{"id":83413,"date":"2023-05-03T00:01:07","date_gmt":"2023-05-02T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83413"},"modified":"2023-04-28T13:49:36","modified_gmt":"2023-04-28T11:49:36","slug":"sichtbarmachung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/03\/sichtbarmachung\/","title":{"rendered":"Sichtbarmachung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Lange bevor das K\u00fcrzel POC gel\u00e4ufig wurde, war May Ayim eine der Pionierinnen der kritischen Wei\u00dfseinsforschung in Deutschland. KUNO erinnert an diese Lyrikerin regelm\u00e4ssig am 3. Mai<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tochter des ghanaischen Medizinstudenten Emmanuel Ayim und der Deutschen Ursula Andler lebte in den ersten eineinhalb Jahren in einem Kinderheim in Hamburg-Barmbek-Uhlenhorst. Ihr Vater durfte sie nicht mit nach Ghana nehmen. Anschlie\u00dfend wurde sie von der Familie Opitz adoptiert und wuchs bei dieser in M\u00fcnster auf.<sup id=\"cite_ref-Goethe_2-1\" class=\"reference\"> <\/sup>Ihre leibliche Mutter verweigerte zeitlebens jede Kontaktaufnahme, der leibliche Vater besuchte sie seit ihrer Kindheit mehrmals bei den Pflegeeltern. Ihre Kindheit beschrieb sie als bedr\u00fcckend, von Angst und Gewalt gepr\u00e4gt. Die Adoptiveltern wollten sie mit Strenge zu einem Musterkind erziehen, das alle \u201erassistischen Vorurteile\u201c L\u00fcgen strafen w\u00fcrde. Sie lehnten ihr sp\u00e4teres Engagement in der \u201eBlack Community\u201c als Sp\u00e4tfolgen einer fr\u00fchkindlichen St\u00f6rung und krankhaften Drang, ihre Hautfarbe und afro-deutsche Identit\u00e4t zu bew\u00e4ltigen, ab 1979 legte sie das Abitur an der katholischen Friedensschule M\u00fcnster ab.<sup id=\"cite_ref-Ervedosa13_429_4-0\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eRassismus gibt es im heutigen Deutschland nicht\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter studierte sie an der Universit\u00e4t Regensburg P\u00e4dagogik und Psychologie und schloss 1986 mit Diplom ab. W\u00e4hrend des Studiums reiste sie nach Kenia, wo ihr Vater mittlerweile als Medizinprofessor arbeitete, zu dem sie jedoch keine enge Beziehung mehr aufbauen konnte, und nach Ghana, das sie als ihr \u201eVaterland\u201c bezeichnete, obwohl sie sich dort fremd f\u00fchlte und als \u201eWei\u00dfe\u201c angesehen wurde.<sup id=\"cite_ref-Mertins_taz_3-2\" class=\"reference\"> <\/sup>Ihre Diplomarbeit <i>Afro-Deutsche: Ihre Kultur- und Sozialgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen<\/i> ver\u00f6ffentlichte sie \u2013 damals noch unter dem Namen <i>May Opitz<\/i> \u2013 in dem gemeinsam mit Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen Band <i>Farbe bekennen<\/i>, der auch ins Englische \u00fcbersetzt wurde. Der eigentlich zust\u00e4ndige Regensburger Professor lehnte das Thema der Diplomarbeit laut Ayim mit der Begr\u00fcndung ab, \u201eRassismus gibt es im heutigen Deutschland nicht\u201c. Stattdessen fand sie in Berlin eine Pr\u00fcferin, die die Arbeit annahm.<sup id=\"cite_ref-Mertins_taz_3-3\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>Ethnozentrismus und Sexismus in der Sprachtherapie<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab 1984 lebte sie in West-Berlin, in dessen multikultureller Umgebung sie sich weniger isoliert f\u00fchlte als in M\u00fcnster oder Regensburg. 1986 war Ayim Gr\u00fcndungsmitglied der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Sie kn\u00fcpfte Kontakte zu Vertreterinnen der internationalen schwarzen Frauenbewegung wie zum Beispiel Audre Lorde. 1987 begann sie eine Ausbildung zur Logop\u00e4din. Ihre Examensarbeit von 1990 tr\u00e4gt den Titel <i>Ethnozentrismus und Sexismus in der Sprachtherapie<\/i>. Anschlie\u00dfend arbeitete sie als freiberufliche Logop\u00e4din sowie von 1992 bis 1995 als Lehrbeauftragte an der Alice-Salomon-Fachhochschule, der Freien Universit\u00e4t Berlin und an der Technischen Universit\u00e4t Berlin.<sup id=\"cite_ref-6\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eIch wuchs mit dem Gef\u00fchl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu m\u00fcssen, dass ein \u201aMischling\u2018, ein \u201aNeger\u2018, ein \u201aHeimkind\u2018 ein vollwertiger Mensch ist.