelt nur in geringem Ma\u00df von der Person des Ich-Erz\u00e4hlers Tristram Shandy, dessen Geburt erst am Ende des 3. Bandes beschrieben wird. Hauptpersonen sind vielmehr sein Vater Walter Shandy und sein Onkel Toby. Weitere h\u00e4ufig auftretende Personen sind der Korporal Trim, der Pastor Yorick und der Arzt Dr. Slop. Der Roman spielt zwischen den Jahren 1689 (dem Eintritt Trims in die Armee) und 1766 (der Gegenwart beim Schreiben des neunten Bandes).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Shandy-Br\u00fcder, Walter und Toby, zeichnen sich durch stereotype Verhaltensmuster aus. Der Landwirt und fr\u00fchere Kaufmann Walter Shandy nimmt die Wechself\u00e4lle des Lebens philosophisch. Als sein \u00e4lterer Sohn stirbt, trauert er nicht, sondern ergeht sich in philosophischen Betrachtungen. Auch die Ereignisse um Tristrams Geburt und Kindheit \u2013 die bei der Geburt eingedr\u00fcckte Nase, die missgl\u00fcckte Namensgebung und die unbeabsichtigte Beschneidung \u2013 sind Anlass f\u00fcr ausf\u00fchrliche Er\u00f6rterungen. \u201eEr hat f\u00fcr nichts eine praktische L\u00f6sung, aber f\u00fcr alles eine Hypothese parat\u201c.<sup id=\"cite_ref-3\" class=\"reference\"><\/sup> Unter anderem verfasste er die nach Tristram benannte Enzyklop\u00e4die <i>Tristrapaedia,<\/i> die aber unvollendet blieb. Toby Shandy, genannt \u201eOnkel Toby\u201c, ist ein ehemaliger Offizier, der im Schambereich verwundet wurde \u2013 bei der Belagerung von Namur (1695) \u2013 und aus dem Dienst ausscheiden musste. Sein Denken ist den Kriegserlebnissen verhaftet. Mit seinem treuen Begleiter Trim, ebenfalls ein Kriegsveteran, baut er Festungsanlagen nach und spielt vergangene und aktuelle Kriegsgeschehnisse nach. Mit seiner einf\u00e4ltigen, aber herzlichen Denkungsart unterscheidet sich Onkel Toby von seinem Bruder. Beide geben aber Anlass zu zahlreichen Anz\u00fcglichkeiten im Text.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Erz\u00e4hlsequenzen stehen neben vielen anderen Themen: die Geschehnisse rund um Tristrams Geburt sowie das h\u00f6lzerne Steckenpferd Onkel Tobys und sein Werben um die Witwe Wadman. <sup id=\"cite_ref-kohl_2-1\" class=\"reference\"><\/sup>Der siebte Band steht au\u00dferhalb der \u00fcbrigen Handlung und behandelt eine Reise Tristrams nach Frankreich und Italien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der Titel ist als Parodie lesbar, n\u00e4mlich auf das Werk \u00fcber <i>Leben und Lehren ber\u00fchmter Philosophen<\/i> des griechischen Schriftstellers Diogenes Laertios. Verzichtet wird im Roman sowohl auf die chronologische Szenenfolge, die zu dieser Zeit weitgehend \u00fcblich war, als auch auf eine stringente Handlungsf\u00fchrung. Stattdessen werden abschweifende Assoziationen verfolgt und zugelassen und somit formale Innovationen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts wie etwa der <i>Bewusstseinsstrom<\/i> vorweggenommen. In einer Umbruchszeit der Schriftstellerei, die mit der Industrialisierung und der Aufl\u00f6sung der poetischen Ma\u00dfst\u00e4be der franz\u00f6sischen Klassik einhergeht, erscheint der Roman als Satire auf neue, sich erst entwickelnde Genres wie den Entwicklungsroman und die Autobiografie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman arbeitet mit der Verschr\u00e4nkung unterschiedlicher Zeitebenen. So wird im 21. Kapitel des ersten Bandes ein Satz von Onkel Toby begonnen, der erst im sechsten Kapitel des zweiten Bandes fortgesetzt wird. Ein wesentlicher Teil der erz\u00e4hlten Zeit spielt vor der Geburt Tristrams und behandelt etwa die Problematik der Taufe des Kindes im Mutterleib (bei schwierigen und gef\u00e4hrlichen Geburten), die Auswirkung von Namen auf das Leben ihres Tr\u00e4gers und die geburtshelferischen F\u00e4higkeiten der Hebamme und des Arztes. Ein weiterer Teil behandelt ein Steckenpferd des Vaters, die Nasenforschung, sowie die Notwendigkeit von Hobbys \u00fcberhaupt. Der neunte Band des Romans spielt zeitlich vor dem ersten Band.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201c\u2026 the machinery of my work is of a species by itself; two contrary motions are introduced into it, and reconcile, which were thought to be at variance with each other. In a word, my work is digressive and it is progressive, too,\u2013 and at the same time.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201e[Dieser Kunstgriff] macht die Maschinerie meines Werkes zu einer ganz eigent\u00fcmlichen; sie erh\u00e4lt dadurch zwei entgegengesetzte Bewegungen, die sich doch wieder vereinigen, w\u00e4hrend man h\u00e4tte glauben sollen, da\u00df sie einander st\u00f6ren w\u00fcrden. Mit einem Wort, mein Werk schweift ab und kommt doch vorw\u00e4rts \u2013 und zwar zu gleicher Zeit.\u201c<\/p>\n<div class=\"Vorlage_Zitat\">\n<div class=\"cite\" style=\"text-align: right;\">\u2013 <cite><i>Tristram Shandy<\/i>, Band I<\/cite><\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman reflektiert sowohl seine eigene Wirkung auf den Leser als auch die Schreibmotivation und die Situation des Schreibenden. Darin ist er zugleich ein Vorreiter der sp\u00e4ter von August Wilhelm Schlegel als <i>romantische Ironie<\/i> bezeichneten Schreibweise. In seinem Werk <i>Die Romantische Schule<\/i> (geschrieben 1832\/33) hebt auch Heinrich Heine diesen Roman als brillant und innovativ hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joaquim Maria Machado de Assis verwendet in seinen fiktiven Memoiren des Bras Cubas (1880) \u00e4hnliche Stilmittel wie Sterne im <i>Tristram Shandy<\/i>, was von der Bewunderung f\u00fcr dieses Werk au\u00dferhalb Englands zeugt \u2013 und zwar zu einer Zeit, als es dort durch die Brille einer viktorianischen Moral betrachtet als unanst\u00e4ndig galt. F\u00fcr die Literaturtheorie von Wiktor Schklowski und die russischen Formalisten wurde es ebenso bedeutend wie als Vorlage zahlreicher anderer Bouffonnerien.<\/p>\n<div class=\"article-details-text u-space-bottom-xl\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Laurence Sterne ist einer der k\u00fchnsten Experimentatoren der Gattung Roman. Ich sch\u00e4tze seine eigenwillige und radikale Konzeption.<br \/>\n<\/em><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">A.J. Weigoni<\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gilt <i>Tristram Shandy<\/i> als Vorl\u00e4ufer der sogenannten experimentellen Literatur, in der das, was erz\u00e4hlt wird, mit der Art und Weise, wie erz\u00e4hlt wird, gleichberechtigt ist. F\u00fcr KUNO beginnt mit diesem Buch die literarische Moderne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>A Sentimental Journey<\/strong>. Laurence Sterne in Shandy Hall, von Hans von Trotha. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Mann tr\u00e4gt eine Per\u00fccke. Sie ist ihm leicht verrutscht. 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