{"id":82568,"date":"2024-09-10T00:01:57","date_gmt":"2024-09-09T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82568"},"modified":"2022-02-21T16:57:19","modified_gmt":"2022-02-21T15:57:19","slug":"ueber-den-jungen-dichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/09\/10\/ueber-den-jungen-dichter\/","title":{"rendered":"\u00dcber den jungen Dichter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer noch z\u00f6gernd, unter geliebten Erfahrungen \u00fcberwiegende und geringere zu unterscheiden, bin ich auf ganz vorl\u00e4ufige Mittel beschr\u00e4nkt, wenn ich das Wesen eines Dichters zu beschreiben versuche: dieses ungeheuere und kindliche Wesen, welches (man fa\u00dft es nicht: wie) nicht allein in endg\u00fcltigen gro\u00dfen Gestalten fr\u00fcher aufkam, nein, sich hier, neben uns, in dem Knaben vielleicht, der den gro\u00dfen Blick hebt und uns nicht sieht, gerade zusammenzieht, dieses Wesen, das junge Herzen, in einer Zeit, da sie des geringf\u00fcgigsten Lebens noch unm\u00e4chtig sind, \u00fcberfallt, um sie mit F\u00e4higkeiten und Beziehungen zu erf\u00fcllen, die sofort \u00fcber alles Erwerbbare eines ganzen Daseins hinausgehn; ja, wer w\u00e4re imstand von diesem Wesen ruhig zu reden? W\u00e4re es noch an dem, da\u00df es nicht mehr vork\u00e4me, da\u00df wir es absehen d\u00fcrften an den Gedichten Homers, hinausger\u00fcckt, in seiner unwahrscheinlichen Erscheinung: wir w\u00fcrden es allm\u00e4hlig in eine Fassung bringen, wir w\u00fcrden ihm Namen geben und Verlauf, wie den anderen Dingen der Vorzeit; denn was anderes als Vorzeit bricht aus in den mit solchen Gewalten best\u00fcrzten Herzen. Hier unter uns, in dieser vielf\u00e4ltig heutigen Stadt, in jenem redlich besch\u00e4ftigten Haus, unter dem L\u00e4rm der Fahrzeuge und Fabriken und w\u00e4hrend die Zeitungen ausgerufen werden, ger\u00e4umige Bl\u00e4tter bis an den Rand voll Ereignis, ist pl\u00f6tzlich, wer wei\u00df, alle Anstrengung, aller Eifer, alle Kraft \u00fcberwogen durch den Auftritt der Titanen in einem unm\u00fcndigen Innern. Nichts spricht daf\u00fcr als die K\u00e4lte einer Knabenhand; nichts als ein erschrocken zur\u00fcckgenommener Aufblick; nichts als die Teilnahmslosigkeit dieses jungen Menschen, der mit seinen Br\u00fcdern nicht spricht und, so bald es geht, von den Mahlzeiten aufsteht, die ihn viel zu lang dem Urteil seiner Familie ausstellen. Kaum da\u00df er wei\u00df, ob er noch zur Mutter geh\u00f6rt: so weit sind alle Maa\u00dfe seines F\u00fchlens verschoben, seit dem Einbruch der Elemente in sein unendliches Herz.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">O ihr M\u00fctter der Dichter. Ihr Lieblingspl\u00e4tze der G\u00f6tter, in deren Schoo\u00df schon mu\u00df das Unerh\u00f6rte verabredet worden sein. H\u00f6rtet ihr Stimmen in der Tiefe eurer Empf\u00e4ngnis, oder haben die G\u00f6ttlichen sich nur mit Zeichen verst\u00e4ndigt?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht, wie man das v\u00f6llig Wunderbare einer Welt leugnen kann, in der die Zunahme des Berechneten die Vorr\u00e4te dessen, was \u00fcber jedes Absehn hinausgeht, noch gar nicht einmal angegriffen hat. Es ist wahr, die G\u00f6tter haben keine Gelegenheit verschm\u00e4ht, uns blo\u00dfzustellen: sie lie\u00dfen uns die gro\u00dfen K\u00f6nige \u00c4gyptens aufdecken in ihren Grabkammern, und wir konnten sie sehen in ihren nat\u00fcrlichen Verwesungen, wie ihnen nichts erspart geblieben war. Alle die \u00e4u\u00dfersten Leistungen jener Bauwerke und Malereien haben zu nichts gef\u00fchrt; hinter dem Qualm der Balsamk\u00fcchen ward kein Himmel erheitert, und der t\u00f6nernen Brote und Beischl\u00e4ferinnen hat sich kein unterweltlicher Schwarm scheinbar bedient. Wer bedenkt, welche F\u00fclle reinster und gewaltigster Vorstellungen