{"id":83389,"date":"2024-05-09T00:01:38","date_gmt":"2024-05-08T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83389"},"modified":"2022-02-23T10:08:36","modified_gmt":"2022-02-23T09:08:36","slug":"die-kraniche-des-ibykus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/05\/09\/die-kraniche-des-ibykus\/","title":{"rendered":"Die Kraniche des Ibykus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Kampf der Wagen und Ges\u00e4nge<\/p>\n<p>Der auf Korinthus\u2018 Landesenge<\/p>\n<p>Der Griechen St\u00e4mme froh vereint,<\/p>\n<p>Zog Ibykus, der G\u00f6tterfreund.<\/p>\n<p>Ihm schenkte des Gesanges Gabe,<\/p>\n<p>Der Lieder s\u00fc\u00dfen Mund Apoll<\/p>\n<p>So wandert\u2018 er, an leichtem Stabe,<\/p>\n<p>Aus Rhegium, des Gottes voll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon winkt auf hohem Bergesr\u00fccken<\/p>\n<p>Akrokorinth des Wandrers Blicken,<\/p>\n<p>Und in Poseidons Fichtenhain<\/p>\n<p>Tritt er mit frommem Schauder ein.<\/p>\n<p>Nichts regt sich um ihn her, nur Schw\u00e4rme<\/p>\n<p>Von Kranichen begleiten ihn,<\/p>\n<p>Die fernhin nach des S\u00fcdens W\u00e4rme<\/p>\n<p>In graulichtem Geschwader ziehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbSeid mir gegr\u00fc\u00dft, befreundte Scharen!<\/p>\n<p>Die mir zur See Begleiter waren,<\/p>\n<p>Zum guten Zeichen nehm ich euch,<\/p>\n<p>Mein Los, es ist dem euren gleich.<\/p>\n<p>Von fernher kommen wir gezogen<\/p>\n<p>Und flehen um ein wirtlich Dach.<\/p>\n<p>Sei uns der Gastliche gewogen,<\/p>\n<p>Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und munter f\u00f6rdert er die Schritte<\/p>\n<p>Und sieht sich in des Waldes Mitte,<\/p>\n<p>Da sperren, auf gedrangem Steg,<\/p>\n<p>Zwei M\u00f6rder pl\u00f6tzlich seinen Weg.<\/p>\n<p>Zum Kampfe mu\u00df er sich bereiten,<\/p>\n<p>Doch bald ermattet sinkt die Hand,<\/p>\n<p>Sie hat der Leier zarte Saiten,<\/p>\n<p>Doch nie des Bogens Kraft gespannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er ruft die Menschen an, die G\u00f6tter,<\/p>\n<p>Sein Flehen dringt zu keinem Retter,<\/p>\n<p>Wie weit er auch die Stimme schickt,<\/p>\n<p>Nichts Lebendes wird hier erblickt.<\/p>\n<p>\u00bbSo mu\u00df ich hier verlassen sterben,<\/p>\n<p>Auf fremdem Boden, unbeweint,<\/p>\n<p>Durch b\u00f6ser Buben Hand verderben,<\/p>\n<p>Wo auch kein R\u00e4cher mir erscheint!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und schwer getroffen sinkt er nieder,<\/p>\n<p>Da rauscht der Kraniche Gefieder,<\/p>\n<p>Er h\u00f6rt, schon kann er nicht mehr sehn,<\/p>\n<p>Die nahen Stimmen furchtbar kr\u00e4hn.<\/p>\n<p>\u00bbVon euch, ihr Kraniche dort oben!<\/p>\n<p>Wenn keine andre Stimme spricht,<\/p>\n<p>Sei meines Mordes Klag erhoben!\u00ab<\/p>\n<p>Er ruft es, und sein Auge bricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der nackte Leichnam wird gefunden,<\/p>\n<p>Und bald, obgleich entstellt von Wunden,<\/p>\n<p>Erkennt der Gastfreund in Korinth<\/p>\n<p>Die Z\u00fcge, die ihm teuer sind.<\/p>\n<p>\u00bbUnd mu\u00df ich so dich wiederfinden,<\/p>\n<p>Und hoffte mit der Fichte Kranz<\/p>\n<p>Des S\u00e4ngers Schl\u00e4fe zu umwinden,<\/p>\n<p>Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und jammernd h\u00f6rens alle G\u00e4ste,<\/p>\n<p>Versammelt bei Poseidons Feste,<\/p>\n<p>Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,<\/p>\n<p>Verloren hat ihn jedes Herz.<\/p>\n<p>Und st\u00fcrmend dr\u00e4ngt sich zum Prytanen<\/p>\n<p>Das Volk, es fodert seine Wut,<\/p>\n<p>Zu r\u00e4chen des Erschlagnen Manen,<\/p>\n<p>Zu s\u00fchnen mit des M\u00f6rders Blut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch wo die Spur, die aus der Menge,<\/p>\n<p>Der V\u00f6lker flutendem Gedr\u00e4nge,<\/p>\n<p>Gelocket von der Spiele Pracht,<\/p>\n<p>Den schwarzen T\u00e4ter kenntlich macht?<\/p>\n<p>Sinds R\u00e4uber, die ihn feig erschlagen?