{"id":83168,"date":"2021-09-30T00:01:27","date_gmt":"2021-09-29T22:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83168"},"modified":"2022-05-12T20:09:29","modified_gmt":"2022-05-12T18:09:29","slug":"theresienstaedter-requiem","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/09\/30\/theresienstaedter-requiem\/","title":{"rendered":"Theresienst\u00e4dter Requiem"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 1963 in Prag publizierte Novelle \u201eTheresienst\u00e4dter Requiem\u201c aus der Feder von Josef Bor wurde nach ihrer Ver\u00f6ffentlichung in zahlreiche europ\u00e4ische Sprachen \u00fcbersetzt. Der Autor, 1906 in einer tschechisch-j\u00fcdischen Familie in Ostrava geboren, geriet 1942 mit seiner Familie in das Ghetto Theresienstadt, 50 km n\u00f6rdlich von Prag. Er wurde 1944 nach Auschwitz deportiert, \u00fcberlebte einen Todesmarsch in das KZ Buchenwald im Fr\u00fchjahr 1945, seine gesamte Familie jedoch wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet. Nach seiner R\u00fcckkehr nach Prag arbeitete er bis 1948 im Tschechoslowakischen Justizministerium, wurde im Zusammenhang mit der antisemitischen Kampagne der kommunistischen Regierung entlassen. Neben wechselnden T\u00e4tigkeiten in unterschiedenen Branchen schrieb Josef Bor eine Reihe von Prosawerken, unter denen der autobiografische Roman \u201eDie verlassene Puppe\u201c und die Novelle \u00fcber das KZ und Ghetto Theresienstadt am bekanntesten sind. Die Neuauflage des vorliegenden Textes aus dem Reclam-Verlag mit dem renommierten \u00dcbersetzer Antonin Brousek und dem ausf\u00fchrlichen Nachwort des ausgewiesenen Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz gewinnt in mehrerer Hinsicht aufgrund der Einsicht in die Funktionsabl\u00e4ufe des von den Nazis 1941 eingerichteten Pseudo-Lagers f\u00fcr die verhaftete deutsch-j\u00fcdische Oberschicht. Benz nimmt in seinem ausf\u00fchrlichen Nachwort auf der Grundlage seiner eigenen Recherchen eine Reihe von Kommentaren und Erl\u00e4uterungen zum Ausgangstext aus dem Jahr 1963 vor. Im Ergebnis vermag er den fiktionalen Text mit dessen literarisch verb\u00fcrgten Textaussagen eingehender beleuchten und, ohne den hochkomplexen literarischen Text in Frage zustellen, einige wesentliche, angeblich auf Fakten beruhende Textaussagen zu revidieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Mittelpunkt der Novelle steht der Dirigent und Chorleiter des aus j\u00fcdischen H\u00e4ftlingen bestehenden Ensembles, Rafael Sch\u00e4chter. Er ist Absolvent des Prager Konservatoriums, der seit November 1941 eine Reihe von Opern und Musikwerken im Ghetto Theresienstadt erfolgreich inszeniert hat. Nun bereitet er mit sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlten Musikern und S\u00e4ngern eine Inszenierung von Verdis <em>Requiem<\/em> vor. Dabei muss er die \u00e4u\u00dferst schwierige Auswahl unter Dutzenden hochtalentierter K\u00fcnstler*innen treffen. Au\u00dferdem k\u00fcmmert er sich mithilfe einiger Mith\u00e4ftlinge um die Ausstattung der B\u00fchne, besorgt von irgendwoher alte Musikinstrumente. Die narrativen Textelemente wechselt dabei zwischen objektbezogenen Handlungsabl\u00e4ufen und der inneren Rede des Protagonisten Sch\u00e4chter, in dessen Verlauf die unerme\u00dflichen Schwierigkeiten bei der Vorbereitung des Requiems aus der Sicht des Chorleiters und Dirigenten thematisiert werden. Dieser Wechsel zwischen der Beschreibung der Vorbereitung auf die Premiere und der inneren Rede des Chorleiters zeichnet die Novelle aus. Au\u00dferdem ist sie gekennzeichnet durch h\u00e4ufige Reflexionen \u00fcber den Charakter des Werkes von Giuseppe Verdi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Ebenso