{"id":82527,"date":"2022-12-29T00:01:37","date_gmt":"2022-12-28T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82527"},"modified":"2022-02-24T19:05:27","modified_gmt":"2022-02-24T18:05:27","slug":"die-geschwister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/29\/die-geschwister\/","title":{"rendered":"Die Geschwister"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittags waren in dem alten Haus gegen\u00fcber der Malteserkirche \u2013 drei Treppen hoch \u2013 die neuen Mieter eingezogen, und bis zum Abend wu\u00dfte man nur, da\u00df sie ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe M\u00f6bel mitgebracht hatten, die in den engen Windungen der Wendeltreppe fast stecken geblieben w\u00e4ren. Und die alte, trief\u00e4ugige H\u00f6kin, die nahe, unter den dunklen Steinlauben, sa\u00df, konnte sich kaum beruhigen in Erinnerung der riesigen Eichenschr\u00e4nke und beschwor die Nachbarn, ihr zu glauben, da\u00df es \u00bbhochherrschaftliche\u00ab Schr\u00e4nke gewesen seien. Diese Versicherung bewirkte, da\u00df eine ungew\u00f6hnliche Unruhe die vielen kleinen Parteien des bewu\u00dften Hauses in Atem hielt: jeden Augenblick kam aus irgend einer der wei\u00dflackierten T\u00fcren, auf deren jeder um ein Blech- oder Glasschild herum sich ein paar schmutzige Visitenkarten dr\u00e4ngten, ein unordentliches Frauenzimmer heraus, lauschte die Treppe aufw\u00e4rts, und fuhr besch\u00e4mt zusammen, wenn es da schon auf andere Horcher stie\u00df, welche ebenfalls in Schrecken sich zur\u00fcckziehen wollten, bis die gleichgesinnten Seelen einander erkannten und ihre hungernde Neugier durch dunkle Vermutungen nur noch mehr anreizten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich aber wurde die weibliche Bewohnerschaft aus dem engen Treppenhaus, welches wie eine Wirbels\u00e4ule durch das Gem\u00e4uer aufwuchs, nach den Hof-Fenstern hingezogen. Tief unten in dem r\u00f6hrenf\u00f6rmigen Hofe, wie am Grunde eines Brunnens, begann ein Leierkasten schluchzend die Melodie aus dem \u203aBettelstudent\u2039, und zugleich waren auch schon \u2013 man wu\u00dfte nicht woher \u2013 ein paar Kinder dabei, welche um den alten Saufbold einen wilden und seltsamen Tanz auff\u00fchrten. Die T\u00f6ne aber kamen nach gequ\u00e4ltem \u00c4chzen wie ein R\u00fclpsen aus den trockenen Orgelkehlen, schienen emporzuschnellen und wie unsichtbare Lassoleinen an den verschiedenen H\u00e4lsen zu ziehen, welche in ganz unglaublicher L\u00e4nge aus allen Lucken und K\u00fcchenfenstern herauswuchsen und als ein bizarrer architektonischer Schmuck die Kahlheit der W\u00e4nde unterbrachen. Die Frauenzimmer, welche sich da von h\u00fcben und dr\u00fcben begr\u00fc\u00dften, sahen einander in der D\u00e4mmerung zum Verwechseln \u00e4hnlich; ihre Gesichter schienen alle, wie ein vorsichtiges Mimicri, die unbeschreibliche Mi\u00dffarbe der Mauer angenommen zu haben, und auch in Bewegung und Stimme war eine so \u00fcberraschende Einheitlichkeit zu bemerken, da\u00df sie mehr als zugeh\u00f6rige Organe dieses Hauses, denn als freibewegliche Einzelwesen erscheinen mochten. Man k\u00f6nnte nun leicht glauben, da\u00df die Aufmerksamkeit der vielen K\u00f6pfe dem erb\u00e4rmlichen Leierkasten geh\u00f6rte, \u2013 denn manche nickten sogar den Takt mit; in Wahrheit aber wuchsen alle Augen ganz sachte zu dem K\u00fcchenfenster des dritten Stockes, und manch leichtgl\u00e4ubiges Ohr glaubte dessen Riegel klirren zu h\u00f6ren. Allein die Drehorgel hatte sich mit einem Galopp, zu dem ein kleiner schwarzer Rattler die Begleitung heulte, ersch\u00f6pft, der Spielmann br\u00fcllte seinen Dank und schl\u00fcrfte mit schweren Schritten davon. Der helle Schwarm der Kinder zog wie eine Kette hinter ihm her, und mit einemmale f\u00fchlten alle die Stille und das Dunkel des dumpfen Hofes. Aber gerade in diesem eigent\u00fcmlich lauschenden Augenblick ging das ersehnte Fenster fast unh\u00f6rbar auf, und die alte Magd Rosalka neigte sich weit vor. Fast alle K\u00f6pfe tauchten unter, nur eine kecke, ungeduldige Stimme schrie: \u00bbNa, seid ihr schon fertig eingezogen?\u00ab Die Magd Rosalka nickte nur, und gerade, als der Leierkasten in einem n\u00e4chsten Hause leise etwas sehr Wehm\u00fctiges begann, setzte sich die Alte wie ein gro\u00dfer, trauriger Vogel ins schwarze Fenster und lie\u00df nachl\u00e4ssig, als w\u00e4ren es Kartoffelschalen, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die Lebensgeschichte ihrer Herrschaft in den horchenden Hof hinunterfallen. Und wenngleich jetzt niemand an den Fenstern zu sehen war, so ging doch keines von ihren breiten Worten den Mauern verloren, aus denen nur dann und wann eine ermunternde Frage aufstieg. Eine Stunde nachher, als sie bei den Maltesern Ave l\u00e4uteten, kannte auch die alte H\u00f6kin unter den Steinlauben das ganze Schicksal der F\u00f6rsterswitwe Josephine Wanka und ihrer beiden Kinder und gab es ihren letzten, t\u00e4glichen Kunden, dem Gerichtskanzlisten Jerabek und dem Lakaien Dvorak nebst den \u00bbhochherrschaftlichen\u00ab Schr\u00e4nken mit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber vielleicht h\u00e4tte es gar nicht der Generalbeichte der Alten gebraucht, um dem Durste der Frauenzimmer genugzutun. Denn die drei Menschen, die aus dem kleinen Krummau in die Hauptstadt \u00fcbergesiedelt waren, trugen ihre Erinnerungen und Erlebnisse gleichsam \u00fcber den Kleidern, so da\u00df man nur anzustreifen brauchte, um ein St\u00fcck davonzutragen. Zum Teil lag dies wohl an dem Gebrauche der kleinen Stadt, drin sich jeder mit seiner Freude schm\u00fcckt und sein Leid auch m\u00f6glichst sichtbar mittr\u00e4gt; wer so unklug ist, da nicht mitzutun, dem wird beides aus dem heimlichen Versteck von den unbarmherzigen H\u00e4nden der Nachbarn herausgezerrt, und er mag sehen, ob er in dem von Ha\u00df und Hohn entstellten Ger\u00fccht seine leise Freude oder seinen stillen Kummer wiedererkennt. Bei der Familie Wanka mochte aber diese Freim\u00fctigkeit zun\u00e4chst darin ihren Grund haben, da\u00df das j\u00fcngste und folgenreichste Ereignis ihres Lebens immer noch \u2013 obwohl ein Jahr seither vergangen war \u2013 \u00fcber ihnen lag. Besonders bei den Frauenzimmern merkte man noch die Spuren des Schicksals, gleichsam die Abdr\u00fccke seiner brutalen Griffe in ihren Gesichtern, und man h\u00f6rte die Angst, welche immer irgendwo im Hintergrunde ihrer Stimme wartete, und sich pl\u00f6tzlich ohne Grund \u00fcber alle Worte auszubreiten. Nur der etwa zwanzigj\u00e4hrige Sohn, Zdenko, hatte etwas Ernstes und Verschlossenes in seinem strengen Gesicht, das ihn schnell aller Sympathien beraubte; der Umstand allein, da\u00df er \u2013 so h\u00f6rte man schon in den ersten Tagen \u2013 Student der Medizin sei, verursachte, da\u00df man ihm an Stelle der Zuneigung eine gewisse trotzige Achtung schenkte, die er jedoch nicht zu bemerken oder abzulehnen schien. Aber wenn die Frauen in ihrem Wesen sich auch fortw\u00e4hrend verrieten, behielten sie gleichviel etwas K\u00fchles den dienstwilligen Hausgenossen gegen\u00fcber, und seit jenem ersten Tag waren Wochen vergangen, ohne da\u00df eine von den Nachbarinnen die Stuben der Frau F\u00f6rsterswitwe betreten h\u00e4tte. Dieses war, dank seiner schweren Erreichbarkeit, nach und nach zu einem von allen im Wetteifer angestrebten Ziele geworden, und man scheute keine List und kam bis in die sp\u00e4ten Abendstunden, von Wankas einen Zuckerm\u00f6rser oder einen Korkzieher, den man merkw\u00fcrdig oft verlegte, oder endlich den Bodenschl\u00fcssel entleihen, Dinge, welche man meistens davontrug, nebst dem \u00c4rger, nicht \u00fcber die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diese hoffnungslose Hartn\u00e4ckigkeit stand in keinem Verh\u00e4ltnis zu den urspr\u00fcnglichen Gest\u00e4ndnissen der alten Magd, und es war begreiflich, da\u00df man von ihrem Entgegenkommen alles Weitere erwartete; doch auch sie schien schweigsamer und mi\u00dftrauisch zu werden und begann, wenn man sie bedr\u00e4ngte, immer wieder die eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, welche l\u00e4ngst alle kannten: von dem M\u00e4rzmorgen, an dem die Holzknechte den Revierf\u00f6rster Joachim Wanka, von Wilddieben erschossen, aus dem Walde heimgebracht hatten. Und da\u00df sein Gesicht voll erstarrten Zornes war und dunkel, gleichsam ganz im Schatten der buschigen Brauen, dalag, und wie seine F\u00e4uste sich nicht mehr l\u00f6sten, auch in den vielen Tr\u00e4nen nicht, so da\u00df der F\u00f6rster wohl seine liebe Not haben w\u00fcrde \u2013 einmal am J\u00fcngsten Tage zu tun, als sei er die ganze Zeit mit fromm gefalteten H\u00e4nden dagelegen. Dann bekreuzte sich die Alte mit gewohnheitsm\u00e4\u00dfigem Ungef\u00e4hr und versicherte zum \u00dcberflu\u00df, sie habe aus Tr\u00e4umen und Zeichen l\u00e4ngstbevor das ganze Unheil gewu\u00dft und auch daraus, da\u00df der Herr Julius C\u00e4sar im Krummauer Schlo\u00df<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"162\">[162]<\/a> wieder umgegangen sei und es dem Kastellan geschah, da\u00df in einem Armstuhl der Kaiser Rudolf ihm gegen\u00fcbersa\u00df und, den Kopf in die Hand gesenkt, \u00fcber das n\u00e4chtliche Moldautal fort in die Sterne sah.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer solches nicht glauben mochte, den pflegte die alte Rosalka kurzweg zu verachten; denn sie hielt das f\u00fcr einen Mangel von Bildung und Erfahrung und f\u00fcr eine von den vielen \u00fcblen Folgen jener Kultur, die \u00bbin der Gro\u00dfstadt\u00ab immer m\u00e4chtigere Fortschritte macht. Sie konnte dann auch nicht umhin, am Abend, wenn Frau Wanka mit ihrem Sohn gar ernste und bedachtsame Gespr\u00e4che zu f\u00fchren schien, die Tochter Luisa, welche so ganz \u00fcberfl\u00fcssig mit gro\u00dfen, verlorenen Augen dabeisa\u00df, heimlich in die K\u00fcche hinauszuwinken und sie vor dem s\u00fcndigen Munde der Ketzer zu warnen, welche vor nichts mehr Scheu h\u00e4tten \u2013 vor keinem Kirchhof und vor keiner Mitternacht, ja, nicht einmal vor beiden zusammen. Und da war \u00fcber ein Kurzes jene Stimmung heraufbeschworen, in der die Alte sich zu Hause f\u00fchlte: die Dinge rundum, vom steifen K\u00fcchenschrank bis zu dem plumpen Waschtrog, welche eben noch so n\u00fcchtern dagestanden hatten, begannen mit einemmale lauschend zu werden, und es war, als r\u00fcckten sie, um kein Wort Rosalkas zu verlieren, n\u00e4her und n\u00e4her an die beiden Frauen heran, Ger\u00e4usche erwachten wie von Schritten, und ohne Grund lachte eine von den alten Blechpfannen: \u00bbplink!\u00ab Dann hielt die Magd ein, und mit klopfendem Herzen verfolgten beide den silbernen Ton, und ihnen geschah, da\u00df eine unsichtbare Uhr irgend eine bedeutsame Stunde geschlagen h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und manchmal ging die alte K\u00fcchenlampe, wie im Einverst\u00e4ndnis mit Rosalka, gerade w\u00e4hrend dieses Hinhorchens aus, und die satte D\u00e4mmerung wurde schwer und schw\u00fcl von tausend taumelnden M\u00f6glichkeiten. Luisa, welche immer ganz stumm in einer Ecke sa\u00df, wurde kleiner und kleiner diesen M\u00e4chten gegen\u00fcber; sie schien sich aufzul\u00f6sen und nichts zur\u00fcckzulassen als zwei \u00e4ngstliche gro\u00dfe Augen, welche den Spukgestalten mit einem gewissen gl\u00e4ubigen Vertrauen nachgingen. Es war dann wie in dem gro\u00dfen Maskensaal des Krummauer Schlosses, dessen W\u00e4nde bis hoch zur gew\u00f6lbten hallenden Decke hinauf mit lebensgro\u00dfen Gestalten bemalt sind. Ein franz\u00f6sischer Maler soll vor vielen hundert Jahren diese Karnevalsgruppen so geschickt, in so reichem und \u00fcberraschendem Wechsel komponiert haben, da\u00df man \u2013 selbst am lichten Tage \u2013 hinter jeder Figur immer noch neue, phantastisch verkleidete G\u00e4ste auftauchen sieht. In Krummau aber wei\u00df man ganz bestimmt, da\u00df solches nicht an dem Verdienste des Malers, sondern an dem seltsamen Umstand liegt, da\u00df die Ritter und Damen zu einer gewissen Stunde zu erwachen beginnen, um das Schauspiel jener einen fernen Nacht zu wiederholen. Aus den W\u00e4nden steigend, erf\u00fcllen sie den Saal mit ihrem schimmernden Gewimmel. Bis die riesigen Grenadiere an der Saalt\u00fcre die Hellebarden hart an den Boden sto\u00dfen: da ordnen sich die Reihen. Ein Donner rollt \u00fcber sie hin. Mit seinem wilden, schwarzen Sechsgespann ist Prinz Julius C\u00e4sar, des zweiten Rudolf heimlicher Sohn, an der ragenden Rampe vorgefahren, und<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"164\">[164]<\/a> kaum einen Atemzug sp\u00e4ter steht er, schwarz und schlank, mitten unter den G\u00e4sten, die sich tief, tief verneigen, wie eine Zypresse im wehenden \u00c4hrenfeld. Dann mischt die Musik die Menge, eine fremde Musik, welche bei dem Aneinanderstreifen der kostbaren Kleider zu entstehen scheint und, wachsend, sich breit und brausend aus den Massen erhebt, wie die Melodie eines Meeres. Und da und dort teilt der Prinz mit einem Wink die gl\u00e4nzenden Wellen, verschwindet in ihnen, steigt an der anderen Ecke stolz aus ihnen empor, l\u00e4\u00dft sein leuchtendes L\u00e4cheln wie einen Sonnenblitz \u00fcber sie hingleiten