{"id":83294,"date":"2023-04-08T00:01:44","date_gmt":"2023-04-07T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83294"},"modified":"2022-10-27T05:45:11","modified_gmt":"2022-10-27T03:45:11","slug":"zum-dazwischen-als-generative-grauzone-im-schreiben-herta-muellers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/08\/zum-dazwischen-als-generative-grauzone-im-schreiben-herta-muellers\/","title":{"rendered":"Zum Dazwischen als generative Grauzone im Schreiben Herta M\u00fcllers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>\u201eI see the shaded part on one side where the sleepers are sleeping, [\u2026]\u201d<sup>[1]<\/sup><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u201eVor-Augen-F\u00fchren\u201c<sup>[2]<\/sup> (Aristoteles, <em>Rhetorik.<\/em> 1410b) \u2013 damit n\u00e4hern wir uns dem Aristotelischen Metaphernverst\u00e4ndnis als Kraft des Sehens; die <em>Sehkraft<\/em> ist bereits eine <em>Metapher<sup>[3]<\/sup><\/em> daf\u00fcr, wie wir als sinnlich rezipierende Wesen den uns umgebenden Kontext<sup>[4]<\/sup> als Welt <em>wahr<\/em>-nehmen. Da dem Sehen selbst, also dem <em>Selbst<\/em>-Sehen<sup>[5]<\/sup>, das Metaphorische innewohnt, lehne ich mich nicht zu weit aus dem oben genannten Fenster, wenn dieser essayistische Versuch seinerseits behauptet, dass das Sehen mehr ist als ein physischer, auf Sch\u00e4rfe ausgerichteter Prozess. Vielmehr ist es eine multidimensionale, sch\u00f6pferische Funktion, die unserem emotionalen und mentalen <em>Seinszustand<\/em> entspringt und diesen in einer r\u00fcckl\u00e4ufigen Bewegung von der \u201eanderen Seite\u201c her erneut und umso ma\u00dfgeblicher beeinflusst. Aristoteles bemerkt, dass \u201edie Metapher in gr\u00f6\u00dftem Umfang Deutlichkeit, Annehmlichkeit und Fremdartigkeit<sup>[6]<\/sup> [besitzt; J.K.], und [\u2026] nicht von etwas anderem abgeleitet werden [kann; J.K.]\u201c (Aristoteles, <em>Rhetorik.<\/em> 1405a).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In eben dieser sch\u00f6pferischen Funktion, die aus der \u201eGegenrichtung des Blickes\u201c resultiert, lauert das, was M\u00fcller die \u201eerfundene Wahrnehmung\u201c nennt: \u201eDie Gegenrichtung des Blicks ist das, was wir Sehen, was wir Wahrnehmung nennen\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel<\/em>. 40). \u201eDie Gegenrichtung des Blicks\u201c (er-)\u00f6ffnet \u00fcberraschend ein Fenster zum \u201eUnvorhersehbaren\u201c, welches in einer hinter dem Text erzeugten Grauzone eingebettet solange vor sich hin d\u00f6st, bis es mit Zuhilfenahme der \u201eerfundenen Wahrnehmung\u201c durch den Rezipiervorgang erweckt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die der \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac einverleibte Fremdartigkeit birgt jedoch weit mehr als die von Aristoteles postulierte Formel einer <em>ars imitatur naturam<\/em> in sich; weder sucht sie das in der Natur Unvollbrachte zu vollenden noch diese zu reproduzieren: Denn \u201e[\u00fc]berall, wo Menschen sich befinden, oder hinsehen, werden sie selbst, wird das was sie sehen, eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr das Unvorhersehbare\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 18). So ist die versprachlichte \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac als ein Vehikel anzusehen, \u201eSchritt, Sprung, Blick und Bild machen die \u201aErfahrung\u2018, wie sie sich in der Schrift niederschl\u00e4gt, nicht aber einfach nur \u201averschriftlicht\u2018, sondern wiederum syntaktisch und rhythmisch neu organisiert\u201c (K\u00f6hnen, <em>\u00dcber G\u00e4nge.<\/em> 159).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Niederschlag blickt aus der Schrift zur\u00fcck, denn \u201e[i]n jeder Sprache sitzen andere Augen in den W\u00f6rtern\u201d (M\u00fcller, <em>Heimat ist das was gesprochen wird.