{"id":82552,"date":"2023-06-06T00:01:29","date_gmt":"2023-06-05T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82552"},"modified":"2025-05-14T10:30:16","modified_gmt":"2025-05-14T08:30:16","slug":"thomas-manns-buddenbrooks","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/06\/thomas-manns-buddenbrooks\/","title":{"rendered":"Thomas Mann&#8217;s &#8222;Buddenbrooks&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ein Deutscher kann Nationalist sein, bleibt aber im Grunde immer unpolitisch. Die Demokratie ist undeutsch, weil sie heute gleichbedeutend mit der Politik selber ist.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Thomas Mann<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren m\u00fcssen. Mit einem Roman von elfhundert Seiten hat Thomas Mann einen Beweis von Arbeitskraft und k\u00f6nnen gegeben, den man nicht \u00fcbersehen kann. Es handelte sich ihm darum, die Geschichte einer Familie zu schreiben, welche zugrundegeht, den \u00bbVerfall einer Familie\u00ab Noch vor einigen Jahren h\u00e4tte ein moderner Schriftsteller sich damit begn\u00fcgt, das letzte Stadium dieses Verfalls zu zeigen, den Letzten, der an sich und seinen V\u00e4tern stirbt. Thomas Mann hat es als ungerecht empfunden, in einem Schlu\u00dfkapitel die Katastrophe zusammenzudr\u00e4ngen, an welcher eigentlich Generationen arbeiten, und er hat, gewissenhaft, dort begonnen, wo der h\u00f6chste Gl\u00fccksstand der Familie erreicht ist. Er wei\u00df, da\u00df hinter diesem H\u00f6hepunkt notwendig der Abstieg beginnen mu\u00df, erst in kaum merkbarer Senkung, dann immer j\u00e4her und j\u00e4her und schlie\u00dflich senkrecht abfallend in das Nichts.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So war er also vor die Notwendigkeit gestellt, das Leben von vier Generationen zu erz\u00e4hlen, und die Art wie Thomas Mann diese ungew\u00f6hnliche Aufgabe gel\u00f6st hat, ist so \u00fcberraschend und interessant, da\u00df man, obwohl es Tage lostet, die beiden gewichtigen Bande Seite f\u00fcr Seite mit Aufmerksamkeit und Spannung liest ohne zu erm\u00fcden, ohne etwas zu \u00fcberschlagen, ohne das geringste Zeichen von Ungeduld oder Eile. Man hat Zeit, man mu\u00df Zeit haben f\u00fcr die ruhige und nat\u00fcrliche Folge dieser Begebenheiten; gerade weil nichts in dem Buche f\u00fcr den Leser da zu sein scheint, weil nirgends, \u00fcber die Ereignisse hinweg, ein \u00fcberlegener Schriftsteller sich zu dem \u00fcberlegenen Leser neigt, um ihn zu \u00fcberreden und mitzurei\u00dfen, \u2013 gerade deshalb ist man so ganz bei der Sache und fast pers\u00f6nlich beteiligt, ganz als ob man in irgend einem Geheimfach alte Familienpapiere und Briefe gefunden hatte, in denen man sich langsam nach vorn liest, bis an den Rand der eigenen Erinnerungen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Thomas Mann f\u00fchlte ganz richtig, da\u00df er, um die Geschichte der Buddenbrooks zu erz\u00e4hlen, Chronist werden m\u00fcsse, das hei\u00dft ruhiger und unerregter Berichterstatter der Begebenheiten, und da\u00df es sich trotzdem darum handeln w\u00fcrde, Dichter zu sein, und viele Gestalten mit \u00fcberzeugendem Leben, mit W\u00e4rme und Wesenheit zu erf\u00fcllen. Er hat beides in \u00fcberaus gl\u00fccklicher Weise vereint, indem er die Rolle des Chronisten modern aufgefa\u00dft hat und sich bem\u00fcht hat, nicht einige hervorragende Daten zu verzeichnen, sondern alles scheinbar Unwichtige und Geringe, tausend Einzelheiten und Details gewissenhaft anzuf\u00fchren, weil schlie\u00dflich alles Tats\u00e4chliche seinen Wert hat und ein winziges St\u00fcck von jenem Leben ist, das zu schildern er sich vorgenommen hatte. Und auf diese Weise, durch diese herzliche Versenkung in die einzelnen Vorgange, durch die gro\u00dfe Gerechtigkeit gegen alles Geschehen erreicht er eine Lebendigkeit der Darstellung, die nicht so sehr im Stoffe, als vielmehr im fortw\u00e4hrenden Stofflichwerden aller Dinge liegt. Es ist etwas von der Technik Segantinis hier in das andere Gebiet \u00fcbertragen: die gr\u00fcndliche und gleichwertige Behandlung jeder Stelle, die Durcharbeitung des Materials, welche alles wichtig und wesentlich erscheinen la\u00dft, die von hundert Furchen durchzogene Fl\u00e4che, die dem Beschauer einheitlich und von innen heraus belebt erscheint, und schlie\u00dflich das Objektive, die epische Art des Vortrags, welche selbst das Grausame und Bange mit einer gewissen Notwendigkeit und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit erf\u00fcllt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diese Geschichte des alten L\u00fcbecker Patriziergeschlechtes Buddenbrook (in Firma Johann Buddenbrook), welche mit dem alten Johann Buddenbrook um 1830 einsetzt, endet mit dem kleinen Hanno, seinem Urenkel, in unseren Tagen. Sie umfa\u00dft Feste und Versammlungen, Taufen und Sterbestunden (besonders schwere und schreckliche Sterbestunden), Verheiratungen und Ehescheidungen, gro\u00dfe Gesch\u00e4ftserfolge und die herzlosen unaufh\u00f6rlichen Schl\u00e4ge des Niederganges, wie das Kaufmannsleben sie mit sich bringt. Sie zeigt das ruhige und naive Arbeiten einer \u00e4lteren Generation und die nerv\u00f6se, sich selbst beobachtende Hast der Nachkommen; sie zeigt kleine und l\u00e4cherliche Menschen, die in den verwirrten Netzen der Schicksale sich heftig bewegen, und offenbart, da\u00df auch die, die etwas weiter sehen, des Gl\u00fcckes oder Unheils nicht m\u00e4chtig sind und da\u00df beides immer aus hundert kleinen Bewegungen entsteht und, fast unpers\u00f6nlich und anonym in seinem Ursprung, sich ausbreitet und sich zur\u00fcckzieht, wahrend das Leben weitergeht wie eine Welle. Besonders fein beobachtet ist, wie der Niedergang des Geschlechtes sich vor allem darin zeigt, da\u00df die Einzelnen gleichsam ihre Lebensrichtung ge\u00e4ndert haben, da\u00df es ihnen nicht mehr nat\u00fcrlich ist, nach au\u00dfen hin zu leben, da\u00df sich vielmehr eine Wendung nach Innen immer deutlicher bemerkbar macht. Schon der Senator Thomas Buddenbrook mu\u00df sich anstrengen, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, \u2013 bei seinem Bruder Christian aber hat diese Abkehr vom \u00e4u\u00dferen Leben zu einer gef\u00e4hrlichen und pathologischen Selbstbeobachtung gef\u00fchrt, die sich auf innere leibliche Zust\u00e4nde erstreckt und ihn mit ihrer qu\u00e4lenden Unerbittlichkeit zu Grunde richtet. Auch der Letzte, der kleine Hanno, geht mit nach innen gekehrtem Blick umher, aufmerksam die innere seelische Welt belauschend, aus der seine Musik hervorstr\u00f6mt. In ihm ist noch einmal die M\u00f6glichkeit zu einem Aufstieg (freilich einem anderen als Buddenbrooks erhoffen) gegeben: die unendlich gef\u00e4hrdete M\u00f6glichkeit eines gro\u00dfen K\u00fcnstlertums, die nicht in Erf\u00fcllung geht. Der kr\u00e4nkliche Knabe geht an der Banalit\u00e4t und R\u00fccksichtslosigkeit der Schule zu Grunde und stirbt am Typhus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sein Leben, ein Tag dieses Lebens, nimmt einen gr\u00f6\u00dferen Raum im zweiten Bande ein. Und so grausam das Schicksal diesen Knaben zu behandeln scheint, auch hier h\u00f6ren wir nur den ausgezeichneten Chronisten, der tausend Tatsachen bringt, ohne sich zu Zorn oder Zustimmung hinrei\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und neben der kolossalen Arbeit und dem dichterischen Schauen ist diese vornehme Objektivit\u00e4t zu loben; es ist ein Buch ganz ohne \u00dcberhebung des Schriftstellers. Ein Akt der Ehrfurcht vor dem Leben, welches gut und gerecht ist, indem es geschieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_9174\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9174\" class=\"size-full wp-image-9174\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9174\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<p>\u00dcber Thomas Manns Erz\u00e4hlung <em>Der Tod in Venedig<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/12\/aschenbach-und-wir\/\">hier<\/a> ein Artikel. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens liest Ulrich Bergmann Thomas Manns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/27\/narrative-kaelte\/\">Doktor Faustus<\/a>.\u00a0 War\u2019s nicht auch bei dem von ihm <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54875\">gesch\u00e4tzten<\/a> Thomas Mann so \u2013 im Kleid des vollendeten Realismus gebar er eine deutsche Variante des magischen Erz\u00e4hlens lange vor Marquez und Co. Und Bergmanns \u00dcberlegungen <em>Zum Schluss des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/12\/neuschnee\/\">Zauberbergs<\/a><\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein Deutscher kann Nationalist sein, bleibt aber im Grunde immer unpolitisch. Die Demokratie ist undeutsch, weil sie heute gleichbedeutend mit der Politik selber ist.\u201c Thomas Mann Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren m\u00fcssen. 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