{"id":82978,"date":"2023-11-15T00:01:12","date_gmt":"2023-11-14T23:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82978"},"modified":"2022-02-26T09:24:49","modified_gmt":"2022-02-26T08:24:49","slug":"ueber-den-stuemper-in-der-dichtung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/15\/ueber-den-stuemper-in-der-dichtung\/","title":{"rendered":"\u00dcber den St\u00fcmper in der Dichtung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der St\u00fcmper allgemein<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gehen wir von der mehr oder minder unstrittigen Annahme aus, zu einem guten St\u00fcck Dichtung geh\u00f6ren Gef\u00fchl, Gedanke und Handwerk, oder allgemeiner gesagt, gute Dichtung zeichne sich durch eine \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt aus, dann gilt der St\u00fcmper in der Dichtung ganz allgemein als derjenige, dessen Texte diese Voraussetzungen nicht erf\u00fcllen. Auch wenn er beispielsweise \u00fcber die Liebe schreibt, strotzen seine Texte voller austauschbarer Begriffe und entbehren damit jeder Individualit\u00e4t. Mit anderen Worten: Von Gef\u00fchl ist keine Rede. Seine Gedanken kann er nicht klar darstellen; er verliert sich in Unverst\u00e4ndlichkeit oder l\u00e4sst sich seine Inhalte vom Drang, unbedingt reimen zu m\u00fcssen, diktieren. Eine Kommunikation mit den Lesern wird durch den fehlenden Bereich des Gedankens verunm\u00f6glicht. Trotz Reime kennt er kein Metrum. Trotz verwendeter Sprache kennt er dessen Semantik und Syntax nicht. Trotz aller M\u00f6glichkeiten, einen Text vor der Ver\u00f6ffentlichung pr\u00fcfen zu lassen, ist jeder Text mit Tipp- und Schreibfehlern \u00fcbers\u00e4t. Es sind f\u00fcr jeden Bereich noch viele weitere Varianten denkbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht will ich sagen, dass ein St\u00fcmpergedicht kein Gefallen finden kann. Meinungen variieren, fluktuieren und verlieren sich. Aber im Vergleich zu einem Meistergedicht wird das St\u00fcmpergedicht hinsichtlich Kommunikation, Inspiration und Motivation immer den K\u00fcrzeren ziehen. Was soll das hei\u00dfen? Nehmen wir ein Liebesgedicht von Heine in die Hand und vergleichen es mit einem heutigen St\u00fcmperliebesgedicht auf Facebook, k\u00f6nnen wir uns die Frage leicht beantworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was m\u00f6chte der St\u00fcmper?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir den St\u00fcmper in seiner nat\u00fcrlichen Umgebung, das hei\u00dft vorrangig in sozialen Netzwerken oder Autorengruppen, erkennen wir auf einer abstrakten Ebene ein bestimmtes Verhalten: Auf der einen Seite fordert der St\u00fcmper etwas. Auf der anderen Seite verwirklicht er selbst nicht, was er fordert, beziehungsweise macht das Gegenteil von dem, was er fordert. So lesen wir h\u00e4ufig, dass er an Austausch und konstruktiver Kritik interessiert sei, aber Beleidigungen oder allgemeines Gemotze ablehne. Sein Austausch mit anderen besteht dann darin, einen blauen Daumen zu setzen oder h\u00f6chst umfangreiche und an Pr\u00e4zession kaum zu \u00fcberbietende Kommentare zu hinterlassen, wie: \u201eSehr sch\u00f6n!\u201c, \u201eDas gef\u00e4llt mir!\u201c, \u201eWeiter so!\u201c, \u201eHut ab!\u201c, \u201eKlasse geschrieben!\u201c \u2026 Von Personen, die mit dem Schreiben an sich nicht viel zu tun haben, k\u00f6nnen solche Lobesworte durchaus erfreulich sein. Stammen sie aber von denjenigen, die sich schlie\u00dflich selbst auf die Stirn geschrieben haben, Dichter zu sein, kommen derlei Kommentare vielmehr wie ein gro\u00dfes Veralbern daher. Und einmal ehrlich, wer sonst als letztere kommentiert denn angebliche Gedichte auf Facebook oder sonstwo?