<\/em> 15). Den Worten ist demnach bereits in ihrer Beschaffenheit, der Typographie zu misstrauen. Aus dem Satz schaut das Unvorhersehbare, wonach \u201e[j]eder Satz [\u2026] ein von seinen Sprechern<sup>[7]<\/sup> so und nicht anders geformter Blick auf die Dinge\u201c (Ebd. 15) ist. Das Gesehene verselbst\u00e4ndigt sich, es blickt in reorganisierter Formation mit dem ihm durch die \u201eerfundene Wahrnehmung\u201c eingehauchten Leben (der des Schreibers und sp\u00e4ter des Lesers) zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da das poetische Ingenium in bildgewaltiger, wirkungsvoller Sprache<sup>[8]<\/sup> sprechen muss, kommt es nicht umhin, sich um die \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac zu bem\u00fchen, \u2013 oder bem\u00e4chtigt sich diese seiner Poetologie? Will man die \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac auf ihr Wesen hin untersuchen, so begibt man sich in den ihr eigenen Moment der T\u00e4uschung, Fremdheit, Erwartungsabweichung, Dunkelheit und \u00dcberraschung; man liefert sich aus, sieht ihr in die regenbogenfarbenen Augen; ihr, der \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac, als einer <em>Bild-Chim\u00e4re<sup>[9]<\/sup><\/em>, die im Schreiben M\u00fcllers zweifellos Beseeltem und Unbeseeltem ein Stuhlbein stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>\u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1<sup>[10]<\/sup><\/em> wird als weibliches Fabeltier \u201e[m]it Kopf, M\u00e4hne und Beinen eines L\u00f6wen, dem K\u00f6rper einer Wildziege und dem Schwanz eines Drachen oder Schlange [beschrieben, J.K.]\u201c (Zerling, <em>Lexikon der Tiersymbolik.<\/em> 54). \u039c\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac und \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 sind nicht nur dem Wortstamm entsprechend gleicherma\u00dfen weiblich, so verweist die k\u00f6rperliche Zusammensetzung<sup>[11]<\/sup> des Mischwesens \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 in seiner Anwesenheit auf der einen Seite mit all seinen K\u00f6rperteilen auf das jeweils abwesende Tier auf der anderen Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch den in der \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 vereinten Tieren wohnt wiederum ein metaphorischer Gehalt inne; so werden dem Mythos zufolge mit dem Drachenschwanz magische Kr\u00e4fte assoziiert, auch ist der Drache von seiner Symbolik her weder exakt dem Licht noch dem Dunkel zuzuordnen, ebenso vereint die Ziege Teuflisches und G\u00f6ttliches; auch der L\u00f6we ist ein bedeutungstr\u00e4chtiges Tier. So kann man jedem einzelnen Tier, auf welches die \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 als zusammengesetztes Bild in ihrer Anwesenheit verweist, eine <em>Mischwesenartigkeit<\/em> in der Bedeutung nachsagen, es als nicht aufl\u00f6sbare, in Blumenbergs Verst\u00e4ndnis <em>absolute Metapher<sup>[12]<\/sup><\/em>, als welches auch die \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 angesehen werden muss, verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unklar bleibt demnach auch, was die \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 in ihrer Vielgestalt oder vielmehr <em>Vielgestaltbarkeit<\/em> zum Ausdruck bringen soll. Die \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 setzt als Sinnbild in ihrer Unaufl\u00f6sbarkeit, Eigenst\u00e4ndigkeit, ggf. Ungebundenheit, dem Kontext gegen\u00fcber die Pr\u00e4missen von Zeit und Raum au\u00dfer Kraft; sie ist <em>absolute Metapher<\/em> f\u00fcr die Dunkelheit der \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac bedient sich zwar der konventionellen Sprachverwendung er-\/enth\u00e4lt oder entstellt (durch den Verweischarakter), transzendiert aber die urspr\u00fcngliche Bedeutung im neuen Verwendungszusammenhang. Ein verweisender Sinngehalt bleibt auch in der ihrem spezifischen <em>Discours<\/em> enthobenen \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac im Verwendungszusammenhang zur\u00fcck, auch dann, wenn diese in neuer Formation dunkler<sup>[13]<\/sup> werden mag:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Metapher [ist; J.K.] Ausdrucksmittel einer Phantasie, die das \u201eGegebene\u201c<sup>[14]<\/sup>, den Zusammenhang fixierter Erfahrungen, die Ordnung einer unbeweglich gewordenen \u201eRealit\u00e4t\u201c aufl\u00f6st, indem sie die Sprache vorgegebener Kategorisierungsschemata vergi\u00dft und neue Ordnungsm\u00f6glichkeiten spielerisch ausprobiert, [und; J.K.] damit \u00fcberraschend Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten andeutend und alternative Welten entwerfend (Nieraad, <em>Bildgesegnet und Bildverflucht.