{"id":83860,"date":"2003-09-02T00:01:12","date_gmt":"2003-09-01T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83860"},"modified":"2023-10-18T15:34:21","modified_gmt":"2023-10-18T13:34:21","slug":"terres-revised","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/02\/terres-revised\/","title":{"rendered":"Terres (revised)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Verblutung<\/em>. Wer an das G\u00f6ttliche glaubt, glaubt doch nur an sich selbst, sagt Terres, der Orgler, der Glasperlenspieler und Komponist des Selbstgesangs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Herbst war die neue Orgel fertig, gebaut nach seinen Pl\u00e4nen. Eine Orgel ist eigentlich nie gro\u00df genug, dachte er. Die Musik kommt da hin, wo sonst nichts mehr hinkommen kann. Terres denkt an das Nichts. Ich will versanden. Gebt mir den kleinen Stoff, der mich ins Nichts hineinrauscht. Ich will nicht mehr. Der Tod liegt auf meiner Wirklichkeit. Terres sp\u00fcrt, wie das Nichts zu ihm kommt, das er so oft schon ersehnte. Morgen bin ich tot \u2013 eleison! Ich habe nichts verloren, wenn ich tot bin. Das dachte er Tag f\u00fcr Tag, wenn er seine Augen an die Fassaden der Kathedralen heftete und ihr Ma\u00dfwerk in Musik verwandelte. Mein Licht wird immer matter, aber ich brenne, ich schreibe, schreibe, schreibe, damit ich nicht ganz untergehe, wenn ich verasche, ich schreibe die Noten gegen das Nichts, meine Blutkritzeleien, bevor die Augen wegrollen, bevor mein Hirn vertrocknet. Terres will sterben, aber wenn der Tod ihn einlud \u2013 komm mit, du Schl\u00e4fer in deiner Orgel, die so viel Luft braucht, du Peitscher, Tonfarbenmischer du, Mixturenschl\u00e4ger, ach, glaubst du wirklich, dass ich dich erschlage \u2013, dann wollte er nicht sterben, nicht jetzt, nicht so. Gestern war ich in der Zukunft, denkt er. Heute bin ich zur\u00fcck. Ich wei\u00df nicht, wo ich bin. Ich will nicht leben, ich will tot sein, weil ich nicht elend verrecken will, mich hat keiner gefragt, ob ich leben will. Mein Fleisch verfault, die Augen sind tr\u00fcb. Ich habe Angst, ich verstinke. Nach der Ewigkeit liege ich bei den Irrt\u00fcmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gedanke schie\u00dft ihm durch den Kopf, dass er genauso ungefragt wieder geht, wie er gekommen war. Nur der Kopf, nicht der K\u00f6rper, nicht die faulenden F\u00fc\u00dfe, nicht die gezeichnete Haut, nur das, was in ihm dachte, fand, erfand, erschuf, das soll sein \u2013 eine musikalische Chiffre f\u00fcr den Schluss. Terres schl\u00e4gt ein Buch auf, sucht einen trockenen mathematischen Cantus\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Gott tut, das ist wohlgetan; | es bleibt gerecht sein Wille. | \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Text ist ihm egal, die Melodie klingt stark. Ich schreibe jetzt das Letzte, das ich sagen kann, von meiner Hirnschwarte runter. Die G\u00f6tter tropfen von der Leine. Bald bin ich tot und schweige\u2026 Er kritzelt den Chorsatz nieder. Ich muss die Noten sauber schreiben, kopieren und jemandem bringen. Terres geht in die Nacht. Er tr\u00e4gt nur seine Haut. Und die Noten. Das ist alles so ein ungeheurer Scherz, denkt er, die werden alle glauben, wenn ich tot bin, dass ich in meiner letzten Stunde auf einmal angefangen habe zu glauben, zu glauben, wo Gott schon tot war, als er geboren wurde, und dass ich fromm geworden bin auf der Zielgeraden \u2013 weit gefehlt, da irren