und schleudert ein helles, \u00fcberm\u00fctiges Wort, gleich einem k\u00f6stlichen Ring, nach dem alles hascht, mitten ins Gewoge hinein. Und unter dem wilderen und w\u00fchlenden Hin und Wider w\u00e4chst die heimliche Lust. An eines silbernen Ritters Seite erkennt der Prinz ein blasses, blaues Fr\u00e4ulein und f\u00fchlt zugleich: die Liebe zu ihr, den Ha\u00df f\u00fcr ihren Begleiter. Und beides in ihm ist rot und rasch. Und er hat den silbernen Ritter wohl zum K\u00f6nig gemacht; denn dem flie\u00dft \u00fcber den blanken Panzer ein Purpur nieder, immer breiter und blutender, bis er stumm zusammenbricht unter der Last des f\u00fcrstlichen Mantels: \u00bbEs geht manchem K\u00f6nig so\u00ab, lacht ihm der Prinz in die sterbenden Augen. Da erstarren die festlichen Gestalten vor Grauen und blassen langsam und bang in die verl\u00f6schenden W\u00e4nde zur\u00fcck, und wie ein fahles Felsland steigt der verlassene Saal aus den letzten leuchtenden Wellen. Nur Julius C\u00e4sar bleibt zur\u00fcck, und das gierige Gl\u00fchn seiner hei\u00dfen Augen versengt dem blassen Fr\u00e4ulein<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"165\">[165]<\/a> die Sinne. Aber wie er sie greifen will, entrei\u00dft sie sich seinen zwingenden Blicken und fl\u00fcchtet in den schwarzen, hallenden Saal; ihr leichtes, blaues Seidenkleid bleibt, zerfetzt, wie ein St\u00fcck Mondlicht in den wilden Fingern des Prinzen, und er windet es sich um den Hals und w\u00fcrgt sich damit. Dann tastet er ihr nach in die Nacht hinein und jubelt pl\u00f6tzlich auf. Er h\u00f6rt, sie hat die kleine Tapetent\u00fcr entdeckt, und er wei\u00df: nun ist sie sein; denn von da giebt es nur einen Weg: die schmale Turmtreppe, die in das kleine duftende Rundgemach m\u00fcndet \u2013 hoch im Moldauturme. Und mit \u00fcberm\u00fctiger Hast ist er hinter ihr, immer hinter ihr, und er vernimmt nicht ihren verscheuchten Schritt, aber wie einen Glanz sieht er sie bei jeder Wendung der Treppe vor sich her. Da fa\u00dft er sie wieder, und jetzt h\u00e4lt er das zarte, angstwarme Hemdchen in der Hand, nur das Hemdchen, und seinen Lippen und Wangen ist es k\u00fchl. Es schwindelt ihn, und wie er seine Beute k\u00fc\u00dft, lehnt er z\u00f6gernd an der Wand. Dann mit drei, vier Tigerspr\u00fcngen taucht er hinauf in die T\u00fcr des Turmgemachs und \u2013 erstarrt: hoch vor der Nacht ragt, nackt, der reine wei\u00dfe Leib, wie vom Fensterrande aufgebl\u00fcht. Und reglos sind sie beide. Aber dann, eh er&#8217;s noch denkt, heben sich zwei helle, kinderzarte Arme in die Sterne hinein, als wollten sie Fl\u00fcgel werden, es verlischt etwas vor ihm, und vor dem hohen Fensterbogen ist nichts mehr als hohle heulende Nacht und ein Schrei&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd du bist wirklich achtzehn?\u00ab sagte Zdenko und neigte sich \u00fcber sein erschrockenes, weinendes Schwesterchen, welches, ganz klein und scheu, in dem Winkel der K\u00fcche kaum zu finden war. \u00bbSo kommen dir deine alten Gespenster auch her, nach Prag, nach? Oder hat Rosalka sie in ihren T\u00f6pfen und Pfannen mitgebracht?\u00ab Die alte Magd wandte sich grollend ab. \u00bbJa,\u00ab z\u00f6gerte Luisa, \u00bbja,\u00ab und atmete stockend auf, \u00bbzuerst, wie wir herkamen, hab ich gedacht, ich bin sie los. Wie ich die hellen H\u00e4user gesehen habe und die breiten Gassen, da war mir ganz frei und fr\u00f6hlich; hier aber auf der Kleinseite ist es fast noch schlimmer als bei uns. Nicht?\u00ab Und langsam schaute sich das M\u00e4dchen um. Zdenko aber zog sie hinter sich her in die helle Wohnstube. \u00bbNat\u00fcrlich, wie ichs gesagt habe,\u00ab rief er seiner Mutter entgegen, \u2013 \u00bbw\u00e4hrend wir hier reden, ist sie schon wieder bei der alten Hexe drau\u00dfen und ganz aufgeregt von dem ewigen Unsinn.\u00ab Frau Josephine sch\u00fcttelte leise den Kopf mit den breiten, grauen Scheiteln und sagte: \u00bbWann wirst du denn mal vern\u00fcnftig werden, Kind?\u00ab Sie n\u00e4hte ruhig fort an wei\u00dfen Leinenst\u00fccken, und in dem Korb neben ihr wartete noch viel Arbeit. Doch nach einer Weile legte die Witwe die zerstochenen Finger in den Schoo\u00df und sah der Tochter ins Gesicht. Luisa hatte, von der hellen Lampe geblendet, die Augen geschlossen, und in ihrem zarten blassen Gesichtchen war eine so deutliche Angst zur\u00fcckgeblieben, da\u00df die Mutter erschrak. Es fiel ihr mit einemmale auf, wie schwach und schm\u00e4chtig das M\u00e4dchen war, und ob sie \u00fcberhaupt Kraft genug haben w\u00fcrde, im Leben einmal ganz ohne Halt und Hilfe aufrecht zu bleiben. Die g\u00fctigen, bla\u00dfblauen Augen der Mutter tr\u00fcbten sich in Tr\u00e4nen, es konnte aber auch von der Anstrengung sein; denn das Wei\u00dfn\u00e4hen ist eine m\u00fchselige Arbeit, und die Lider der Frau Wanka waren stets ein wenig ger\u00f6tet davon. Luisa, die den Blick gef\u00fchlt haben mu\u00dfte, ging nach einer Weile daran, der Mutter zu helfen. So waren beide Frauen \u00fcber das Linnen gebeugt, und die H\u00e4ngelampe beleuchtete grell den grauen und den blonden Scheitel. Jetzt sagte Zdenko: \u00bbIch wei\u00df nicht, ich bilde mir immer ein, die Luisa ist so klein geblieben vor lauter Ehrfurcht. Wirklich. Es kann so sein. Wenn einer immer, von ganz klein auf, lauter so gro\u00dfe Dinge sieht wie sie, \u2013 denkt euch nur das Schlo\u00df auf dem steilen Felsen, diese hohen H\u00f6fe, die gro\u00dfen Kanonen auf den Schanzen, und endlich in den S\u00e4len \u2013 St\u00fchle und Bilder und Vasen \u2013 alles wie f\u00fcr Riesen gemacht \u2013 dann w\u00e4chst er diesen Dingen entweder nach&#8230;\u00ab (Frau Wanka sah ihrem Sohn l\u00e4chelnd ins Gesicht und n\u00e4hte dann eifrig weiter) \u00bboder \u2013 er verliert \u00fcberhaupt allen Mut, ihnen nachzuwachsen. Denn er mu\u00df sich denken: so gro\u00df werd ich ja doch nie. Und vor lauter Schauen und Staunen vergehen die Tage, und man vergi\u00dft auf sich selbst und darauf, da\u00df diese Dinge doch eigentlich nur ein Beispiel sind. Glaubst du nicht, Luisa?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht\u00ab, nickte die Schwester und unterbrach nicht ihre Arbeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habs ja auch mal empfunden, da\u00df einen das dr\u00fccken kann \u2013 als Bub.\u00ab Zdenko sah \u00fcber die Frauen fort ins Unbestimmte. \u00bbAber dann kommt einmal der Ruck, da man sich vor alledem auf die Fu\u00dfspitzen stellt, statt davor hinzuknieen, und hat man das erst einmal weg, dann ists nicht mehr lange bis zum Dr\u00fcberhinsehen. Und glaubt mir, das macht alles aus. Nur immer alles \u00fcberschauen. Der zu h\u00f6chst steht, ist immer der Herr. Ich hab es immer schon ganz deutlich geahnt, was unsere Zeit so verworren macht und so unsicher; aber jetzt, seit ich hier in der Stadt bin und viele Menschen sehe \u2013 wei\u00df ichs: da\u00df keiner dr\u00fcber steht. Ihr sagt mir, das ist falsch: \u00fcber der Stadt ist der B\u00fcrgermeister und \u00fcber ihm der Statthalter, und der mu\u00df wieder zum K\u00f6nig ein gut St\u00fcck hinaufsehen und der K\u00f6nig zum Kaiser und dieser zum Papst. Der Papst aber reicht trotz seiner dreimalhohen Krone immer noch nicht bis zum lieben Gott hinauf, meint ihr. Ich denke, das kommt davon, da\u00df man das Ding meistens vom verkehrten Ende ansieht. Mir scheint, ganz tief unten ist der liebe Gott und ein wenig \u00fcber ihm der Papst und so fort. Oben aber ist das Volk. Das Volk aber ist ja nicht eines, das sind viele; sie sto\u00dfen und schieben einander, und es verstellt einer dem anderen die Sonne. Da mein&#8216; ich halt immer, \u2013 irgend einen m\u00fc\u00dften sie von Zeit zu Zeit in die H\u00f6he heben, nicht zu hoch (er k\u00f6nnte leicht hinunterfallen bis dorthin, wo der K\u00f6nig ist oder der Kaiser), aber doch so, da\u00df er ihre starken und treuen Schultern unter sich f\u00fchlt und mit ruhigem Bedacht eine Weile lang hinschauen kann \u00fcber ihre K\u00f6pfe. Wenn er dann wieder unter ihnen steht, wird er wie aus der Heimat zur\u00fcckgekehrt sein und seinen Br\u00fcdern sagen k\u00f6nnen, wo die Sonne aufgeht und wie lang es noch w\u00e4hren mag bis dahin \u2013 und so manches mehr. So aber&#8230;\u00ab Zdenko verdeckte seine Augen mit der Hand.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dann erhob er sich heftig: \u00bbMna, la\u00dft jetzt die Plackerei und geht schlafen; es ist sp\u00e4t. Die Lampe wird auch gleich verl\u00f6schen.\u00ab Seine Stimme war rauh. Er bemerkte erst jetzt, da\u00df Luisa nicht mehr \u00fcber das Wei\u00dfzeug geneigt dasa\u00df; ihre Augen brannten ihm entgegen, gro\u00df und leuchtend wie nie. Und seltsam, er sah sich in diesen Augen und richtete sich stolz und stark auf wie vor einem Spiegel.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine Mutter aber n\u00e4hte immerzu mit r\u00fcstigem, rastlosem M\u00fchen, und Zdenko hatte ganz pl\u00f6tzlich das Bed\u00fcrfnis, zu ihr hinzutreten und ihr die H\u00e4nde zu k\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war nicht Mi\u00dftrauen, welches die Magd Rosalka still und schweigsam gemacht hatte den Hausgenossen gegen\u00fcber. Alten Leuten ergeht es oft so, wenn sie, aus der gewohnten Kleinh\u00e4uslichkeit ihrer Provinzstadt vertrieben, sich in einem neuen Orte zurechtfinden sollen; sie k\u00f6nnen sich den gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfst\u00e4ben nicht anpassen und sind wie aus einer engen Stube in einen hallenden Saal versetzt, drin ihre heimlichsten Worte wie von unsichtbaren Ch\u00f6ren laut nachgesprochen werden, w\u00e4hrend ihre vielen heftigen Gesten sich in der Weite dieses teilnahmslosen Raumes zu verlieren scheinen. Im Anfang gef\u00e4llt ihnen das der Neuheit wegen, aber bald f\u00fchlen sie es wie eine Anstrengung, die, ohne gen\u00fcgenden Lohn, entmutigend wirkt, und lassen von einem Morgen an die H\u00e4nde im Schoo\u00df und die Worte auf der Zunge liegen. Es kommt n\u00e4mlich noch dazu, da\u00df die Leute auf dem Lande um ein T\u00fcchtiges bescheidener sind. Da gen\u00fcgt es, einmal ein recht ansehnliches Ungl\u00fcck gehabt zu haben, um f\u00fcr alle Zeit, bis zum letzten gottseligen Tage, das achtungsvolle Bedauern der Bekannten wie eine lebensl\u00e4ngliche Rente zu beziehen. Aber \u00bbin der Gro\u00dfstadt\u00ab sollte man ja \u2013 grollte die Alte \u2013 um halbwegs obenauf zu bleiben, mindestens w\u00f6chentlich einmal einen Vater verlieren und alle drei Wochen von der Treppe oder aus dem Fenster fallen. Sie gedachte mit betr\u00fcbten Augen ihrer \u00bbStellung\u00ab in Krummau und konnte es ihrer Herrschaft nicht verzeihen, da\u00df sie, um dem Zdenko die Universit\u00e4t zu erm\u00f6glichen, nach Prag \u00fcbergesiedelt w\u00e4re. Sie verg\u00f6nnte es der Frau F\u00f6rster, da\u00df sie nun selbst ein paarmal der Woche in \u00bbH\u00e4user\u00ab gehen mu\u00dfte, um durch Wei\u00dfn\u00e4harbeit zu ihrer kleinen Pension und dem f\u00fcrstlich Schwarzenbergschen Gnadengehalt das hinzuzuverdienen, was der neue Haushalt und die Heranbildung des Sohnes verlangte. Sie wu\u00dfte auch, da\u00df Frau Wanka dem Zdenko jedes Opfer bringen w\u00fcrde und den dunkeln Wunsch hatte, in ihm einen \u00bbstudierten Doktor\u00ab zu sehen, welches f\u00fcr Rosalka als das ungeb\u00fchrliche Streben einer z\u00fcgellosen Hoffart, um derenwillen man sich dreimal bekreuzen mu\u00dfte, erschien.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Anders fa\u00dfte man dieses Trachten der Witwe in dem Hause der Frau Oberst a.D. Meering von Meerhelm auf, wo die F\u00f6rsterin jede Woche einmal, und zwar am Montag, dem W\u00e4schetag, die Putzw\u00e4sche ausbesserte. Frau Charlotte Meering lobte n\u00e4mlich den Eifer der Mutter und tadelte dabei nur, da\u00df Zdenko Wanka die b\u00f6hmische statt der deutschen Universit\u00e4t bezogen h\u00e4tte. Dieser einleuchtende Mi\u00dfgriff war Schuld, da\u00df man ihn nie zu sich bitten konnte. Vergebens versicherte die Witwe, da\u00df das ganz im Sinne ihres armen seligen Mannes geschehen sei, der ein guter Tscheche gewesen w\u00e4re; die Oberstin l\u00e4chelte nur vornehm und konnte, wie sie sich ihrem Gemahl gegen\u00fcber ausdr\u00fcckte, \u00bbdie Beschr\u00e4nktheit dieser Leute nicht verstehen\u00ab. Daf\u00fcr durfte Luisa die Mutter manchmal abholen komme und, wenn sie versprach, nur deutsch zu sprechen, zehn Minuten mit den Meeringschen Kindern, einem f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Rangen und der etwan drei Jahre j\u00fcngeren Lizzie, \u00bbspielen\u00ab. Der Erfolg war freilich immer ein entgegengesetzter, d.h. die beiden Geschwister st\u00fcrzten sich auf das scheue und \u00e4ngstliche M\u00e4dchen und begannen es, wie irgend ein Ding, zu schieben und zu sto\u00dfen, bis Frau von Meering meist gerade in dem Augenblick in die T\u00fcr der Kinderstube trat, da Luisa, an einen Schrank gebunden, ein wei\u00dfes Opfer darstellte, w\u00e4hrend ihre Spr\u00f6\u00dflinge sie mit wildem Siegesgeheule, nach Indianersitte, umsprangen. Da war es nun nicht erstaunlich, da\u00df Luisa sich diesen Besuchen keineswegs entgegenfreute und dankbar war, wenn die Mutter ihr verstattete, sie im Flur oder in der Stra\u00dfe zu erwarten. Manchmal kam dann gerade der Herr Obrist an ihr vorbei nach Hause und blieb, da er die Schrecken des W\u00e4schetags vermeiden wollte, noch einen Augenblick vor dem M\u00e4dchen stehen. Der kleine, etwas dickliche Herr, der einen gro\u00dfen Ehrbegriff inwendig und einen gro\u00dfen Orden auf der Au\u00dfenseite seiner Brust trug, blies mit einiger Behaglichkeit seinen Schnurrbart auf und leitete das kurze Gespr\u00e4ch immer also ein:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarten auf den Herrn Br\u00e4utigam, gn\u00e4diges Fr\u00e4ulein?