{"id":82557,"date":"2023-04-21T00:01:52","date_gmt":"2023-04-20T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82557"},"modified":"2022-02-25T14:22:46","modified_gmt":"2022-02-25T13:22:46","slug":"das-weisse-haus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/21\/das-weisse-haus\/","title":{"rendered":"Das wei\u00dfe Haus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kennt die Romane des D\u00e4nen Herman Bang. Sie haben alle etwas Todtrauriges, Hoffnungsloses, Entmutigendes. Man erinnert sich der Menschen, die darin vorkommen, wie man sich vielleicht verlorener und ungl\u00fccklicher Existenzen erinnert, von denen man als Kind geh\u00f6rt hat. \u00dcberhaupt so wie man Dinge und Schicksale als Kind gesehen und empfunden hat (besonders wenn man ein Kind einsam unter Erwachsenen war), so findet man das Leben in den B\u00fcchern Herman Bangs wieder. So seltsam verlockend und liebkosend ist sein Ruf wie die Stimme der Wasserfrau, welche die jungen Menschen in die t\u00f6dliche Tiefe grundloser Gew\u00e4sser zieht, \u2013 und sein Schritt ist so eilig, da\u00df die Menschen ihm nicht nachkommen k\u00f6nnen und entweder mit milden H\u00e4nden im Schoo\u00dfe, hilflos und traurig l\u00e4chelnd, zur\u00fcckbleiben oder aber, von einer unheimlichen Hast erf\u00fcllt, mit vielen kleinen \u00fcberst\u00fcrzten Bewegungen hinter ihm herkommen, bis sie sterbensm\u00fcde zusammenbrechen und am Wege sterben. Diese Hast, diese fieberhafte Tatenlosigkeit, die oft \u00fcber besonders feinen und empfindsamen Menschen liegt, ist das eigentliche Thema im Werke Herman Bangs.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In seinen fr\u00fcheren B\u00fcchern ist diese Atemlosigkeit \u00fcber ganzen Geschlechtern, deren fliegendes Keuchen man zu vernehmen glaubt, w\u00e4hrend er sich in seinem letzten Buche, dem \u00bbwei\u00dfen Hause\u00ab, die Aufgabe gestellt hat, uns eine einzelne Gestalt zu zeigen, an der das Leben vor\u00fcberfliegt wie ein Traum und die mit tausend kleinen Liebkosungen, mit sa\u00dfen m\u00e4dchenhaften Schmeicheleien sich ihm zu n\u00e4hern und es festzuhalten sucht; denn darin liegt die Tragik, da\u00df dieser Mensch, dem das Leben mit fremdem L\u00e4cheln vorbeigehen will, dieses Leben, ohne seiner m\u00e4chtig zu sein, gerade in seinen starken und kraftvollen Erscheinungen liebt und anerkennt. Diese Gestalt, diese wei\u00dfe Frau, diese kindhafte Mutter, die so jung ist und nicht \u00e4lter wird, weil sie jung sterben mu\u00df, hat etwas Typisches, und Herman Bang hat, wie mir scheint, diesen Typus geschaffen. Danach mu\u00df dieses Buch gewertet werden; denn immer noch haben wir diejenigen B\u00fccher am h\u00f6chsten eingesch\u00e4tzt, die das Wesen einer gewissen Gestalt so tief und sicher erfa\u00dft haben, da\u00df wir sie nicht als Ausnahme empfinden, sondern sie, wie von hundert Spiegeln wiederholt, hundertmal in verschiedenen Fernen kommen und verschwinden sehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber noch etwas anderes macht dieses Buch zu einem Ereignis von besonderer Bedeutung: es hat nur so geschrieben werden k\u00f6nnen wie es geschrieben worden ist. Das hei\u00dft, so wie man eigentlich keine B\u00fccher schreibt. Es ist geschrieben wie lebhafte Kinder erz\u00e4hlen. Man geht durch ein Haus, durch das \u00bbwei\u00dfe Haus\u00ab, durch den K\u00fcchengarten, durch die Stadt, man macht Besuche bei verschiedenen Leuten, beim Dorfschulzen, bei Madame Jespersen, \u2013 und jedesmal erfahrt man, was die Mutter an allen diesen Orten getan und gesagt hat, man h\u00f6rt ihr Lachen und f\u00fchlt ihre Schweigsamkeit, \u2013 und w\u00e4hrend man wei\u00df Gott bei wem sich aufh\u00e4lt, wei\u00df man, da\u00df es sich doch nur um die Mutter handelt, um \u00bbdie Frau\u00ab, wie sie genannt wird, die unter diesen Leuten gelebt hat und die eine gro\u00dfe Liebe zu diesen Leuten gehabt hat und eine gro\u00dfe \u00dcberlegenheit \u00fcber sie, weil sie so anders war. Das haben die Kinder bemerkt und auch der Vater wei\u00df es, der ein Leben f\u00fcr sich lebt in seiner Studierstube bei seinen Sorgen und den B\u00fcchern, zwischen denen er immer auf und niedergeht. Man h\u00f6rt nur seine Schritte manchmal wenn es stille wird im wei\u00dfen Haus, oder man sieht ihn pl\u00f6tzlich in der T\u00fcre stehen, schwarz, wie einen hohen Schatten, in den D\u00e4mmerstunden, wenn die Mutter am Klavier sitzt und spielt und singt, ehe die Lampe angez\u00fcndet wird. In diesen Stunden strahlt sie ihre Traurigkeit aus, wie einen Duft, den gewisse Blumen ausatmen, ehe die Nacht kommt. Und die Kinder sitzen irgendwo in den Ecken der weiten Stube und wollen immer mehr von dieser wundersamen Traurigkeit, die sie nicht verstehen&#8230;.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter im Leben wissen sie vielleicht was es war. Und eines von diesen Kindern hat als Mann, als reifer und banger und trotziger Mann das Buch geschrieben, welches das Buch seiner Kindheit ist, das Gedicht, welches ganz erf\u00fcllt ist von der Sch\u00f6nheit und H\u00fclflosigkeit der Mutter, die fr\u00fch sterben mu\u00dfte und \u00bbdie das lichte Leben liebte\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-99289 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Rainer-Maria-Rilke-e1645458261240.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man kennt die Romane des D\u00e4nen Herman Bang. Sie haben alle etwas Todtrauriges, Hoffnungsloses, Entmutigendes. Man erinnert sich der Menschen, die darin vorkommen, wie man sich vielleicht verlorener und ungl\u00fccklicher Existenzen erinnert, von denen man als Kind geh\u00f6rt hat.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/21\/das-weisse-haus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":143,"featured_media":99289,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[267],"class_list":["post-82557","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rainer-maria-rilke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82557","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/143"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82557"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82557\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100538,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82557\/revisions\/100538"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99289"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}