sich alle, und so entstehen die Legenden, die alle falsch sind, immer. Gott verschwindet, sage ich, noch nicht einmal in meiner Musik, denkt Terres, weil nicht verschwinden kann, was es nicht gibt &#8211; au\u00dfer mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Brandschlaf<\/em>. Eines Tages \u2013 Terres schl\u00e4ft ein in den Noten, nur der Kopf schaut heraus \u2013 besucht ihn der Ausl\u00f6scher und will die Bl\u00e4tter anz\u00fcnden. Aber nichts brennt. Terres wacht auf. Steigt aus dem Papier. Er brennt, die Flammen schie\u00dfen wie bei einem Feuerschlucker, der ausatmet, zu den schwarzen Tasten des Klaviers. Aber die brennen auch nicht. Terres wird zum Feuerofen, immer roter, die Hand schreibt Noten in die Luft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres stirbt Tage und N\u00e4chte, das Haus gl\u00fcht und die Papiere kr\u00fcmmen sich, aber sie brennen nicht. Aus den Fenstern spr\u00fcht das Licht der Musik wie ein feiner roter Nebel. Mitten in der Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ganze Ort str\u00f6mt zusammen auf dem Platz vor der Kirche. Die Menschen summen leise, dann steigt der Ton, ein gro\u00dfes Halleluja dr\u00f6hnt aus den Notenbergen, die Terres schrieb, alle Werke t\u00f6nen aus tausend Kehlen, eine Tausendfuge, geschmolzene Polyphonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres tritt ans Fenster im ersten Stock. Da steht er und glimmt. Von innen kommt das Schwarze und greift nach dem Rot, stopft das Maul ihm und schn\u00fcrt den Hals zu. Terres schluckt das eigene Feuer. Ich saufe die Funkenbr\u00fche hier, denkt er, und wei\u00df nicht, ersticke ich oder ertrinke ich nun, oder ist es dasselbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bilder trennen sich von den Inhalten \u2013 die Musik ist gel\u00f6st von allen Bildern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen stampft die Masse auf dem Platz mit den Beinen im Rhythmus des Atems, Schluck um Schluck zuckt das Feuer d\u00fcnner im Hals, Terres verliert den Halt auf den F\u00fc\u00dfen, st\u00fcrzt nach vorn, h\u00e4ngt mit dem aschenen K\u00f6rper \u00fcber der Fensterbank \u2013 bis der Rumpf nach unten f\u00e4llt, vor die Stufen der schwarzen Haust\u00fcr, die schon verkohlt war, ehe sie nun noch einmal brennen muss. In diesem Moment stehen sie still, alle, der Gesang erstickt, die Beine ertrinken im Schritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Verwurstung<\/em>. In der Wurstfabrik. Hier werden die Leiber aufgestallt, das sehen Sie dann. Wir gehen jetzt immer von einer h\u00f6heren in die niedrigere Hygienestufe. Auf der h\u00f6chsten kommen die W\u00fcrste fertig aus der Maschine. Die Verpackerinnen ber\u00fchren sie kurz mit wei\u00dfen Handschuhen. Auf einem Aussichtssturm sitzt ein Mann und \u00fcberwacht die Packerinnen. Dann steigen wir hinunter. Kompliziert vernetzte F\u00f6rderschienen, zahllose rohe Fleisch-st\u00fccke schweben durch den Raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres schaut von oben auf das Schienengeflecht, M\u00e4nner, die wei\u00dfe H\u00fcte tragen und jedes Fleischst\u00fcck mit Messern \u00f6ffnen. Hier sehen Sie die Schlachth\u00e4lften, sagt der Schlachtmeister. Viel L\u00e4rm, Motors\u00e4gen, Haken, die aufs Blech knallen, Schlachth\u00e4lften baumeln an Haken in langer Reihe. Auf dem F\u00f6rderband grob behauene St\u00fccke, Arbeiterinnen entknorpeln H\u00fcftknochen in ein