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Darauf wurde Luisa jedesmal so rot, als die schlechte Beleuchtung der Gasse es notwendig machte. Der alte Herr freute sich daran und erkannte von einem Mal zum n\u00e4chsten immer deutlicher die K\u00f6stlichkeit seines Witzes, den er beim Abendessen, nat\u00fcrlich nachdem die Kinder zu Bette waren, gerne seiner Lotti wiederholte. Sonst wu\u00dfte er ohnehin nicht viel zu erz\u00e4hlen. Denn es lag etwas Versonnenes in seinem Wesen, welches man auch durch dieses Beispiel beleuchten kann. So hat er mehr als f\u00fcnf Jahre dar\u00fcber nachgedacht, was der Wink, den man ihm zeitweilig von \u00bboben\u00ab gab, bedeuten mochte. Verstanden hat er ihn freilich erst viel sp\u00e4ter, als das rastlose Winken h\u00f6herenorts schon eine Art von Sturm hervorgerufen hatte, welcher endlich den Herrn Obristen von dem gef\u00e4hrlichen Gipfel eines Regimentskommandos sachte in das beschauliche Tal des Ruhestandes herunterwehte, in dem er sich nun \u2013 nach wie vor sinnend \u2013 erging. Er war ein Mann, der die Tiefen des Lebens nach den schauerlichen Abgr\u00fcnden alter Kalendergeschichten bema\u00df und sich oft verwunderte, wie hoch er, allen F\u00e4hrlichkeiten zum Trotz, auf der irdischen Rangleiter emporgekommen war. Seine gerechte Gesinnung teilte aber nicht nur ihm selbst r\u00fcckhaltlose Anerkennung zu, er wu\u00dfte jeden nach Wert und W\u00fcrden zu behandeln. Seit er erfahren hatte, da\u00df der verstorbene Wanka f\u00fcrstlicher F\u00f6rster gewesen war und da\u00df auch Frau Josephine dann und wann im Schlosse Frauenberg die Kammerfrau vertreten mu\u00dfte, sah er die Witwe gerne in seinem Hause und f\u00fchlte einen Hauch indirekter F\u00fcrstenhuld von dieser Familie ausgehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn Frau Wanka an diesen Montagabenden endlich mit m\u00fcden Augen aus dem Tor des Meeringschen Hauses trat, k\u00fc\u00dfte sie die Tochter, und die beiden Frauen gingen, meist ohne ein Wort zu tauschen, durch die lebhaften Gassen der Neustadt der steinernen Br\u00fccke zu. Erst wenn sie aus der lauten Br\u00fcckengasse in die schmalen, kaumbeleuchteten Zweigg\u00e4\u00dfchen eingelenkt waren, l\u00f6ste sich ihre Stimme, und sie begannen leise und langsam von Zdenko zu reden, wie zwei Spieluhren, die zaghafte Lieder tr\u00e4umen mit ten in der Nacht. \u00dcber ihren Gespr\u00e4chen war eine treue, r\u00fchrende Z\u00e4rtlichkeit, die um so inniger klang, als sie niemals in die Worte herunterstieg, aber die Frauen ganz erf\u00fcllte, ihre Bewegungen versch\u00f6nte und ihr L\u00e4cheln leuchtender machte. Seit jenem Abend, da Luisas Augen sich so seltsam entz\u00fcndet hatten an den hei\u00dfen Worten des Bruders, war er f\u00fcr sie ein Anderer geworden, ein M\u00e4chtiger; und wenngleich die Liebe, die Frau Wanka ihrem Sohne bewahrte, tieferen Quellen entsprang, so verstanden Mutter und Tochter einander doch in dieser lauschenden und leisen Sprache und sagten einander darin mit vielen Worten etwa dieses: er ist ein Anderer geworden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie hatten recht damit. Eine freudige Erregung war \u00fcber den jungen Menschen gekommen. Die Freundschaft mit dem Wald und die r\u00fcstige Ruhe seines Vaterhauses hatten ihn beschenkt, immer und immer wieder, und was man daf\u00fcr von ihm wollte, war so l\u00e4cherlich gering gewesen. Wenn er die Jahre vor des Vaters Tode \u00fcberdachte, war er jetzt geneigt, zu glauben, er h\u00e4tte eigentlich nur einen einzigen Tag gekannt, der, zufrieden und satt, hinter jeder Nacht immer wieder hervorkam \u2013 bis zu dem ersten schweren Schmerz: dem gewaltsamen Tode des teuren Vaters. Hinter dem lag etwas Lebloses und Leeres, das wie ein Ausruhen war oder wie ein Vergessen. Aber mitten drin \u2013 so empfand er das \u2013 war dann eine T\u00fcre, ein Tor irgendwo aufgegangen, und nun st\u00fcrmten sie herein, lauter junge und bunte Tage, die ihm in ungeduldigem Heischen die H\u00e4nde hinhielten. Was war er ihnen dankbar f\u00fcr ihr Begehren! Wie ein Heimgekehrter stand er da, der Gaben austeilt nach allen Seiten, und die Dinge sind weither, und jeder der Beschenkten wei\u00df sie zu verwenden. Wanka hatte das Gef\u00fchl, da\u00df die ganze Welt aus seiner Tasche lebte, und es sollte ihr nicht schlecht gehen dabei. Er war immer in einem Kreise junger Leute zu finden, denen er ernste und lose Einf\u00e4lle in buntem Durcheinander hinwarf, und sie fanden alle genug darin, um ihre Tage damit zu f\u00fcllen und ihre N\u00e4chte. Er bemerkte nicht das Ziellose in diesen jungen K\u00f6pfen; denn er hatte selbst kein Ziel, weil er tausend hatte und heute dieses, morgen jenes zu greifen vermeinte. Diese Art zu leben brachte ihn mit einer gro\u00dfen Menge Menschen in Ber\u00fchrung, und allen gab er sich mit derselben Treue hin, und wenn er sich einmal wieder recht an einem eigenen neuen Gedanken begeistert hatte, so glaubte er es den Menschen danken zu m\u00fcssen, welche ihn mi\u00dftrauisch umstanden. Nach und nach wurde er stiller, h\u00f6rte nun auch die Gegenreden aufmerksam an und fand, da\u00df er eigentlich nicht imstande war, ihnen zu antworten. Langsam begann er einzusehen, da\u00df alle seine Begeisterungen Bruchst\u00fccke eines gro\u00dfen Monologes waren, und dieses Erkennen ern\u00fcchterte und vereinsamte ihn sehr.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">N\u00e4chtelang sa\u00df er jetzt schweigend an dem Stammtisch des Nationalcaf\u00e9s, an welchem M\u00e4nner verkehrten, die \u00e4lter und ernster waren als er und von denen er glaubte, da\u00df sie an der Spitze des Volkes st\u00e4nden. Es waren Dichter und Maler, Schauspieler und Studenten. Sie hatten alle etwas in ihrem Gehaben, was ihn fr\u00fcher stark abgesto\u00dfen hatte, allein er suchte sich daran zu gew\u00f6hnen. Nach dem Theater fanden sie sich m\u00fcde und m\u00fcrrisch zusammen, und wenn sie sich begr\u00fc\u00dften, l\u00e4chelten sie einander mitleidig zu. In ihren Kleidern war entweder etwas \u00fcbertrieben Vornehmes oder eine grobe Vernachl\u00e4ssigung zu bemerken, und man konnte auf den ersten Blick schwer erkennen, was sie vereinte. Erst einige Gl\u00e4ser Tschaj oder Budweiser Bieres machten begreiflich, da\u00df die \u00c4hnlichkeit in den gro\u00dfen Worten liege, welche immer zahlreicher und ungest\u00fcmer von ihren Lippen kamen, je sp\u00e4ter es wurde. Ein Unterschied blieb allerdings noch darin bestehen, da\u00df die in den modernen Kleidern ihre Worte gleichsam nur vor sich auf den Tisch legten mit der Warnung: nicht anr\u00fchren, w\u00e4hrend die anderen sie einfach in die Luft warfen, gleichviel wen sie treffen mochten. Da h\u00f6rte nun Wanka die Angelegenheiten der \u00bbNation\u00ab verhandeln, er erfuhr zum erstenmal von ihrer Bedr\u00e4ngnis und Not, von ihrer stillen und innigen Sehnsucht. Eine Besch\u00e4mung \u00fcberfiel ihn pl\u00f6tzlich wie einen Lachenden, der erf\u00e4hrt, da\u00df ein Toter im Hause sei, und er dachte dar\u00fcber nach, wie es denn geschehen konnte, da\u00df er von all diesem Dr\u00fcckenden gar nichts gemerkt hatte alle Jahre lang. Er d\u00fcrstete, recht viel davon zu erfahren, aber wenn er sich den M\u00e4nnern wieder zuwandte, entdeckte er, da\u00df sie ganz in demselben Tone l\u00e4ngst von anderen Dingen sprachen, von der Kunst und \u00e4hnlichem. Und er sah mit einemmale, da\u00df ihre Begeisterung nichts als Heftigkeit war, und da\u00df sie nichts Gemeinsames besa\u00dfen als ihre Einbildung. Da zog er sich von ihnen zur\u00fcck. Er blieb wieder die Abende zu Hause, widmete sich mit mehr Flei\u00df seinen Studien an der Universit\u00e4t und bildete sich eine Zeitlang ein, es sei alles wie vordem. Bis ihm an solch einem Abend, wie damals, als er Luisa bei ihren Gespenstern in der K\u00fcche fand, ganz von ungef\u00e4hr sein innerstes Nachsinnen zu Worten wurde. Seither wu\u00dfte er auch, da\u00df er den Leuten auf der Gasse anders in die Augen sah, bem\u00fcht, in ihren Mienen die Spuren jenes Leidens zu finden, von dem sein Volk heimgesucht sein sollte. Da und dort glaubte er jetzt wirklich eine gedr\u00fcckte, geknechtete Gestalt zu bemerken, allein, wenn er n\u00e4her zusah, erkannte er entt\u00e4uscht, da\u00df es nur die Last der Armut war oder des Elends, welche auf den fremden Schultern lag, nicht das Joch der Knechtschaft. Und doch lie\u00df es ihm nicht Ruhe. Er f\u00fchlte immer noch Kr\u00e4fte in sich und fragte bei jedem Tage an, ob sein Volk ihrer bed\u00fcrfe. Er wurde immer ratloser und unzufriedener, hielt es weder im Lehrsaal noch in der Wohnstube aus, wo Luisa sa\u00df und ihn mit gro\u00dfen, fragenden Augen erwartete. So machte er weite Spazierg\u00e4nge.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Einmal im Fr\u00fchling war er den Podskal entlang gegangen, tief in Sinnen, und als er aufblickte, ragte auf teilweise abgegrabenem Terrain ein graues, einf\u00f6rmiges Geb\u00e4ude vor ihm auf, dessen Fenster ihm leer, wie ausgebrannt, entgegenstarrten. Wanka hielt es f\u00fcr eine einstige Kaserne, welche nun der Demolierung preisgegeben war, und trat, da der Platz nicht weiter abgeschlossen schien, durch eines der g\u00e4hnenden Tore ein. Die H\u00f6fe waren mit T\u00fcrrahmen und T\u00fcren, Brettern und allerlei altem Ger\u00fcmpel angef\u00fcllt, und diese Dinge sahen ganz unglaublich traurig aus in dem glanzlosen, langsam verl\u00f6schenden Licht des sp\u00e4ten Nachmittags. Der Student wandte sich ab und, von irgend einem Gef\u00fchl bestimmt, stieg er die ausgetretenen Holztreppen hinauf und ging weite wei\u00dfe G\u00e4nge entlang und durch viele gewei\u00dfte R\u00e4ume hin, deren Decken niedrig, deren Dielen zum Teil aufgerissen waren. Und dann schritt er noch eine Treppe hinan und stand wieder in einem Gang, dessen Schlu\u00dfwand schon halb eingerissen war, so da\u00df der Wind breit hereinkonnte, aus dem grauen Tag. Er ri\u00df Strohhalme von den Sparren der Decke los und trieb sie, wie Pfeile, dem Fremden<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"178\">[178]<\/a> entgegen. Wanka trat gleich in eine der n\u00e4chsten T\u00fcren ein und fand sich in einer engen, kaum drei Schritte breiten und nicht viel l\u00e4ngeren Zelle, die ganz gleichm\u00e4\u00dfig erf\u00fcllt war mit dem sp\u00e4rlichen Licht, das durch eine vergitterte \u00d6ffnung, nahe der Decke, hereinflo\u00df. Die wei\u00dfgrauen W\u00e4nde waren mit vielen Ritzen wie mit einem seltsamen, wirren Muster bedeckt, und erst nach einem Augenblick erkannte der Student, da\u00df dieses Muster sich in Worte und in Bilder l\u00f6ste; Gebetsworte und Fl\u00fcche, Namen und Orte las er, und alles hineingeritzt in wilde, grinsende Fratzen, merkw\u00fcrdig verschmolzen mit den Linien ihrer Nasen und Augen, mehr wie beredte Falten und Runzeln, als wie Schriftz\u00fcge. Und ein Gesicht wuchs hinter dem anderen hervor, bleich und bebend, wie ein Haufe Volkes dr\u00e4ngte ihm die immer mehr erwachende Wand entgegen, allen voran ein drohender, zorniger Mann mit hohlen Augen. Und quer \u00fcber seine Stirne stand: \u00bbJesus Maria.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da h\u00f6rte Wanka, wie jemand seinen Namen sagte, und in unbeschreiblichem Grauen wandte er sich, als ob er fl\u00fcchten wollte, und stie\u00df heftig auf Rezek, den blassen Studenten, der mit eigent\u00fcmlichem und eingeweihtem L\u00e4cheln sagte: \u00bbDas waren auch K\u00fcnstler, diese hier. Nicht?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wanka erkannte den Studenten und sah ihn verst\u00e4ndnislos an.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun ich meine, jeder in seiner Art\u00ab, l\u00e4chelte der noch. Dann f\u00fcgte er ernst hinzu: \u00bbGlauben Sie mir, da\u00df mir diese Bilder hier n\u00e4her gehen, als das was unsre Maler malen und unsre Dichter zusammenreimen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wissen Sie, was das hier ist? Volkslieder. Nicht vor tausend Jahren entstanden und nicht unverst\u00e4ndlich nach zehntausend Jahren. Gedichte in einer ewigen Sprache. Man sollte diese W\u00e4nde ebenso sorgsam ausnehmen, wie die Hieroglyphenmauern in den Pyramiden. Man sollte sie in die Kirchen h\u00e4ngen; denn sie sind heilig. Sehn Sie hier,\u00ab und er legte den schmalen harten Finger auf eine Zeichnung, welche mit ungelenken Strichen ein kleines Haus darstellte; \u00bbdas hat die Sehnsucht gemacht, und der Glaube hat ein Gebet drunter geschrieben und die Verzweiflung einen Fluch, und der Hohn hat mit wunden, blutenden N\u00e4geln um alles das herum eine Fratze gezeichnet, in der das liebe kleine Haus aussieht wie ein gieriges, weitge\u00f6ffnetes Maul. \u2013 Haben Sie jemals ein furchtbareres Gem\u00e4lde gesehen?