{"id":82545,"date":"2023-12-29T00:01:20","date_gmt":"2023-12-28T23:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82545"},"modified":"2023-11-08T09:09:08","modified_gmt":"2023-11-08T08:09:08","slug":"der-wert-des-monologes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/29\/der-wert-des-monologes\/","title":{"rendered":"Der Wert des Monologes"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcrzlich ging die Frage durch diese Bl\u00e4tter: Sind Monologe im modernen Drama statthaft oder nicht? Die Monologe bekamen Recht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist es nicht wertlos, einmal nicht so sehr den Monolog, als vielmehr die Gelegenheit zu betrachten, bei welcher er notwendig erscheint.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Monolog geschieht im Augenblick der Unentschlossenheit oder Hilflosigkeit der handelnden Person, gleichsam am Vorabend einer Tat, und hat die Pflicht, die innersten Konflikte dieses Menschen, seine Seele mit Zweifel und Zorn, Sehnsucht und Hoffnung zu enth\u00fcllen. Im Zwiegespr\u00e4ch ist n\u00e4mlich kein Raum daf\u00fcr und irgendwo mu\u00df es doch geschehen, das sieht jeder ein. Und welches wunderbare Mittel vermag diese heimlichsten Tiefen, in denen die Entschl\u00fcsse wurzeln, zu durchleuchten? Merkw\u00fcrdig das Wort. Ebendasselbe Wort, welches im Dialog sich unbrauchbar erweist, das Letzte zu umfassen, wird, sobald es sich an niemanden mehr wenden mu\u00df, aller Wahrheit m\u00e4chtig. Derjenige, von dem wir wissen, da\u00df er die \u00e4u\u00dfere Lage nicht \u00fcberschauen kann, schildert uns im Augenblick seines Zwiespaltes die wunderbare Ordnung seiner Seele so \u00fcberzeugend, da\u00df die Schilderung und nicht irgend eine sp\u00e4tere Tat die Hauptsache des Dramas wird, das hei\u00dft das epische Moment bedeutet fortab mehr als die Handlung; in ihm liegt die Entscheidung, die Wendung, der Fortschritt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und das ist vollkommen berechtigt, wenn anders der Monolog wirklich imstande ist, jene geheimnisvollen D\u00e4mmerungen aufzudecken, in denen alle Entschl\u00fcsse noch wie kleine, klare Quellen sind. Aber man wird einmal aufh\u00f6ren m\u00fcssen, \u00bb<i>das Wort<\/i>\u00ab zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Man wird einsehen lernen, da\u00df es nur eine von den vielen Br\u00fccken ist, die das Eiland unserer Seele mit dem gro\u00dfen Kontinent des gemeinsamen Lebens verbinden, die breiteste vielleicht, aber keineswegs die feinste. Man wird f\u00fchlen, da\u00df wir in Worten nie ganz aufrichtig sein k\u00f6nnen, weil sie viel zu grobe Zangen sind, welche an die zartesten R\u00e4der in dem gro\u00dfen Werke gar nicht r\u00fchren k\u00f6nnen, ohne sie nicht gleich zu zerdr\u00fccken. Man wird es deshalb aufgeben, von den Worten Aufschl\u00fcsse \u00fcber die Seele zu erwarten, weil man es nicht liebt, bei seinem Knecht in die Schule zu gellen, um Gott zu erkennen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man wird das vielleicht im Drama fr\u00fcher einsehen, als im Leben; denn das Drama ist konzentrierter, \u00fcbersichtlicher, eine Art Experiment, bei welchem die Elemente des Lebens in kleinen Probiergl\u00e4sern sich in \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnissen vereinen, wie sie sich drau\u00dfen verhalten in ihrer reichen Unerme\u00dflichkeit. In den Grenzen des Rahmens als welcher die B\u00fchne sich darstellt, scheint alles Raum zu haben: keine Tat ist zu gro\u00df daf\u00fcr, kein Wort zu bedeutend.