<\/p>\n<p>Tats neidisch ein verborgner Feind?<\/p>\n<p>Nur Helios vermags zu sagen,<\/p>\n<p>Der alles Irdische bescheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er geht vielleicht mit frechem Schritte<br \/>\nJetzt eben durch der Griechen Mitte,<br \/>\nUnd w\u00e4hrend ihn die Rache sucht,<br \/>\nGenie\u00dft er seines Frevels Frucht.<br \/>\nAuf ihres eignen Tempels Schwelle<br \/>\nTrotzt er vielleicht den G\u00f6ttern, mengt<br \/>\nSich dreist in jene Menschenwelle,<br \/>\nDie dort sich zum Theater dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn Bank an Bank gedr\u00e4nget sitzen,<br \/>\nEs brechen fast der B\u00fchne St\u00fctzen,<br \/>\nHerbeigestr\u00f6mt von fern und nah,<br \/>\nDer Griechen V\u00f6lker wartend da,<br \/>\nDumpfbrausend wie des Meeres Wogen;<br \/>\nVon Menschen wimmelnd, w\u00e4chst der Bau<br \/>\nIn weiter stets geschweiftem Bogen<br \/>\nHinauf bis in des Himmels Blau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer z\u00e4hlt die V\u00f6lker, nennt die Namen,<\/p>\n<p>Die gastlich hier zusammenkamen?<\/p>\n<p>Von Theseus\u2018 Stadt, von Aulis Strand,<\/p>\n<p>Von Phokis, vom Spartanerland,<\/p>\n<p>Von Asiens entlegner K\u00fcste,<\/p>\n<p>Von allen Inseln kamen sie<\/p>\n<p>Und horchen von dem Schauger\u00fcste<\/p>\n<p>Des Chores grauser Melodie,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der streng und ernst, nach alter Sitte,<\/p>\n<p>Mit langsam abgeme\u00dfnem Schritte,<\/p>\n<p>Hervortritt aus dem Hintergrund,<\/p>\n<p>Umwandelnd des Theaters Rund.<\/p>\n<p>So schreiten keine irdschen Weiber,<\/p>\n<p>Die zeugete kein sterblich Haus!<\/p>\n<p>Es steigt das Riesenma\u00df der Leiber<\/p>\n<p>Hoch \u00fcber menschliches hinaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein schwarzer Mantel schl\u00e4gt die Lenden,<\/p>\n<p>Sie schwingen in entfleischten H\u00e4nden<\/p>\n<p>Der Fackel d\u00fcsterrote Glut,<\/p>\n<p>In ihren Wangen flie\u00dft kein Blut.<\/p>\n<p>Und wo die Haare lieblich flattern,<\/p>\n<p>Um Menschenstirnen freundlich wehn,<\/p>\n<p>Da sieht man Schlangen hier und Nattern<\/p>\n<p>Die giftgeschwollnen B\u00e4uche bl\u00e4hn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und schauerlich gedreht im Kreise<\/p>\n<p>Beginnen sie des Hymnus Weise,<\/p>\n<p>Der durch das Herz zerrei\u00dfend dringt,<\/p>\n<p>Die Bande um den S\u00fcnder schlingt.<\/p>\n<p>Besinnungraubend, herzbet\u00f6rend<\/p>\n<p>Schallt der Erinnyen Gesang,<\/p>\n<p>Er schallt, des H\u00f6rers Mark verzehrend,<\/p>\n<p>Und duldet nicht der Leier Klang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbWohl dem, der frei von Schuld und Fehle<\/p>\n<p>Bewahrt die kindlich reine Seele!<\/p>\n<p>Ihm d\u00fcrfen wir nicht r\u00e4chend nahn,<\/p>\n<p>Er wandelt frei des Lebens Bahn.<\/p>\n<p>Doch wehe, wehe, wer verstohlen<\/p>\n<p>Des Mordes schwere Tat vollbracht,<\/p>\n<p>Wir heften uns an seine Sohlen,<\/p>\n<p>Das furchtbare Geschlecht der Nacht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und glaubt er fliehend zu entspringen,<\/p>\n<p>Gefl\u00fcgelt sind wir da, die Schlingen<\/p>\n<p>Ihm werfend um den fl\u00fcchtgen Fu\u00df,<\/p>\n<p>Da\u00df er zu Boden fallen mu\u00df.<\/p>\n<p>So jagen wir ihn, ohn Ermatten,<\/p>\n<p>Vers\u00f6hnen kann uns keine Reu,<\/p>\n<p>Ihn fort und fort bis zu den Schatten,<\/p>\n<p>Und geben ihn auch dort nicht frei.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So singend, tanzen sie den Reigen,<\/p>\n<p>Und Stille wie des Todes Schweigen<\/p>\n<p>Liegt \u00fcberm ganzen Hause schwer,<\/p>\n<p>Als ob die Gottheit nahe w\u00e4r.