{"id":82573,"date":"2024-10-11T00:01:41","date_gmt":"2024-10-10T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82573"},"modified":"2022-02-21T18:24:07","modified_gmt":"2022-02-21T17:24:07","slug":"ueber-den-dichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/11\/ueber-den-dichter\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Dichter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Mal, in einem sch\u00f6nen Gleichnis, ward mir das Verh\u00e4ltnis des Dichters im Bestehenden, sein \u00bbSinn\u00ab vorgehalten. Das war auf der gro\u00dfen Segelbarke, mit der wir von der Insel Philae nach den ausgedehnten Stau-Anlagen hin\u00fcberfuhren. Es ging zuerst den Strom hinauf, die Ruderer mu\u00dften sich M\u00fche geben. Ich hatte sie alle gegen mir \u00fcber, sechzehn, wenn ich mich recht entsinne, je vier in einer Reihe, immer zwei am rechten, zwei am linken Ruder. Gelegentlich begegnete man dem Blick des einen oder andern, meistens aber war in ihren Augen kein Schauen, sie standen offen in die Luft, oder sie waren eben nur die Stellen, wo das hei\u00dfe Innere dieser Burschen, um das die metallischen K\u00f6rper sich spannten, frei lag. Zuweilen, aufschauend, \u00fcberraschte man dennoch einen, der in voller Nachdenklichkeit \u00fcber einem br\u00fctete, als stellte er sich Situationen vor, in denen diese fremde verkleidete Erscheinung sich ihm entr\u00e4tseln k\u00f6nnte; entdeckt, verlor er fast sofort den m\u00fchsam vertieften Ausdruck, war einen Moment mit allen Gef\u00fchlen im Schwanken, sammelte sich so rasch es ging in einem wachsamen Tierblick, bis der sch\u00f6ne Ernst seines Gesichts gewohnheitsm\u00e4\u00dfig in das albere Bakschischgesicht \u00fcberging und in die t\u00f6richte Bereitschaft, sich zum Dank nach Belieben zu entstellen und herabzusetzen. Doch ging mit dieser Erniedrigung, die die Reisenden seit lange auf dem Gewissen haben, meistens auch schon die dazu geh\u00f6rige Rache vor sich, indem er selten unterlie\u00df, \u00fcber den Fremden fort einen Blick b\u00f6sen Hasses hin\u00fcberzuheben, der aufleuchtete von einem Einverst\u00e4ndnis, das er jenseits mu\u00dfte gefunden haben. Ich haue den Alten schon mehrere Male beobachtet, der dort, auf dem Schiffshinterteil, hockte. Seine H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe waren aufs vertraulichste nebeneinander gekommen, und zwischen ihnen ging, gelenkt und aufgehalten, die Stange des Steuers hin und her und hatte Bewandtnis. Der K\u00f6rper, in dem zerfetzten schmutzigen Kleide, war nicht der Rede wert, das Gesicht unter dem verkommenen Turbantuch in sich zusammengeschoben wie die St\u00fccke eines Fernrohrs, so flach, da\u00df die Augen davon zu triefen schienen. Gott wei\u00df, was in ihm steckte, er sah aus, als k\u00f6nnte er einen in etwas Widerw\u00e4rtiges verwandeln; ich h\u00e4tte ihn gern genau ins Auge gefa\u00dft, aber wenn ich mich umdrehte, hatte ich ihn so nah wie mein eigenes Ohr, und es war mir zu auffallend, ihn aus solcher N\u00e4he zu untersuchen. Auch war das Schauspiel des breit auf uns zukommenden Flusses, der sch\u00f6ne, gleichsam fortw\u00e4hrend zuk\u00fcnftige Raum, in den wir uns eindr\u00e4ngten, der ununterbrochenen Aufmerksamkeit so w\u00fcrdig und wohltuend, da\u00df ich den Alten aufgab und daf\u00fcr mit immer mehr Freude die Bewegungen der Knaben zu sehen lernte, die bei aller Heftigkeit und Anstrengung nicht an Ordnung verloren. Das Rudern