{"id":83137,"date":"2022-04-02T00:01:22","date_gmt":"2022-04-01T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83137"},"modified":"2022-02-20T19:24:53","modified_gmt":"2022-02-20T18:24:53","slug":"liebe-am-nachmittag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/02\/liebe-am-nachmittag\/","title":{"rendered":"Liebe am Nachmittag"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00abAriane, jeune fille russe\u00bb, 1920 in der <em>Editions de la sir\u00e8ne<\/em> in Paris publiziert, f\u00fcr den Prix Concourt nominiert, ist unter sehr verschiedenen Aspekten ein ungew\u00f6hnlicher Roman. Der geographische Hintergrund der Romanhandlung bildet das ber\u00fchmte Empire Hotel London in Sankt Petersburg und prachtvolle Villen im Zentrum der Hauptstadt des Zarenreichs. Noch war der russische Adel von den Bolschewiki nicht verjagt worden, noch bildeten die Kaufmannsgilden den Kern der wohlhabenden B\u00fcrgerschicht, noch hatte die Februarrevolution des Jahres 1917 mit dem Sturz des Zaren Nikolai II. nicht stattgefunden, noch feierte sich die hauptst\u00e4dtische Gesellschaft scheinbar ungest\u00f6rt von Weltkriegsgeschehen und drohenden sozialen Unruhen. Und in dieser friedlichen Atmosph\u00e4re setzt auch die Romanhandlung ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gymnasiastin namens Ariane Nikolajewna verl\u00e4sst im Morgengrauen durch einen Seiteneingang das Nobel-Hotel. Mit einer kaltschn\u00e4uzigen Bemerkung kanzelt sie einen jungen Liebhaber ab, der sich bei ihr entschuldigen will wegen seines aufdringlichen Verhaltens. Und schon ist die Figur der emanzipierten Heldin f\u00fcr den Handlungsplot des Romans entworfen. Klug ist, attraktiv, und verbl\u00fcffend unabh\u00e4ngig von ihrem sozialen Umfeld. Das beweist sie wenig sp\u00e4ter bei der Abschlu\u00dfpr\u00fcfung im Znamenski-Gymnasium, als sie einen Vortrag \u00fcber den Pr\u00e4laten von Nowgorod h\u00e4lt. In ihrem Auftreten ist sie so kompetent, dass alle Anwesenden sie bewundern. \u00a0Ariane aber reagiert darauf mit Gelassenheit und Gesten einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die das Lehrpersonal verbl\u00fcfft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in ihrer gesellschaftlichen Entourage wird sie bewundert. Mutig ist sie, denn sie behandelt ihre h\u00e4ufig wechselnden Liebhaber aus dem gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Milieu mit Noblesse und ungeachtet ihres jugendlichen Alters mit einer verbl\u00fcffenden Nonchalance. Schlau ist sie, weil sie M\u00e4nner mit einer geschickten Mischung aus Hochmut und Spott \u00fcberrascht, manchmal auch aus berechnender Bewunderung \u201escharf\u201c macht, sie dann aber cool abserviert. Skandalumwittert ist sie auf jeden Fall. H\u00e4ufige Rendezvous mit wechselnden Liebhabern, Einladungen zu Diners mit stadtbekannten Pers\u00f6nlichkeiten &#8211; ihr aufwendiger Lebensstil erregt Aufsehen. Kein Wunder, dass Ariane bald in den Focus der hauptst\u00e4dtischen Gesellschaft ger\u00e4t. \u00a0Da nimmt es nicht Wunder, dass sie auch in Moskau Aufsehen erregt. Dort taucht bei einem ihrer h\u00e4ufigen Aufenthalte im Rahmen ihres Studiums an der Universit\u00e4t ein gewisser Konstantin Michail auf. Er setzt sich vor Beginn der Auff\u00fchrung der Oper \u201eBoris Godunow\u201c im Bolschoj Teatr v\u00f6llig \u00fcberraschend neben sie, plaudert charmant mit ihr, l\u00e4dt sie nach der Vorstellung zu einem night-dinner ein, und eine lange, spannungsgeladene Beziehungsgeschichte beginnt. Auf beiden Seiten h\u00e4ufen sich die Fragen. Der Erz\u00e4hler schildert zun\u00e4chst die Verwunderung, die Konstantin Michail immer wieder beim Plaudern mit Ariane empfand, ihr jugendliches Alter, ihre Abgekl\u00e4rtheit, ihre Lebensklugheit. Er ger\u00e4t ins Nachdenken: \u201eWer war dieses herrische, willensstarke, geistreiche, gescheite junge M\u00e4dchen? Sie war lebenserfahren wie eine Frau. Manchmal hatte sie etwas Ernsthaftes in Blick. Ihre Stirn wirkte energisch und dabei durchaus nachdenklich.