Bodenloch. Wurstfleisch aus der Feinzerteilerei. Br\u00fchkessel. Vom Band tropfen feuchte St\u00fccke. Der Boden glitschig \u2013 d\u00fcnner Film zermalmter Schnecken. Karren voller roter Chips. Blutplasma, sagt der Schlachtmeister. In der Halle schreie ich, ich sehe Dampf. Der kommt aus dem Fleisch, das ist die W\u00e4rme nach der Zerteilung. S\u00e4gen kreischen, Dampf br\u00fcllt, Wasser zischt. Dann die Borstenbrennmaschine \u2013 aus der Trommel kommt der L\u00e4rm der Schlachtk\u00f6rper, die rotieren \u00fcber der Gasflamme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres denkt, hier ist alles wie Glas, alles ist klar, ich sehe mir an, wie sie mich verwursten, aber wenn sie mich verwursten, verwursten sie sich selbst. Die sind auch nur aus Fleisch. Zum Ende\u2026 Zum Ende alle Dinge so betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erl\u00f6sung sich darstellen, das ist es! Erkenntnis hat kein Licht! Mein Gott, der Schlachtmeister, sch\u00f6n bist du, agios o theos, sanctus Deus, sanctus fortis, agios ath\u00e1natos, el\u00e9ison imas, sanctus immortalis\u2026 Wie sch\u00f6n bist du, Schlachtmeister, ich will deine Haut streicheln. Du bist sch\u00f6n, dulce lignum, so sch\u00f6n, ich will dich, denkt Terres, als er zusieht, wie der Schlachtmeister die Risse und Schr\u00fcnde offenbart, ohne Willk\u00fcr und Gewalt, ganz aus der F\u00fchlung mit den Gegenst\u00e4nden heraus. Darauf allein kommt es dem Denken an, denkt Terres. Die Technik in dieser Fabrik ist das Allereinfachste. Terres ahnt, wie sie, einmal ganz ins Auge gefasst, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschie\u00dft. Er erkennt nun den Schlachtraum als Kirche seines Lebens. Vor ihm steht der junge Schlachtmeister, den er liebt, der nichts wei\u00df von dieser Liebe. Durch den zarten Leib mit Wut * bohr ich Dorn und Nagel * Wasser flie\u00dft heraus und Blut * Erde, Meere, Sterne, Welten * waschen sich in dieser Flut. Terres ist hei\u00df, das Blut steigt ihm zu Kopf. Ich allein bin ausersehen. Das ist mein Schlachtaltar. Das ist meine Arche, da bin ich dem Untergang entrissen. Schlachtmeister, spanne dein Glied aus auf zartem Schaft! Aber es ist ganz unm\u00f6glich. Ich will ihn ber\u00fchren, ich will eine Antwort vor der letzten Verneinung, aber er schaut gar nicht zu mir hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sp\u00fcre: Je leidenschaftlicher ich mich gegen mein Bedingtsein abdichte um des Unbedingten willen, umso bewusstloser falle ich. Ich wei\u00df nicht, was ich mehr liebe, die Musik oder die Menschen. Jetzt sehe ich nur noch Symbole, alt bin ich, wo ich kaum noch sehe, was ich sehe. Wie sch\u00f6n die dreigeteilte Schlachtbank! Die Technik der T\u00f6tung ist die Theologie unserer Zeit. Ich bin Abraham! Ich bin Isaak! Ich t\u00f6te mich. Meine eigene Unm\u00f6glichkeit muss ich noch begreifen um der M\u00f6glichkeit willen. Ob ich mich erl\u00f6sen kann, ist mir egal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier werden die St\u00fccke gewaschen, sagt der Schlachtmeister, hier schlittern sie aus der Borstenbrennmaschine, hinter dieser T\u00fcr. Sind da Haare? Terres! Ist das Blut? Diese ernste Halle ist nur eine Naht zwischen Fleisch und Tier, ein \u00dcbergang. Hier sehen Sie, wie der Arbeiter die Augen aussticht, gleichzeitig h\u00f6ren wir die Schlachtung. Was ist denn das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00f6nigin der Nacht, sagt der