<\/em> 32).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blumenberg zeigt in seiner <em>Metaphorologie<\/em> mit den <em>absoluten Metaphern<\/em> eine Irreduzierbarkeit derselben auf, woraus geschlussfolgert werden kann, dass die \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac bereits <em>Welt<sup>[15]<\/sup><\/em> sein muss und oder diese enth\u00e4lt bzw. produziert, da sie sich als <em>contradictio in adiecto<\/em> des einstig illustrierten Sachverhaltes entledigt hat. Ulrike Growe spricht, wenn es um das \u201etechnische Schreiben\u201c Herta M\u00fcllers geht, von einer eigenen, ihren Worten innewohnenden \u201eMontiertheit\u201c (Growe, <em>Das Nicht-Sagbare schreiben im \u201e\u00dcberdruss der M\u00fcnze die auf den Lippen w\u00e4chst\u201c.<\/em>100). M\u00fcllers \u201eMontiertheit\u201c erscheint beinahe als eine ganz nat\u00fcrliche, die M\u00fcller am menschlichen K\u00f6rper selbst als nachvollzogen empfindet und die gleichzeitig mit demselben rezipierbar gemacht wird: \u201eUnser Auge liegt so, dass es eine gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4che, als der eine Augapfel gro\u00df ist, sieht. Daher steht immer ein Bild vor dem Auge, das zusammengesetzt ist. Das aus vielem, nicht Zusammengeh\u00f6rendem besteht\u201d (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 76). M\u00fcllers Schreiben geht unter die Haut[16] und \u00fcber diese hinaus; die \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 bedient sich des ganzen K\u00f6rpers, des Organischen, des den K\u00f6rper umgebenden Materials:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Texte von Herta M\u00fcller angeht, k\u00f6nnte man drei Organe angeben, die bei der Entstehung von Schrift mithelfen: Auge, Bein und Hippocampus, der an der Schnittstelle von Archi- und Neocortex f\u00fcr die Verbindung von Reflexen, Imagination und bewusstem Denken, aber auch f\u00fcr das Gleichgewichts- und Rhythmusgef\u00fchl verantwortlich ist (K\u00f6hnen, <em>\u00dcber G\u00e4nge.<\/em> 123).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Zusammensuchen geht Zusammensetzung einher und mit dieser kommt Zerlegung, bleibt Zerstreuen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man Menschen, auch, wenn sie einem nahestehen, ansieht, wird man schonungslos. Man zerlegt sie. Das Detail wird gr\u00f6\u00dfer als das Ganze. Man schaut in sie hinein. Man sieht nichts, doch man ahnt, was innen ist (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 25f).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blick hinein ist eine Entscheidung, die der Rezipient im \u201eDiskurs des ganz anderen Alleinseins\u201c, der Metapher des Fensters gegen\u00fcberstehend, trifft. Bereits <em>Leon Battista Alberti<\/em> begreift die <em>architectura<sup>[17]<\/sup><\/em> in seinem Gesamtwerk als ingigneres Kontinuum, die Kunst des Raumes, das Bauen schlechthin:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Est autem compositio ea pingendi ratio qua partes in opus picturae componuntur. Amplissimum pictoris opus non colossus sed historia. Maior enim est ingenii laus in historia quam in colosso. Historia partes corpora, corporis pars membrum est, membri pars est superficies. Primae igitur operis partes superficies, quod ex his membra, ex membris corpora, ex illis historia, ultimum illud quidem et absolutum pictoris opus perficitur (Alberti, De pictura II. 35).<sup>[18]<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die darstellende Komposition als Vorgang ist Zentrum des technisch organisierten Raumes in seiner universellen Grundbeziehung zur Wahrnehmung von Realit\u00e4t. Alberti erkl\u00e4rt den K\u00f6rper als einen Gegenstand, welcher teilbar ist durch L\u00e4nge, Breite und Tiefe. Dieser Gegenstand wiederum ist unter sichtbaren Oberfl\u00e4chen verborgen und st\u00f6\u00dft das menschliche Sehen, den Blick an seine Grenzen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo Gestr\u00fcpp w\u00e4chst, ist die Nacht auf dem Sprung zwischen Laub und \u00dcberfall. Wenn in der dunklen Stadt kein Strom ist, kommt die Nacht von unten, sie schneidet zuerst die Beine ab. Um die Schultern h\u00e4ngt noch graues Licht, das zum Schaukeln des Kopfes reicht, zum Zudr\u00fccken der Augen. Zum Sehen reicht es nicht (M\u00fcller, <em>Der Fuchs war damals schon der J\u00e4ger.