{"id":83647,"date":"2019-10-19T00:01:55","date_gmt":"2019-10-18T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83647"},"modified":"2022-02-17T14:29:38","modified_gmt":"2022-02-17T13:29:38","slug":"der-kulibri-schluepft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/19\/der-kulibri-schluepft\/","title":{"rendered":"Der Kulibri schl\u00fcpft"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Als Fr\u00e4ulein K. eines Morgens aus unruhigen Tr\u00e4umen erwachte, fand sie sich in seinem Bett zu einem Kulibri verwandelt.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Das Fr\u00e4ulein K. stand unausgeschlafen, missmutig und mit zerkratztem Gesicht vor einem Spiegel, der massiv \u00fcber einer h\u00f6lzernen Kommode thronte. Das neue Shampoo war nicht ihre beste Idee gewesen. Einzig die goldene, sch\u00f6n geschwungene Schrift auf der billigen Plastikflasche hatte sie bewegt, die bis dato unerforschte Haarw\u00e4sche zu erwerben. Das Ergebnis waren verfilzte, unentwirrbare Haare und eine schlaflose Nacht. Das alles zeigte der Spiegel schonungslos. Da war wirklich nichts zu machen. Fr\u00e4ulein K. schwang ihrem Spiegelbild drohend die B\u00fcrste entgegen und schrie mit verstellter Diktatorenstimme laut: &#8222;Libertaaaas!&#8220;<\/p>\n<p>Der schwarze Kater, der das Bett des Fr\u00e4ulein bewohnte, hatte den neuartigen Geruch des zuvor erfolgten Haarwaschgangs nicht ertragen k\u00f6nnen und f\u00fchlte sich seines n\u00e4chtlich gewohnten Haarversteckes beraubt und damit berechtigt, dem Fr\u00e4ulein K. die halbe Nacht w\u00fctend fauchend in das Gesicht zu springen. Das Leuchten der b\u00f6sen gelben Katzenaugen sa\u00df ihr noch immer im steifen Nacken.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Auf der wuchtigen Holzkommode versammelte das Fr\u00e4ulein K. allerlei B\u00fccher, zu hohen, wackeligen B\u00fccherstapeln aufget\u00fcrmt. Einzig das kleine W\u00f6rtchen &#8222;Freiheit&#8220; musste in einem jeden Titel auf dem Buchr\u00fccken enthalten sein. Das war der Sache unabdingbar, komme, was da wolle. Zwanghaft zog sich Fr\u00e4ulein K. w\u00e4hrenddessen die Haarstr\u00e4hnen einzeln glatt. Von Gelingen war nicht zu reden. Zwecklos erschien das Unterfangen, als ihr die nunmehr dritte Haarb\u00fcrste am Griff brach und in ihren Zotteln h\u00e4ngen blieb. Nicht zu b\u00e4ndigen, dachte sie und krachte das stoppelige Bruchst\u00fcck in Richtung schwarzer Hexenkater. Dieser lachte durch die Augen und verzog sich mit einem Katzensprung.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Hier sollte man erw\u00e4hnen, dass sich seit Anbeginn der Zeit, also kurz nachdem sich das Denken des Fr\u00e4ulein in einem braunen Lockenmeer wandt, allerlei Seltsames und Kurioses um den Kopf des damals jungen Fr\u00e4ulein K.s einfand. Dieses Seltsame verformte und ver\u00e4nderte sich mit dem kleinsten Gedanken, der geringsten Idee des Fr\u00e4ulein und \u00fcbertrug sich \u00fcber eine Arte feines Schwingen bis in ihre Haarspitze hinein. Das ging so weit, bis der erste von vielen verzweifelten Friseuren dem Fr\u00e4ulein K. ein Hausverbot ausgesprochen hatte, nachdem er sicher war, einen waschechten Leguan aus ihren Haaren starren gesehen zu haben. Tzzzz, dachte sie jetzt, wenn der gewusst h\u00e4tte, dass es sich bei dem Leguan in Wahrheit um eine wahrhaftige Tarnkatze gehandelt hatte, die eben manchmal wie ein Leguan auf Raubzug gucken konnte. Sei es drum, bald schon hatte die Mutter dem Fr\u00e4ulein K. eine gro\u00dfe schwere Schneiderschere zum Spielen mit ihren Locken geschenkt und das Lockenleben wurde selbstbestimmter und ganz einfach kreativer.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Im Spiegel zeigte sich dem Fr\u00e4ulein K. inzwischen ein Haarnest. Wie eine seltsame Krone hockte es als eigenwilliges Gebilde auf ihrem Kopf und lie\u00df sie um mindestens f\u00fcnfzehn Zentimeter gr\u00f6\u00dfer erscheinen. Zudem lie\u00df sich eine Spur von feinen, leisen Vibrationen aus dem Zentrum des Nestes kommend in der N\u00e4he ihres linken Ohres wahrnehmen. Aber nur, wenn man in einem Raum jenseits von Gut und B\u00f6se zu h\u00f6ren vermochte. &#8222;Kul&#8220;, sie l\u00e4chelte breit und der B\u00fcrstengriff lugte aus den verwirrten Haarstr\u00e4hnen heraus, als h\u00e4tte er sich bereits dort eingelebt.