Schlachtmeister, spitze Koloraturen im Spr\u00fchregen der Sprenkleranlage. Sanft berieselt sollen sie entspannt auf die Schlachtbank, wir wollen Qualit\u00e4tsfleisch. Da ist die Bet\u00e4ubungsbucht. Hier das Schlachtband, eine R\u00f6hre. Schreie aus den Bet\u00e4ubungsk\u00f6rben. In der R\u00f6hre bewegen sich zwei Leiber vorw\u00e4rts, stauen sich, warten, r\u00fccken vor. Zwei bewusstlose Schlachtk\u00f6rper rutschen auf ein Blech. Zu eng. Manchmal kriecht der eine K\u00f6rper auf den R\u00fccken des anderen. Sie laufen ins Helle. Ich renne weg, schwebe in den Schacht zum Kohlendioxyd-See, in dem ich versinke. Ein Arbeiter schl\u00e4gt mich mit dem Morgenstern. Die Dornen sind stumpf, sagt der Schlachtmeister. Ich kr\u00fcmme mich, kann nicht zur\u00fcck und nicht nach vorn. Dann bin ich wieder wach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres steht hinter dem Schlachtmeister. Ich stehe hinter dir. &#8212; Terres! Was tust du da! Terres! Agios o theos! Terres st\u00f6\u00dft den Schlachtmeister in den Schacht. Es war\u2026 Es war, als h\u00e4tt die Erde, ich wei\u00df nicht was ich tat, den Himmel totgek\u00fcsst\u2026 Ich wei\u00df nicht, was ich tu. Kyrie el\u00e9ison.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schlachtmeister: Sehen Sie, dieser Mann h\u00e4ngt die Bet\u00e4ubten auf. Er treibt einen Haken durch die Fu\u00dfgelenke. Vita tollitur. Kopf\u00fcber baumeln die Bewusstlosen an der F\u00f6rderschiene in den Tod. Ein anderer Arbeiter steckt ihnen den Schlauch mit der Speerspitze in den Hals. In den Schlauch verbluten sie. Er nimmt die Lanze jetzt wieder raus. Blut sprudelt \u00fcber seine H\u00e4nde. \u00dcber einem gekachelten Trog h\u00e4ngen die Geschlitzten, rote F\u00e4den am Hals. Terres erschrickt nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, sagt der Schlachtmeister, ich darf Sie jetzt bitten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vers\u00fclzung<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Ich bin f\u00fcr mich die letzte Instanz<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist auch eine Kunst, denkt Terres, als er sich in den Auslagen der Metzger sieht. Die Farbe des Fleischs in den gek\u00fchlten Glastheken ist die Farbe meiner Kunst. In der ganzen Stadt verkaufen sie Terres-W\u00fcrstchen. Das Fressen ist die Hauptsache im Leben. Aber das Fressen ist nur ein Weglaufen vor dem Tod, genau wie die Arbeit des K\u00fcnstlers, meine Arbeit. Da haben sie mich nun verwurstet und fressen mich noch einmal auf&#8230; Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das wusste er schon lange. Wieviel Brot habe ich gebraucht in meinem Leben? Er geht auf die Kirche zu. Die F\u00fc\u00dfe tun ihm weh. Er geht zu seiner Orgel. Die ist mein bestes Bett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Altar steht der Kopf. Terres ahnte, was er da sieht, da steht der Kopf, der Priester hat alles vorbereitet, T\u00f6pfe, Schalen, L\u00f6ffel, Messer, Gew\u00fcrze, alles steht auf dem wei\u00dfen Stein. Dar\u00fcber das Kreuz. Das ist mein Kopf! Terres greift mit der Hand zum Hals, dann l\u00e4sst er die Hand ruhen. Ich will es nicht wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man nehme einen Kopf, sagt der Priester, als er den eisernen Gro\u00dftopf auf das offene Feuer stellt \u2013 er nimmt doch nicht das ewige Licht? \u2013 und mit dem Messer das Maul und die Fettbacken ausschneidet, mit dem Schlagbeil die Ohren