<\/em> 31).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der K\u00f6rper in seiner Gegenst\u00e4ndlichkeit problematisiert nicht nur den Sehvorgang, sondern vor allem den Blick auf die Dinge, der von diesem zu unterscheiden ist. Erstmalig thematisiert Alberti die \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac des Fensters f\u00fcr das Sehen, indem er das Bild als eine der m\u00f6glichen Schnittebenen durch die Sehpyramide und die Projektion desselben als <em>fenestra<\/em> erkennt. Der Betrachter kommt nicht um die Einsicht, den Blick auf das Bild vom Bild zu richten. In beiden F\u00e4llen blickt er durch ein Fenster auf ein Bild, ohne das Medium zu bedenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowohl das geschaute Bild als auch der Blick durch das Fenster lenken die Beobachtung des Rezipienten auf Gegenst\u00e4nde, Personen und Ereignisse, die sich au\u00dferhalb des Raumes befinden, in denen sich der Betrachter befindet: \u201eDas Schwarze im Auge gl\u00e4nzt, f\u00e4ngt den Lichtfaden ein, der durchs Fenster f\u00e4llt\u201c (M\u00fcller, <em>Der Fuchs war damals schon der J\u00e4ger.<\/em> 93). \u2013 \u201eDer Mensch ist nicht Licht, sondern nur Leuchte, die am Licht entz\u00fcndet wird\u201c (Blumenberg, <em>\u00c4sthetische und metaphorologische Schriften.<\/em> 157). Bilder und Fenster er\u00f6ffnen den Blick auf <em>das Andere<\/em>, lenken ihn auf die andere Seite. Der Blick weg vom <em>Selbst<\/em> f\u00fchrt letztlich durch einen Perspektivenwechsel hindurch zur\u00fcck zum <em>Sich-Selbst-Sehen<\/em>: \u201eTagelang, wochenlang schaue ich auf die \u00e4u\u00dferen Dinge um mich und auf mich selbst. Ob ich mich darin zerlege, oder sie in mir, bis der Punkt kommt, an dem ich den R\u00fcckzug ins l\u00fcckenlos Unwirkliche mache\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 34f).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch was ist das <em>Fenster<\/em> auf der anderen Seite der Betrachtung, im R\u00fcck-Blick aus der \u201eGegenrichtung des Blicks\u201c? Es geht nicht l\u00e4nger um die \u201eTransparenz des Bildes\u201c, es geht um den Blick selbst, den R\u00fcck-Blick auf das durch die \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac ge-\/erzeugte Bild und seine Funktion innerhalb eines transzendierenden und damit generierenden Akts: \u201eDas, was f\u00e4llt und aufschl\u00e4gt oder kein Ger\u00e4usch macht, das was man nicht aufschreibt, sp\u00fcrt man in dem, was man aufschreibt. Das Gesagte mu\u00df behutsam sein, mit dem, was nicht gesagt wird\u201c (Ebd. 19).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Scheinbar un\u00fcberbr\u00fcckbar bleibt ein Rest zur\u00fcck; die \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac des ge\u00f6ffneten oder von vornherein verriegelten Fensters erlaubt keinen Einblick in die \u201ereale\u201c Welt, beim Blick durch ein Fenster bleibt der Betrachter mit dem Sich-bewusst-Sein der \u201erealen\u201c Anwesenheit des Geschauten verbunden. Im Unterschied dazu steht das literarisch konzipierte, das imaginierte Bild: Die Realit\u00e4t geht dem Bild ab. Es w\u00e4re demnach schon aus ph\u00e4nomenologischer Sicht unzul\u00e4nglich, das Bild wie ein Fenster zu behandeln. Jedoch ist nicht zu bestreiten, dass die von M\u00fcller inszenierten Fenster Bilder bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inwieweit erh\u00e4lt das Gemeinte durch das Vehikel des <em>fenestra<\/em>, durch den Akt der Betrachtung, eine Art Wirklichkeit im Zwischenraum? Wie nah kommt der Rezipient an den Raum, an die Kammer, in die das Fenster eine Zeit lang Einblick gew\u00e4hrt, heran, wenn das Bild Gesagtes ist und der eigentlich behandelte Gegenstand das Gemeinte? Das Fenster in der Funktion eines Bildes l\u00e4sst nicht die im Raum tats\u00e4chlich anwesenden Dinge schauen, sondern es sieht weit \u00fcber dessen Oberfl\u00e4che hinaus; es blickt auch zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der geschriebene Satz ist ein nachweisbarer Satz zwischen vielen verschwiegenen S\u00e4tzen. Nur seine Nachweisbarkeit unterscheidet ihn von den verschwiegenen S\u00e4tzen. Weil er nachweisbar ist, k\u00f6nnte man meinen, dass er wichtiger ist als die verschwiegenen S\u00e4tze. Er ist nicht wichtiger. Und er ist auch nur nachweisbar, weil er die verschwiegenen S\u00e4tze in sich enth\u00e4lt, indem er sie vorwegnimmt und hinterhertr\u00e4gt (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 36).