<\/p>\n<p>Und feierlich, nach alter Sitte<\/p>\n<p>Umwandelnd des Theaters Rund<\/p>\n<p>Mit langsam abgeme\u00dfnem Schritte,<\/p>\n<p>Verschwinden sie im Hintergrund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet<\/p>\n<p>Noch zweifelnd jede Brust und bebet<\/p>\n<p>Und huldiget der furchtbarn Macht,<\/p>\n<p>Die richtend im Verborgnen wacht,<\/p>\n<p>Die unerforschlich, unergr\u00fcndet<\/p>\n<p>Des Schicksals dunkeln Kn\u00e4uel flicht,<\/p>\n<p>Dem tiefen Herzen sich verk\u00fcndet,<\/p>\n<p>Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da h\u00f6rt man auf den h\u00f6chsten Stufen<\/p>\n<p>Auf einmal eine Stimme rufen:<\/p>\n<p>\u00bbSieh da! Sieh da, Timotheus,<\/p>\n<p>Die Kraniche des Ibykus!\u00ab \u2013<\/p>\n<p>Und finster pl\u00f6tzlich wird der Himmel,<\/p>\n<p>Und \u00fcber dem Theater hin<\/p>\n<p>Sieht man in schw\u00e4rzlichtem Gewimmel<\/p>\n<p>Ein Kranichheer vor\u00fcberziehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbDes Ibykus!\u00ab \u2013 Der teure Name<\/p>\n<p>R\u00fchrt jede Brust mit neuem Grame,<\/p>\n<p>Und, wie im Meere Well auf Well,<\/p>\n<p>So l\u00e4ufts von Mund zu Munde schnell:<\/p>\n<p>\u00bbDes Ibykus, den wir beweinen,<\/p>\n<p>Den eine M\u00f6rderhand erschlug!<\/p>\n<p>Was ists mit dem? Was kann er meinen?<\/p>\n<p>Was ists mit diesem Kranichzug?\u00ab \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und lauter immer wird die Frage,<\/p>\n<p>Und ahnend fliegts mit Blitzesschlage<\/p>\n<p>Durch alle Herzen. \u00bbGebet acht!<\/p>\n<p>Das ist der Eumeniden Macht!<\/p>\n<p>Der fromme Dichter wird gerochen,<\/p>\n<p>Der M\u00f6rder bietet selbst sich dar!<\/p>\n<p>Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,<\/p>\n<p>Und ihn, an dens gerichtet war.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch dem war kaum das Wort entfahren,<\/p>\n<p>M\u00f6cht ers im Busen gern bewahren;<\/p>\n<p>Umsonst, der schreckenbleiche Mund<\/p>\n<p>Macht schnell die Schuldbewu\u00dften kund.<\/p>\n<p>Man rei\u00dft und schleppt sie vor den Richter,<\/p>\n<p>Die Szene wird zum Tribunal,<\/p>\n<p>Und es gestehn die B\u00f6sewichter,<\/p>\n<p>Getroffen von der Rache Strahl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: Musen-Almach f\u00fcr das Jahr 1798<\/p>\n<div id=\"attachment_13798\" style=\"width: 229px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller-219x3001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13798\" class=\"size-full wp-image-13798\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller-219x3001.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13798\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schiller, portr\u00e4tiert von Ludovike Simanowiz, 1794<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999; letter-spacing: 0.05em;\">Und immer noch halte ich f\u00fcr die sch\u00f6nste deutsche Ballade jene, die vom Ibykus, dem G\u00f6tterfreund, erz\u00e4hlt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span class=\"Person\" style=\"color: #999999;\">Marcel Reich-Ranicki<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Schillers Ballade <em>Die Kraniche des Ibykus<\/em> ist ein Paradebeispiel f\u00fcr Schillers Gedankenlyrik. 1797 gedichtet, stellt sie die scheinbar \u00fcbernat\u00fcrliche Macht der Poesie und ihre Wirkung auf den Menschen in den Mittelpunkt. Der Dichter Ibykus, der auf seinem Weg nach Korinth heimt\u00fcckisch ermordet wird, tr\u00e4gt den \u00fcber ihn hinziehenden Kranichen die S\u00fchnung seines Todes auf. Die Rache erf\u00fcllt sich im Theater, wo sich die M\u00f6rder durch das wundersame Erscheinen der Kraniche selbst verraten.<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Schillers Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28516\">\u00dcber naive und sentimentalische Dichtung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Zum Kampf der Wagen und Ges\u00e4nge Der auf Korinthus\u2018 Landesenge Der Griechen St\u00e4mme froh vereint, Zog Ibykus, der G\u00f6tterfreund. 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