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Im linken Ohr des Fr\u00e4ulein K., denn das war ihr besseres, trug das Fr\u00e4ulein das Holz einer befreundeten Berberitze, das ihr eine K\u00fcnstlerin mit einem geheimen Zauber besprochen hatte, um\u00a0 selbst Pflanzen singen zu h\u00f6ren. Das funktionierte hervorragend, war der Nachwelt jedoch ebenso wenig zu erkl\u00e4ren, wie die gestapelte Freiheit fremdsprachlicher Buchr\u00fccken. Es knackte laut. Dann knusperte es vorsichtig. Etwas zerbrach. Und winzige Teilchen wurden \u00fcber den Kopf des Fr\u00e4ulein K. geschleudert. <em>Jetzt nur nicht bewegen<\/em>, war die Anweisung, die ihr Herz mit Mauserzeichen klopfte. Die Teilchen, die vom wilden Nesthaar des Fr\u00e4ulein geschleudert wurden, reflektierten golden glitzernd f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde im Flug. &#8222;Libertas&#8220;, sprach das Fr\u00e4ulein K. und hielt sich Hilfe suchend an frei stehenden B\u00fcchert\u00fcrmen fest. Und dann war es, als k\u00f6nne man ein Blinzeln h\u00f6ren, ein freundliches Zwinkern gar, aber nur mit dem linken Ohr und der befreundeten Berberitze. Etwas, das nahezu sofort fliegen konnte, war aus etwas Aufgebrochenem geschl\u00fcpft. Das Fr\u00e4ulein K. neigte seinen Kopf dem Spiegel entgegen. Vorsichtig, damit ihr nichts aus dem Haarnest fallen konnte. Und sie war sich sicher, die Reste eines winzigen, metallisch goldenen Eies auszumachen. Die geschl\u00fcpfte Kreatur war deutlich zu h\u00f6ren, ganz in der N\u00e4he ihres linken Ohres. Im Spiegel sah sie ihn fliegen und dachte dabei an ihre gefl\u00fcgelten Kuli-Zeichnungen, die ihrem Nachnamen schon zu Schulzeiten alle Ehre gemacht hatten. Das vibrierende Ger\u00e4usch entfernte sich flink und mit gro\u00dfer Leichtigkeit und landete schlie\u00dflich nicht weit vom Kopf des Fr\u00e4ulein K. auf den B\u00fcchern der Freiheit, um diese zu besingen. Aber auch das konnte man nur mit dem Berberitzenholz im linken Ohr und der Freundschaft einer K\u00fcnstlerin, die zuvor lange auf die Berberitze eingeredet hatte, h\u00f6ren. Da sa\u00df er also und w\u00fcrde das Fr\u00e4ulein von nun an genauso begleiten wie der schwarze Hexenkater mit den goldenen Augen. Da sa\u00df der Kulibri und thronte auf dem B\u00fccherturm der letzten freien B\u00fccher dieser Welt.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kul-ja_publishing_Verlagslogo-e1619519883896.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-83106 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kul-ja_publishing_Verlagslogo-300x158.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"158\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen weiteren Beitrag zu Verlagsgr\u00fcndung von kul-ja findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83099\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Fr\u00e4ulein K. eines Morgens aus unruhigen Tr\u00e4umen erwachte, fand sie sich in seinem Bett zu einem Kulibri verwandelt. Das Fr\u00e4ulein K. stand unausgeschlafen, missmutig und mit zerkratztem Gesicht vor einem Spiegel, der massiv \u00fcber einer h\u00f6lzernen Kommode thronte. Das&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/19\/der-kulibri-schluepft\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":190,"featured_media":97901,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2399],"class_list":["post-83647","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-julia-kulewatz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83647","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/190"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83647"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83647\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97912,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83647\/revisions\/97912"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97901"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83647"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83647"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83647"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}