hier (und immer wieder) von den unbegreiflichen Wesen, an die sie angewandt waren, abgelehnt und verleugnet worden ist, wie m\u00f6chte der nicht zittern f\u00fcr unsere gr\u00f6\u00dfere Zukunft. Aber bedenke er auch, was das menschliche Herz w\u00e4re, wenn au\u00dferhalb seiner, drau\u00dfen, an irgend einem Platze der Welt Gewi\u00dfheit entst\u00fcnde; letzte Gewi\u00dfheit. Wie es mit einem Schlage seine ganze in Jahrtausenden angewachsene Spannung verl\u00f6re, eine zwar immer noch r\u00fchmliche Stelle bliebe, aber eine, von der man heimlich erz\u00e4hlte, was sie vor Zeiten gewesen sei. Denn wahrlich, auch die Gr\u00f6\u00dfe der G\u00f6tter h\u00e4ngt an ihrer Not: daran, da\u00df sie, was man ihnen auch f\u00fcr Geh\u00e4use beh\u00fcte, nirgends in Sicherheit sind, als in unserem Herzen. Dorthin st\u00fcrzen sie oft aus dem Schlaf mit noch ungesonderten Pl\u00e4nen; dort kommen sie ernst und beratend zusammen; dort wird ihr Beschlu\u00df unaufhaltsam.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was wollen alle Entt\u00e4uschungen besagen, alle unbefriedigten Grabst\u00e4tten, alle entkernten Tempel, wenn hier, neben mir, in einem auf einmal verfinsterten J\u00fcngling Gott zur Besinnung kommt. Seine Eltern sehen noch keine Zukunft f\u00fcr ihn, seine Lehrer glauben seiner Unlust auf der Spur zu sein, sein eigener Geist macht ihm die Welt ungenau, und sein Tod versucht schon immer an ihm, wo er am besten zu brechen sei; aber so gro\u00df ist die Un\u00fcberlegtheit des Himmlischen, da\u00df es in dieses unverl\u00e4\u00dfliche Gef\u00e4\u00df seine Str\u00f6me ergie\u00dft. Vor einer Stunde noch vermochte der fl\u00fcchtigste Aufblick der Mutter dieses Wesen zu umfassen; nun erm\u00e4\u00dfe sie&#8217;s nicht: und wenn sie Auferstehung und Engelsturz zusammennimmt.<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber kann ein neues Gesch\u00f6pf, das noch kaum seine eigenen H\u00e4nde kennt, unerfahren in seiner Natur, Neuling in den gew\u00f6hnlichsten Wendungen seines Geistes, sich bei so unerh\u00f6rter Anwesenheit einrichten? Wie soll es, das doch offenbar bestimmt ist, sp\u00e4ter von der pr\u00e4zisesten Beschaffenheit zu sein, seine Ausbildung leisten, zwischen Drohungen und Verw\u00f6hnungen, die beide seine unvorbereiteten Kr\u00e4fte, bis zum letzten Aufgebot, \u00fcbersteigen? Und nicht nur da\u00df der Ausbruch der Gr\u00f6\u00dfe in seinem Innern ihm die heroische Landschaft seines Gef\u00fchls fast ungangbar macht: in demselben Ma\u00dfe, als dort seine Natur \u00fcberhand nimmt, gewahrt er, aufblickend, mi\u00dftrauische Fragen, bittre Forderungen und Neugier in den bisher in Sicherheit geliebten Gesichtern. D\u00fcrfte doch ein Knabe in solcher Lage immer noch fortgehn, hinaus, und ein Hirte sein. D\u00fcrfte er seine verwirrten inneren Gegenst\u00e4nde in langen sprachlosen Tagen und N\u00e4chten bereichern um den staunend erfahrenen Raum; d\u00fcrfte er die gedr\u00e4ngten Bilder in seiner Seele gleichsetzen dem verbreiteten Gestirn. Ach, da\u00df doch niemand ihm zuredete und niemand ihm widerspr\u00e4che. Wollt ihr wirklich <i>Diesen<\/i> besch\u00e4ftigen, diesen maa\u00dflos in Anspruch Genommenen, dem, vor der Zeit, ein unersch\u00f6pfliches Wesen zu tun giebt?