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber es giebt M\u00e4chtigeres als Taten und Worte. Diese sind endlich nur das, womit wir teilnehmen an dem gemeinsamen Alltag, Leitern, welche aus unserem Fenster bis an das Haus des Nachbars reichen. Wir h\u00e4tten sie kaum gebraucht, wenn wir Einsame geblieben w\u00e4ren, jeder auf einem Stern, und wir brauchen sie in der Tat nicht in den Augenblicken, da wir uns so einsam f\u00fchlen. Dann sind wir eines leiseren Erlebens voll, heimgekehrt in ein Land mit heiligen, heimlichen Gebr\u00e4uchen, sch\u00f6pferisch in aller Unt\u00e4tigkeit und den Worten entwachsen. Und es ist gewi\u00df, da\u00df solcher Art unser eigentliches Leben ist, das wie eine feine Begleitung \u00fcber unserm Tun und Ruhen bleibt und uns in unsern letzten Entschl\u00fcssen lenkt und bestimmt.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\"><i>Diesem Leben<\/i> Raum und Recht (und das hei\u00dft auf der B\u00fchne: Ausdruck) zu schaffen, scheint mir die vorz\u00fcgliche Aufgabe des modernen Dramas zu sein \u2013 und dieser schl\u00e4gt der Monolog mit seiner naiven Plumpheit geradezu ins Gesicht. Er zwingt das, was<i> \u00fcber<\/i> den Dingen ist, in die Dinge hinein und vergi\u00dft, da\u00df der Duft eben nur besteht, weil er sich von der Rose befreit und allen Winden willig ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Fragt man nun, was an seine Stelle treten soll, so behaupte ich, da\u00df er im Drama \u00fcberhaupt keine L\u00fccke l\u00e4\u00dft; denn das tiefere Leben, das zu beleuchten er berufen w\u00e4re, mu\u00df allezeit ebenso geschlossen und ununterbrochen sich entwickeln wie die \u00bb\u00e4u\u00dfere Handlung\u00ab, deren Ursache es schlie\u00dflich ist. Wenn dieses Nebeneinander zweier Handlungen wirklich zur Geltung kommt, sind keine Verz\u00f6gerungen durch retrospektive, epische Beschreibung des momentanen Seelenzustandes, keine Durchblicke in den Hintergrund mehr notwendig.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Freilich: wie das erreicht werden soll, hat keiner der \u00bbModernen\u00ab gezeigt. Sie vermissen alle den Monolog, lassen ihn fort, statt ihn \u00fcberfl\u00fcssig zu machen, und dann fehlt er nat\u00fcrlich, und man wei\u00df, \u00bbwo er kommen sollte\u00ab. Der Darsteller wird unruhig, raucht, trommelt an die Scheiben und scheint ein sehr schlechtes Gewissen zu haben und um Vergebung zu bitten f\u00fcr seine Schweigsamkeit. Das ist allerdings kein Fortschritt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Eine aber, welcher die Macht dieses leisen Erlebens, klarer als die vor ihm und bewu\u00dfter, erkannt hat, \u2013 Maeterlinck, steht seinen Offenbarungen zu sehr als Priester gegen\u00fcber denn als K\u00fcnstler und erscheint einseitig in dem Streben, Alles zum Ruhm des Gottes zu tun, der ihn erf\u00fcllt und erhebt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine Gestalten haben die Schwere verloren. Sie sind wie Gestirne, die, umh\u00fcllt von ihrer leuchtenden Einsamkeit, sich hoch in der Nacht begegnen. Sie k\u00f6nnen nur aneinander vor\u00fcbergehen, und keine vermag die andere zu halten. Sie sind D\u00fcfte, allein man sieht den Garten nicht, aus dem sie aufsteigen. Das macht, da\u00df das Leben, dessen Verk\u00fcnder Maeterlinck wurde, uns fremd erscheint und seine Mystik tiefer und r\u00e4tselhafter hinter den Dingen aufgeht, die ihm nicht so k\u00f6rperlich und undurchsichtig sind, wie uns. Immerhin scheinen mir die Dramen des genialen Belgiers um einen technischen Ausdruck von der Radierkunst zu nehmen, der \u00bberste Zustand\u00ab des neuen Dramenbildes zu sein, der noch durch andere Platten vervollst\u00e4ndigt werden mu\u00df.