{"id":83130,"date":"2022-03-01T00:01:25","date_gmt":"2022-02-28T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=83130"},"modified":"2022-02-20T07:30:12","modified_gmt":"2022-02-20T06:30:12","slug":"schreiben-schreiben-duerfen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/01\/schreiben-schreiben-duerfen\/","title":{"rendered":"Schreiben! Schreiben d\u00fcrfen!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Schreiben! Schreiben d\u00fcrfen! Das bedeutet: Tr\u00e4umen vor einem wei\u00dfen Blatt Papier, unbewusstes Gekritzel, das Spiel der Feder, die rund um einen Tintenklecks kreist, die das unvollkommene Wort benagt, zerkratzt, mit kleinen Pfeilen spickt, es mit F\u00fchlern und Tatzen verziert, bis es kein leserliches Wort mehr ist, sondern sich in ein fantastisches Insekt verwandelt hat und als verzauberter Schmetterling fortfliegt<\/em> (S. 15)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es vergleichbare Gef\u00fchlsentladungen, mit denen eine gewisse R\u00e9n\u00e9e N\u00e9re in ihrem 1910 auf Franz\u00f6sisch erschienenen Roman ihre Leidenschaft beim Verfassen von B\u00fcchern zum Ausdruck bringt? Schreiben, das ist f\u00fcr die damals noch nicht ber\u00fchmte Schriftstellerin Colette, \u201eein g\u00f6ttliches Fieber, das Wangen und Stirn durchgl\u00fcht\u201c. Schreiben, so ist hinzuzuf\u00fcgen, ist eine Parforce-Jagd aus den unbewussten Feldern der Phantasie hinauf in die lichten H\u00f6hen eines Alltags, in dem ein leidenschaftlich erz\u00e4hlendes Ich sich einem vagabundierenden Leben von den Fesseln der Ehe gel\u00f6st hat. Die 1873 in der Bourgogne geborene Sidonie Gabrielle Colette, deren literarisches Talent ihr erster Ehemann Henry Gauthier-Villas skrupellos ausnutzte, in dem er ihre erfolgreichen Romane unter seinem Namen publizieren lie\u00df, setzte als Zwanzigj\u00e4hrige ihre Karriere in Paris fort. Sie lie\u00df sich auch von ihrem zweiten Ehemann Gautier-Villas scheiden und f\u00fchrte von nun an das unabh\u00e4ngige, m\u00fchselige Leben einer Variet\u00e9-K\u00fcnstlerin und einer Schriftstellerin, zumindest solange, wie ihre B\u00fccher den Lebensunterhalt noch nicht absicherten. Sie wurde nun die Vagabundin, die Variet\u00e9-K\u00fcnstlerin, die im Umkreis ihrer Berufskolleginnen und \u2013 kollegen ihre Freundschaften pflegte, ihre Verehrer auf Distanz hielt, nicht nur in Pariser Kabaretts auftrat, sondern auch auf Tourneen durch die franz\u00f6sische Provinz ging, sehr zum Leidwesen eines gewissen Henry Dufferein-Chautel. Sie nennt ihn Max, macht sich lustig \u00fcber dessen oft unbeholfene Ann\u00e4herung, neckt ihn bei jeder Gelegenheit. Doch Max, Rentier, Erbe eines betr\u00e4chtlichen Verm\u00f6gens, l\u00e4sst nicht locker. Eine leidenschaftliche, wohl eher platonische Liebesbeziehung entfaltet sich, skeptisch be\u00e4ugt von ihren Arbeitskolleginnen und \u2013 kollegen, kritisch kommentiert von Brague, ihrem Berufskollegen, mit dem sie auf einer l\u00e4ngeren Tournee durch Frankreichs Variet\u00e9s unterwegs ist. Doch die leidenschaftlichen Liebesschw\u00fcre von Max bezirzen solange die Umworbene bis \u2026 nein, das Happyend bleibt aus. Adieu, mon cher, schreibt sie ihm, und entzieht sich dem sorgenlosen Leben an der Seite ihres Verehrers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1927 in der deutschsprachigen Erstver\u00f6ffentlichung im Paul Zsolnay in Wien unter dem Titel \u201eR\u00e9n\u00e9e N\u00e9r\u00e9. Das Schicksal einer Frau\u201c publizierte Roman erwies sich bald als wesentlicher Impuls f\u00fcr die feministische Bewegung in Deutschland, ein Verdienst, das sich in Frankreich bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs abzeichnete. Die lebendigen Dialoge, die freim\u00fctigen Monologe, die skrupellose Kritik an den m\u00e4nnlichen Besitzanspr\u00fcchen, der st\u00e4ndige Perspektivenwechsel zwischen Innen- und Au\u00dfenwelten der Ich-Erz\u00e4hlerin, der leidenschaftliche Umgang mit Sprache \u2013 all diese literarischen Merkmale und sozialkritischen Anspr\u00fcche kommen auch in den beiden deutschsprachigen Editionen zum Tragen. Ganz besonders in der vorliegenden Neuauflage in der renommierten Edition <em>ebersbach &amp; simon<\/em> mit der \u00dcbersetzerin Judith Petrus und der wunderbar-ausdrucksstarken Abbildung der Autorin auf dem Paperback. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund sind die beiden anderen Neuauflagen von Colette \u201eMein literarischer Garten\u201c und \u201eDie Katze\u201c in der Edition w\u00e4rmstens zu empfehlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Colette.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-83134 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Colette-182x300.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Colette-182x300.jpg 182w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Colette-260x429.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Colette-160x264.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Colette.jpg 272w\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><\/a>La Vagabonde<\/strong>, von Colette. Aus dem Franz\u00f6sischen von Grit Zoller, neu bearbeitet von Judith Petru. Berlin (ebersbach &amp; simon) 2021. 272 S., 22,00 Euro. ISBN 978-3-86915-225-7.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreiben! Schreiben d\u00fcrfen! 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