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von M\u00fcller dargebotene Text ist mit jedem einzelnen seiner Satzglieder, mit jedem Wort<sup>[19]<\/sup>, mit jedem sichtbaren Zeichen anwesend \u2013 er ist bereits Bild in seiner Materialit\u00e4t. Der Text ist ebenfalls bildliches Medium zun\u00e4chst eines der anwesenden Dinge; diese sind <em>per definitionem<\/em> jedoch nicht als \u201ereal\u201c im eigentlichen Sinne anzusehen: \u201eEtwas war auf dem Bild, das drau\u00dfen kein Leben zeigt\u201c (Ebd. 11). Die anwesenden Dinge sind virtuell, ausschlie\u00dflich durch den Sehvorgang zu erfassen. Somit wird das Bild im Text mit einem Fenster identisch, denn der Text simuliert das Ding, das Ereignis, die Person, die Abbilder konstruierend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gemeinte erh\u00e4lt mit Zuhilfenahme der \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac eine Wirklichkeit, die durch selbige\u00a0 angesiedelt in einer Grauzone, verstanden als das <em>Dazwischen<sup>[20]<\/sup><\/em> in den abwesenden Zeichen, geschaut, gar gef\u00fchlt<sup>[21]<\/sup> werden kann: \u201eDas, was au\u00dfen geschieht, wird durchbrochen von dem ma\u00dflosen anderen. Das kommt von innen. Aber was von innen kommt, das kommt auch bald von au\u00dfen\u201c (Ebd. 20). Da das genutzte Medium sich selbst aus- bzw. \u00fcberblendet, werden im Dazwischen die Fenster tr\u00fcb, die Kunst des Bauens tritt hinter das durch den Blick verlebendigte Konstrukt zur\u00fcck: \u201eOft verst\u00e4rkt sich das, wenn da, wo tags\u00fcber Entfernungen und Richtungen oder blo\u00df Gegenst\u00e4nde sind, nichts mehr ist als Dunkelheit ist. Vor dem Schlaf gibt es nur uns selbst. Jedes Gef\u00fcge ist verschluckt\u201c (Ebd. 18).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der <em>anderen<\/em> Seite l\u00f6sen sich Konturen auf, verwischen Grenzen, K\u00f6rper erweitern sich, schrumpfen zur\u00fcck in eine Gegenstandslosigkeit, \u201eDer Staub ist [dann; J. K.] feinbehaart\u201c (M\u00fcller, <em>Der Fuchs war damals schon der J\u00e4ger.<\/em> 30), \u201eTaschenlampen geh\u00f6ren wie Finger zu den H\u00e4nden\u201c (Ebd.), \u201edie Kinder sind aus dem Haus gewachsen\u201c (Ebd. 39) und \u201e[w]ir ahnen es [\u2026], und dann steht etwas im Kopf und breitet sich aus und drosselt. Mal ist man dem bilderlosen Schlaf ausgeliefert, dem Nichts, [m]al der Unberechenbarkeit der Bilder [\u2026]. Die Wahrnehmung, die sich erfindet, steht nicht still. Sie \u00fcberschreitet ihre Grenzen da, wo sie sich festh\u00e4lt\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 18f).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcllers \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac funktioniert als eine aus Bildern zusammengesetzte Coll\u00e1ge des Absoluten, die durch den Leserblick belebt, zur \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1 wird. Doch ist die \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1, wenn auch nicht scheu, eine unber\u00fchrbare Wesenheit, gleicherma\u00dfen g\u00f6ttlich und teuflisch in ihrer Unantastbarkeit; aber sie l\u00e4sst sich beobachten, dann, wenn die Fenster unverriegelt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201e[\u2026] and the sunlit part on the other side\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Julia Kulewatz erh\u00e4llt f\u00fcr diesen Essay \u00fcber Herta M\u00fcller den KUNO-Essay-Preis 2023<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104161 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Ko\u0308niginKulewatz-207x300.