{"id":83730,"date":"2022-06-25T00:01:49","date_gmt":"2022-06-24T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83730"},"modified":"2022-05-29T12:52:45","modified_gmt":"2022-05-29T10:52:45","slug":"die-romantische-schule","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/25\/die-romantische-schule\/","title":{"rendered":"Die romantische Schule"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ueber das Verh\u00e4ltni\u00df des Herrn Schelling zur romantischen Schule habe ich nur wenig Andeutungen geben k\u00f6nnen. Sein Einflu\u00df war meistens pers\u00f6nlicher Art. Dann ist auch, seit durch ihn die Naturphilosophie in Schwung gekommen, die Natur viel sinniger von den Dichtern aufgefa\u00dft worden. Die Einen versenkten sich mit allen ihren menschlichen Gef\u00fchlen in die Natur hinein; die Andern hatten einige Zauberformeln sich gemerkt, womit man etwas Menschliches aus der Natur hervorschauen und hervorsprechen lassen konnte. Erstere waren die eigentlichen Mystiker und glichen in vieler Hinsicht den indischen Religiosen, die in der Natur aufgehen, und endlich mit der Natur in Gemeinschaft zu f\u00fchlen beginnen. Die Anderen waren vielmehr Beschw\u00f6rer, sie riefen mit eigenem Willen sogar die feindlichen Geister aus der Natur hervor, sie glichen dem arabischen Zauberer, der nach Willk\u00fcr jeden Stein zu beleben und jedes Leben zu versteinern wei\u00df. Zu den Ersteren geh\u00f6rte zun\u00e4chst Novalis, zu den Andern zun\u00e4chst Hoffmann. Novalis sah \u00fcberall nur Wunder und liebliche Wunder; er belauschte das Gespr\u00e4ch der Pflanzen, er wu\u00dfte das Geheimni\u00df jeder jungen Rose, er identifizirte sich endlich mit der ganzen Natur, und als es Herbst wurde und die Bl\u00e4tter abfielen, da starb er. Hoffmann hingegen sah \u00fcberall nur Gespenster, sie nickten ihm entgegen aus jeder chinesischen Theekanne und jeder berliner Per\u00fccke; er war ein Zauberer, der die Menschen in Bestien verwandelte und diese sogar in k\u00f6niglich preu\u00dfische Hofr\u00e4the; er konnte die Todten aus den Gr\u00e4bern hervorrufen, aber das Leben selbst stie\u00df ihn von sich als einen tr\u00fcben Spuk. Das f\u00fchlte er; er f\u00fchlte, da\u00df er selbst ein Gespenst geworden; die ganze Natur war ihm jetzt ein mi\u00dfgeschliffener Spiegel, worinn er, tausendf\u00e4ltig verzerrt, nur seine eigne Todtenlarve erblickte; und seine Werke sind nichts anders als ein entsetzlicher Angstschrei in zwanzig B\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoffmann geh\u00f6rt nicht zu der romantischen Schule. Er stand in keiner Ber\u00fchrung mit den Schlegeln, und noch viel weniger mit ihren Tendenzen. Ich erw\u00e4hnte seiner hier nur im Gegensatz zu Novalis, der ganz eigentlich ein Poet aus jener Schule ist. Novalis ist hier [<em>in Frankreich<\/em>] minder bekannt als Hoffmann, welcher von Loeve-Veimars in einem so vortrefflichen Anzuge dem franz\u00f6sischen Publikum vorgestellt worden und dadurch in Frankreich eine gro\u00dfe Reputazion erlangt hat. Bei uns in Deutschland ist jetzt Hoffmann keineswegs en Vogue, aber er war es fr\u00fcher. In seiner Periode wurde er viel gelesen, aber nur von Menschen, deren Nerven zu stark oder zu schwach waren, als da\u00df sie von gelinden Akkorden affizirt werden konnten. Die eigentlichen Geistreichen und die poetischen Naturen wollten nichts von ihm wissen. Diesen war der Novalis viel lieber. Aber, ehrlich gestanden, Hoffmann war als Dichter viel bedeutender als Novalis. Denn letzterer, mit seinen idealischen Gebilden, schwebt immer in der blauen Luft, w\u00e4hrend Hoffmann mit allen seinen bizarren Fratzen sich doch immer an der irdischen Realit\u00e4t festklammert. Wie aber der Riese Antheus unbezwingbar stark blieb, wenn er mit dem Fu\u00dfe die Mutter Erde ber\u00fchrte, und seine Kraft verlor, sobald ihn Herkules in die H\u00f6he hob: so ist auch der Dichter stark und gewaltig, so lange er den Boden der Wirklichkeit nicht verl\u00e4\u00dft, und er wird ohnm\u00e4chtig, sobald er schw\u00e4rmerisch in der blauen Luft umherschwebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gro\u00dfe Aehnlichkeit zwischen beiden Dichtern besteht wohl darin, da\u00df ihre Poesie eigentlich eine Krankheit war. In dieser Hinsicht hat man ge\u00e4u\u00dfert, dass die Beurtheilung ihrer Schriften nicht das Gesch\u00e4ft des Critikers, sondern des Arztes sey. Der Rosenschein in den Dichtungen des Novalis ist nicht die Farbe der Gesundheit, sondern der Schwindsucht, und die Purpurglut in Hoffmanns Phantasiest\u00fccken ist nicht die Flamme des Genies, sondern des Fiebers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber haben wir ein Recht zu solchen Bemerkungen, wir, die wir nicht allzusehr mit Gesundheit gesegnet sind? Und gar jetzt, wo die Literatur wie ein gro\u00dfes Lazareth aussieht? Oder ist die Poesie vielleicht eine Krankheit des Menschen, wie die Perle eigentlich nur der Krankheitsstoff ist, woran das arme Austerthier leidet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Hoffmann seine Todten beschw\u00f6rt und sie aus den Gr\u00e4bern hervorsteigen und ihn umtanzen: dann zittert er selber vor Entsetzen, und tanzt selbst in ihrer Mitte, und schneidet dabei die tollsten Affengrimassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_14537\" style=\"width: 270px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14537\" class=\"size-full wp-image-14537\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831.png\" alt=\"\" width=\"260\" height=\"345\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Heinrich-Heine-Gema\u0308lde-von-Moritz-Daniel-Oppenheim-1831-226x300.png 226w\" sizes=\"auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14537\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Heine (Gema\u0308lde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die romantische Schule<\/strong> ist eine polemische Schrift von Heinrich Heine, die nach Teilabdrucken in franz\u00f6sischen und deutschen Journalen Hoffmann &amp; Campe 1836 als Buch ver\u00f6ffentlichte. Mit den der Schrift vorausgegangenen Artikeln in franz\u00f6sischen Zeitschriften (<em>Zur Geschichte der neueren sch\u00f6nen Literatur in Deutschland<\/em>, 1833) wollte Heine den Franzosen ein anderes Bild von deutscher romantischer Literatur vermitteln, als es Madame de Sta\u00ebl mit ihrem einflussreichen Buch <em>De l\u2019Allemagne<\/em> (1813) (<em>\u00dcber Deutschland<\/em>) verbreitet hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ueber das Verh\u00e4ltni\u00df des Herrn Schelling zur romantischen Schule habe ich nur wenig Andeutungen geben k\u00f6nnen. Sein Einflu\u00df war meistens pers\u00f6nlicher Art. 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