abhackt, die Hirnschale ausgie\u00dft, Zwiebeln zugibt mit Nelken und Lorbeerblatt, w\u00e4hrend der Ministrant zur Rechten aus seiner kleinen Hand die Senfk\u00f6rner sch\u00fcttet, der Ministrant zur Linken einen gestrichenen L\u00f6ffel mittleren Knatsch einr\u00fchrt, bis das Salzwasser kocht, aufsch\u00e4umt, verdammt, Terres sieht nichts mehr, das Ohrl\u00e4ppchen setzt an, das absolute Ohrl\u00e4ppchen!, flach auf den Grund des Topfs gepresst. Aber da sch\u00f6pft der rechte Ministrant mit der Schaumkelle den grauen Seim ab, um Klarheit zu schaffen, die Gerinnung des Knatschs, diese ohnm\u00e4chtige hormonische Passion, die den Schaum verw\u00e4ssert, wenn wir sie nicht schnell und beherzt einr\u00fchren. Zwei \u00c4pfel, gesch\u00e4lt, Exstirpation des Kerngeh\u00e4uses, zerscheibt und unverzuckert, wirft der linke Ministrant ins K\u00f6cheln, sticht probeweis ins fett gebackte Kopffleisch, sammelt die auf dem Topfgrund klopfenden Z\u00e4hne ein, gefallen aus bl\u00fchendem Zahnbett. Gelee gebiert sich w\u00e4hrenddessen aus der Haut der Ohren, spaltger\u00e4ndert und, gemischt mit Splittern vom Klitter der Knochen, w\u00e4chst sandig knirschender Schleim geplatzter Pupillen, Mund und Rachen sch\u00e4len sich, unschnittiger Knorpel gallertiert und will, geschabt vom Messer, ein letztes Wort, doch schn\u00fcrt die immer noch hornige Luftspeiser\u00f6hre den Knatsch noch fester zu, obwohl &#8211; das gew\u00fcrfelte Fleisch der Weichteile, das gesammelte Fett im Gurkenbad, im Pfefferwind, im Zwiebelsud und Kapernschock, der langsam eingedickte Knatsch begehrt sich selbst und will, dass es sich m\u00f6glichst hoch verliert.\u00a0 Nimm auf die makellose Gabe!, denkt Terres, als er sieht, wie der Priester, den er verachtet, den Gro\u00dftopf von der kleinen Flamme hebt, f\u00fcr die unz\u00e4hligen Beleidigungen und Nachl\u00e4ssigkeiten, lebende und abgestorbene, die ihr mir zuf\u00fcgtet, als ich noch unter euch weilte. Ich bin nicht euer Engel im Bett, ich schlafe nicht mehr mit euch. Das ist vorbei. Der Priester gie\u00dft ein wenig Wasser in den Topf, dessen Inhalt sich unsichtbar verwandeln wird. Da opfern sie den Topf mit unzerknirschten Herzen \u2013 meine Kopfs\u00fclze! Das kann mir nicht gefallen, wie sie mich fressen! Du dummer Topfheiliger!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres steigt zur Orgel hoch, accendat tempestatem!, und mitten in das unheilige Opferspiel bl\u00e4st er den Sturm, bl\u00e4ht alle Segel des Schiffs, bis sich die Masten biegen. Das Feuer erlischt \u2013 so sehr tanzt Terres auf dem Pedal, die Schmerzen fliegen weit hinaus ins Freie, die dicken Pfeifen schreien das NEIN zum falschen Herd, und nun vibriert alles \u2013 Sch\u00fcsseln, L\u00f6ffel, Kellen, Messer h\u00fcpfen \u00fcber die Opferplatte, im Topf zappelt die S\u00fclze, springt hoch in die Luft, und schon steht ein Fu\u00df auf ebner Bahn, der andere w\u00e4chst ganz schnell dazu, o Gott, verdirb mich nicht zusamt den S\u00fcndern, noch auch meinen Tod, denkt Terres, und es wachsen aus dem Kopf H\u00e4nde, die stopfen den Mund des Priesters, nimm hin!, und setzen eine T\u00fcr rings um seine Lippen, dass nicht sein Herz sich neige zu b\u00f6sen Worten. Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Cis<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Ich hatte das h\u00f6chste Amt, ich schwebte immer \u00fcber allen K\u00f6pfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitten in der Nacht steht der Tote auf. Sie haben mich geschlachtet, verwurstet, jetzt sind sie mich los, glauben sie, sie glauben immer das Falsche. Ich bin immer da. Auch wenn ich nicht da bin, bin ich da. Er geht \u00fcber den Kirchplatz auf das Westwerk zu, von dem er seine Musik ablas, die er ins Ma\u00dfwerk hineinh\u00f6rte. Die Weihrauchschwenker wollten diese Musik nicht, sie st\u00f6rte den M\u00e4rchencharakter der una sancta ecclesia. Terres spielt auf der Orgel von St. Peter zu S. Mitten in der Nacht sollen sie alle das Wunder h\u00f6ren, das eigentliche Wunder, das er in den Falten der alten Kirche aus reiner Luft erschafft. Meine Orgel ist ein Wunder, ein bares Gesamtkunstwerk. Solange kein Klempner sich an ihr vergreift, kein falscher Organist, erklingt das Wunder, das ich ihr einhauche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres spielt Worte und Zahlen auf seiner Orgel. Wie herrlich klingt das Wort Nichts. Es gibt auch eine Flucht vor der Flucht aus dem Leben, denkt er, meine Flucht aus der Welt ist meine Bewegung zum Leben hin, die einzige M\u00f6glichkeit zu sein, was ich bin. Aber was ich bin, sagt mein Werk nur eine kurze Weile in dieser h\u00f6llischen Ewigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres spielt so kraftvoll, dass seine Glocke dem Pfarrer, als der vom sch\u00f6nen L\u00e4rm, der die Kirche und den ganzen Platz erhellt, herbeieilt aus seiner armen Nacht, \u00fcbers Haupt f\u00e4llt &#8211; \u201eTerres cum alibus civibus campanam condidit\u201c, steht am Metall, das nicht zerspringt. Cis macht die Glocke, als sie den Pfarrer einkerkert, dem nun die Luft ausgeht, der mit sich und seinem letzten Amen ganz allein ist, das keiner mehr h\u00f6rt. Cis, murmelt Terres, das fromme Gesocks, diese Weihwasserasseln! Die Pfeifen z\u00fcrnen immer schriller. Alles bebt unter den neuen Registern, die der Tote spielt, die Masten des steinernen Schiffs splittern, die Scheiben fliegen aus den Fenstern weit \u00fcber die Stadt. Dann kracht der Bau zusammen, nur die Westfassade bleibt stehen, hinter der die Orgel auf gotischen Pfeilern noch immer rast. Meine Musik ist ein Reigen permanenter Orgasmen, denkt Terres, als die Spermien auf die Stadt nieder nieseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da endlich kommt Gott. Er hat ein schlechtes Gewissen. Terres traut seinen Augen nicht. Der da, was macht der da, das ist eine Fata Morgana, wo bin ich? Aber als die Trompeta magna aus dem Pfeifenwerk der Hauptorgel sich l\u00f6st, zischend nach unten saust und Gott erschl\u00e4gt, ist alles wieder gut. Jetzt kann ich mich wieder hinlegen, sagt Terres, es ist vollbracht. Unser Leben ist, wenns hoch kommt, ein Seiltanz, im besten Fall ein Gleichnis des Scheiterns. Aber wer scheitert, hat gelebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fra\u00df<\/em>. Am Tag nach der Himmelfahrt feiern die Bewohner der Stadt S. das gro\u00dfe Mahl inmitten der Kirchenruine. Sie wollen die Kirche nicht wieder aufbauen, die Ruine solle so stehen bleiben, wie sie ist, zumal sie jetzt viel sch\u00f6ner aussieht als vor dem Einsturz. Die Orgel bleibt unversehrt! Terres ist tot, Gott ist tot, wer soll nun auf der Orgel spielen? Die Musik war eingefroren, das Eis klingt weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00f6hepunkt des Abends ereignet sich, als die Kopfs\u00fclze aufgetragen wird, der Schmaus oder, wie sie hier zu sagen pflegen, wenn