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kann man sich erkl\u00e4ren, wie er besteht? Die ihn pl\u00f6tzlich bewohnende Macht findet Verkehr und Verwandtschaft bei seiner, noch in allen Winkeln des Herzens z\u00f6gernden Kindheit; da zeigt es sich erst, nach was f\u00fcr ungeheueren Verh\u00e4ltnissen hin, dieser \u00e4u\u00dferlich so unzul\u00e4ngliche Zustand, innen offensteht. Der unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Geist, der im Bewu\u00dftsein des J\u00fcnglings nicht Platz hat, schwebt da \u00fcber einer entwickelten Unterwelt voller Freuden und Furchtbarkeiten. Aus ihr allein, absehend von der ganzen jenseitig-\u00e4u\u00dferen Kreatur, verm\u00f6chte er seine gewaltigen Absichten zu bestreiten. Aber da lockt es ihn auch schon, durch die rein leitenden Sinne des Ergriffenen mit der vorhandenen Welt zu verhandeln. Und wie er innen an das verborgen M\u00e4chtigste seinen Anschlu\u00df hat, so wird er im Sichtbaren schnell und genau von kleinen winkenden Anl\u00e4ssen bedient: widerspr\u00e4che es doch der verschwiegenen Natur, in dem Verst\u00e4ndigten das Bedeutende anders als unscheinbar aufzuregen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer die fr\u00fchen Kleistischen Briefe liest, dem wird, in demselben Grade, als er diese in Gewittern sich aufkl\u00e4rende Erscheinung begreift, die Stelle nicht unwichtig sein, die von dem Gew\u00f6lb eines gewissen Tores in W\u00fcrzburg handelt, einem der zeitigsten Eindr\u00fccke, an dem, leise ber\u00fchrt, die schon gespannte Genialit\u00e4t sich nach au\u00dfen schl\u00e4gt. Irgend ein nachdenklicher Leser Stifters (um noch ein Beispiel vorzustellen) k\u00f6nnte es bei sich zur Vermutung bringen, da\u00df diesem dichterischen Erz\u00e4hler sein innerer Beruf in dem Augenblick unvermeidlich geworden sei, da er, eines unverge\u00dflichen Tages, zuerst durch ein Fernrohr einen \u00e4u\u00dferst entlegenen Punkt der Landschaft herbeizuziehen suchte und nun, in v\u00f6llig best\u00fcrzter Vision, ein Fl\u00fcchten von R\u00e4umen, von Wolken, von Gegenst\u00e4nden erfuhr, einen Schrecken von solchem Reichtum, da\u00df in diesen Sekunden sein offen \u00fcberraschtes Gem\u00fct Welt empfing, wie die Dana\u00eb den ergossenen Zeus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es m\u00f6chte am Ende jede dichterische Entschlossenheit an so nebens\u00e4chlichen Anl\u00e4ssen unerwartet zu sich gekommen sein, nicht allein, da sie zum ersten Mal sich eines Temperamentes bem\u00e4chtigte, sondern immer wieder, an jeder Wendung einer k\u00fcnstlerisch sich vollziehenden Natur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer nennt euch alle, ihr Mitschuldigen der Begeisterung, die ihr nichts als Ger\u00e4usche seid, oder Glocken, die aufh\u00f6ren, oder wunderlich neue Vogelstimmen im vernachl\u00e4ssigten Geh\u00f6lz. Oder Glanz, den ein aufgehendes Fenster hinauswirft in den schwebenden Morgen; oder abst\u00fcrzendes Wasser; oder Luft; oder Blicke. Zuf\u00e4llige Blicke Vor\u00fcbergehender, Aufblicke von Frauen, die am Fenster n\u00e4hen, bis herunter zum uns\u00e4glich besorgten Umschaun hockender bem\u00fchter Hunde, so nahe am Ausdruck der Schulkinder. Welche Verabredung, Gr\u00f6\u00dfe hervorzurufen, geht durch den kleinlichsten Alltag. Vorg\u00e4nge, so gleichg\u00fcltig, da\u00df sie nicht imstande w\u00e4ren, das nachgiebigste Schicksal um ein Zehntausendstel zu verschieben \u2013, siehe: hier winken sie, und die g\u00f6ttliche Zeile tritt \u00fcber sie fort ins Ewige.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df wird der Dichter bei zunehmender Einsicht in seine grenzenlosen Aufgaben sich an das Gr\u00f6\u00dfste anschlie\u00dfen; es wird ihn, wo er es findet, entz\u00fccken oder dem\u00fctigen, nach seiner Willk\u00fcr. Aber das Zeichen zum Aufstand in seinem Herzen wird willig von einem Boten gegeben sein, der nicht wei\u00df, was er tut. Undenkbar ist es f\u00fcr ihn, sich von vornherein nach dem Gro\u00dfen auszurichten, da er ja gerade bestimmt ist, an ihm, seinem allgegenw\u00e4rtigen Ziele, auf noch unbeschreiblich eigenen Wegen herauszutreten. Und wie, eigentlich, sollte es ihm zuerst kenntlich geworden sein, da es in seiner urspr\u00fcnglichen Umwelt vielleicht nur vermummt, sich verstellend oder verachtet vorkam, gleich jenem Heiligen, im Zwischenraum unter der Treppe wohnend? L\u00e4ge es aber einmal vor ihm, offenkundig, in seiner sichern, auf uns nicht R\u00fccksicht nehmenden Herrlichkeit, \u2013 m\u00fc\u00dfte er dann nicht wie Petrarca vor den zahllosen Aussichten des erstiegenen Berges zur\u00fcck in die Schluchten seiner Seele fl\u00fcchten, die, ob er sie gleich nie erforschen wird, ihm doch unaussprechlich n\u00e4her gehn als jene zur Not erfahrbare Fremde.