spannungsgeladen und zugleich widerspr\u00fcchlich ist die Figur des Adolf Eichmann in Bors Novelle. Seit 1941 war Eichmann der Reichskoordinator der Vertreibung und Deportation der j\u00fcdischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung in die Konzentrationslager. In dieser Funktion galt er auch als Ideengeber f\u00fcr ein Sammellager der j\u00fcdischen Intelligenz im Ghetto Theresienstadt. Gleich zu Beginn der Novelle wird er als \u00dcberzeugungst\u00e4ter der nazideutschen Vernichtungsdiktatur genannt, als fiktionale Figur tritt er fast am Ende der Novelle wieder auf. Soeben hat die Premiere des <em>Requiem<\/em>unter gro\u00dfem Applaus stattgefunden, da kommt die Ank\u00fcndigung des Lagerkommandanten von Theresienstadt , dass am n\u00e4chsten Tag eine hochrangige Delegation aus Berlin Theresienstadt besichtigen will. Also muss ein Festprogramm in aller Eile auf die Beine gestellt werden: die Wiederholung der <em>Requiem<\/em>-Inszenierung. Die SS l\u00e4sst f\u00fcr die Auff\u00fchrung nun einen riesigen Krankensaal r\u00e4umen, um der Nazi-Delegation eine auf 60 Minuten gek\u00fcrzte Auff\u00fchrung zu erm\u00f6glichen. Was sich dann abspielt, ist eine von Rafael Sch\u00e4chter unter verzweifeltem Zeitdruck und k\u00fcnstlerischer Qual geschaffene Not-Inszenierung, die trotz aller repressiver Begleitumst\u00e4nde gl\u00fcckt. In der Schlusssequenz schmettert \u201esein\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Chor das <em>libera me<\/em> so stimmgewaltig und \u00fcberzeugend in den Saal, dass den gef\u00fchlsabstinenten Nazi-Bonzen, Eichmann eingenommen, ein Schauder der Verwunderung und \u00dcberraschung \u00fcber ihre K\u00f6rper jagt und sie zugleich zu zynischen Bemerkungen \u00fcber das von Verdi geschaffene \u201ekatholische\u201c Werk aus den Kehlen j\u00fcdischer S\u00e4nger hinrei\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das besondere Verdienst dieser Neuauflage und Neu-\u00dcbersetzung des \u201eTheresienst\u00e4dter Requiem\u201c, dass die transparente deutschsprachige Vorlage gemeinsam mit dem ausf\u00fchrlichen Nachwort der Novelle von Josef Bor eine noch h\u00f6here, intensivere Aussagekraft verleiht. Ein vorbildliches Verzeichnis der Anmerkungen mit vielen erhellenden Erl\u00e4uterungen, vier Abbildungen, die die Auftritte des j\u00fcdischen Gefangenenchores im Herbst 1944 dokumentieren, und Hinweise auf Autor, \u00dcbersetzer und Kommentator stellen eine Publikation dar, die angesichts der sich gegenw\u00e4rtig h\u00e4ufenden antisemitischen Anschl\u00e4ge in Deutschland auch zum Programm \u00a0\u00f6ffentlicher Lesungen werden sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theresienstaedter-Requiem_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-83172 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theresienstaedter-Requiem_Cover-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theresienstaedter-Requiem_Cover-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theresienstaedter-Requiem_Cover-160x255.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theresienstaedter-Requiem_Cover.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Theresienst\u00e4dter Requiem<\/strong>, von Josef Bor. \u00dcbersetzt und kommentiert von Antonin Brousek. Mit einem Nachwort von Wolfgang Benz. Mit vier Abbildungen. Ditzingen (Reclam) 2021, 127 S., 18.-\u20ac. ISBN 978-3-15-011333-2.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die 1963 in Prag publizierte Novelle \u201eTheresienst\u00e4dter Requiem\u201c aus der Feder von Josef Bor wurde nach ihrer Ver\u00f6ffentlichung in zahlreiche europ\u00e4ische Sprachen \u00fcbersetzt. 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