{"id":83264,"date":"2024-05-25T00:01:10","date_gmt":"2024-05-24T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83264"},"modified":"2022-02-23T07:20:11","modified_gmt":"2022-02-23T06:20:11","slug":"mehrdeutigkeiten-klangverwandtschaften-und-bedeutungsverschiebungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/05\/25\/mehrdeutigkeiten-klangverwandtschaften-und-bedeutungsverschiebungen\/","title":{"rendered":"Mehrdeutigkeiten, Klangverwandtschaften und Bedeutungsverschiebungen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrem literarischen Schaffen bewegt sich Joanna Lisiak zwischen den Genres. Sie kostet und lotet diese oft wie nebenbei schwebend aus, er\u00f6rtert in ihrem eigenen, erfrischenden Stil und schafft poetische Bilder. Sie \u00fcberrascht mit unvorhergesehenen Wendungen, kreiert Kombinationen, die bewegen, irritieren, am\u00fcsieren und verbl\u00fcffen. Die Autorin spielt gelegentlich mit der Sprache, ist ihr zugleich kritisch auf der Spur, die Zwischent\u00f6ne einfangend. In den geschaffenen R\u00e4umen, die manchmal winzig sind, kann es \u00fcberraschend knistern und kitzeln oder hell und klar aufleuchten. Durch ihr Werk, ob in Prosa, Dramatik oder Lyrik, ziehen sich die Stimmungen und innere Dialoge wie ein roter Faden, oftmals ums\u00e4umt von klugen, spitzen Beobachtungen und nicht selten mit selbstironischem Unterton. In Alltagsbeobachtungen kann Lisiak gr\u00f6ssere Zusammenh\u00e4nge mit leichter Geste heranziehen, Ph\u00e4nomene untersuchen, ohne dabei pathetische Mittel anzuwenden. Das Unsagbare, scheinbar Nebens\u00e4chliche, die inneren Zust\u00e4nde, mit denen man oftmals hadert, weil sie allzu verborgen sind, scheinen der Autorin besonders am Herzen zu liegen. Dabei ist sie zur Sinnfreiheit hin bewusst offen eingestellt, dem Absurden und Skurrilen h\u00f6chst zugetan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit ihrem ersten Gedichtband <em>Cocktails zum Lesen<\/em> handeln Joanna Lisiaks Gedichte von ertr\u00e4glichen und unfassbaren Zust\u00e4nden ds Lebens. Sie ergr\u00fcnden philosophische R\u00e4tsel und schwingen temperamentvoll in phantasievollen Eskapaden. Frei nach eigenem Rhythmus tanzend, springen sie belustigt unverschleiert vom Mikro- zum Makrokosmos. Metaphern und Reime sind selten, daf\u00fcr umso \u00fcberraschender anders. Die grenzenlose Zuversicht und viel Verwunderung, gepaart mit Ironie und scharfem Beobachtungssinn nehmen den Leser auf eine unterhaltsame Reise mit, sodas letztlich nichts unm\u00f6glich bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Ich_streue_Puderzucker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-64321 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Ich_streue_Puderzucker-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Ich_streue_Puderzucker-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Ich_streue_Puderzucker-260x398.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Ich_streue_Puderzucker-160x245.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Ich_streue_Puderzucker.jpg 397w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a>Dies setzt sich auch in <em>Ich streue Puderzucker<\/em> fort. Der Mensch als subjektives Individuum ist in seiner Vielschichtigkeit nicht zu erfassen; weder im curriculum temporis noch im momentum. Rasch f\u00e4llt einem ein willk\u00fcrlicher Gedanke zu als w\u00fcrden Gegenpole, geradezu hinter einer bestimmten Stimmung lauern. Wir sind nicht gefeit vor Zuf\u00e4llen, die uns jederzeit zufallen, wir k\u00f6nnen das Sich-Ewig-Bewegende nicht anhalten, schon gar nicht aus rein \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden. Die Grundstimmung als Trug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So soll dieses Werk auch kein in sich formales Format darstellen und sich damit an nichts festhalten, sich bewusst nicht einer ausgesuchten Farbpalette bedienen, sich nicht aus Eitelkeit selbst eingrenzen. Es ist bei aller Parallele zum wirklichen Leben dennoch nicht Ziel der Autorin in diesem Werk die Realit\u00e4t widerzuspiegeln. Aufzuzeigen wie es ist, ist nicht ihr Wunsch. Wozu denn sonst Lyrik; jene