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKommen Sie\u00ab, sagte Wanka, von pl\u00f6tzlicher Furcht erfa\u00dft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Rezek folgte. \u00bbIch komme oft her\u00ab, sagte er. \u00bbEs geht so langsam mit dem Niederrei\u00dfen. Ich lese in diesen W\u00e4nden wie im Buche der Offenbarung. Auf viele Fragen habe ich da Antwort gefunden.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie schwiegen. \u00bbFreilich,\u00ab f\u00fcgte Rezek an, als sie aus dem Tor traten, \u00bbdie Antwort ist schlie\u00dflich wieder eine Frage. Aber nur eine, immer dieselbe, und das ist nicht so schrecklich wie die vielen.\u00ab \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist das eigentlich f\u00fcr ein Haus?\u00ab fragte Wanka jetzt und wandte sich zur\u00fcck zu dem verlassenen Bau, der schwarz und gro\u00df mit seinen leeren Fenstern vor dem Abend stand.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Rezek blickte auf: \u00bbDas alte St. Wenzels Strafhaus.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuz\u00fcnden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die beiden jungen Menschen, welche fr\u00fcher oft aneinander vorbeigegangen waren, fanden sich jetzt beinahe jeden Tag. Es war aber mehr eine Macht \u00fcber seinem Willen als eigene Absicht, welche Wanka zu dem d\u00fcsteren Kollegen hinzog; und was ihn dann festhielt, war der Umstand, da\u00df Rezek alle Fragen, welche ihn in der letzten Zeit gequ\u00e4lt hatten, erriet und die unausgesprochenen wie unwillk\u00fcrlich beantwortete. Zdenko sah freilich nicht, wie weit diese Antworten \u00fcber seine Fragen hinausragten, und so konnte es geschehen, da\u00df seine Kraft und die naive Klugheit seiner reinen Jugend bald blind im Dienste des energischen Agitators standen, dem sie sehr gelegen und g\u00fcnstig sein mu\u00dften. Die versch\u00e4rfte Strenge des Polizeidienstes, die Geschichte des \u00bbK\u00f6nig Bohusch\u00ab und andere halbpolitische Ereignisse hatten die jungen Leute vorsichtig und \u00e4ngstlich gemacht, und Rezek mu\u00dfte sich zu manchem seiner Zwecke des bezahlten P\u00f6bels bedienen, der ihm dann bei n\u00e4chster Gelegenheit als Angeber gegen\u00fcbertrat. So aber war der Traum des dunklen Mannes: unverdorbene junge Leute guten Standes finden, welche, \u00fcberzeugt von dem Recht ihres Beginnens, mit der ganzen blinden B\u00e4renkraft ihrer Gesinnung einer nationalen Befreiung entgegenstreben und in jugendlicher Unverzagtheit einem Ziele nachgehen, das er selbst nicht immer glauben wollte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf ihren gemeinsamen Wegen, an welchen Luisa lauschenden Anteil nahm, hatten sie eine kleine, niebesuchte Gaststube entdeckt hoch auf dem Hradschin. Von ihrem Rund-Erker aus sahen sie oft, wie die schweren, dunstigen Fr\u00fchlingsabende die Stadt zerst\u00f6rten, wie ihr Feuer an den Kuppeln und T\u00fcrmen zehrte und da und dort wie Wahnsinn aus zwei sinnenden Fensteraugen schlug. Und die ganze Last dieser ahnungsvollen D\u00e4mmerungen war auf den drei jungen Menschen; da wandte sich der energische Rezek, der eine gro\u00dfe Furcht vor diesen leisen weiten Stunden hatte, wohl an das versonnene M\u00e4dchen und sagte mit harter Stimme: \u00bbLoisinka, spiel sie uns etwas.\u00ab Und aus der Wandnische, wo Luisa sa\u00df, rauschten wie Fl\u00fcgelschl\u00e4ge die langen T\u00f6ne eines Harmoniums, und die schlichten Volkslieder machten die Menschen noch leiser und einsamer. Es wurde immer dunkler um sie her, und sie mochten sich vorkommen wie Abschiednehmende, die einander zuwinken und sich doch nicht mehr erkennen&#8230; Bis das Lied mitten im Klange brach und das zitternde Verstummen des Harmoniums verschmolz mit Luisas zaghaft ausbrechendem Weinen. Dann befahl Rezek: \u00bbSpiel sie doch was Heiteres&#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber Luisa kannte nur ein paar Volkslieder, und der Bruder sagte: \u00bbUnser Volk hat keine lustigen T\u00f6ne. Seine liebsten Lieder sind wie vor dem Weinen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da begann Rezek mit heftigen Schritten in der kleinen Stube auf und ab zu gehen, und endlich blieb er im Erker stehen und sagte:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie ein Kind ist unser Volk. Manchmal seh ich es ein: unser Ha\u00df gegen die Deutschen ist eigentlich gar nichts Politisches, sondern etwas \u2013 wie soll ich sagen? \u2013 etwas Menschliches. Nicht, da\u00df wir uns mit den Deutschen in die Heimat teilen m\u00fcssen, ist unser Groll, aber da\u00df wir unter einem so erwachsenen Volk gro\u00df werden, macht uns traurig. Es ist die Geschichte von dem Kinde, welches unter Alten heranw\u00e4chst. Es lernt das L\u00e4cheln, noch ehe es das Lachen gekonnt hat.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als aber die Kellnerin die Lampe angez\u00fcndet hatte, setzte sich Rezek in den gro\u00dfen, alten Lehnstuhl und begann, die gelben nerv\u00f6sen H\u00e4nde vor die Augen gepre\u00dft, wie zu sich selbst zu reden: \u00bbWas hilft alles. Damals, als man dem Volk gesagt hat: du bist jung, haben sich die Gebildeten gesch\u00e4mt daf\u00fcr. Und sie sind schnell alt geworden, statt \u00e4lter zu werden. Statt sich jedes Tages zu freuen, haben sie ein Gestern haben m\u00fcssen und ein Vorgestern. K\u00f6niginhofer Handschrift, freilich! Damit nicht zufrieden, haben sie ihre Kultur in der Fremde gesucht und gleich dort, wo sie am fertigsten ist \u2013 bei den Franzosen. Und so kams: zwischen den gebildeten Tschechen und dem Volk sind Jahrhunderte. Sie verstehen sich nicht mehr. Wir haben nur Greise und Kinder, was die Kultur betrifft. Wir haben unsern Anfang und unser Ende zu gleicher Zeit. Wir k\u00f6nnen nicht dauern. <i>Das<\/i> ist unsere Trag\u00f6die, nicht die Deutschen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa sah den Schrecken, welcher sich in den Z\u00fcgen des Bruders auspr\u00e4gte w\u00e4hrend dieses Gest\u00e4ndnisses. Er schien sich m\u00fchsam zur\u00fcckzuhalten, alle seine Sehnen waren wie zum Sprunge gespannt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Rezek bemerkte es nicht mehr, er war wie aus einem b\u00f6sen Traume erwacht, und der strenge Akzent seiner Stimme schien alles Fr\u00fchere zu widerrufen. Er entwarf an diesem Abend die k\u00fchnsten Pl\u00e4ne und sp\u00fcrte mit dem ihm eigenen Scharfsinn so r\u00fccksichtslos allen Mitteln und M\u00f6glichkeiten nach, schien sich so klar \u00fcber die Ziele seiner unerm\u00fcdlichen Agitation, da\u00df Zdenko wieder ganz in seinem Einflu\u00df unterging.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dennoch bezeichnete dieser Abend f\u00fcr Wanka den Beginn eines harten inneren Kampfes. Er hatte sich stolz und stark gef\u00fchlt in seiner Mission, solange er glaubte, f\u00fcr ein junges und gesundes Volk zu streben, und nun hatte er erfahren, da\u00df dieses Volk an innerem Zwiespalt krankte und an sich selber verzweifelte. Und er verlor alle Freude und allen Mut. Es geschah ihm wie dem tollk\u00fchnen Lieutenant, der vor seinen Scharen hineinst\u00fcrzt in die feindliche \u00dcbermacht. Da vernimmt er, da\u00df die Niederlage der Seinen schon besiegelt ist; und was im Augenblick noch eine freudige Heldentat war, ist ihm ein nutzloses, verzweifeltes Opfer. Der arme junge Mensch f\u00fchlt mit einemmale so viel Neues, Unverbrauchtes, Einsames in sich, das nicht zu Ende gehen will und sich sehnt, in einem andern stillen Fr\u00fchling aufzubl\u00fchen. \u2013 Die hohen und hellen Worte der nationalen Begeisterung waren ihm erloschen, und mehr als einmal st\u00fcrzte Wanka aus den hei\u00dfen heimlichen Versammlungen in die n\u00e4chtlichen Gassen hinaus, durch welche er, planlos, einem ungewissen Morgen entgegenirrte. Aber so stark stand Rezeks Pers\u00f6nlichkeit \u00fcber ihm, da\u00df er mitten in seinen Gr\u00fcbeleien immer wieder von ihm einen Ausweg erhoffte und nicht wagte, dem finsteren Gesellen seine wachsenden Zweifel einzugestehen. Er schwieg gegen alle davon. Er bemerkte die besorgte Frage in den Augen seiner schlichten Mutter, und er glaubte sie zu \u00fcbert\u00f6nen durch seine heftige, hastige Z\u00e4rtlichkeit. Er neigte sich inniger seinem blassen Schwesterchen zu und suchte sich gleichsam wiederzuerkennen in diesen fl\u00fcchtigen Augenblicken einer reinen Liebe.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jetzt begann Luisa ahnungsvoll die Zerrissenheit in Zdenkos Seele zu begreifen. Sie wu\u00dfte ja nichts von der beginnenden Untreue an seinem Werke, und da\u00df er seine \u00fcbernommene Pflicht als Zwang empfand. Aber sie sah, da\u00df er an irgendwelchen Ketten zerrte, und das schien ihr die eherne Macht des Rezek zu sein, aus welcher er entfloh, um, schwach und verzagt, immer wieder zur\u00fcckzukehren. Lange schon stand die Gestalt des bleichen Mannes auch \u00fcber ihr. Sie fand sein Bild in allen ihren Gedanken und war nicht mehr erstaunt dabei. Ihr schien, er geh\u00f6rte hinein wie der Gekreuzigte in die Klosterzelle. Und sie konnte ihm nicht wehren, da\u00df er auch in ihre Tr\u00e4ume wuchs und endlich eines wurde mit dem dunklen Prinzen des alten Maskentraumes und nun f\u00fcr sie nicht mehr Rezek, sondern Julius C\u00e4sar hie\u00df. Und da geschah dem M\u00e4dchen etwas Seltsames. Irgendwelche Szenen aus fernen Jahren und halbvergessene Tr\u00e4ume und Gestalten und fremde purpurne Worte, die sie von ihrem Bruder vernommen hatte, und anderes, welches sie gar nicht zu erkl\u00e4ren vermochte, umdr\u00e4ngte sie wie eine neue phantastische Zeit, in der alle Gesetze anders werden und alle Pflichten. Sie konnte zwischen Tun und Tr\u00e4umen nicht mehr unterscheiden und schaute alle Geschehnisse des Alltags in den Farben jenes Krummauer Blutfestes, ihrer tiefsten und ersch\u00fctterndsten Erinnerung. Sie lebte jetzt mitten unter den stillen, feierlichen Gestalten und f\u00fchlte immer deutlicher, da\u00df auch sie eine Rolle haben m\u00fcsse in diesem heimlichen Reigen. Und tagelang sa\u00df sie, eine vergessene Arbeit im Schoo\u00df, am Fenster, sah mit verlorenen Augen in die hohen kahlen Mauern der Malteserkirche und sann: Welche nur, welche?<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">* * *<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tr\u00e4gen, l\u00e4ssigen Sommertage gingen langsam dem Feste von Mariens Himmelfahrt entgegen. Eine schwere Traurigkeit lag \u00fcber Wankas. Das Heimweh, welches die vier Menschen schon fast vergessen hatten, kam wieder in einer anderen, unerwarteten Gestalt \u00fcber sie. Sie sehnten sich nicht mehr nach der Vergangenheit, sondern sie tr\u00e4umten in den hei\u00dfen Stuben hinter dichtverhangenen Fenstern von dem leichten, luftigen Dorfsommer, dem die k\u00fchlen W\u00e4lder so nachbarlich sind. Von den hellen Feldwegen, \u00fcber welche die jungen Obstb\u00e4umchen ihre r\u00fchrend d\u00fcnnen Schatten legen, so da\u00df man dr\u00fcber hin wie auf einer Leiter geht, von Strich zu Strich. Von den schweren, reifen Feldern, die so breit und pr\u00e4chtig zu wogen beginnen gegen den Abend zu, und von den Hainen, in deren dunkelnder Stille die schweigsamen Teiche liegen, von denen niemand wei\u00df, wie tief sie sind. Und dabei dachte jeder von den vier Menschen an irgend eine bestimmte unbedeutende Stunde, deren kleines Gl\u00fcck man einst, ohne es zu werten, eben so mitgenommen hatte. Und um so schmerzlicher war dieses Sehnen, als es nicht ein Unwiederbringliches betraf, als jeder f\u00fchlte, wie der heitere Heimatsommer ihn erwartete und traurig wurde, wenn keiner kam. Um ihm wenigstens n\u00e4her zu sein, machte man kleine Ausfl\u00fcge die Moldau entlang, und die F\u00f6rsterswitwe glaubte am leichtesten den kleinen W\u00e4ldern hinter Kuchelbad ihre gutm\u00fctige l\u00e4ndliche L\u00fcge und wurde von jener unmerklichen Fr\u00f6hlichkeit erf\u00fcllt, welche alten, arbeitsamen Leuten eigen ist. Sie war still und in sich gekehrt und l\u00e4chelte kaum, aber die Falten um die Lippen waren vergangen, und das gab ihrem Gesicht etwas Junges und Sonniges, wie sie es vielleicht als Braut nicht besessen hatte. Sie bemerkte dann auch kaum, wie selten Zdenko den Blick in die lichte Landschaft erhob von dem Wurzelpfad, und wie schnell die Sommerblumen welkten in den hei\u00dfen H\u00e4nden Luisas. Die alte Rosalka blieb ganz zu Haus und trotzte; sie sagte vom Sommer: nein, wnn er nicht zu mir kommt, nachlaufen werd ich ihm nicht; setzte sich mit einem alten Gebetbuch ans K\u00fcchenfenster und schlief \u00fcber der Fr\u00f6mmigkeit ein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die staubigen Augusttage schienen nur auf einem nicht zu lasten: auf Rezek. Er blieb von unerm\u00fcdlicher Kraft, ja in j\u00fcngster Zeit war sogar eine \u00fcberm\u00fctige Lustigkeit in seinem Wesen, welche Wanka nicht verstehen konnte. Er wu\u00dfte nicht, da\u00df Rezek stets so z\u00fcgellos wurde, wenn die Gefahr nahe \u00fcber ihm und seinem geheimen Streben aufstieg, und nahm diese Ver\u00e4nderung eher als Zeichen guter Erfolge hin.