\u201c<\/em><\/span><sup id=\"cite_ref-7\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wehrte sich in Vortr\u00e4gen und auch in ihren Gedichten gegen rassistische Diskriminierung, die sie in ihrem Alltag selbst erfuhr. So kritisierte sie insbesondere den beleidigenden Charakter von Bezeichnungen wie Neger, Mischling oder Besatzungskind. In <i>Farbe bekennen<\/i> schrieb sie: \u201eIch wuchs mit dem Gef\u00fchl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu m\u00fcssen, dass ein \u201aMischling\u2018, ein \u201aNeger\u2018, ein \u201aHeimkind\u2018 ein vollwertiger Mensch ist.\u201c<sup id=\"cite_ref-7\" class=\"reference\"><\/sup> Die Deutsche Wiedervereinigung, die sie als \u201eSch-Einheit\u201c bezeichnete, erlebte Ayim als \u00fcberschattet von zunehmendem Nationalismus und Gewalt gegen Minderheiten.<sup id=\"cite_ref-Mertins_taz_3-4\" class=\"reference\"> <\/sup>Im Gedicht <i>deutschland im herbst<\/i> (1992) zog sie eine Verbindung von der \u201eKristallnacht\u201c im November 1938 zum t\u00f6dlichen \u00dcberfall auf Amadeu Antonio im November 1990 und schloss mit den Worten \u201emir graut vor dem winter\u201c. Ab 1992 publizierte sie unter dem Namen May Ayim. 1995 ver\u00f6ffentlichte sie die Gedichtsammlung <i>blues in schwarz weiss<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ich werde<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">noch einen schritt weitergehen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">bis an den \u00e4u\u00dfersten rand<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wo meine schwestern sind<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wo meine br\u00fcder stehen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wo unsere FREIHEIT<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">beginnt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ich werde noch einen schritt weitergehen und<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">noch einen schritt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">weiter<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und wiederkehren<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ayim litt seit den fr\u00fchen 1990er Jahren an psychotischen Sch\u00fcben, weshalb sie sich mehrmals freiwillig in die geschlossene Psychiatrie begab. Nachdem sie dar\u00fcber hinaus die Diagnose Multiple Sklerose mitgeteilt bekommen hatte, verzweifelte sie. Die Absetzung ihrer gegen Depressionen angewendeten Psychopharmaka im Kontext der Behandlung der Multiplen Sklerose f\u00fchrte zu einer rapiden Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit. Sie st\u00fcrzte sich am 9.\u00a0August 1996 von einem Hochhaus in den Tod.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><sup id=\"cite_ref-Mertins_taz_3-6\" class=\"reference\"><\/sup>***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99785\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/May-Ayim-Ufer-e1645610155874.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"300\" \/>Am 27. Mai 2009 beschloss in Berlin die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg, das nach dem preu\u00dfischen Generalleutnant Otto Friedrich von der Groeben, Gr\u00fcnder der brandenburgischen Sklavenfestung und Kolonie Gro\u00df Friedrichsburg in Westafrika (heute Ghana), benannte <i>Gr\u00f6benufer<\/i> in <i>May-Ayim-Ufer<\/i> umzubenennen.<sup id=\"cite_ref-11\" class=\"reference\"><\/sup> Am 27.\u00a0Februar 2010 wurden die Stra\u00dfenschilder aufgestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange bevor das K\u00fcrzel POC gel\u00e4ufig wurde, war May Ayim eine der Pionierinnen der kritischen Wei\u00dfseinsforschung in Deutschland. KUNO erinnert an diese Lyrikerin regelm\u00e4ssig am 3. Mai Die Tochter des ghanaischen Medizinstudenten Emmanuel Ayim und der Deutschen Ursula Andler lebte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/03\/sichtbarmachung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":99785,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2019],"class_list":["post-83413","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-may-ayim"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83413","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83413"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83413\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104626,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83413\/revisions\/104626"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99785"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83413"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83413"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83413"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}