{"id":8374,"date":"2012-11-07T00:01:05","date_gmt":"2012-11-06T23:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8374"},"modified":"2022-02-23T13:30:25","modified_gmt":"2022-02-23T12:30:25","slug":"der-jubilaumsband-der-jubilaumsbande","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/07\/der-jubilaumsband-der-jubilaumsbande\/","title":{"rendered":"Der Jubil\u00e4umsband der Jubil\u00e4umsb\u00e4nde"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte dieses Buches ist bekannt, unter den Bestsellern des letzten Jahrhunderts ist sie eine der reizvollsten und zugleich umstrittensten. Ungew\u00f6hnlich, da es in der im Zuge von b\u00fcrgerlichem Realismus und dessen Ausformungen bis zur Dekadenz und seiner gro\u00dfen Renaissance im Umkreis von Mann die aufkommende Pr\u00e4ferenz der gro\u00dfen Prosaformen miniaturesk verschwiemelt, inhaltlich zugleich frappierend umgeht. In der heutigen literaturbetrieblichen Verfasstheit, da die Bevorzugung der gro\u00dfen Form sich zu einem regelrecht pervertierten \u201aRoman-Wahn\u2018 ausweitet, ist es fraglich, ob der \u201eCornet\u201c in seiner absichtlichen Zerst\u00fccktheit einen solchen kometenhaften Aufwind h\u00e4tte hinlegen k\u00f6nnen; Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel, aber sie sind eben sehr rar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was zur Ambivalenz der Sache beitr\u00e4gt \u2013 immer wieder kommen Verweise auf die Millionen Tornister auf, in denen die Soldaten der letzten Kriege die in Miniaturen angelegte kleine Erz\u00e4hlung mitf\u00fchrten und quasi in den Kampf mitnahmen. Es bleibt die Frage, ob dieser Umstand und seine Formen der Interpretation uns wirklich etwas \u00fcber die Wirkweise dieses Buches erz\u00e4hlen. Der Untergang des Haupthelden mag als heroisch einordenbar sein, er schleift allerdings zugleich etwas \u00dcberst\u00fcrztes und letztlich D\u00fcmmliches mit sich. Die Entscheidung, sich vom Kampfesruf aus dem Bett der Geliebten rei\u00dfen zu lassen und <em>de facto<\/em> nackt in den Untergang zu galoppeln, hat etwas von einem Fatum, das in einer tragischen Oper zu verhandeln w\u00e4re. In der Tat hat die Komposition nebst oder gerade aufgrund ihres lyrischen Beiklangs hohe musikalische Qualit\u00e4ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So besehen, wandelt sich das verdrehte Bild zum Sittengem\u00e4lde, aus den kriegerischen Ur-Gebresten der Menschheit wird zugleich die subjektive Geworfenheit des Einzelnen in ihnen herausmodelliert. Der Held torkelt also mehr oder weniger mit Blindheit geschlagen seinem Ungl\u00fcck zu, das ihm, der letztlich ein gro\u00df\u00e4ugiges J\u00fcngelchen mit Sehnsucht nach Erf\u00fcllung ist, sogleich widerf\u00e4hrt. Am Ende des Buchs ist nicht nur die Geliebte verloren, es bleibt nichts als die liebende Mutter, deren schreckliche Aufgabe darin besteht, ihren gefallenen Sohn zu beweinen. Die Essenz des Texts, laut Rilke \u201edas unvermutete Geschenk einer einzigen Nacht\u201c, ist die Desillusion \u00fcber den Sinn und Scheinsinn des menschlichen Treibens \u2013 letztere ist auch der Schl\u00fcssel zur Botschaft des \u201aCornet\u2018.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Legende aus dem habsburgisch-osmanischen Krieg 1663\/64 steht am Anfang einer Buchreihe, die Literatur- und Verlagsgeschichte geschrieben hat. 1912 erschien die \u201eWeise\u201c als erster Band der Insel-B\u00fccherei und avancierte zum \u00dcberraschungserfolg: innerhalb des ersten Jahres konnten 22.000 \u201aCornets\u2018 abgesetzt werden, 1962 erreichte das Werk die Grenze der Millionenauflage. Die \u201aRilke-Hausse\u2018, von der Anton Kippenberg, der nicht weniger legend\u00e4re Verlagsleiter der \u201aInsel\u2018, spricht, rei\u00dft alle anderen B\u00fccher des Autors wie auch die \u00fcbrigen B\u00e4nde der jungen Reihe auf einer Erfolgswelle mit, die ihresgleichen sucht. In ihrem Fahrwasser wird die \u201aInsel-B\u00fccherei\u2018 zu dem publizistischem Faszinosum, das Leser wie Sammler bis heute in Atem und Bann h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einhundertsten Geburtstag der Reihe wird \u201eDie Weise von Liebe und Tod des Cornet Christoph Rilke\u201c in besonderer Ausstattung vorgelegt und bildet somit <em>den<\/em> Jubil\u00e4umsband innerhalb der Jubil\u00e4umsedition. Die grafische Gestaltung des Buches oblag Karl-Georg Hirsch, einem Holzstecher und Buchgestalter von mindestens europ\u00e4ischem Rang, der f\u00fcr den Glanz von wenigstens zehn Insel-B\u00e4nden verantwortlich zeichnet. Hirschs expressive Meisterschaft f\u00fcgt sich dem Textkonstrukt kongenial bei \u2013 ja, man wagt zu behaupten, die Tiefe der hier angewandten Technik der Schabbl\u00e4tter schickt sich an, das Ausgangsmaterial an Sch\u00e4rfe von Zeit zu Zeit um ein Erhebliches zu \u00fcbersteigen. Nicht zuletzt ist es die Feinheit der f\u00fcnfzehn Grafiken, ihre abgr\u00fcndige Nuanciertheit, die, in Originalgr\u00f6\u00dfe abgedruckt, die Neuausgabe dieses Textes zu einem Erlebnis werden lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p><strong>Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke<\/strong>, von <span style=\"color: #888888;\">Rainer Maria Rilke. <\/span><span style=\"color: #888888;\">Insel Verlag, Berlin 2012. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8378 alignleft\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Cover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Geschichte dieses Buches ist bekannt, unter den Bestsellern des letzten Jahrhunderts ist sie eine der reizvollsten und zugleich umstrittensten. 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