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine letzten Bedenken entschwanden, als Rezek bei einem Spaziergange, den sie wieder nach alter Gewohnheit zu dritt unternahmen, vorschlug, in der \u203aVik\u00e1rka\u2039 (einem kleinen, uralten Gasthofe, dem St. Veits-Dom gegen\u00fcber) einzukehren. Sie sa\u00dfen bei einem dunkeln Tische in der hintersten Stube und stie\u00dfen mit echtem Melniker an. Der Student kargte nicht mit dem Wein, und so laut wurde seine Lustigkeit, da\u00df die paar \u00fcbrigen G\u00e4ste, es waren bisch\u00f6fliche Lakaien, daran teilnehmen mu\u00dften. Rezek erz\u00e4hlte die Sage von der Brotgr\u00e4fin, die im alten Czerninschen Palast umgehen sollte, kn\u00fcpfte seinen t\u00fcckischen Spott an die spannendsten Stellen und ver\u00e4nderte so die Wirkung seiner Worte in einer seltsamen und \u00fcberraschenden Weise. Da und dort wurden andere Geschichten wach (sie lauern in allen Ecken dieser d\u00e4mmernden Stuben), und es f\u00fcgte sich, da\u00df Zdenko die Krummauer Sagen, auch jene von Julius C\u00e4sar zum besten gab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEigentlich w\u00e4re das deine Sache\u00ab, hatte er vorher zu Luisa gesagt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie aber sch\u00fcttelte nur stumm den Kopf, hob dann das Weinglas und hielt es lange an die Lippen. Mit fast verschlossenem Munde begann sie zu saugen, und ihre Augen schauten dabei gro\u00df in den Trank hinein, dessen purpurner Widerschein \u00fcber ihrem schmalen Gesichtchen lag.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit einemmale sagte Rezek:\u00bbWie Sie das sagen. Merkw\u00fcrdig. Ist nicht eine \u00c4hnlichkeit zwischen unserer Zeit und den Tagen vor dem drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriege?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unter seinen Worten bebte etwas. Zdenko und andere<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"188\">[188]<\/a> lachten. Luisa aber hob das Becherglas langsam von ihrem k\u00fchlen roten Munde und sah mit erschreckten Augen zu dem Studenten auf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als man sp\u00e4ter auf dem Heimweg war, blieb Rezek nahe bei der alten Schlo\u00dfstiege vor einem Tor, \u00fcber dessen Bogen ein schwarzes Ehewappen prangte, stehen und fragte: \u00bbWaren Sie schon mal drin?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Geschwister verneinten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo kennen Sie nicht einmal die Daliborka? Sch\u00e4men Sie sich.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und schon trat Rezek durch den engen T\u00fcrrahmen des Tores ein, und Luisa, die nun bei ihm stand, erblickte einen reinlichen Hof, drin, von den lichten Mauern bewacht, die breiten, warmen Schatten des Nachmittags lagerten. Eine kleine, alte Frau trat gr\u00fc\u00dfend aus der Haust\u00fcre, jagte einen Schwarm H\u00fchner vor sich her und winkte dann den Fremden, zu folgen. Zdenko ging voran, dann kam Rezek und zuletzt Luisa, denn der Pfad war so schmal, da\u00df einer hinter dem anderen gehen mu\u00dfte. Luisa z\u00f6gerte ein wenig und schaute mit gl\u00e4nzenden Augen umher: da war ein l\u00e4cherlich kleiner Gem\u00fcsegarten, dessen Kohlk\u00f6pfe und Spargelstangen ein sechsj\u00e4hriges Kind wohl h\u00e4tte z\u00e4hlen k\u00f6nnen; mitten drin aber ragte ein st\u00e4mmiger Apfelbaum, welcher seine kleinen roten Fr\u00fcchte der fern verschimmernden Stadt zu zeigen schien. Ein paar dichtverwucherte Stufen lenkten in einen feuchten und d\u00e4mmernden Teil des Hanges hinab, und dort standen viele Str\u00e4ucher von wilden Rosen, deren Zweige Luisa nicht vorbei lassen wollten. Da blieb Rezek stehen, und das M\u00e4dchen vernahm die Stimme des Zdenko: \u00bbAlso das ist der ber\u00fchmte Hungerturm. Der Ritter Dalibor hat da drinnen aus lauter Sehnsucht die Geige spielen gelernt. Das war doch hier?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa,\u00ab erwiderte Rezek, \u00bbaber ich glaube immer, er hat das Geigen schon fr\u00fcher getroffen. Die Sehnsucht singt selten.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und da standen sie schon vor der schwerbeschlagenen Pforte des grauen Turmes. Luisa sah empor und bemerkte, da\u00df die breiten Mauern nur teilweise von einem neugezimmerten Dach \u00fcberspannt wurden. Auf dem freien Rande der Zinne ragte neben einer zerrauften Silberdistel eine schlanke, junge Akazie und hob ihre blassen Bl\u00e4ttertrauben mit z\u00e4rtlicher Anmut in den lichten Himmel hinein. Das war das letzte Bild vom Tage. Es wurde immer feuchter und schw\u00e4rzer, und die dumpfige Luft legte sich wie ein Schleier vor des M\u00e4dchens Augen. \u00bbFindet sie uns nach?\u00ab h\u00f6rte sie den Studenten mal fragen. Er hielt ihr die Hand hin. Seine Stimme kam rauh und fremd aus den ungewissen Tiefen des Gew\u00f6lbes, und Luisa war nicht imstande zu antworten. Sie tastete mit angehaltenem Atem, leise erschauernd, an den eisigen W\u00e4nden hin und fand sich erst wieder, als ihr der r\u00f6tliche Schein eines Lichtes, wie w\u00e4rmend, aus der n\u00e4chsten Halle entgegenkam. Da fand sie die beiden M\u00e4nner und die Frau inmitten des Raumes \u00fcber irgend etwas gebeugt, und eine schwelende Kerze schwankte an einem Strick gerade \u00fcber ihren gesenkten K\u00f6pfen. Dann glitt das Licht mit einem kreischenden Ger\u00e4usch tiefer und tiefer an den drei Gesichtern vorbei, welche eine Sekunde lang grell beschienen waren; es sank bis vor ihre F\u00fc\u00dfe und verschwand langsam in einer schwarzen runden \u00d6ffnung des Bodens, \u00fcber der nur noch ein letzter, l\u00f6schender Glanz hin und her zuckte. Da neigte auch Luisa sich vor und erkannte, wie die Kerze, klein, tief unten ankam in einem zweiten grauen Gemach, unter welchem noch ein drittes, schwarz, zu beginnen schien.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbOh\u00ab, sagte Luisa.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zdenko fa\u00dfte ihre feuchte, zitternde Hand: \u00bbAchtgeben, Luisa.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und dann erz\u00e4hlte die Alte etwas mit einer armen, monotonen Stimme, die sich vor den feuchten W\u00e4nden zu f\u00fcrchten schien und in scheuen Kreisen eng um die vier K\u00f6pfe herumschwirrte. \u00bbDie Neuen,\u00ab sagte sie gerade, leise und heimlich, als w\u00e4re das eine liebe, eigene Erinnerung, die sie zum erstenmal jemandem anvertraute, \u00bbdie Neuen, die hier herunterkamen, erhielten ein St\u00fcck Brot und einen Krug Wasser. Ja, und mit dem Brot und dem Wasser mu\u00dften sie sich erhalten, und da an dem Loch mu\u00dften sie sitzen und zuschauen, wie der, der schon eine Woche unten sa\u00df oder zwei, no je nachdem (es haben manche Menschen gar so viel z\u00e4he Kraft), sich langsam zu Ende hungerte. Na und dann, wenns in Gotts Namen zu Ende war, wurden sie hinuntergelassen&#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAn diesem Seil?\u00ab neckte Zdenko.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Frau lie\u00df sich nicht st\u00f6ren: \u00bbHinuntergelassen wurden sie und mu\u00dften erst den Toten, n\u00e4mlich den, welchen sie haben zu Ende hungern sehen, hineinsto\u00dfen in das Loch am Boden dort \u2013 sehen Sie.\u00ab (Alle neigten sich vor.)<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbManchmal werden sie den Vorg\u00e4nger wohl halb aufgefressen haben\u00ab, lachte Rezek grausam.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKann schon sein\u00ab, murrte die Alte und fuhr dann in ihrer langgewohnten Erkl\u00e4rung fort.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa lehnte sich an den Bruder: \u00bbEs ist tief?\u00ab forschte sie.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSehr tief.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd kann keiner wieder heraus?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein\u00ab, erkl\u00e4rte jetzt Rezek. \u00bbDas Ding ist wie eine Flasche; oben schmal und immer weiter gew\u00f6lbt nach seinem Grunde zu. Ein Zur\u00fcckklettern giebts da wohl kaum. \u00dcbrigens w\u00e4r das das beste Heilmittel f\u00fcr \u00dcbersatte auch heute noch.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa h\u00f6rte ihn lachen. Die Beschlie\u00dferin zog die Kerze halb herauf und trat dann mehr in den Raum zur\u00fcck. Die M\u00e4nner folgten ihr. Jetzt er\u00f6ffnete der fl\u00fcchtige, scheue Schein eines Z\u00fcndholzes da und dort ungeahnte Nischen und G\u00e4nge, welche im n\u00e4chsten Augenblick lautlos wieder einzust\u00fcrzen schienen. Ein unbestimmtes Sich-r\u00fchren begann. Das Licht \u00fcber dem Krater wurde \u00e4ngstlich, und das breite Dunkel ringsum schien zu erwachen, sich zu dehnen und in wachsenden Gestalten an Luisa vor\u00fcberzufluten. Immer deutlicher erkannte sie Paar und Paar. Und sie reihten sich zu einem taumelnden Tanz, und aus Reigen und Neigen kam endlich der Eine ihren staunenden Augen entgegen: Julius C\u00e4sar.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er war stumm und schwarz. Ihr schlug das Herz in die Kehle hinauf und, erschreckt, senkte sie den Blick und er fiel, fiel in eine endlose Tiefe. Sie wu\u00dfte: So stand sie am Rande des Turms. So war sie selber das blaue Fr\u00e4ulein. An ihrem Frieren f\u00fchlte sie, da\u00df sie ohne Kleider war, ganz ohne Kleider. Mit bebenden Fingern tastete sie an ihrem Leib hin, und sie empfand seine blo\u00dfe Gl\u00e4tte. Dann blickte sie auf: oben war Nacht, sternelos. Und dann stand er bei ihr, fast vor ihr, nah am Abgrund. Das blaue Fr\u00e4ulein r\u00e4chte sich: diesmal er. Und sie hob unwillk\u00fcrlich die H\u00e4nde und stie\u00df sie gerade nach ihm hin \u2013 bis sie an seine Schultern dr\u00e4ngten, \u2013 dann aber, im Augenblicke der j\u00e4hen Ber\u00fchrung, packte sie ihn krampfhaft, ri\u00df ihn zur\u00fcck, zu sich her, f\u00fchlte ihn, und in einer neuen, tiefen, zitternden Seligkeit vergingen ihr die Sinne.<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und am Ende sollte gar, so scheint es, die gr\u00e4mliche Rosalka, welche Zdenkos Streben und den ehrgeizigen Wunsch seiner Mutter hoff\u00e4rtig und s\u00fcndig fand, recht behalten haben. Denn es mu\u00dfte doch etwas wie Hoffart sein, was den jungen Menschen bewog, innerhalb drei Wochen dreimal Wohnung zu wechseln; n\u00e4mlich: aus seinem kleinen K\u00e4mmerchen, das in die Mauern der Malteser sah, in die Untersuchungshaft, von da in das Hospital und endlich gar auf den VII. Friedhof des Wolschan, wo die Mutter ihm ein St\u00fcck Landes, drei Schritte in der L\u00e4nge und zwei breit kaufte. Mehr wollte er nicht. Und das alles war so rasch gegangen, da\u00df die Frau mit dem alternden Verstand sich gar nicht finden konnte in diese unerwartete, pl\u00f6tzliche Standeserhebung, nur den Kopf sch\u00fctteln konnte und immerw\u00e4hrend unterwegs war nach dem seltsamen, winzigen Landgut, als wollte sie nicht begreifen, da\u00df es dem neuen Besitzer drau\u00dfen gefiele. Sie verga\u00df Arbeit und Essen und kehrte jeden dritten Tag zu dem Spitalarzt zur\u00fcck, der endlich erm\u00fcdete, der verst\u00f6rten Mutter immer wieder den traurigen Fall von Lungenentz\u00fcndung mit letalem Ausgang zu erkl\u00e4ren und anzuf\u00fcgen, da\u00df dies bei solchem infamen Herbstwetter nicht zu verwundern sei. Wenn Frau Wanka dann, von dem ungeduldigen Arzt und den wartenden Besuchern fast aus der T\u00fcre gedr\u00e4ngt, in den perlgrautr\u00fcb triefenden Tag hinaustrat, dann nahm sie sich jedesmal vor, sich das Wetter recht genau zu betrachten, um zum Verst\u00e4ndnis des \u00bbtraurigen Falles\u00ab zu gelangen. Aber drau\u00dfen hastete sie scheu an den H\u00e4usern und den Menschen vorbei und kam atemlos in ihre Wohnung, wo sie Luisa fand, immer auf demselben Platz, mit hei\u00dfen, trockenen Augen und fiebernden H\u00e4nden. Sie blieben dann einander gegen\u00fcber sitzen, ohne die Lampe anzuz\u00fcnden, ohne sich irgend etwas zu sagen, ganz fern von einander, bis es so dunkel war, da\u00df sie eine die andere verga\u00dfen. Von Zeit zu Zeit erhob sich eine der Frauen und ging auf den Zehen, als sollte die andere nichts bemerken, hinaus, in Zdenkos langverlassenes, verstaubtes St\u00fcbchen. Behutsam trat sie ein. Und erst wenn sie den leeren Schreibtisch fand und das vernachl\u00e4ssigte, verdeckte Bett, erlosch das irre L\u00e4cheln einer wilden, immer wieder gl\u00e4ubigen Hoffnung auf den zuckenden Lippen. Die Zur\u00fcckgebliebene aber lauschte<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"194\">[194]<\/a> dann: Sie h\u00f6rte die T\u00fcre gehen. Und dann begann in der verlassenen Kammer ein Weinen \u2013 bang und hoffnungslos. Bis die alte Rosalka eines Sonnabends das kleine Hinterzimmer aufwusch und dann den Schl\u00fcssel an sich nahm. Das Weinen aber h\u00f6rte nicht auf; es f\u00fcllte bei Tag die beiden Stuben aus und schien in jeder Nacht suchend durch das ganze Haus zu gehen, so da\u00df die Kinder nicht einschlafen wollten. Und auch Erwachsene brannten Licht bis in den Morgen hinein; denn jeder in dem alten Haus wollte die Ecken