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" \/>Mit dem Essay &#8222;K\u00f6nigin der Nacht&#8220; begr\u00fcndet die Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Verlegerin Julia Kulewatz die Edition Schwarzer Kater &#8211; eine Reihe, in der auf den ersten Blick vor allem ungew\u00f6hnliche literarisch-wissenschaftliche Texte ver\u00f6ffentlicht werden. Der vorliegende Text verhandelt die Frage nach der Gegens\u00e4tzlichkeit von Sein und Schein, Wahrheit und L\u00fcge, Licht und Dunkelheit anhand der K\u00f6nigin der Nacht in Mozarts \/ Schikaneders Zauberfl\u00f6te. Die Autorin legt damit einen wertvollen Forschungsbeitrag vor: &#8222;Werden und Vergehen reichen einander die Hand. Mit Tagesanbruch hat sich das Spektakel erledigt, und so mancher Betrachter meint, einem Traum oder einer bet\u00f6renden n\u00e4chtlichen Sinnest\u00e4uschung erlegen zu sein.&#8220; Die kraftvolle Metaphorik, durch die sich ihre zahlreichen Texte auszeichnen, spiegelt sich auch in diesem Essay wider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein R\u00fcckblick auf die Verlagsgr\u00fcndung von kul-ja! finden sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83099\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei\u00dfner, Kirsten: <em>I see what you mean. Metaphorische Konzepte in der (fremdsprachlichen) Bedeutungskonstruktion<\/em>. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2002.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blumenberg, Hans: <em>Paradigmen zu einer Metaphorologie.<\/em> Bouvier, Bonn 1960, Neuausgabe, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blumenberg, Hans: <em>\u00c4sthetische und metaphorologische Schriften.<\/em> Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>De pictura.<\/em> [1435, gewidmet Filippo Brunelleschi]; Della pittura [1436] [1] Volltext, lat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freud, Sigmund. <em>Die Traumdeutung.<\/em> F\u00fcnfte korrigierte Auflage im Rahmen der S. Fischer-Reihe; \u201eConditio Humana. Ergebnisse aus den Wissenschaften von Menschen\u201c, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1972.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Growe, Ulrike: <em>Das Nicht-Sagbare schreiben im \u201e\u00dcberdruss der M\u00fcnze die auf den Lippen w\u00e4chst\u201c. \u00dcber Herta M\u00fcllers Der W\u00e4chter nimmt seinen Kamm. In: Der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung.<\/em>Bildlichkeit in Texten Herta M\u00fcllers. Frankfurt am Main: Peter Lang, 1997.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haverkamp, Anselm (Hrsg.): <em>Theorie der Metapher.<\/em> Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 21996.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Johannsen, Anja K.: <em>Kisten, Krypten, Labyrinthe. Raumfiguren in der Gegenwartsliteratur: W.G. Sebald, Anne Duden, Herta M\u00fcller.<\/em> Bielefeld: transcript, 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kohl, Katrin: <em>Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur.<\/em> Berlin\/New York: de Gruyter, 2007.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcller, Herta: <em>Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet.<\/em> Berlin: Rotbuch, 1991.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcller, Herta: <em>Heimat ist das was gesprochen wird. Rede an die Abiturienten des Jahrgangs 2001.<\/em> Blieskastel: Gollenstein, 2001.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcller, Herta: <em>Der Fuchs war damals schon der J\u00e4ger.<\/em> Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nieraad, J\u00fcrgen: <em>\u201eBildgesegnet und Bildverflucht\u201c. Forschungen zur sprachlichen Metaphorik.<\/em> In: Ertr\u00e4ge der Forschung, Bd. 63. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1977.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zerling, Clemens: <em>Lexikon der Tiersymbolik. Mythologie \u2013 Religion \u2013 Psychologie.<\/em> M\u00fcnchen: K\u00f6sel, 2003.<\/p>\n<p><sup>[1] <\/sup>Whitman, Walt: \u201eSalut au Monde!\u201d, in: <em>Leaves of Grass and Other Writings<\/em>, 118, ed. Michael Moon, W. W. Norton &amp; Company: New York \u00b7 London 2002.