ein schwieriger Fall abgeschlossen war, der Knatsch \u2013 der S\u00fclzkopf, der Knatschkopf, der nach dem gro\u00dfen Fressen, wie so gesagt wird, gegessen war, die L\u00f6sung einer unl\u00f6sbaren Frage. Die unl\u00f6sbare Frage war Terres, zeitlebens, er war der Knatsch, der nun endg\u00fcltig gegessen ist: Diese entsetzliche Musik, die er auf der Orgel spielte, bis die Seelen quietschten, die immer erst ge\u00f6lt wurden, wenn es schon zu sp\u00e4t war. Terres spielte sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen in ungedachte R\u00e4ume. Die Atmosph\u00e4re wusch sich, wenn die Orgelf\u00fcrze in die Kirche knallten, die Schlachthalle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Messdienerin tragen Terres hoch \u00fcber ihrem Kopf zum dreigeteilten Tisch, auf empor gestreckten H\u00e4nden ruht das steinerne Tablett, auf dem die S\u00fclze zittert, das Haupt aus Fleisch und Blut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was denkt dieser Kopf? <em>Er sagt nein.<\/em> Er wackelt hin und her. Erinnert sich. <em>Nein<\/em>. Erst haben sie mir die Ohren und Fettbacken angehackt, das Hirn ausgenommen, jetzt denkt es woanders und ganz versprengt. Jetzt will ich meine H\u00e4nde wiederhaben, meine Orgel reiten, dass sich die S\u00e4ulen biegen und der Raum nach innen platzt, wenn ich die Abgr\u00fcnde \u00f6ffne, die mich verschlucken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Elegie<\/em>. Alle B\u00fcrger der Stadt bekommen die gro\u00dfe Flattulenz \u2013 eine wunderbare Fernwirkung des gro\u00dfen Fressens in der Orgelst\u00e4tte \u2013, bis ihnen das Heilige \u00fcber den Scho\u00df l\u00e4uft, das Obsz\u00f6ne, die Kehrseite des Heiligen, das Wunder der Verf\u00fchrung, aber das geschieht nie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissen Sie, den Realit\u00e4tssinn und Pragmatismus unserer Stadtbewohner nenne ich eine Flucht in die Arme des Todes mitten im Leben, pfui Teufel! Da stehen sie alle mit beiden Beinen auf der Erde und rei\u00dfen Tr\u00e4ume aus! Tr\u00e4ume!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das ist noch nicht alles. Immer wieder kommt es vor, nicht nur in den N\u00e4chten vor dem Auferstehungstag, da fangen die Pfeifen ganz von allein an zu spielen, ohne Noten, ohne irgendeine Harmonie, und es ist nicht der Wind, der in sie hinein f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9174\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9174\" class=\"size-full wp-image-9174\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9174\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em>und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Verblutung. Wer an das G\u00f6ttliche glaubt, glaubt doch nur an sich selbst, sagt Terres, der Orgler, der Glasperlenspieler und Komponist des Selbstgesangs. Im Herbst war die neue Orgel fertig, gebaut nach seinen Pl\u00e4nen. Eine Orgel ist eigentlich nie gro\u00df&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/02\/terres-revised\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-83860","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83860","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83860"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83860\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100799,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83860\/revisions\/100799"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}