Gattung, in der alles so schillernd, mehrschichtig-, -dimensional sein kann, Lyrik als Meisterin, die Gesetze selber bricht und macht ohne sie je wirklich zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Einflug von Paradiesv\u00f6geln ist also willkommen, so auch Ironie als Fakt. Joanna Lisiak versucht, die Idee als solche werden zu lassen als w\u00e4re sie ein Kind, das an sich individuell genug ist, um sich seinen eigenen Platz zu formen. Der freie Lauf ist manchmal steil und klar, aber warum darf ein anf\u00e4ngliches Abheben nicht unsanft landen oder der Einfall aus Gr\u00f6sse letztlich erbsenbescheiden bleiben. Die Idee hat allen Vorrang. Sie zieht andere Ideen mit sich, sie f\u00e4chert auf, vernebelt Sinne, gew\u00e4hrt minimalen Einblick. Nicht zuletzt ergr\u00fcndet sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei will sie nicht mystisch sein oder geheimnisvoll wie es zum \u201cguten Ton\u201d geh\u00f6rt. Verkopfte Gedanken d\u00fcrfen ebenso abstrakt bleiben, wie sie sich in klare Bilder einnisten k\u00f6nnen. Wo es der Idee gef\u00e4llt, darf sie fallen, sich weiten oder verpuffen. Sie darf ein St\u00fcck weit anarchistisch und autonom walten. Auf diese Weise vermag die Autorin Entdeckungen zu machen, die sich im Text verankern, die bestenfalls im Leser auf neue Weise erwachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joanna Lisiak stellt sich beim Schreiben hinter die Idee und beim Ver\u00f6ffentlichen hinter den Leser. Sie vermeidet es einen Stempel aufzudr\u00fccken genannt \u201cso\u201d. Es gibt solcherlei und dieserlei und mancherlei erst recht. Sie verf\u00fchrt nicht mit dem Moll, weil er so z\u00e4rtlich auf der Hand bebt. Zu sehr ist der Schreibenden bewusst, dass die Sonne am Himmel jederzeit durch Wolken abgel\u00f6st werden kann, zu sehr ist ihr wohl die menschliche Rast vor Augen. Und Rast deshalb, weil homo sapiens weiterstrebt, homo memorans zur\u00fcckblickend sich dehnt und Sekunden seziert und weil homo imaginans es so liebt in Konjunktive zu fl\u00fcchten \u00fcber Jahrtausende hinweg und flugs wieder zur\u00fcck ist, gerade als w\u00e4re er nur der von nebenan, der einfach nur auch zuf\u00e4llig da ist und vielleicht gerade nichts anderes tut als gelangweilt mit seinen Beinen zu baumeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Band <em>mir ist so taschembe<\/em><em>i<\/em> besteht aus Lautgedichten. Sie gemahnen auf den ersten Blick an andere Sprachen (Finnisch, R\u00e4toromanisch oder Altdeutsch vielleicht?), und man muss sich auf diese Texte einlassen. Der Autorin geht es nicht darum den Leser vor eine Rebus-Aufgabe zu stellen, die zu decodieren w\u00e4re. Es ist vielmehr das Anliegen und die Einladung an den Leser, sich seiner eigenen Vorstellungsgabe hinzugeben. Ein relativ solider Ankerpunkt f\u00fcr das Spiel der Assoziationen, die ein Text ausl\u00f6sen kann, ist jeweils der Gedicht-Titel, welcher konsequent in Deutsch gehalten wird. Groteskes<strong>, <\/strong>Nonsens-Effekte und Sprachspiel finden sich in den Gedichten auf leichte Weise immer wieder. Das Geheimnisvolle, das der Lyrik inne ist, ist hier, mit Augenzwinkern auf die Spitze getrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie Spam- und Junkmails? Wenn ja &#8211; lassen sich diese Texte zu poetischen Destillaten verarbeiten? Die Autorin Joanna Lisiak hat den Versuch gewagt. Gelesen, ausgelegt, montiert, verdichtet. Bis die Spam Poetry stand. Entlarvend, ehrlich und absurd. Poesie so direkt und ungefiltert, dass sie selbst diejenigen erreichen kann, die sonst keine Lyrik lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die deutsch- und englischsprachigen Texte stehen sich ungezwungen gegen\u00fcber. Mit der Zeit treten sie subtil miteinander in einen Dialog, \u00fcberbieten sich mit Angeboten, trumpfen mit erstaunlichen Geschichten auf. Einzelne Verzweifelte erbitten Hilfe, staatliche Gebilde erwidern b\u00fcrokratisch, geben abstruse Statements oder profitable Versprechen ab. Die vermeintliche Korrespondenz gibt sich &#8211; wie auch im wirklichen World Wide Web &#8211; selbstbewusst international. Die Texte fliegen