seines Zimmers \u00fcberschauen und war im stillen froh, wenn der n\u00e4chste graue Regentag an die Scheiben schlug. Denen, die sich dar\u00fcber beschwerten, schwor die Magd Rosalka bei Seele und Ehrlichkeit, man k\u00f6nne nichts dagegen tun, als Weihwasser aufstellen und Vaterunser beten; denn so sei es jedesmal, wenn einer st\u00fcrbe mit vielen weltlichen W\u00fcnschen im Herzen und ohne die richtige Ruhe und Ergebenheit. Und man betete beim R\u00fcbensch\u00e4len und beim Geschirrwaschen, die Nachbaren beteten, und die H\u00f6kin unter den Steinlauben betete auch. Und Weihwasser spritzte man hinter den beiden Frauen her, welche mit jenen langsamen taktm\u00e4\u00dfigen Schritten durch den Flur und die G\u00e4nge kamen, wie sie sie gelernt hatten hinter dem Leichenwagen. Frau Wanka ging oft aus, eilte ein paar Gassen entlang, um planlos wieder heimzukehren. Luisa aber r\u00fchrte sich nicht von ihrem Platz. Sie hatte keine Phantasien mehr, und in ihren Tr\u00e4umen waren alle Farben so bla\u00df geworden wie die Tage drau\u00dfen. Manchmal z\u00e4hlte sie die Tropfen an den Fenstern und horchte:<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"195\">[195]<\/a> es rauschte an ihr vorbei wie ein gro\u00dfer Strom, in dem viele zerbrochene, unverst\u00e4ndliche Worte trieben, immer mehr und mehr \u2013 und sie dachte: wie nach einer \u00dcberschwemmung. Dann zuckte sie pl\u00f6tzlich zusammen, als h\u00e4tte sie jemand gerufen, und \u2013 begann wieder die vielen rinnenden Tropfen zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So kam Allerseelen. Da sehen sogar die breiten Stra\u00dfen der Neustadt nachdenklich aus. In den vor nehmen Blumenl\u00e4den liegen reiche, prahlerische Kr\u00e4nze bereit, und die fremden Bl\u00fcten in ihnen k\u00f6nnen nicht l\u00e4cheln. Die Vergn\u00fcgungsspalten der Reklames\u00e4ulen sind leer \u00fcberklebt, nur das Landestheater verk\u00fcndete die Auff\u00fchrung der alten Kirchhofkom\u00f6die \u00bbDer M\u00fcller und sein Kind\u00ab, und in den Schaufenstern der Kunsthandlungen sind vor die bunten, englischen Drucke drei, vier, f\u00fcnf dunkle Photographieen geschoben, die Illustrationen zu dem leisen Wehmutliede Hermann von Gilm&#8217;s: \u00bbStell auf den Tisch die duftenden Reseden&#8230;\u00ab Fr\u00fch werden auf dem feuchtgl\u00e4nzenden \u203aGraben\u2039 die Laternen angez\u00fcndet, und immer noch fahren Fiacres und Droschken vorbei mit gro\u00dfen Palmenkr\u00e4nzen auf Kutschbock und Wagendach, und an mancher Trambahn ist \u00fcber die farbige R\u00fccklaterne ein Tannengewinde oder gar ein Kranz von Blech geh\u00e4ngt, der nicht zum erstenmal am Tage der Verstorbenen diese Reise \u00fcberstehen mu\u00df. \u00dcber dem unfreundlichen Zizkov sind schon die unglaublich langhalsigen Bogenlampen wie viele, traurige Monde aufgegangen, und drunter hin, vor den Toren des immer weiter wachsenden Totenparkes, ist ein unfestliches Gedr\u00e4nge von Menschen,<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+4\" name=\"196\">[196]<\/a> von verweinten Menschen, die, ein paar halbwelke Blumen in der Hand, in dunkler Sehnsucht sich ihrem Ziele entgegendr\u00e4ngen, von erz\u00fcrnten Menschen, welche die Hast des Schmerzes nicht begreifen, von teilnahmslosen, von feiernden, von lachenden und beobachtenden Menschen und von vielen anderen. Die Pfade sind durch die vorlauten lauernden Verkaufsbuden verengt, und die Kinder des langen Zuges h\u00e4ngen sich wie Widerhaken an die aush\u00e4ngenden Lampen und Lebkuchen und Spielsachen, so da\u00df immer neue Stockungen geschehen. Mit der Menge aber und \u00fcber ihr w\u00e4lzt sich dieser dicke schwere Dunst von traurigen, m\u00fcde duftenden Bl\u00fcten, welken Bl\u00e4ttern, durchregnetem Erdreich und feuchten Kleidern, in welchem die Worte gleichsam h\u00e4ngen blieben, zu dem weiten leuchtenden Garten. Dort verteilen sich die Massen zwar in die einzelnen Alleen, aber eigentlich sind die wenigsten bestrebt, schnell zu dem Grabe zu kommen, welches sie beschenken wollen. Sie wollen erst auch die anderen Seligen im Festkleid gesehen haben und finden es zu unterhaltsam, an den Steingr\u00fcften der Vornehmen hinzuschlendern, die fremden langen Namen zu lesen und sich an den Blumen zu freuen, welche den kostbaren Marmor ganz verdecken. Dann hineinzulugen in die d\u00e4mmerigen Grabkapellen mit den hellen gl\u00e4nzenden Alt\u00e4ren, vor welchen ein verwittertes altes M\u00fctterchen schon den zweiten Tag bem\u00fcht ist, den ihr ganz unbekannten Verewigten die gutbezahlten Vaterunser und Gegr\u00fc\u00dfetseistdu der hinterbliebenen Familienmitglieder begreiflich zu machen. Und aus diesem Schauen von Licht und Glanz schleicht sich eine unbewu\u00dfte, lebendige Fr\u00f6hlichkeit in die Gesichter der Menge, welche seltsam absticht von den paar wunden dunklen Menschen, die sich scheu und schwarz am Wegrand hindr\u00fccken. In blinder Ungeduld schieben sie da und dort einen Schaufrohen zur Seite, und der denkt hinter ihnen her: Totenv\u00f6gel, was wollen denn die hier?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf dem VII. Friedhof ist es etwas freier und einsamer. Es ist mehr Raum hier; denn nur ein Teil des umz\u00e4unten Landes ist mit Gr\u00e4bern und Gr\u00fcften erf\u00fcllt, weiterhin ist ahnungsloser, gesunder, gutgew\u00e4sserter Boden, dem man noch die fr\u00fcheren Ernten ansieht und der aus seiner m\u00fc\u00dfig gewordenen Kraft ratlos einen \u00fcppigen, wilden, sinnlosen Garten gezeugt hat. Das war eine gute Nachbarschaft f\u00fcr den armen Zdenko Wanka, der immer noch die Reihe der Gr\u00e4ber an der linken Mauer hin abschlo\u00df, als wagte niemand zu sterben seither in der gro\u00dfen, abgrundvollen Stadt. Die beiden vereinsamten Frauen, Mutter und Tochter, leisteten ihm nun schon den zweiten Tag Gesellschaft, und die alte Rosalka kam ab und zu und erz\u00e4hlte dem tauben Schmerz der beiden von der Pracht und dem Glanze anderer Gr\u00fcfte. Da\u00df der H\u00fcgel des Zdenko nicht so recht festlich werden wollte, trotz der vielen Levkoien, Astern und Vergi\u00dfmeinnicht, kam daher, da\u00df durch allen Schmuck irgendwo immer wieder das nasse, neue Erdreich durchdrang, in welchem der Grassamen noch nicht Zeit gehabt hatte, aufzugehen. Etwas scheu schien das frische Grab sich zur\u00fcckzuziehen \u2013 wie einer, der zum erstenmal in einer Gesellschaft ist, deren Art und Anstand er noch nicht kennt. Auch die beiden G\u00e4ste fanden nicht recht die Sprache des Verkehrs mit dem Verlorenen, und so mag des toten Zdenko erster Feiertag recht tr\u00fcbe gewesen sein. Frau Josephine weinte nicht mehr. Sie sa\u00df auf einem der Holzb\u00e4nkchen, wie sie sich am Fu\u00dfende der Grabst\u00e4tten finden, und hatte gewi\u00df vergessen, da\u00df der fremde, feuchte Herbstabend immer dichter \u00fcber ihr hereinsank. Die Tochter, die in dem Kleidchen von schwarzem Kaschmir noch kleiner und blasser aussah wie sonst, beobachtete, ohne da\u00df sie davon wu\u00dfte, die Szene, die an einem Grabe gegen\u00fcber geschah. Ein hagerer, verh\u00e4rmter Mann hatte eben eine kleine, blaue Lampe und einen Maigl\u00f6ckchenstrau\u00df auf die St\u00e4tte niedergelegt, und es war eine zaghafte, r\u00fchrende Z\u00e4rtlichkeit in seiner Bewegung gewesen, etwas von jener unbeholfenen Anmut junger, verliebter Menschen. Aber wie er nun wieder aufrecht stand und sein weinendes, dreij\u00e4hriges Kind an den schwarzen verschnittenen Sonntagsrock pre\u00dfte, da brach diese Geste hart ab, und eine zitternde, hoffnungslose Wehmut begann ihn zu beugen. Er k\u00e4mpfte mit ihr und suchte immer wieder die Augen des Kindes, vielleicht um zu wissen, wie die Augen der Mutter waren, oder um sich daraus ein wenig Glanz und Hoffnung zu holen. Das Kind aber weinte&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da schob sich eine Gruppe von schwarzgekleideten, jungen M\u00e4nnern in dem Nationalrock, der Tschamara, zwischen Luisa und jene beiden Mutterlosen. Es waren gr\u00f6\u00dftenteils Studenten, Freunde und Genossen des Wanka, welche an diesem Tage mit politischen Ovationen und Liedern an die Gr\u00e4ber ihrer Gro\u00dfen und Genossen kamen, um sie \u00fcber das Gesetz der Gleichheit, welches in diesen stillen Mauern herrschte, zu erheben. Der Widerstand, der ihrem Beginnen jedes Jahr aufs neue von den vorsichtigen Beh\u00f6rden entgegengesetzt wurde, war Schuld daran, da\u00df diese Kundgebungen einen \u00fcber alle Herzlichkeit lauten prahlerischen Charakter bekamen und das jugendliche Ungest\u00fcm sich nicht mit dem leisen Niederlegen seiner bl\u00fchenden Liebe begn\u00fcgen wollte. So ordneten sich auch jetzt die Reihen, um an Wankas Grab eines der scharfen Kampflieder anzustimmen, welches den mit allem Vers\u00f6hnten an die Tage des Sturmes erinnern sollte. Es mu\u00dfte dem getreuen Genossen \u2013 und Wanka war in Treuen gestorben \u2013 doch auch lieb sein, von dem Ausharren der Br\u00fcder zu vernehmen, er mu\u00dfte gleichsam einen Augenblick wieder mitten unter sie treten, wenn seine eigenen Worte und W\u00fcnsche \u00fcber seinem H\u00fcgel erwachten. Allein als schon das Zeichen des Anfangs gegeben werden sollte, tra ten die jungen Leute mit einem dumpfen Gemurmel auseinander. Sie sch\u00e4mten sich pl\u00f6tzlich, ihr rohes Streitlied in den tiefen, geweihten Schmerz dieser schwarzen Frauen hineinzuschreien, und die Besten unter ihnen ahnten die Ewigkeit. Sie senkten den gro\u00dfen Kranz, in dessen Immergr\u00fcn Karten mit ihren Namen staken, ganz an das Ende des Grabes nieder, als empf\u00e4nden sie unbestimmt, da\u00df der, welcher bis an diesen Platz Hand in Hand mit ihnen gewandert war, doch nicht mehr voll zu ihnen geh\u00f6rte, wenigstens in seiner eigensten Sehnsucht nicht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und aus ihnen blieb Rezek zur\u00fcck. Ernst und hoch, die Arme auf der Brust verschr\u00e4nkt, stand er da und hatte nur das blasse harte Gesicht, wie sinnend, gesenkt. Vielleicht war er der einzige, welcher dachte, da\u00df Zdenko an der zerst\u00f6rten Freude gestorben sei, wenngleich er selbst es am wenigsten verstehen konnte. Er war eine strenge Savonarola-Natur, welche da und dort im Land Scheiterhaufen entz\u00fcndete; und es kamen junge, gl\u00e4ubige Menschen, welche ihren ganzen Reichtum in die Flammen legten: die Freude und das Lachen und die Sehnsucht. Denn der Fanatiker wollte ein verarmtes und entsagendes Heer hinter sich, weil er wu\u00dfte, da\u00df es keine wildere Waffe giebt, als die Verzweiflung. Und sein Gesetz fand Anh\u00e4nger auch in diesem weichen, slavischen Volke, welches mit den Sch\u00e4tzen seines Gem\u00fctes sich selbst verliert und verleugnet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auch Luisa hatte zaghaft alles vor ihm niedergelegt, was sie aus ihrer traumdunklen Kindheit besa\u00df; er hatte es nicht bemerkt, denn sie schien ihm kein Mitstreiter zu sein, dessen Gewinnung wertvoll w\u00e4re. Und dann hatte Luisa noch etwas hinzugelegt, etwas Unklares, Schmerzlich-seliges, wof\u00fcr sie keinen Namen wu\u00dfte: das aber hatte Rezek nicht erkannt, weil es ihre erste, bebende Liebe war. \u2013 Wie er jetzt n\u00e4her zu dem M\u00e4dchen trat, f\u00fchlte er vielleicht zum erstenmal, da\u00df er sich nicht \u00fcber ein Kind neigte, und unwillk\u00fcrlich gr\u00fc\u00dfte sein Auge das Weib. Aber Luisa verstand ihn nicht, er war ihr weit und vergangen wie alles. Kaum eine Erinnerung war er ihr. Und da nahm sein Auge zugleich Abschied von ihr, und er verneigte sich einmal tief, wie Luisa es nie bei ihm gesehen hatte, und ging. Es war schon fast Nacht, und Luisa konnte ihn mit ihren wunden Augen nicht begleiten \u00fcber die n\u00e4chsten Kreuze hinaus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In der Nacht nach diesem Allerseelentage war kein Weinen in dem Hause, gegen\u00fcber der Malteserkirche. Noch ehe es ganz licht war, stand Frau Josephine auf, zog sich sorgf\u00e4ltiger als sonst an und teilte der Tochter mit, da\u00df sie heute, da sie so viele Montage vers\u00e4umt h\u00e4tte, zu Oberstens ginge. Luisa sah mit schwachem Erstaunen auf. Die Stimme der Mutter erschien ihr ganz unbekannt, als sie nun noch anf\u00fcgte, sie h\u00e4tte durchaus nicht die Absicht, dieses gute und vornehme Haus zu verlieren. Auch w\u00fcrde sie es gern sehen, wenn Luisa sie abholen wollte, um sich bei Meerings in Erinnerung zu bringen. Dann ging Frau Wanka. Und das ganze Haus sah wie ein einziges steinernes Staunen hinter ihren Schritten her, welche fast ganz dieselbe energische R\u00fcstigkeit wieder zeigten, welche sie vor dem Ungl\u00fcck besa\u00df. Dieses rasche, ruckweise Sich-aufrichten nach Wochen des haltlosesten Hingegebenseins hatte in der Tat etwas \u00dcberraschendes und Unheimliches. Frau Josephine mu\u00dfte in den beiden Tagen am Grabe des Sohnes irgend ein Ersparnis an Kraft und Energie, dessen Vorhandensein sie w\u00e4hrend mancher Jahre vergessen hatte, in sich entdeckt haben, und da\u00df sie es nun wohl anzuwenden wu\u00dfte, beweist der Umstand, da\u00df Frau von Meering den Schmerz der Mutter als nicht tief und herzlich genug bezeichnen konnte. Sie erwartete eine gebrochene Frau zu