war nun so gewaltig, da\u00df die Knaben an den Enden der m\u00e4chtigen Ruderstangen sich jedesmal im Ausholen ganz von den Sitzen abhoben und sich, ein Bein gegen die Vorderbank gestemmt, stark zur\u00fcckwarfen, w\u00e4hrend die acht Ruderbl\u00e4tter sich unten in der Str\u00f6mung durchsetzten. Dabei stie\u00dfen sie eine Art Z\u00e4hlung aus, um im Takt zu bleiben, aber immer wieder nahm ihre Leistung sie so in Anspruch, da\u00df keine Stimme \u00fcbrig blieb; manchmal mu\u00dfte so eine Pause einfach \u00fcberstanden werden, zuweilen aber f\u00fcgte es sich so, da\u00df ein nicht abzusehender Eingriff, den wir alle auf das Besonderste empfanden, ihnen dann nicht nur rhythmisch zu H\u00fclfe kam, sondern auch, wie man merken konnte, die Kr\u00e4fte in ihnen gleichsam umwandte, so da\u00df sie, erleichtert, neue, noch unverminderte Stellen Kraft in Gebrauch nahmen: ganz wie ein Kind, das sich hungrig \u00fcber einen Apfel gemacht hat, strahlend von Neuem zu essen anf\u00e4ngt, wenn es entdeckt, da\u00df die eine Seite, die es hielt, noch bis zur Schale ansteht.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da kann ich ihn nun l\u00e4nger nicht verschweigen, den Mann, der gegen den rechten Rand zu vorne auf unserer Barke sa\u00df. Ich meinte schlie\u00dflich, es vorzuf\u00fchlen, wenn sein Gesang bevorstand, aber ich kann mich geirrt haben. Er sang aufeinmal auf, in durchaus unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden und keineswegs immer, wenn die Ersch\u00f6pfung um sich griff, im Gegenteil, es geschah mehr als ein Mal, da\u00df sein Lied alle t\u00fcchtig fand oder geradezu \u00fcberm\u00fctig, aber es war auch dann im Recht; es pa\u00dfte auch dann. Ich wei\u00df nicht, wie weit sich ihm die Verfassung unserer Mannschaft mitteilte, das alles war hinter ihm, er sah selten zur\u00fcck und ohne ihn bestimmenden Eindruck. Was auf ihn Einflu\u00df zu haben schien, war die reine Bewegung, die in seinem Gef\u00fchl mit der offenen Ferne zusammentraf, an die er, halb entschlossen, halb melancholisch, hingegeben war. In ihm kam der Antrieb unseres Fahrzeugs und die Gewalt dessen, was uns entgegenging, fortw\u00e4hrend zum Ausgleich, \u2013 von Zeit zu Zeit sammelte sich ein \u00dcberschu\u00df: dann sang er. Das Schiff bew\u00e4ltigte den Wider stand; er aber, der Zauberer, verwandelte Das, was nicht zu bew\u00e4ltigen war, in eine Folge langer schwebender T\u00f6ne, die weder hierhin noch dorthin geh\u00f6rten, und die jeder f\u00fcr sich in Anspruch nahm. W\u00e4hrend seine Umgebung sich immer wieder mit dem greifbaren N\u00e4chsten einlie\u00df und es \u00fcberwand, unterhielt seine Stimme die Beziehung zum Weitesten, kn\u00fcpfte uns daran an, bis es uns zog.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht wie es geschah, aber pl\u00f6tzlich begriff ich in dieser Erscheinung die Lage des Dichters, seinen Platz und seine Wirkung innerhalb der Zeit, und da\u00df man ihm ruhig alle Stellen streitig machen d\u00fcrfte au\u00dfer dieser. Dort aber m\u00fc\u00dfte man ihn dulden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99289\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Rainer-Maria-Rilke-e1645458261240.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein Mal, in einem sch\u00f6nen Gleichnis, ward mir das Verh\u00e4ltnis des Dichters im Bestehenden, sein \u00bbSinn\u00ab vorgehalten. 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