{"id":83231,"date":"2024-08-15T00:01:06","date_gmt":"2024-08-14T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83231"},"modified":"2023-07-30T05:45:00","modified_gmt":"2023-07-30T03:45:00","slug":"wortwurzel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/15\/wortwurzel\/","title":{"rendered":"Wortwurzel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum Pflanzen und B\u00e4ume? Und warum \u00fcber Pflanzen und B\u00e4ume schreiben? Dazu muss bei der Sprache begonnen werden, denn was ist Bezeichnung anderes als arbitr\u00e4r? Nun: Die Wortwurzel des Begriffes \u201eBaum\u201c &#8211; wobei die Bezeichnung \u201eWortwurzel\u201c sich hier besonders anbietet &#8211; ist auf das Westgermanische \u201eboum\u201c zur\u00fcck zu f\u00fchren. Auf Wikipedia findet man daf\u00fcr folgende einfache Definition: \u201eWuchsform einer Pflanze\u201c. In der Botanik, der Philosophie &#8211; man denke hier nur an die sogenannten Baumstrukturen &#8211; deren hierarchische Prinzipien sp\u00e4testens mit Lyotards \u201eRhizom\u201c hinterfragt und kritisch beleuchtet wurden. Eine Dichterin, die alles, was in der Natur w\u00e4chst, beim Wort nimmt, und sich mit diesen Begriffen bestimmt gut auskennt, ist Anna Ospelt. In ihrem neuen Buch \u201eFr\u00fche Pflanzung\u201c, das sich &#8211; zum Gl\u00fcck &#8211; formal nicht einordnen l\u00e4sst und zwischen lyrischer Prosa, freier Tagebuchform und einem aphoristischen Duktus oszilliert, nimmt das Wachsen als Stilprinzip &#8211; und kreiert damit eine v\u00f6llig neue Struktur. Mensch und Natur werden hier in einem literarischen Werk erstmals ganz ohne Plot auf eine Ebene gestellt, wenn es ganz unaufgeregt hei\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eEin Setzling wird in die Erde gepflanzt, man giesst vorsichtig und wartet. Ein Kind w\u00e4chst w\u00e4hrend der Schwangerschaft im Bauch der Mutter heran und kommt zur Welt.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wunderbares Zitat, oder? Das Adjektiv \u201evorsichtig\u201c ist eines, das sich beim Lesen der filigranen Texte \u00fcbrigens immer wieder aufdr\u00e4ngt: Anna Ospelts Worte sind n\u00e4mlich alles andere als das, was man im klassischen Sinne als \u201ewuchernd\u201c bezeichnen w\u00fcrde, auch wenn die Sprache nur so flie\u00dft: Da ist kein Wort zu viel, da wird nichts erkl\u00e4rt, der Magie des Lebens nichts weggenommen, aber auch nichts versch\u00f6nt oder hinzugedichtet. Auf zerbrechliche aber auch v\u00f6llig unaufgeregte Weise beschreibt Anna Ospelt, was da so in ihrem Leben keimt, Form annimmt, gro\u00df wird, sich ver\u00e4ndert und wieder vergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist zum Beispiel das Kind, zuerst noch ein Teil des Selbst, das laufen lernt und schlie\u00df-lich losgelassen werden muss. Da ist der Garten, in dem Leben beginnt, gro\u00df wird und wieder vergeht, und da ist die Beziehung &#8211; um einiges spr\u00f6der und weniger organisch als der Garten &#8211; die aufgrund gewisser gesellschaftlicher Strukturen dann doch wieder (los) gelassen werden muss. Anna Ospelts Text schildert den Alltag von Schreiben und Muttersein auf sanfte Art und Weise und ist dabei implizit politisch. Denn ohne plakativ sein zu wollen, leuchtet stets die gesell-schaftliche Frage durch die Zeilen der Dichterin: Was bedeutet \u201eMutterwerden\u201c heute f\u00fcr eine Frau, die schreiben will?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Suchbewegung in Sprache beginnt und setzt sich fort, entwickelt und ver\u00e4ndert wie auch das Leben der Pflanzen. Gew\u00fcrzt sind die wie hinter einer Glaswand geschilderten Betrachtungen des Textes mit filigranen visuellen Arbeiten, die \u00e4hnlich reduziert arbeiten wie die Sprache in diesem Band &#8211; und durch klare Formen, Farben und Konturen gro\u00dfe seelische R\u00e4ume im Leser \u00f6ffnen. Eines wird beim Lesen von \u201eFr\u00fche Pflanzung\u201c klar &#8211; und macht Hoffnung: In Zeiten, in denen Menschen immer mehr \u201eoptimiert\u201c und Randgruppen immer massiver verdr\u00e4ngt werden, gibt es Schriftsteller*innen, die sich in ihrer Sprachbehandlung von dem in Moment vorherrschenden Prosastil abheben, mit semantischen Strukturen brechen und neue Formen des Ausdrucks suchen, indem sie existierende Sprach-Codes aus ihrem Kontext l\u00f6sen und in eine neue Anordnung bringen: Ein Beispiel hierf\u00fcr w\u00e4re aich H\u00e9l\u00e8ne Cixous, die in ihrer \u201e\u00e9criture feminine\u201c eine Art des Schreibens betreibt, die sich viel eher am Klang der Sprache entlang tastet, als dass sie sich an einem stimmigen Gesamtkonzept abarbeitet oder eine traditionelle Form bedient. So wird die Produktionsmaschinerie nicht einfach beliefert, vielmehr kommt es zur Auslotung neuer Bereiche und M\u00f6glichkeiten, Sprache zu denken. Anna Ospelt scheint mir den Spuren dieser Dichterin zu folgen &#8211; und dabei doch einen ganz neuen und eigenen Stil zu entwickeln. Ein gelungenes Buch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fche Pflanzung. <\/strong>Lyrik von Anna Ospelt. Z\u00fcrich (Limmat Verlag) 2023<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104891 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Pflanzung_Cover-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. In ihrem preisgekr\u00f6nten Essay\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17985\"><em>Referenzuniversum<\/em><\/a>\u00a0geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen, das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>in der Reihe\u00a0<a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Warum Pflanzen und B\u00e4ume? Und warum \u00fcber Pflanzen und B\u00e4ume schreiben? Dazu muss bei der Sprache begonnen werden, denn was ist Bezeichnung anderes als arbitr\u00e4r? 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