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Erschreckt im Innern durch das ferne Donnern des Gottes, von au\u00dfen best\u00fcrzt durch ein unaufhaltsames \u00dcberma\u00df von Erscheinung, hat der gewaltig Behandelte eben nur Raum, auf dem Streifen zwischen beiden Welten dazustehn, bis ihm, aufeinmal, ein unbeteiligtes kleines Geschehn seinen ungeheueren Zustand mit Unschuld \u00fcberflutet. Dieses ist der Augenblick, der in die Waage, auf deren einer Schale sein von unendlichen Verantwortungen \u00fcberladenes Herz ruht, zu erhaben beruhigter Gleiche, das gro\u00dfe Gedicht legt.<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gro\u00dfe Gedicht. Wie ich es sage, wird mir klar, da\u00df ich es, bis vor Kurzem, als ein durchaus Seiendes hingenommen habe, es jedem Verdacht der Entstehung hochhin entziehend. W\u00e4re mir selbst der Urheber dahinter hervorgetreten, ich w\u00fc\u00dfte mir doch die Kraft nicht vorzustellen, die soviel Schweigen auf <i>ein<\/i> Mal gebrochen hat. Wie die Erbauer der Kathedralen, Samenk\u00f6rnern vergleichbar, sofort aufgegangen waren, ohne Rest, in Wachstum und Bl\u00fcte, in dem schon wie von jeher gewesenen Dastehn ihrer, aus ihnen nicht mehr erkl\u00e4rlichen Werke: so sind mir die gro\u00dfen vergangenen und die gegenw\u00e4rtigen Dichter rein unfa\u00dflich geblieben, jeder einzelne ersetzt durch den Turm und die Glocke seines Herzes. Erst seit eine n\u00e4chste, herauf und gleich ins K\u00fcnftige dr\u00e4ngende Jugend, ihr eigenes Werden im Werden ihrer Gedichte nicht unbedeutend zur Geltung bringt, versucht mein Blick, neben der Leistung, die Verh\u00e4ltnisse des hervorbringenden Gem\u00fcts zu erkennen. Aber auch jetzt noch, da ich zugeben mu\u00df, da\u00df Gedichte sich bilden, bin ich weit entfernt, sie f\u00fcr erfunden zu halten; vielmehr erscheint es mir, als ob in der Seele des dichterisch Ergriffenen eine geistige Pr\u00e4disposition heraustr\u00e4te, die schon zwischen uns (wie ein unentdecktes Sternbild) gespannt war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Betrachtet man, was an sch\u00f6ner Verwirklichung schon jetzt f\u00fcr einige von denjenigen einsteht, die ihr drittes Jahrzehnt k\u00fcrzlich angetreten haben, so k\u00f6nnte man fast hoffen, sie w\u00fcrden in kurzem, alles, woran in den letzten drei\u00dfig Jahren unsere Bewunderung gro\u00df geworden ist, durch das Vollzieherische ihrer Arbeit zur Vorarbeit machen. Es m\u00fcssen, das ist klar, die verschiedensten Umst\u00e4nde sich g\u00fcnstig verabreden, damit ein solches entschlossenes Gelingen m\u00f6glich sei. Pr\u00fcft man diese Umst\u00e4nde, so sind der \u00e4u\u00dferen so viele, da\u00df man es am Ende aufgiebt, bis zu den innerlichen vorzudringen. Die gereizte Neugier und unaufh\u00f6rliche Findigkeit einer, um hundert Hemmungen freieren Zeit dringt in alle Verstecke des Geistes und hebt leicht auf ihren Fluten Gebilde hervor, die der Einzelne, in dem sie hafteten, fr\u00fcher langsam und schwer zu Tage grub. Zu ge\u00fcbt im Einsehen um sich aufzuhalten, findet sich diese Zeit pl\u00f6tzlich an Binnenstellen, wo vielleicht noch keine ohne g\u00f6ttlichen Vorwand, in voller \u00d6ffentlichkeit, gewesen war; \u00fcberall eintretend, macht sie die Werkst\u00e4tten zu Schaupl\u00e4tzen und hat nichts dagegen, in den Vorratskammern ihre Mahlzeiten zu halten. Sie mag im Recht