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir uns schlie\u00dflich entscheiden, konstruktive Kritik zu \u00fcben, und dazu l\u00e4dt jeder St\u00fcmpertext <em>per defitionem<\/em> ein, erhalten wir als Antwort merkw\u00fcrdigerweise das, was der St\u00fcmper doch ablehnte: Motzen, Meckern, Beschimpfen \u2026 Wir sollten es uns nun nicht so einfach machen und mit Schulz von Thun argumentieren, dass der St\u00fcmper einfach Sach- und Emotionsebene miteinander vertauscht. Betrachten wir den ganzen Auswuchs seiner Heuchelei, erstellt sich rasch ein anderes Bild: Der St\u00fcmper hat ein ganz bestimmtes Ziel; er will ein Produkt verkaufen beziehungsweise einen Lohn f\u00fcr seine Arbeit erhalten. Nicht um andere zu inspirieren, mit anderen in den Dialog zu treten oder andere zu etwas zu motivieren, ver\u00f6ffentlicht er, sondern weil er mit Lob und Schmeichelei bezahlt werden will. Sein Interesse gilt nicht dem Austausch. Er will erfahren, dass er ein Guter ist, eben weil er aus seiner Perspektive gedichtet hat. Sein Ego verlangt nach einer Aufwertung oder wenigstens nach einer Best\u00e4tigung. Wer es dann wagt, nicht das, was er von seiner Umwelt erwartet, das hei\u00dft Ehrerbietung, zu liefern, bekommt seinen Zorn zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun k\u00f6nnte jemand einwenden, dass das hier doch alles \u00fcberpolemisch sei und der Wahrheit entbehrte. Ich kann f\u00fcr Beweise nur empfehlen, einfach einmal selbst eine Autorengruppe aufzusuchen und das Verhalten einiger Leute genau zu beobachten, oder schlichtweg eine beliebige Literaturgruppe in sozialen Medien n\u00e4her kennenzulernen. Wie erkl\u00e4rt es sich dann, dass jemand \u00fcberall in sozialen Medien zu finden ist, auf jede Leseb\u00fchne rennt, sobald ein Platz frei ist, fast w\u00f6chentlich ein neues Buch publiziert, t\u00e4glich irgendwo in einer Anthologie aufgenommen wird, sich wohlgef\u00e4llig sein Lob anh\u00f6rt, aber schmallippig wird, geht es nur einmal um jemand anderen, und err\u00f6tet, wenn man ihn fragt, ob er dieses und jenes Werk seines Kollegen gelesen h\u00e4tte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der St\u00fcmper in der Kritik<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gehen wir davon aus, ein St\u00fcmper wird konstruktiv kritisiert, das hei\u00dft, er als Person ist uninteressant und nur sein Text z\u00e4hlt. Zum Text bemerken wir daher durchaus Positives, zeigen Schwachstellen auf und entwerfen Vorschl\u00e4ge, die Schwachstellen zu beseitigen. Anders gesagt: Wir verwenden sehr viel Zeit darauf, einen Text zu analysieren, zu verstehen und dem Autor ein brauchbares Feedback zu hinterlassen. Wie ist die Replik des St\u00fcmpers beschaffen? Hier eine Liste der M\u00f6glichkeiten, wobei streng zu beachten ist, dass stets zwei wesentliche Punkte fehlen: ein Dank und die Motivation, etwas zu verbessern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Hast du den Text \u00fcberhaupt gelesen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mir gef\u00e4llt dein arroganter Ton nicht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das habe ich bewusst so geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Komplizierte Gedanken m\u00fcssen kompliziert ausgedr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Meiner Wahrheit nach ist das so richtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Jawohl, Herr Oberlehrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mir gef\u00e4llt es so, deswegen bleibt es so wie es ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich habe bereits ver\u00f6ffentlicht, ich wei\u00df doch, wie das geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Meine anderen Leser sehen das aber anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das ist Kunstfreiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich muss doch nicht so schreiben, wie du es verlangst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wenn du nichts Gutes zu sagen hast, dann lies doch bitte andere Texte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich schreibe bereits seit so und so vielen Jahren und brauche daher deine \u201eAnmerkungen\u201c nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tja, mein Stil gef\u00e4llt eben nicht jedem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Liste lie\u00dfe sich noch bis ins Unendliche fortf\u00fchren. Schauen wir uns daher kurz ein paar wesentliche Merkmale an: Obwohl wir ein umfassendes Feedback geschrieben haben, kommen nur kurze Phrasen zur\u00fcck, die nicht auf die ge\u00e4u\u00dferten Gedanken eingehen, keinen Dialogen suchen und damit nicht argumentativ pr\u00fcfen, ob das Gesagte so richtig, \u00fcberdenkenswert oder einfach falsch ist \u2013 schlie\u00dflich kann sich sehr wohl auch der Kritiker irren. Die knappen Gedanken haben alle die Form von Ausreden, wobei sie oftmals sehr voraussetzungsreich sind. Was hei\u00dft es beispielsweise, wenn jemand von \u201eseiner Wahrheit\u201c spricht? Ist es nicht gerade ein Merkmal der Wahrheit, dass sie subjektunabh\u00e4ngig ist? Was hei\u00dft Kunstfreiheit? Etwa, dass man sich um Gef\u00fchl, Gedanke und Handwerk nicht mehr zu scheren braucht? Ist es Gedicht deswegen pl\u00f6tzlich von Rechtschreibfehlern frei, nur weil andere Leser meinten, das Gedicht sei gut?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Resultat des ganzen Herausredens, Schwadronierens und Stammelns ist einfach und leicht beobachtbar: Die Qualit\u00e4t der St\u00fcmpertexte bleibt immer dieselbe. Weil der Autor nichts \u00e4ndern will, denn er hascht schlie\u00dflich nur nach Ehre und Ruhm (und er wird schon seine Ehrerbringer finden), arbeitet er sich stets an den denselben Inhalten, Formulierungen und Motiven ab, was eine Resistenz gegen\u00fcber Selbstreflexion und dem Wahrnehmen von Fehlern zur Folge hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der St\u00fcmper und die Vielschreiberei<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielschreiberei ist an sich kein Problem. Denn um ein Handwerk wie das des Schreibens zu erlernen, braucht es viel \u00dcbung. Beim \u00dcben erproben wir uns, spielen mit Formulierungen und Strukturen oder imitieren hin und wieder unsere Vorbilder, um von ihnen besser lernen zu k\u00f6nnen. Die Vielschreiber des St\u00fcmpers ist anders geartet: Sobald er einen Reiz versp\u00fcrt, schreibt er, was ihm einf\u00e4llt, nieder, kontrolliert es nicht und ver\u00f6ffentlicht es sofort. Dabei entstehen, allgemeingesprochen, Schablonengedichte, die sich mit immergleichen abstrakten Begriffen best\u00fcckt sehen und nur von Tag zu Tag ein wenig hin- und hergeschoben werden, um den Anschein zu wahren, man h\u00e4tte etwas Neues geschrieben. Die Schablonengedichte lassen sich auch weiter untergliedern in Schmonzetten, Anlasstexte und Zwiebelgedichte. Das Zwiebelgedicht thematisiert alles D\u00fcstere in der Welt; typische Abstracta sind: Leid, Schmerz, Herz, Schwarz, Tod, Nacht, Qual und nicht zu vergessen die Tr\u00e4nen! Schmonzetten k\u00f6nnen einerseits auf die billige Verdichtung von Liebe oder \u00c4hnlichem, aber auch auf ein Lob der Poesie selbst abzielen, sodass unter anderem folgendes semantisches Feld abgedeckt wird: Liebe, Traum, Harmonie, Klang, zart, sanft, Melodie, Kuss, Sehnsucht, Herz sowie Freude, Gl\u00fcck und Tralala. Die Anlassgedichte beziehen sich in der Mehrheit entweder auf Jahreszeiten oder auf aktuelle Ereignisse. Wird es Herbst, ist etwas von bunten Bl\u00e4ttern und Nebel zu lesen, werden zwei Leute in Halle erschossen, dann rotzt man irgendetwas von Unverst\u00e4ndnis und Trauer auf das Papier, auf dass alles am n\u00e4chsten Tag wieder vergessen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schablonentexte des St\u00fcmpers zeichnen sich neben immergleichen Abstracta wesentlich durch unver\u00e4nderliche Denkmuster aus. Wir k\u00f6nnen so leicht beobachten, wie in heutiger Liebeslyrik in der Mehrheit immer noch starre Rollenbilder von der armen Maid und dem heldenhaften Ritter zu lesen sind, wie in Anlassgedichten lieber Politiker oder \u00fcberhaupt alle anderen auf der Welt angeklagt und verurteilt