{"id":83837,"date":"2006-07-01T00:01:01","date_gmt":"2006-06-30T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83837"},"modified":"2021-10-28T05:59:56","modified_gmt":"2021-10-28T03:59:56","slug":"pronominale-neurosen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/07\/01\/pronominale-neurosen\/","title":{"rendered":"Pronominale Neurosen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fundament ist gelegt. Ich muss funktionieren. Der materielle Modus meiner Existenz\u00a0 widerlegt mein kontraproduktives Str\u00e4uben gegen den Wahnsinn der Soziet\u00e4t. Ich lese franz\u00f6sische Philosophie, um drei Formen von Freiheit zu begreifen und verifiziere gerade die komplizierteste durch praktisches Handeln. Seit der Pragmatismus zur subjektiv gesehen freundlichsten Ausf\u00fchrung des Selbsterhaltungstriebs in der Ersten Welt aufstieg, sanken Religion und Transzendenz. Es hat zum Beispiel keinen praktischen Wert, mit abgeschnittenen K\u00f6pfen sudanesischer Kleinkinder Basketball zu spielen. Andernfalls lohnt sich Enthauptung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Stella sitzt, w\u00e4hrend ich im Bett liege und \u00fcber das Universum nachdenke, in einer bl\u00e4ulichen Bistrosituation herum (nimm endlich deine rosa schielende Muschi aus meinem Blick!) und schwadroniert bei alkoholischer Beliebigkeit \u00fcber den unheilbaren Sozialstaat, wobei sie sich an der intellektuellen Geilheit meiner Worte mehr berauscht als den Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Symbolisch sage ich in diesem Augenblick dem Pragmatismus adieu und spiele mit Basketballk\u00f6pfen. Ich schaue meinem Denken zu, wie es sich verbiegt in meinen schl\u00e4frigen Intentionen und ich erh\u00f6he die Berliner Mauer mit Butterpaketen um f\u00fcnf Zentimeter, weil ich eine B\u00fchne f\u00fcr Sarah Kanes Psychose 4.48 will. Aber ich bin keine soziologische Forschungsgruppe und habe keine Begr\u00fcndung. Ich habe nichts, an das ich glauben kann. Ich habe nichts, an das ich <em>nicht<\/em>glauben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich brauche Zeit wie Sand am Meer und eine Formel, die mich erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald bin ich alt. Das Gute am Altsein: Dass man Narrenfreiheit hat und nicht mehr lernen muss zu leben. Das Schlechte ist alles andere, wirklich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erl\u00f6sungsgelaber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum nur ich die vollkommene Sch\u00f6nheit des stirnlosen Himmels erschaue.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das will ich erz\u00e4hlen. Stella und ich haben uns selbst geschaffen. Wir haben gefickt und geatmet und wissen, wie man von Luft und Liebe lebt. Wir haben alle Clich\u00e9s erf\u00fcllt, die das Leben bereit h\u00e4lt an den Abenden am Tanzbrunnen. Die Clich\u00e9s sind wahrer als alle diese Verfremdungsverrenkungen, die heute vom Regietheater ins Hirn intellektueller Klimmz\u00fcgler gepumpt werden. Das letzte, unsere Chronik vollendende Clich\u00e9 war die Abschiedsmail:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dark night! \u2013 I\u2019m lost. Klick dich jetzt raus aus meinem Universum! &#8230; Der Wind peitscht mein Fenster. Der Rhein sch\u00e4umt mir ins Aug. Ich will fort, sagst du, es wird Zeit, und wenn es bedeuten sollte auf ewig, ich w\u00fcrde es nicht aushalten, dachte ich. Ich gehe in die Allee hinaus, ich weine, strecke meine Arme aus&#8230;Hallo, sagtest du, als wir uns noch t\u00e4uschten, und das war eine wunderbare Stelle in meinem Leben, die hell aufleuchtete pl\u00f6tzlich und alles in ein unglaublich warmes Licht tauchte. Du l\u00e4chelst, ich wei\u00df. Das war nur so eine Phase. Ich werd bestimmt mal erwachsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aneurisma: Ich schmei\u00dfe das Handy auf den Boden und schneide mir ein Kreuz in die Stirn. Der Tod ist das pr\u00e4gnanteste Heilsversprechen, garantiert f\u00fcr jeden. Du musst nur gern sterben wollen.\u00a0 Wir leben ja nur, weil wir so dumm sind und Erl\u00f6sung suchen. Ich mochte dich sehr. Aber ich habe dich nicht geliebt. Ich bin allein auf der Welt und kann tanzen und alle \u00c4rgernisse sind irrelevant auf einmal \u2013 heute Abend treffe ich die Sternfrau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Amsel kippt vom Baum, w\u00e4hrend ich denke: Du musst dein Chaos streicheln, um tanzende Sterne zu geb\u00e4ren. Ich renne durch den Schnee, an Autos vorbei und so weiter und Passanten mit M\u00fctzen und Schuhen und lachenden Mundwinkeln. Das Atmen tut weh im Hals. Ich muss mich an der M\u00fclltonne abst\u00fctzen, fliege fast hin und das Ziel wird verschwommener bei jedem Meter. Ich muss mich hinsetzen um zu \u00fcberleben. Im Kopf nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann \u00f6ffne ich das Fenster, und die Farben drau\u00dfen sind ganz anders als bei mtv.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Fundament ist gelegt. Ich muss funktionieren. Der materielle Modus meiner Existenz\u00a0 widerlegt mein kontraproduktives Str\u00e4uben gegen den Wahnsinn der Soziet\u00e4t. 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