sehen und fand sie fast steif vor Aufgerichtetsein, sie war so gerne bereit gewesen, ger\u00fchrt und gef\u00fchlvoll zu werden vor dem beredten Schmerze, und sah nun etwas, was man im besten Fall stumme Trauer nennen durfte, und welchem gegen\u00fcber sie eine starke, unbehagliche Verlegenheit empfand. Dazu kam noch die Neugierde, aus dieser treuesten Quelle zu entnehmen, wie viel an dem, \u00bbwas man sich so erz\u00e4hlt\u00ab, Wahrheit sei. Der Oberst hatte vom Stammtisch im \u203aHecht\u2039 , wo man gerne kannegie\u00dferte, ganz eigent\u00fcmliche Ger\u00fcchte heimgebracht, Geschichten, in denen alle politischen Schlagworte der letzten Zeit vorkamen, und zwar in solchem Sinne, da\u00df es dem Herrn von Meering und seiner Gemahlin mit einemmale bedenklich erschien, Mitglieder einer so anr\u00fcchigen tschechischen Familie in ihrem Hause zu sehen, und ein ernstlicher Familienrat abgehalten wurde, in welchem F\u00fcr und Wider, gerechterma\u00dfen abgewogen, keine eigentliche Entscheidung ergab. Der Tod des jungen, auf Abwege geratenen Menschen stimmte den alten Milit\u00e4r etwas nachsichtiger, und den Ausschlag gab endlich die kluge \u00dcberlegung, da\u00df ja zun\u00e4chst nur die an und f\u00fcr sich anst\u00e4ndige Mutter, Witwe eines f\u00fcrstlichen F\u00f6rsters, im Hause Meering von Meerhelm Zutritt h\u00e4tte und da\u00df obbesagte t\u00fcchtige Wittib nur mit der Putzw\u00e4sche in n\u00e4here Ber\u00fchrung tr\u00e4te, welche ihrerseits wieder, dadurch da\u00df sie aus Rumburg stammte, gegen Tschechisierung, und durch die f\u00fcnfzackige Adelskrone derer von Meerhelm (seit zehn Jahren) auch vor allen demokratischen Einfl\u00fcssen gesichert war. So kam es, da\u00df Frau Josephine eine ganz freundliche Aufnahme gefunden hatte und da\u00df man es f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich hielt, da\u00df die alten W\u00e4schemontage fortab wieder eingehalten w\u00fcrden. Frau von Meering gab die stille Zuversicht nicht auf, bei einem der k\u00fcnftigen Male N\u00e4heres zu erfahren; da\u00df dies nicht schon beim ersten Wiedersehen sich gef\u00fcgt hatte, empfand sie als Kr\u00e4nkung und konnte denn auch nicht umhin, der Witwe im allerunschuldigsten Tone ihre tiefe Teilnahme an dem Ungl\u00fcck, \u00bbwelches durch seine besonderen Umst\u00e4nde noch so viel schmerzlicher sei\u00ab, \u2013 zu versichern. Diese Zwischenbemerkung, welche sie als Eingeweihte und Wissende erscheinen lie\u00df, imponierte ihr sehr, und sie hielt dieselbe f\u00fcr einen feinen Angriff gegen die \u00bbundankbare Verschlossenheit dieser Leute\u00ab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Frau Wanka aber hatte gar nichts, weder von der Entt\u00e4uschung der Oberstin, noch von dem Hieb bemerkt, in welchem diese sich r\u00e4chte; sie mu\u00dfte in diesen Tagen so manches mit sich \u00fcberlegen, und die Folgen ihrer Versonnenheit traten jetzt Schlag um Schlag in rascher Reihe ins Leben. Da war zun\u00e4chst in einer b\u00f6hmischen und in einer deutschen Tageszeitung je ein kleines Inserat erschienen, welches einem anst\u00e4ndigen, jungen Mann ein stilles, gutm\u00f6bliertes Zimmer in ruhiger Gegend versprach, und wer den Spuren dieser Verhei\u00dfung nachgegangen w\u00e4re, h\u00e4tte sich unversehens auf der Kleinseite gefunden, h\u00e4tte die H\u00f6kin unter den Steinlauben nach \u00bbNummer 87 neu\u00ab gefragt und die breite, ausf\u00fchrliche Antwort erhalten, da\u00df dies drei Treppen hoch bei Wankas sei und da\u00df Wankas jetzt an Herren abmieten wollten, wahrscheinlich weil sie gar so unglaublich viel Ungl\u00fcck gehabt h\u00e4tten. Es kommt nun darauf an, ob der junge, anst\u00e4ndige Mann mehr jung oder mehr anst\u00e4ndig ist, um hier im lauschigen Plauderdunkel der Steinlauben mehr oder wenig von dem Schicksal der F\u00f6rstersfamilie zu vernehmen. Es ist ungewi\u00df, inwieweit Ernst Land unterrichtet war, als er an einem Novembertag auf der bekannten Wendeltreppe von \u00bb87 neu\u00ab zweimal in Gefahr kam, Hals und Beine zu brechen, und nachdem unterschiedliche T\u00fcren vor seiner deutschen Frage entr\u00fcstet ins Schlo\u00df gefallen waren, endlich vor der alten Rosalka stand, welche ihn mit gro\u00dfem Mi\u00dftrauen betrachtete. Er gefiel ihr nicht, das wu\u00dfte sie im Augenblick. Er war ihr \u00bbzu deutsch\u00ab. Das empfand sie dann und wann einem Menschen gegen\u00fcber, obwohl sie nicht wu\u00dfte, was diesen Eindruck hervorrief, kaum, ob es ein Zuviel oder ein Mangel war. Sie starrte in die Gl\u00e4ser seines angelaufenen Kneifers, konnte die Augen dahinter nicht finden und lie\u00df sich die deutsche Frage zweimal wiederholen, obwohl sie dieselbe verstanden hatte. Es vers\u00f6hnte sie erst ein wenig, als der junge Herr in einem sehr seltsamen B\u00f6hmisch unter gro\u00dfen Anstrengungen die Geschichte eines Zimmers erz\u00e4hlte, welches irgendwo zu vermieten sein sollte. Seit f\u00fcnf Tagen wiederholte Land diese Behauptung vor allen T\u00fcren und war ganz satt und matt von den Speised\u00fcnsten und Verw\u00fcnschungen, welche er daf\u00fcr mitbekommen hatte. Da Frau Wanka, mit welcher er sich deutsch verst\u00e4ndigen konnte, keine unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Anspr\u00fcche machte, und das Hinterzimmer ihm ruhig und ertr\u00e4glich schien, beschlo\u00df er zu bleiben. \u00bbL\u00e4rm mache ich keinen,\u00ab sagte er mit seiner etwas \u00e4ngstlichen Stimme am Ende ihrer Unterredung, \u00bbund gest\u00f6rt werden Sie durch mich nicht sein. Unter Tags bin ich ja viel im Gesch\u00e4ft, und abends, \u2013 Gott, da liest man ein wenig und&#8230;\u00ab \u00bbBitte, bitte\u00ab, erwiderte Frau Wanka auch etwas verlegen. Und in der T\u00fcre wandte sie sich etwas zur\u00fcck: \u00bbVerzeihen Sie, Herr, vielleicht darf ich fragen, was Sie sind?\u00ab Pause. \u2013 \u00bbApotheker\u00ab, sagte der junge Mensch traurig und sah dabei in die Mauern der Malteserkirche hinein. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie st\u00f6rten einander wirklich nicht, Wankas und der junge Provisor. Sie sahen einander kaum. Luisa vermied es, ihm zu begegnen; es schmerzte sie zu sehr, einen fremden Menschen in das Zimmer des Zdenko eintreten zu sehen, und sie konnte nicht fassen, wie die Mutter das hatte \u00fcber sich bringen k\u00f6nnen. Sie verstand die Mutter \u00fcberhaupt nicht mehr, seit sie ihr eines Abends eine lange Rede gehalten hatte, drin viel von dem ewigen Nichtstun, mehr noch von Pflicht und Arbeit handelte. Und als sich Luisa zage bereit gefunden hatte, in die H\u00e4user zu gehen oder f\u00fcr ein Gesch\u00e4ft zu arbeiten, geschah etwas sehr Erstaunliches. \u00bbDu mu\u00dft h\u00f6her hinauf, das ist nichts f\u00fcr dich,\u00ab so etwan war die Erwiderung der Witwe, \u00bbich h\u00e4tte gleich von vornherein daran denken sollen. Wozu hast du denn in Krummau Klavierstunden genommen; da kamst du doch ziemlich weit. Und im Franz\u00f6sischen. Wenn du es nach unserem Umzug nach Prag nicht vernachl\u00e4ssigt h\u00e4ttest, k\u00f6nntest du heute schon Stunden geben.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa lauschte:\u00bbStunden geben?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbFreilich. Erst neulich sagte mir die Frau Oberstin, sie w\u00fc\u00dfte eine sch\u00f6ne Stelle f\u00fcr dich, wenn du nur ein bi\u00dfchen mit Kindern umzugehen verst\u00e4ndest und die Anfangsgr\u00fcnde im Franz\u00f6sischen&#8230;\u00ab Das Weitere vernahm Luisa gar nicht, es war ihr zu neu und fremd, was die Mutter erz\u00e4hlte. Aber abends oft, wenn die Mutter mit Rosalka in der K\u00fcche abrechnete, und Luisa, schon halb entkleidet, am Rande ihres Bettes sa\u00df und sich so recht m\u00fcde und klein f\u00fchlte, faltete sie die H\u00e4nde und sprach ihr erstes Kindergebet und glaubte seinen lieben, verbla\u00dften Worten, da\u00df sie wirklich noch ein Kind, ein kleines, blondes Kind sei, und sie sehnte etwas \u00fcber sich wie einen treuen, traulichen Schutz und tr\u00e4umte dann von Engeln mit breiten, goldenen Fl\u00fcgeln.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber trotz alledem war es wirklich nach dem Willen der Mutter geschehen. Luisa nahm Unterricht in Musik und im Franz\u00f6sischen, t\u00e4glich mehrere Stunden, und ihre Lehrerinnen versicherten, da\u00df sie gute Fortschritte mache. Sie selbst wu\u00dfte nichts davon. Sie begriff allm\u00e4hlich, da\u00df sie einmal andere pr\u00e4chtige und m\u00e4rchenhafte Dinge besessen h\u00e4tte \u2013 es war lange her und da\u00df der Ersatz, den man ihr nun gab, arm und kalt und ohne alle Sch\u00f6nheit war. Und sie lebte einen Winter in stumpfer, williger Ergebenheit hin, ohne da\u00df irgend etwas sich ver\u00e4nderte, als da\u00df sie blasser, kleiner und leiser wurde. Ihr Schritt war kaum mehr zu vernehmen, und wie oft erschrak eines von den Nachbarskindern, wenn sie, ohne da\u00df die Treppe geknarrt hatte, mitten im Gange stand, und es lief meist schreiend davon, wenn das M\u00e4dchen die bleichen H\u00e4nde ihm mit zaghafter Z\u00e4rtlichkeit entgegenhielt. \u2013 So schienen es \u00e4u\u00dferlich ganz ruhige Zeiten zu sein, in welchen jeder seine Pflicht tat ohne Erregung oder St\u00f6rung, und doch bestand ein stiller und unerbittlicher Kampf zwischen der t\u00fcchtigen, t\u00e4tigen Witwe, die mit jedem Tag r\u00fcstiger wurde, und dem duldenden M\u00e4dchen, welches vor Erstaunen noch nicht wu\u00dfte, wie ihm geschah, und gegen die r\u00fccksichtslose Entschlossenheit der Mutter keine andere Waffe fand, als dieses unmerkliche, stumme Verwelken, das seinem Gesichtchen eine so r\u00fchrende, wehm\u00fctige Sch\u00f6nheit verlieh.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht sah Ernst Land diese Sch\u00f6nheit, aber er erkannte sie nicht. Er f\u00fcrchtete sich vor den Frauen, und doch dachte er manchen Abend an sie, an irgend ein unbestimmtes Bild von Anmut und G\u00fcte, welches bald die h\u00fctenden H\u00e4nde \u00fcber ihm hielt, bald bang und zaghaft von seinem Schutz und seiner Hilfe lebte. Er war in engen Verh\u00e4ltnissen mitten in der Stadt herangewachsen, ohne Geschwister, ohne Freunde, f\u00f6rmlich gro\u00dfgehetzt von seinem alten, verbitterten Vater, der nicht erwarten konnte, bis der Sohn zu verdienen begann. Er ri\u00df ihn endlich aus den Studien, gerade als der J\u00fcngling Gefallen gefunden hatte an der Wissenschaft, und hielt seine Pflicht f\u00fcr erf\u00fcllt von dem Augenblicke an, da Ernst in einer Apotheke untergebracht und versorgt war. Nun konnte er machen, was er wollte. \u00bbNun steht dir die Welt offen\u00ab, pflegte der alte Land mit dem letzten Pathos, dessen er f\u00e4hig war, zu erkl\u00e4ren. Der junge Mann aber schien keine Sehnsucht zu haben nach dieser \u00bboffenen Welt\u00ab. Seine Gedanken pilgerten nicht hinaus in das Neue und Unbestimmte; wenn er sie nicht beobachtete, kehrten sie auf tausend heimlichen Pfaden zu der einzigen, erloschenen Sch\u00f6nheit seiner Kindheit zur\u00fcck und knieten hin vor einer kleinen, traurigen Frau, von der er nichts wu\u00dfte, als da\u00df sie weiche, slavische Lieder sang und zur Zeit, da er begann in die Schule zu gehen, im dunklen Hinterzimmer auf dem Bette lag und, ohne jemandem davon zu sagen, ganz langsam und lautlos, vielleicht ein Jahr lang, starb. Damals f\u00fcrchtete er sich fast vor ihr, aber als sie so fr\u00fch fortgegangen war, vermi\u00dfte er sie \u00fcberall und gew\u00f6hnte sich, alles Gute, was ihm geschah, immer wieder ihrer zarten Liebe zuzuschreiben, von welcher er glaubte, da\u00df sie \u00fcber seinen Tagen wach geblieben sei. Es geht fr\u00fchverwaisten Kindern so: Alle Freuden, die ihre Gespielen sorglos und selig untereinander teilen, wollen sie nicht antasten und winden sie in stiller Treue immer wieder um das eine dunkle Bild ihrer Sehnsucht, das in diesem Rahmen r\u00fchrender Opfer m\u00e4hlich klarer, gl\u00fccklicher, teilnehmender scheint. Und weil sie arm bleiben, bleiben sie einsam, und weil sie ihre Freuden nicht verraten, gewinnen sie keine Genossen daf\u00fcr. \u00dcberhaupt: wem die Mutter nicht den Weg in die Welt gezeigt hat, der sucht und sucht und kann keine T\u00fcre finden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Erst seit der Provisor bei Wankas wohnte, konnte es geschehen, da\u00df er manchmal das Gef\u00fchl hatte, zu Hause zu sein. Er war gerne in seinem St\u00fcbchen und brachte die freien Sonntage damit zu, vor dem gro\u00dfen Schreibtische, in den schweren Rauchwolken seiner Pfeife verloren, in alten B\u00fcchern zu lesen, \u00fcber deren vergilbten Bl\u00e4ttern er Heut und Morgen verga\u00df. Was Wunder, da\u00df er ein leises Pochen an seiner T\u00fcre \u00fcberh\u00f6rte und erst erschreckt auffuhr, als Luisa eintrat und hinter dem dichten Tabaksqualm zag und unschl\u00fcssig stehen blieb. Sie war wie ein Traum in ihrem verbla\u00dften, schmucklosen, blauen Kleid, mit den gro\u00dfen, schweigsamen Augen, und weil sie Blumen in der Hand trug, drei kleine, wei\u00dfe Rosen, die sich scheu an sie anzuschmiegen schienen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbOh bitte, entschuldigen Sie,\u00ab sagte sie jetzt deutsch mit ein wenig slavischem Tonfall, \u00bbich habe gedacht, Sie sind schon fort zum Essen&#8230; Ich will nur&#8230;\u00ab, und jetzt ging sie an ihm vorbei und steckte die drei wei\u00dfen Rosen hinter ein kleines Brustbild Zdenkos, welches an der Fensterwand hing. Land hatte es oft betrachtet. Er sah jetzt, wie ihre H\u00e4nde zitterten vor schmerzlicher Z\u00e4rtlichkeit und, ganz in Anspruch genommen von diesem Schauen, war er nicht imstande, etwas zu sagen oder zu tun oder zu denken. Er h\u00f6rte noch das M\u00e4dchen: \u00bbSein erster Geburtstag, den er nicht mehr bei uns ist\u00ab, \u2013 und dann war alles wie vordem, er stand allein in dem sonntagstillen St\u00fcbchen, und h\u00e4tte nun wohl weiterlesen k\u00f6nnen. Allein das gelang ihm nicht. Er mu\u00dfte immer wieder nach der T\u00fcre hinsehen, als ob er irgendwen erwartete, und endlich begann der Rauch ihn zu \u00e4rgern und er \u00f6ffnete das Fenster, so da\u00df die Luft des klaren Februartages frisch und licht hereinflo\u00df. Da war ihm einen Augenblick sehr festlich zu Mute und er dachte: \u00bbich habe hohe G\u00e4ste bekommen: drei wei\u00dfe Rosen\u00ab, und l\u00e4chelte wie im Traum.