sein, denn sie kommt aus der Zukunft. Sie besch\u00e4ftigt uns in einer Weise, wie seit lange keine Zeit ihre Ansiedler besch\u00e4ftigt hat; sie r\u00fcckt und verschiebt und r\u00e4umt auf, jeder von uns hat ihr viel zu verdanken. Und doch, wer hat ihr noch nicht, wenigstens einen Augenblick, mit Mi\u00dftrauen zugesehen; sich gefragt, ob es ihr wirklich um Fruchtbarkeit zu tun sei, oder nur um eine mechanisch bessere und ersch\u00f6pfendere Ausbeutung der Seele? Sie verwirrt uns mit immer neuen Sichtbarkeiten; aber wie vieles hat sie uns schon hingestellt, wof\u00fcr in unserem Innern kein Fortschritt entsprechend war? Nun will ich zwar annehmen, sie b\u00f6te zugleich der entschlossenen Jugend die unerwartetesten Mittel, ihre reinsten inneren Wirklichkeiten nach und nach, sichtbar, in genauen Gegenwerten auszuformen; ja ich will glauben, sie bes\u00e4\u00dfe diese Mittel im h\u00f6chsten Grade. Aber wie ich mich nun bereit halte, ihr, der Zeit, manchen neuen k\u00fcnstlerischen Gewinn zuzuschreiben, schl\u00e4gt mir die Bewunderung \u00fcber sie hin\u00fcber, den immer, den auch hier wieder unbegreiflichen Gedichten entgegen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re auch nicht Einer unter den jungen Dichtern, der sich nicht freute, das Gewagte und Gesteigerte dieser Tage f\u00fcr seine Anschauung auszunutzen, ich w\u00fcrde doch nicht f\u00fcrchten, da\u00df ich das dichterische Wesen und seine Einrichtung in der inneren Natur zu schwer genommen habe. Alle Erleichterungen, wie eindringlich sie sein m\u00f6gen, wirken nicht bis dorthin, wo das Schwere sich freut, schwer zu sein. Was kann schlie\u00dflich die Lage desjenigen ver\u00e4ndern, der von fr\u00fch auf bestimmt ist, in seinem Herzen das \u00c4u\u00dferste aufzuregen, das die anderen in den ihren hinhalten und beschwichtigen? Und welcher Friede w\u00e4re wohl f\u00fcr ihn zu schlie\u00dfen, wenn er, innen, unter dem Angriff seines Gottes steht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99289\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Rainer-Maria-Rilke-e1645458261240.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Anmerkung:<\/i> F\u00fcr den Verfasser war die vielfach begl\u00fcckende Besch\u00e4ftigung mit den Gedichten Franz Werfels gewisserma\u00dfen die Voraussetzung zu diesem Aufsatz. Es sei daher auf Werfels beide B\u00e4nde Gedichte (<i>Der Weltfreund<\/i>und <i>Wir sind<\/i>) an dieser Stelle hingewiesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Immer noch z\u00f6gernd, unter geliebten Erfahrungen \u00fcberwiegende und geringere zu unterscheiden, bin ich auf ganz vorl\u00e4ufige Mittel beschr\u00e4nkt, wenn ich das Wesen eines Dichters zu beschreiben versuche: dieses ungeheuere und kindliche Wesen, welches (man fa\u00dft es nicht: wie) nicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/09\/10\/ueber-den-jungen-dichter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":143,"featured_media":99289,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2904,267],"class_list":["post-82568","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-werfel","tag-rainer-maria-rilke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82568","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/143"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82568"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82568\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99297,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82568\/revisions\/99297"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99289"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82568"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82568"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82568"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}