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[2] <\/sup>\u03c0\u03c1\u1f78 \u1f40\u03bc\u03bc\u03ac\u03c4\u03c9\u03bd \u03c0\u03bf\u03b9\u03b5\u1fd6: \u201eVor-Augen-F\u00fchren\u201c = \u201edas, was Wirksamkeit zum Ausdruck bringt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[3] <\/sup>Lat. <em>metaphora<\/em>, aus griech. \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ac f\u00fcr \u00dcbertragung, Transfer, bildlicher Ausdruck zu <em>metaphorein\/metapherein<\/em>, \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03ad\u03c1\u03b5\u03b9\u03bd, \u201ewoandershin tragen\u201c, von meta-, \u201enach \u2026 hin\u201c zu <em>-pherein<\/em>, \u201etragen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[4]<\/sup> Mit \u201eKontext\u201c sei an dieser Stelle der <em>Discours<\/em> gemeint, wie ihn Michel Foucault in <em>Les mots et les choses\u00a0\u2013 Une arch\u00e9ologie des sciences humaines<\/em> (1966) und <em>L\u2019ordre du discours<\/em> (1972) bespricht. Der Diskurs, in dem die Text- und Bildwelten Herta M\u00fcllers entstanden und eingebettet sind, ist als jener Vorgang anzusehen, der der Herausbildung von Wahrheiten, \u201ein denen wir uns unser Sein zu denken geben\u201c, katalysiert. Diskurse werden Foucault zufolge innerhalb einer Organisation (Gesellschaft) produziert und in ge-\/verschlossenen R\u00e4umen aufbewahrt. Nur die Disziplin\/Disziplinierung, insbesondere von au\u00dfen, setzt der Diskursproduktion Grenzen, w\u00e4hrend Regeln und damit Disziplinierungsverfahren fortw\u00e4hrend\u00a0 aktualisiert werden m\u00fcssen. \u2013 Nicht zu vergessen sei demnach der Kontext\/Diskurs, der M\u00fcller zur Schrift-Stellerin hat werden lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[5]<\/sup> <em>Selbst-Sehen<\/em>, wie ich es gebrauche, soll hier schon in Anlehnung an M\u00fcllers Begriff von \u201eSehen\u201c verstanden werden, den sie folgenderma\u00dfen selbst kommentiert: \u201e\u00dcberall, wo Menschen sich befinden, oder hinsehen, werden sie selbst, wird das was sie sehen, eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr das Unvorhersehbare\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 18).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[6]<\/sup> \u03c4\u1f78 \u03be\u03b5\u03bd\u03b9\u03ba\u1f78\u03bd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[7]<\/sup> \u2013 und damit seinen Lesern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[8]<\/sup> <em>Energeia\/Ergon<\/em>, griech. <em>\u1f14\u03c1\u03b3\u03bf\u03bd<\/em>, \u201estatisches Gebilde\u201c, (Bau-)Werk. \u2013 Die transzendierende und generative Wirkung der metaphorischen Rede entfaltet sich, wie bereits erw\u00e4hnt, nur innerhalb des um sie geschaffenen Kontextes als ein Spannungsfeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[9]<\/sup> Der Neologismus \u201eBild-Chim\u00e4re\u201c mag bei genauerer Betrachtung etwas irritieren, da die Chim\u00e4re selbst bereits Bild ist, jedoch erleichtert er meines Erachtens zu Anfang die Sensibilisierung des Rezipienten, dem f\u00fcr die Chim\u00e4re noch kein eigenes Bild zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[10]<\/sup> Griech. \u03a7\u03af\u03bc\u03b1\u03b9\u03c1\u03b1, <em>Ch\u00edmaira<\/em>, f\u00fcr <em>Chim\u00e4re<\/em>, \u201edie Ziege\u201c, sp\u00e4ter wurde die Begrifflichkeit auf \u201eMischwesen\u201c ausgedehnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[11]<\/sup> Techniken der Zusammensetzung sind <em>Coll\u00e1ge<\/em> und <em>Mont\u00e1ge<\/em>, Bezug nehmend auf Sigmund Freud sind es ebenfalls Techniken, die das menschliche Denken beherrschen, \u00e4hnlich der<em> Verdichtung<\/em> (gekn\u00fcpft an den Vorgang der Assoziation) und <em>Verschiebung<\/em> (gekn\u00fcpft an den Vorgang der Dissoziation). Beide Verfahren sind auf poetische Texte \u00fcbertragbar als Effekte von sprachlicher \u201e\u00dcberdeterminierung\u201c und \u201eVieldeutigkeit\u201c (Vgl. dazu: Freud, <em>Traumdeutung<\/em>, Kap. VI).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[12]<\/sup> \u201e[Die; J. K.] <em>absolute Metapher<\/em> findet sich hier als \u00dcbertragung der Reflexion \u00fcber den Gegenstand der Anschauung auf einen ganz andern Begriff, dem vielleicht nie eine Anschauung korrespondieren kann\u201c (Blumenberg, <em>Metaphorologie.