{"id":83793,"date":"2022-04-12T00:01:02","date_gmt":"2022-04-11T22:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83793"},"modified":"2022-04-10T13:33:37","modified_gmt":"2022-04-10T11:33:37","slug":"ein-ausflug-aufs-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/12\/ein-ausflug-aufs-land\/","title":{"rendered":"Ein Ausflug aufs Land"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hatte den Reisenden in eines dieser D\u00f6rfer am Horizont getrieben; er hatte von den l\u00e4rmenden St\u00e4dten \u00fcbergenug; \u00fcber Stoppelkrume lief er, durch haushohen Ampfer.<br \/>\nRiesiges gelbbraun gesprenkeltes Bl\u00e4tterwerk schwankte an armstarken Stielen, Getier kroch ihm durchs Haar; nach der Sonne richtete er sich stolpernd, ihrem Untergang, und mit dem v\u00f6lligen Versinken des Sterns hatte er den nun schon in abendlicher Stille liegenden Anger erreicht, der den Dorfteich umbog, einen T\u00fcmpel eher, an dem die Kr\u00f6ten quarrten und auf dem Enten in Erwartung der anbrechenden Nacht schwammen, die K\u00f6pfe schon halb im Gefieder, m\u00fcde vom Gr\u00fcndeln und Rudern.<br \/>\nEr ging an verriegelten H\u00f6fen vorbei, aus denen noch Hundegebell drang, Kinderschluchzen zuweilen, ein Abendgebet. Vereinzelt brummte ein Rind oder bl\u00f6kte ein Schaf.<br \/>\nEr suchte die Wirtschaft und kam bald an ein Haus, das sich verriet durch lebhaftes Licht in den Fenstern.<br \/>\nUnd er h\u00f6rte das Gemurmel der Bauern, das regelm\u00e4\u00dfige Aneinanderklacken der Seidel; trat ein, und das Gemurmel erstarb, doch schien ihn der Wirt zu erkennen und wies ihm einen Platz zu, stumm, mit einer m\u00fcden Kopfbewegung.<br \/>\nDer Wirt zapfte ein schauderliches Bier in dieser Schenke. Aber das Gebr\u00e4u beruhigte den Reisenden bald; und es war ihm angenehm, den Gespr\u00e4chen der Bauern zu lauschen, nachdem er sich an ihren Dialekt gew\u00f6hnt hatte, der nur f\u00fcr Eingeweihte gemacht schien.<br \/>\nEs war gut, den Blick durch die verrauchte, aus roh gehauenem Holz gezimmerte Stube streifen zu lassen, allm\u00e4hlich den Sinn der Gespr\u00e4che erfassen zu glauben. Der Reisende bestaunte das riesige Kummet, das, einer Tafel zufolge, dem st\u00e4rksten Ochsen im Dorf geh\u00f6rt hatte und der in einer Zeit der Not geschlachtet und gemeinsam aufgegessen wurde, wof\u00fcr dem Besitzer (und Vorsteher des Ortes) ewiger Dank geb\u00fchre.<br \/>\nDie Biere, die der Reisende in sich kippte, verwandelten alles, den Schankraum, die murmelnden und streitenden Bauern in buntes Gekreisel, verkleckerten Malzschaum, lebhaftes Ochsengedr\u00f6hne &#8230; und bald, bevor er \u00fcber seinen Tisch gebeugt einschlief, sah sich der Reisende als einen der lautesten und vorgeblich kl\u00fcgsten Z\u00e4nker um das heurige Grummt der verschiedenen Wiesen und H\u00f6fe.<br \/>\nAls der Reisende erwachte, lag er an seinem Tisch, zwischen zerbrochenen Seideln, von fettigem, klebrigem Staub bedeckt, in der Wirtschaft. Die wenigen tief verh\u00e4rmten und gealterten Leute vor dem Schenkengeb\u00e4ude musterten ihn wie einen Fremden, nicht aber wie den, als er hergekommen war. Die Fenster der Wirtschaft waren vernagelt, ein verblichenes Schild k\u00fcndete immer noch der Schlie\u00dfung der Schenke. Angst beschlich den Reisenden und die Ahnung, sich schnell entfernen zu m\u00fcssen; nur weg!, dachte er und der m\u00f6glicherweise zwanzig oder f\u00fcnfzig Jahre, die er geschlafen haben musste. Und er stahl sich davon, ohne, wen auch h\u00e4tte er ansprechen k\u00f6nnen, nach seiner Zechschuld zu fragen, die er mit seinem verfallenen Geld wom\u00f6glich nicht h\u00e4tte begleichen k\u00f6nnen. Aber seine Flucht kam zu sp\u00e4t, denn als er in pl\u00f6tzlicher Panik zu laufen begann, durch das Spalier der Alten, an zerfallenen H\u00e4usern vorbei, dem ausgetrockneten Teich; als er zu laufen begann, \u00fcbertrat er den in golden schreiender Helle liegenden Horizont und fiel gegen die Sonne in eine unbeschreibliche, unstillbare Weite; aus dem Gesichtfeld der staunenden, befremdeten Greise immer hinfort.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl>\n<dt><\/dt>\n<dd>Lesen Sie auch auf KUNO die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30810\">W\u00fcrdigung<\/a>\u00a0von Andr\u00e9 Schinkels Prosa.<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es hatte den Reisenden in eines dieser D\u00f6rfer am Horizont getrieben; er hatte von den l\u00e4rmenden St\u00e4dten \u00fcbergenug; \u00fcber Stoppelkrume lief er, durch haushohen Ampfer. 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