\u201c (S. 97)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ins Nachdenken ger\u00e4t deshalb auch der Erz\u00e4hler, der meist aus der Perspektive von Konstantin Michail wertet. So kann er das couragierte Auftreten von Ariane gegen\u00fcber ihrem Liebhaber nicht in \u00dcbereinstimmung mit den Verhaltensweisen einer jungen Frau aus der mittleren Oberschicht der russischen Gesellschaft bringen. Er will mit ihr schlafen, doch die \u201eHexe\u201c wehrt sich, stellt Bedingungen f\u00fcr ihr n\u00e4chtliches Rendezvous, spielt mit ihm, ohne sich seinen leidenschaftlichen Ber\u00fchrungen bewusst zu entziehen. Die Diners h\u00e4ufen sich so wie die Bettszenen, ohne dass sich Ariane ihrem Liebhaber hingibt. Er hingegen ist fasziniert von ihren klugen Kommentaren und Vorlesungen, die sie in Konstantins Hotelzimmer h\u00e4lt. Ariane ist in der Zwischenzeit als Studentin an der Moskauer Universit\u00e4t immatrikuliert. Sie treffen sich regelm\u00e4\u00dfig, dinieren in hochfeinen Restaurants. Ab und zu ist Konstantin auf Dienstreise, erz\u00e4hlt nach seiner R\u00fcckkehr von einem Aufenthalt in Jalta, l\u00e4dt Ariane zu einer Urlaubsreise nach Sewastopol ein. Und je l\u00e4nger die Erz\u00e4hlpassagen \u00fcber einen Nacktbadestrand am Schwarzen Meer werden, desto mehr fragen Leser*innen sich nach dem Ausgang dieser ungew\u00f6hnlichen Liebesbeziehung zwischen Konstantin Michail und Ariane. Gleichsam abgeschirmt von den realen gesellschaftlichen Abl\u00e4ufen in der Endphase des zaristischen Russlands, turteln die beiden miteinander, ohne dass sicher ist, wie die Liebesepisode enden wird. Diese sich steigernde Spannung findet bei der Abreise von Konstantin Michail aus Moskau ein unerwartetes Happyend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claude Anet, zum Zeitpunkt der Abfassung seines raffiniert verfassten Manuskripts um 1917\/18 als Reporter der franz\u00f6sischen Zeitschrift <em>Journal<\/em> in Sankt Petersburg t\u00e4tig, gelingt es, abstrahiert von der aufgew\u00fchlten Atmosph\u00e4re in der Hauptstadt einen Roman zu verfassen, der ungew\u00f6hnliches Aufsehen erregte. Seine Titelfigur ist das Modell einer emanzipierten Frau, die gleichsam die Vorreiterin f\u00fcr die sich nach dem Ersten Weltkrieg in Europa entfaltende europ\u00e4ische Emanzipationsbewegung b\u00fcrgerlicher und wenig sp\u00e4ter auch proletarischer Frauen spielt. Freilich ohne direkte politische Zielsetzungen, doch unverkennbar in ihrer sozialen Pr\u00e4senz und ihrem Bewusstsein der Gleichberechtigung gegen\u00fcber dem Mann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1868 in Morges (Schweiz) geborene Autor Claude Anet, Absolvent der Sorbonne und der \u00c9cole du Louvre, Autor mehrerer Romane und Reiseerz\u00e4hlungen, gelingt es, in der Figur der Ariane einen Prototyp der emanzipierten russischen jungen Frau zu entwerfen, der sich bald nach der Oktoberrevolution zumindest f\u00fcr einige Jahre durchsetzen wird. Dass Claude Anet auf Vorbilder wie die ber\u00fchmte Colette mit \u201eLa Vagabonde\u201c in der franz\u00f6sischen Literatur zur\u00fcckgreifen kann, verleiht diesem frech und elegant geschriebenen Roman durchaus die Rolle eines gedanklichen Vorreiters, dessen Eskapaden dem Leser gefallen werden. Dank auch der fl\u00fcssigen, spannend zu lesenden \u00dcbersetzung von Kristian Wachinger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Ariane.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-83141 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Ariane-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Ariane-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Ariane-260x416.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Ariane-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Ariane.jpg 312w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>ARIANE<\/strong>. Liebe am Nachmittag. Roman von Claude Anet. Aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt und mit einem Nachwort versehen von Kristian Wachinger. Z\u00fcrich (D\u00f6rlemann) 2021. 272 S., 23.- Euro. ISBN 978-3-03820-078-9.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00abAriane, jeune fille russe\u00bb, 1920 in der Editions de la sir\u00e8ne in Paris publiziert, f\u00fcr den Prix Concourt nominiert, ist unter sehr verschiedenen Aspekten ein ungew\u00f6hnlicher Roman. 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