<\/em> 12).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[13]<\/sup> \u201eAlles, was schwarz ist, ist unsicher\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 110).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[14]<\/sup> An dieser Stelle sei das \u201eGegebene\u201c auch zu verstehen als das <em>Anwesende<\/em>, als ein <em>Auf-dieser-Seite-Seiendes<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[15]<\/sup> \u201eWelt\u201c hier gemeint als <em>Welt-Bild<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[16]<\/sup> \u201eIm ganz anderen Diskurs des Alleinseins verwischt sich die Grenze zwischen Gegenst\u00e4nden und Haut. Gegenst\u00e4nde k\u00f6nnen den Zustand, das Befinden der Person wiedergeben\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 97).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[17]<\/sup> Lat. f\u00fcr \u201eBaukunst\u201c: bezeichnet die Auseinandersetzung des Menschen mit konstruiertem Raum, dem planvollen Entwerfen und Gestalten von Bauwerken, mit Bezugnahme auf Vitruvs <em>De architectura libri decem.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[18]<\/sup> \u201e\u2018Komposition\u2019 hei\u00dft das kunstgerechte Verfahren [der Darstellung; J.K.], wodurch Teile zu einem Werk [\u2026] zusammengef\u00fcgt werden. Das bedeutendste Werk [\u2026] ist nicht die Riesengestalt, sondern der \u2018Vorgang\u2019. Denn gr\u00f6\u00dferes Lob verdient sich das Talent [des K\u00fcnstlers; J.K.] mit der Darstellung eines \u2018Vorgangs\u2019 als mit derjenigen einer Riesengestalt. Teile des \u2018Vorgangs\u2019 sind die K\u00f6rper, Teil des K\u00f6rpers ist das Glied, Teil des Gliedes die Fl\u00e4che. Die ersten Teile des Werkes sind also die Fl\u00e4chen, weil aus diesen die Glieder, aus den Gliedern die K\u00f6rper, aus diesen der \u2018Vorgang\u2019 zur Vollendung gebracht werden \u2013 der \u2018Vorgang\u2019 als das letzte und eigentlich vollkommene Werk des [K\u00fcnstlers; J.K.]\u201c (Alberti, <em>De Pictura II.<\/em> 35).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[19]<\/sup> \u201eEs waren Geschichten in manch einem Wort, die sich erz\u00e4hlten, ohne gesagt werden zu m\u00fcssen\u201c (M\u00fcller, <em>Heimat ist das was gesprochen wird.<\/em> 40).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[20]<\/sup> \u201eDie Grenzen sind nicht da, wo die Dinge sind, oder, wo sie aufh\u00f6ren. Sie, die Dinge, h\u00f6ren auch nicht auf, wo sie zu Ende sind, oder sie sind nicht zu Ende, wo sie aufh\u00f6ren. Die meisten Dinge wissen \u00fcber sich selbst hinaus\u201c (M\u00fcller, <em>Der Teufel sitzt im Spiegel.<\/em> 49).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>[21]<\/sup> \u201eZwischen Schweigenden hatten unser aller Augen gelernt, welches Gef\u00fchl der andere mit sich [\u2026] tr\u00e4gt\u201c (M\u00fcller, <em>Der Fuchs war damals schon der J\u00e4ger.<\/em> 30).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eI see the shaded part on one side where the sleepers are sleeping, [\u2026]\u201d[1] Das \u201eVor-Augen-F\u00fchren\u201c[2] (Aristoteles, Rhetorik. 1410b) \u2013 damit n\u00e4hern wir uns dem Aristotelischen Metaphernverst\u00e4ndnis als Kraft des Sehens; die Sehkraft ist bereits eine Metapher[3] daf\u00fcr, wie wir&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/08\/zum-dazwischen-als-generative-grauzone-im-schreiben-herta-muellers\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":190,"featured_media":104161,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[427,2399],"class_list":["post-83294","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herta-muller","tag-julia-kulewatz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/190"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83294"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83294\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104162,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83294\/revisions\/104162"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104161"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}