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Weg geht also \u00fcber Maeterlinck hinaus, und er wird ungef\u00e4hr dieses Ziel haben: man wird lernen m\u00fcssen, nicht die ganze B\u00fchne mit Worten und Gesten auszuf\u00fcllen, sondern ein wenig Raum dar\u00fcber lassen, so als ob die Gestalten, welche man schuf, noch wachsen sollten. Ich bin \u00fcberzeugt, das andere kommt von selbst: das leisere Leben wird sich wie eine W\u00e4rme, wie ein Glanz dar\u00fcberbreiten und wird ruhig und licht \u00fcber allem bleiben: \u00fcber den Worten und \u00fcber den Vorg\u00e4ngen, \u2013 nur Raum mu\u00df man ihm geben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dabei steht immer noch die Frage frei, <i>wie<\/i> das geschehen soll? Doch man kann sie erst beantworten, bis es Einer getroffen hat \u2013 unwillk\u00fcrlich.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bis dahin hat der Monolog Recht. Er ist wie ein sch\u00f6ner kostbarer Vorhang (bestenfalls) vor den weiten, klaren Perspektiven aufgeh\u00e4ngt. Man kann auch an einem Vorhang seine Freude haben. Und die Dichter und die Schauspieler und das Publikum von gestern finden sich gewi\u00df in der Erkenntnis seiner Sch\u00f6nheit und seines Wertes.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das dahinter ist f\u00fcr die, welche schon weiter vorgeschritten sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An aktuellen Publikationen empfiehlt die Redaktion:<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Erinnerungen an Rainer Maria Rilke<\/strong> En face \u2013 Texte von Augenzeugen; Curdin Ebneter\/ Erich Unglaub (Hrsg.)Nimbus, Z\u00fcrich 2022<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Duineser Elegien<\/strong> und zugeh\u00f6rige Gedichte 1912\u20131922 von Rainer Maria Rilke; Hrsg. v. Christoph K\u00f6nig; Wallstein, G\u00f6ttingen 2023<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/kuenstlerbuch_unbehaust1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19906 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/kuenstlerbuch_unbehaust1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"275\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Einen Hinweis auf das Monodram <em>Unbehaust<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/10\/vom-uebersiedeln-in-eine-geistige-wirklichkeit\/\">hier<\/a>. KUNO hat das\u00a0poetisches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/18\/unbehaust\/\">Polymorphem<\/a> f\u00fcr die Recherche zug\u00e4nglich gemacht.\u00a0Es geh\u00f6rt zu den Auff\u00e4lligkeiten dieser <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/07\/urschrift-der-dichtung\/\">Langgedichte<\/a>, da\u00df Weigoni die Sprachr\u00e4ume, die er ausschreitet, bevor er sie manchmal in geradezu schwindelerregende H\u00f6hen treibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; K\u00fcrzlich ging die Frage durch diese Bl\u00e4tter: Sind Monologe im modernen Drama statthaft oder nicht? Die Monologe bekamen Recht. Vielleicht ist es nicht wertlos, einmal nicht so sehr den Monolog, als vielmehr die Gelegenheit zu betrachten, bei welcher er&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/29\/der-wert-des-monologes\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":143,"featured_media":99289,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[267],"class_list":["post-82545","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rainer-maria-rilke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82545","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/143"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82545"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82545\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105065,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82545\/revisions\/105065"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99289"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82545"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82545"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82545"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}