werden, man sich selbst aber implizit als Tr\u00e4ger der ultimativen Moral sieht, und dass Schablonentexte nie eingesetzt werden, um Humorgedichte zu schreiben. Das verwundert nicht besonders, denn nichts liegt dem St\u00fcmper ferner als Selbstironie, das Lachen, das Abstandnehmen, das Reflektieren, das Spielen, das Spa\u00dfhaben. Schlie\u00dflich macht er ja etwas sehr, sehr Ernstes, etwas, das er Dichten nennt, aber in Wirklichkeit Marketing ist, das darauf abzielt, mit maximal niedrigem Einsatz maximal hohen Gewinn, das hei\u00dft blaue Daumen und Lobeshymnen zu erzielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Missverst\u00e4ndnisse des St\u00fcmpers<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade in der Reaktion auf Kritik offenbaren sich immer wieder zahlreiche Missverst\u00e4ndnisse, denen der St\u00fcmper aufsitzt. In sozialen Netzwerken br\u00fcstet er sich mit der Anzahl von blauen Daumen, die er f\u00fcr einen seiner Texte, f\u00fcr seine Facebookseite oder \u00c4hnlichem oder f\u00fcr seine Texte innerhalb eines Jahres erhalten hat. So bedankt er sich dann bei allen, die den blauen Daumen gegeben haben und bringt seine Freude zum Ausdruck. Doch wof\u00fcr? Ein blauer Daumen kann jederzeit gesetzt werden, ohne den Text gelesen zu haben. In sozialen Netzwerken gen\u00fcgt es in \u00fcberwiegendem Ma\u00dfe, einfach etwas zu ver\u00f6ffentlichen und man wird mit blauen Daumen gew\u00fcrdigt, weil man sich kennt, etwas f\u00fcr den blauen Daumen wiederum erwartet oder weil man einfach dazugeh\u00f6ren will. Ein blauer Daumen hat keine Bedeutung, dr\u00fcckt <em>per se<\/em> keine Achtung, keine Wertsch\u00e4tzung, kein Verst\u00e4ndnis, ja kein Lob aus. Es ist und bleibt einfach nur eine aktivierte Schaltfl\u00e4che in einem Netzwerk, das rein wirtschaftlich orientiert ist. \u00c4hnlich verh\u00e4lt sich mit Kommentaren wie \u201eSch\u00f6n!\u201c, \u201eKlasse!\u201c oder \u201eSuper!\u201c. Was dr\u00fccken diese Kommentare aus? Worin besteht der Anlass, sich \u00fcber sie zu freuen? Ein \u201eSuper!\u201c hei\u00dft erst einmal gar nichts, solange man keine Indizien daf\u00fcr hat, dass der Lobredner in der Lage ist, die G\u00fcte oder wenigstens den Aufwand eines Textes zu beurteilen. Mit anderen Worten: Was n\u00fctzt es, von Kommentar-St\u00fcmpern gelobt zu werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ferner misst der St\u00fcmper der Anzahl an Ver\u00f6ffentlichungen in Anthologien und B\u00fcchern einen irrsinnigen Wert zu. Nat\u00fcrlich kann es eine Freude sein, sein eigenes Buch zu ver\u00f6ffentlichen oder einen Anthologiewettbewerb gewonnen zu haben. Doch von welcher Art ist die Freude, wenn man gerade im Bereich der Dichtung vielleicht nur 30 B\u00fccher verkauft, kein Feedback, keine Rezension, sondern nur \u00e4hnlich \u00fcberfl\u00fcssiges Lob, wenn \u00fcberhaupt, wie in den sozialen Netzwerken erh\u00e4lt? Ist der Schluss vom einsilbigen Lob der Verwandtschaft auf das eigene dichterische K\u00f6nnen gerechtfertigt? Nun, der St\u00fcmper bejaht das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir Anthologien: Es gibt einige gute im deutschsprachigen Raum, die mit viel Liebe und Herzblut produziert werden. Wer liest sie jedoch? Wer von den Lesern gibt eine R\u00fcckmeldung? Welche von den R\u00fcckmeldungen betrifft einmal das eigene St\u00fcmpergedicht? Ohne das zu bedenken, erfreut sich der St\u00fcmper jedoch des Umstandes, dass es schon 20 B\u00fccher und 3000 Anthologiebeitr\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht hat \u2013 und das im Kontext, dass es noch nie so einfach wie heute war, St\u00fcmpertexte zu publizieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des Weiteren meint der St\u00fcmper, gut schreiben zu k\u00f6nnen, weil er bereits lange Zeit schreibt. Dieses Argument wird besonders gerne von \u00e4lteren Exemplaren genutzt, wenn j\u00fcngere Kritiker sich erdreisten, nicht