hin und her und fassen den ganzen Globus: von Asien in die USA, von der Elfenbeink\u00fcste zur\u00fcck nach Europa und schaffen es sogar bis zu einer Eisscholle auf dem Nordpol, wo ein Gestrandeter sich zu einem Wal mit lateinischem Akzent erkl\u00e4rt, welcher der Arbeit endg\u00fcltig abgeschworen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verdichtete, fragmentarische Sprache kennzeichnet die Lyrik in <em>wie du die tage anschraubst<\/em>. Die formale Ordnung der Syntax wird aufgebrochen, Inhalte werden verdreht, Worte wie Bruchst\u00fccke hingeworfen und lose miteinander kombiniert. Die Assoziation und Interpretation des Lesers sind daher wesentliche Teile dieser Gedankenspiele und -Experimente, und die manchmal subtil wahrnehmbaren, bisweilen augenscheinlichen Verwirrungen beabsichtigte Stilmittel mit dem Leser-Du einen Dialog aufzunehmen, der immer wieder auch im Zwischenraum stattfindet. Manche Texte sind wie konzentrierte Destillate, die explizit etwas aussagen m\u00f6chten, andere deuten lediglich auf etwas hin, das vordergr\u00fcndig nicht greifbar scheint. Sinn Befreites und Sinnverweigerung steht eine Zeile, ein Wort entfernt von Inhalten, die Substanzielles heraussch\u00e4len. Die Sprache wird unabh\u00e4ngig und originell als spielerisches, gelegentlich ironisches Material verwendet; auf diese Weise bewirkt die Autoren eine neue Sicht der Aussage und legt zuweilen das rohe Material zu einer zwangslosen, neuen Wahrnehmung frei. Reich an Enjambements, der Zeichensetzung befreit, sind dies Reflexionen \u00fcber das Dasein, das kreative Sch\u00f6pfen, das Suchen und Scheitern im Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einem Fest der Sinne laden uns Joanna Lisiaks Gedichte mit dem Titel <em>links wenn sie tr\u00e4umt<\/em> ein: Es locken Bilder wie \u203awarmes Brot auf die Augen legen\u2039, \u203ader Libelle beim Trinken zuh\u00f6ren\u2039 oder \u203asich knoten\u2039. Das ganze Spektrum der Wahrnehmung ist vertreten und schafft ein Universum, wo sich \u203aFreudemolek\u00fcle verbreiten\u2039 oder \u203amit dem Leseb\u00e4ndchen im Haar Tango getanzt\u2039 wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was auf den ersten Blick leicht, zuweilen fast lieblich wirkt, entpuppt sich als tastendes Fragen nach dem Sein. Unerwartete Pointen und eine leicht schr\u00e4ge, irritierende Wortwahl fassen das Inszenierte unseres Lebens. Die Autorin verschafft der Sehnsucht nach einer Wirklichkeit, die unserem Wesen gerecht wird, auf wenigen Zeilen Raum: dem Undefinierten, dem Knospenden, dem Traum. F\u00fcr die Lyrikerin typisch ist dabei, dass der Tiefsinn mit Humor durchgespielt wird. Das Ergr\u00fcnden des Allt\u00e4glichen und Menschlichen dehnt sich sogar auf die Welt der Gegenst\u00e4nde aus und beseelt sie in heiterem Animismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glich wird diese magische Welt durch die Macht des Wortes. Bewusst r\u00fcckt in Joanna Lisiaks Poesie die Sprache immer wieder in den Vordergrund: Sie h\u00e4lt einen Moment fest, verdinglicht, spielt vor unseren Augen mit dem vermeintlich Altbekannten und staunt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>\u00a0***<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/tage_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-83247\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/tage_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"307\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/tage_Cover.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/tage_Cover-215x300.jpg 215w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/tage_Cover-160x223.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Lyrik von Joanna Lisiak entdeckt Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/27\/spielraeume\/\">Spielr\u00e4ume des Staunens<\/a>. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verleiht der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em>finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In ihrem literarischen Schaffen bewegt sich Joanna Lisiak zwischen den Genres. 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