angemessen zu loben, ja sogar die G\u00fcte eines Textes infrage zu stellen. Was lange w\u00e4hrt, wird deswegen noch nicht gut. Dichten ist kein Wein. Um gut zu werden, bedarf es eines Zutuns. Wenn die St\u00fcmpergedichte genauso geartet sind, wie vor 30 Jahren, wo besteht der Grund, zu meinen, sie seien in irgendeiner Form besser geworden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und f\u00fcr alle, die jetzt bereits die Nase r\u00fcmpfen und ihre Wutst\u00fcmperb\u00fcrgerantwort planen, sei es noch einmal kurz geradeger\u00fcckt: Nirgends steht hier, dass ein blauer Daumen, eine Ver\u00f6ffentlichung oder langes Schreiben nicht auch ein G\u00fctekriterium sein k\u00f6nnen. Ich spreche bewusst all diesen und weiteren Dingen <em>per se<\/em> einen Wert ab. Anders gesagt: Diese Dinge bekommen erst durch den jeweiligen Autor oder Kommentierer G\u00fcte verliehen \u2013 oder das Gegenteil. Ein blauer Daumen sagt nichts \u00fcber K\u00f6nnen oder Qualit\u00e4t aus, nur weil er gesetzt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Fazit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist ein St\u00fcmper? Nicht nur jemand, der qualitativ schlecht schreibt (und ich spreche hier nicht von subjektiven Kriterien an ein gutes Gedicht). Er ist jemand, der viel, sehr viel und immer dasselbe schreibt. Der St\u00fcmper ist ein Heuchler, der von seiner Umwelt abverlangt, was er selbst nie leisten wird. Er tr\u00e4gt viele narzisstische Z\u00fcge in sich. Ich lehne mich auch aus dem Fenster hinaus und behaupte, dass der St\u00fcmper immer auch ein reiner Narzisst ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sollten wir mit St\u00fcmpern umgehen? Wann immer es sich anbietet, sollte wir deren Gemeinschaft meiden. K\u00f6nnen wir nicht drumherum, sollten wir ihnen nicht z\u00fcrnen, aber ihre Worte keinesfalls ernst nehmen, egal ob das ihre Texte oder Einsch\u00e4tzungen betrifft. Haben wir jemanden als St\u00fcmper erkannt, gebietet letztendlich die Klugheit, mit ihm keine Zeit zu verschwenden. Besser ist es daher, die Texte von Leuten zu lesen, die kommunizieren, inspirieren und motivieren wollen, beziehungsweise die daran interessiert sind, sich zu verbessern, zu lernen und gemeinhin in den Dialog zu treten. Das Wichtigste ist jedoch alles in allem, dass wir jeden Tag all unsere Energie beim Schreiben daf\u00fcr einsetzen sollten, nicht selbst ein St\u00fcmper zu werden und damit eine der sch\u00f6nsten und hehrsten Errungenschaften der Menschheit, das hei\u00dft die Dichtung, entweihen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>, sowie einen Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>\u201c <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der St\u00fcmper allgemein Gehen wir von der mehr oder minder unstrittigen Annahme aus, zu einem guten St\u00fcck Dichtung geh\u00f6ren Gef\u00fchl, Gedanke und Handwerk, oder allgemeiner gesagt, gute Dichtung zeichne sich durch eine \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt aus, dann gilt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/15\/ueber-den-stuemper-in-der-dichtung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":171,"featured_media":98207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2078],"class_list":["post-82978","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rene-kanzler"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82978","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/171"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82978"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82978\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100802,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82978\/revisions\/100802"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98207"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82978"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82978"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}