<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">* * *<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im September kommen viele aus den Waldsommern und von der See in die Stadt zur\u00fcck. Sie sind des Gehens in den Gassen nicht mehr gewohnt und halten pl\u00f6tzlich, ehe sie sich dessen versehen, ihren Hut in der Hand wie im Walde, oder sie singen ganz laut vor sich hin. Das macht: die Erinnerungen schlafen noch nicht in ihnen. Und wenn sie einander begegnen, sind sie redselig und mitteilsam. Sie f\u00fchlen, wie aus dem Erz\u00e4hlen etwas, wie der Glanz der letzten lauschenden Tage, aufsteigt und sich tr\u00f6stend \u00fcber die schw\u00fclen Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze breitet. Und vielleicht sagen sich die beiden beim Abschiednehmen: \u00bbSie sehen sehr gut aus\u00ab \u2013 und \u00bbwie Sie sich ver\u00e4ndert haben.\u00ab Und sie l\u00e4cheln sich einen Augenblick verlegen und dankbar an.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So war auch Luisa zur\u00fcckgekehrt. Seit dem fr\u00fchen Fr\u00fchling war sie fortgewesen: Es giebt da ein hei\u00dfes, heimliches Land. Gl\u00fchende Blumen sehen sich in schwarze Teiche, \u00fcber denen V\u00f6gel und Wolken rauschen. Wei\u00dfe Wege dr\u00e4ngen sich zwischen die St\u00e4mme hoher und dunkler B\u00e4ume, und finden in diesen W\u00e4ldern ein lautloses, wogendes Leben. Gestalten kommen in unbegreiflichen Gewanden, und es k\u00f6nnen Menschen sein mit traurigen Mienen oder mit k\u00fchlen, l\u00e4chelnden Lippen. Erst geschieht dir, du h\u00e4ttest von ihnen sagen h\u00f6ren und du mu\u00dft sinnen, wann und was.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber sie k\u00fcssen dich, und da erkennst du Freunde in ihnen, welche du geliebt und vergessen hast. Und du willst sie reuig wieder k\u00fcssen. Vor deinem Gru\u00dfe aber entfremden ihre Z\u00fcge, und sie weichen zur\u00fcck in den weiten, wogenden Wald, oder sie fallen dich an mit grausamen, blutenden Worten und wollen, du sollst ihnen dein Herz schenken daf\u00fcr. Und es ist ein Land der Jugend: Kinder und J\u00fcnglinge, Jungfrauen und junge M\u00fctter mit ihrem wehen Gl\u00fcck tanzen und tasten die leuchtenden Gel\u00e4nde hin, und ihre Wangen sind hei\u00df von einer fremden Freude. Aber sie sehen einander nicht; denn in ihren Augen hat nichts Raum neben dem Staunen. Wenn sie die anderen Pilger klagen oder lachen h\u00f6ren, lauschen sie hin und glauben, da\u00df das die V\u00f6gel sind oder die Wipfel oder die Winde. Sie haben alle <i>ein<\/i> Ziel: den Flammenberg, mitten im Lande. Und von dort findet manch einer nicht mehr heim.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa aber kam aus dem Lande, welches Fieber hei\u00dft, langsam und l\u00e4chelnd durch die G\u00e4rten der Genesung zur\u00fcck. Z\u00f6gernd erkannte sie sich selbst und die Mutter, welche ihr weinend die H\u00e4nde k\u00fc\u00dfte, und die Stube, die wie geschm\u00fcckt war mit dem goldenen, vollen Septemberlicht. Es war eine festliche Wiederkehr.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und was waren das f\u00fcr Tage seit dem ersten Ausgehen. Dieses fortw\u00e4hrende Wiedersehen und Begr\u00fc\u00dfen mit allen Dingen und mit allen Leuten. Und die Menschen l\u00e4chelten, und die Dinge gl\u00e4nzten so. Sie ging wie an lauter schimmernden Spiegeln hin, welche ihr verraten wollten, wie breit und gro\u00df sie geworden sei. Sie wu\u00dfte das auch. Sie f\u00fchlte sich stark und ausgeruht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ohne davon zu erz\u00e4hlen, begann sie ihre Stunden zu besuchen. Sie hatte nichts vergessen, und noch vor Weihnachten konnte sie selbst einem kleinen M\u00e4dchen Klavierunterricht geben. Die Kleine hatte einen gro\u00dfen Respekt vor ihrer Lehrerin, und doch waren ihre Rollen in Wirklichkeit umgekehrt. Die Liebe dieses kleinen Wesens und seine Anh\u00e4nglichkeit riefen t\u00e4glich in Luisa eine Menge neuer freudiger Empfindungen wach, und in ihr war ein Hinhorchen, welchem des Kindes Fragen wie sch\u00f6ne, segnende Antworten klangen. Und ihr geschah mit einemmale so Vieles in diesen heitern und ereignislosen Tagen, da\u00df sie nicht Zeit fand, \u00fcber das Gestern hinauszublicken; was dahinter war, schien eine einzige, gro\u00dfe Vergangenheit und Vers\u00f6hnung zu sein, aus welcher kein Schatten mehr in dieses neue, reiche Leben hineinragte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Am Weihnachtstage trat Luisa bei dem Provisor ein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wollte Sie nur bitten, Herr Land, kommen Sie doch heute abend zu uns, wenn Sie sonst nichts vorhaben.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ernst Land l\u00e4chelte dankbar. Dann folgte er dem Blicke des M\u00e4dchens und wurde verlegen. \u00dcber Zdenkos kleinem Brustbild waren drei frische, wei\u00dfe Rosen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa streckte ihm beide H\u00e4nde hin: \u00bbDas haben Sie getan?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbImmer&#8230;\u00ab, und Land \u00e4rgerte sich \u00fcber sein Rotwerden und versprach schnell, zu kommen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In der T\u00fcr blieb das M\u00e4dchen nochmals stehen: \u00bbSie sind immer so traurig, Herr Land.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Land schwieg.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWoran denken Sie?\u00ab und der Blick, mit welchem sie das fragte, ergriff ihn so, da\u00df er mit einem Weinen in der Stimme gestand:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAn meine Mutter.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Am Weihnachtsabend war \u00fcber diese Menschen eine seltsame feierliche Stimmung gekommen. Und sie wollte auch nachher nicht mehr aus den Stuben. Sie blieb, wie der leise Tannenduft, \u00fcber allen Dingen, selbst als Frau Josephine, von einer j\u00e4hen Schw\u00e4che befallen, die langen Tage im Bette zubrachte. Luisa nahm ihr leise alle die kleinen h\u00e4uslichen M\u00fchen aus den H\u00e4nden, eine nach der anderen, so da\u00df sie endlich nichts kannte, als diesen lautlosen, d\u00e4mmernden Feiertag hinter halbgesenkten Gardinen mit dem Ofensingen und dem silbernen Uhrenschlagen. Und am Abend gab es sanfte und schweigsame Gespr\u00e4che zwischen den beiden Frauen, und es kam kein Gestern darin vor; nur im Klange der Stimmen bebte es noch: in der der Mutter als eine leise, zaghafte Bitte und in den Worten des M\u00e4dchens als ein lichtes, tr\u00f6stendes Verzeihen. Und dieses war auch noch in dem tiefen Weinen wach, mit welchem Luisa sich eines Morgens \u00fcber die Mutter beugte, die ohne Kampf und Schmerz in einem vers\u00f6hnten Frieden von ihr gegangen war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Schon eine Woche sp\u00e4ter nahm Luisa ihre Stunden wieder auf. Ihre Tage waren alle randvoll von der Menge freudiger Pflichten, und wenn auch die N\u00e4chte leer und bange \u00fcber sie hereinbrachen, sie f\u00fchlte, da\u00df ihr auch aus dem Dunkel des Leides keine feindlichen Gefahren mehr entgegenkamen. In jener Stille ihrer Genesung hatte sie sich zum erstenmal selbst gefunden und hatte sich so reich und weit erkannt, da\u00df ihr Heiligstes durch diesen Verlust nicht einsamer geworden war. Der Gram lag nur wie eine feine Begrenzung auf ihrem L\u00e4cheln und auf ihrem Bewegen und konnte nicht mehr das Erwachen ihres Wesens hemmen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Im Februar dieses Jahres war noch viel Winter gewesen; allein im M\u00e4rz gab es einen Feiertag \u2013 es war das Josephifest \u2013, der alle Welt toll machte. Nicht nur da\u00df der Schnee nur da und dort noch an H\u00fcgeln und Bahnd\u00e4mmen, vergessen und verachtet, lag, \u2013 ein Gr\u00fcnen war \u00fcber die befreiten Wiesen gekommen, und \u00fcber Nacht wiegten sich in dem lauen, lichterjagenden Wind gelbe K\u00e4tzchen an den langen, kahlen Ruten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da war Luisa ausgegangen, um in der Kirche von Loretto bei dem gro\u00dfen Mittagshochamt zu beten. Aber sie war dann \u2013 kaum konnte sie sagen wie, an dem lockenden Glockenspiel der Kapuziner vor\u00fcbergewandert und hatte erst aufgesehen, als sie hinter dem Baumgarten in einer der weiten einsamen Alleen stand und die Arme ausbreitete. Sie empfand, wie sehr sie alles um sich liebte, wie sehr das alles zu ihr geh\u00f6rte, und da\u00df dieses leise, freudige Werden mit seinem heimlichen Gl\u00fcck und seiner s\u00fc\u00dfen Sehnsucht ihr Schicksal sei, nicht aber das, was Menschen in dunklem Drange wollten und irrten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf dem Heimwege kamen ihr die lichten Schw\u00e4rme fr\u00f6hlicher Menschen entgegen, und da blieb sie l\u00e4chelnd stehen und schaute \u00fcber die helle, lebende Landschaft: Man konnte nicht glauben, da\u00df alle diese lachenden Scharen wieder Raum finden w\u00fcrden in den engen H\u00e4usern dr\u00fcben. Das macht: jeder von ihnen ist \u00fcber sich selbst hinausgewachsen in den schimmernden Tag, den er kaum auf den Schultern sp\u00fcrt. Und der leuchtende Himmel wirft seinen goldenen Glanz so reich und rasch \u00fcber die Menschen und Dinge, da\u00df sie vergessen, ihre allt\u00e4glichen Schatten zu haben, und selber Licht sind in dem flimmernden Land. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bei diesem Bild mu\u00dfte Luisa, sie wu\u00dfte nicht warum, an Zdenko denken, und ob es ihm einmal geschehen sei in seinem dunklen Leben, da\u00df Menschen so, licht und gl\u00fccklich, ihm entgegenkamen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dann wandte sie sich heimw\u00e4rts. Die Schatten der Menschen lagen grau in den kalten, verlassenen Gassen aufgeschichtet wie vergessene Alltagskleider, und ein dumpfer Wintergeruch schien von ihnen auszugehen. Luisa fr\u00f6stelte, und auf den ersten t\u00fcckischen Vorschlag der schiefen B\u00fcrgersteige, zu laufen, ging sie lustig ein und trabte nun recht kindisch bergab an den uralten Pal\u00e4sten vorbei, deren m\u00fcrrische Tor-Riesen z\u00fcrnend auf sie niedersahen. Vor denen aber hatte sie keine Furcht mehr.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In der T\u00fcr stand Rosalka und erz\u00e4hlte mit vielen Gesten den Nachbarinnen, welche sie umdr\u00e4ngten, eine wichtige Neuigkeit, an welcher die Frauen eifrig nickend Anteil nahmen. Sobald eine von ihnen Luisa erblickt hatte, begannen sie alle in ungeduldigem Ungest\u00fcm zu winken und zu rufen. Einige Kinder schrieen mit, und Luisa begriff von allem endlich nur das Wort: Besuch. Das gen\u00fcgte f\u00fcr ihr gr\u00f6\u00dftes Erstaunen. W\u00e4hrend sie die finstere Stiege hinauf jagte, gab es in ihren Gedanken nur ein einziges, riesiges \u00bbWer?\u00ab. Mit dieser Neugierde in den Augen sprang sie in die Stube, wo Frau von Meering mit unverhehlter Gekr\u00e4nktheit, steif und stramm, auf dem Sofa wartete. Aber das gr\u00f6\u00dfere Erstaunen war doch auf der Seite der Oberstin, welche eben erst ihr Beileid f\u00fcr den letzten Ungl\u00fccksfall mitgebracht hatte und au\u00dfer stande war, diesem strahlenden, atemlosen Kind eines von ihren sch\u00f6nen, gn\u00e4digen Trauerworten zu zeigen. Sie f\u00fchlte eine m\u00e4chtige, gerechte Entr\u00fcstung dieser lachenden Gesundheit gegen\u00fcber und kam sich ebenso \u00fcberfl\u00fcssig vor wie bei jenem fr\u00fcheren Fall. \u00bbDiese Leute,\u00ab dachte sie, \u00bbdas mu\u00df in der Familie liegen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Inzwischen hatte Luisa sich zu einigen Entschuldigungen erholt und fragte die Dame artig nach dem Grunde ihres Besuches. Frau von Meering dr\u00fcckte hastig ihr Taschentuch vor das Gesicht und schluchzte aus einer Falte heraus: \u00bbIhre arme, arme Mutter.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als auf diese ergreifende Bemerkung keine Antwort kam, sah die Oberstin auf und betonte mit strengen Augen: \u00bbSie war eine sehr achtbare, brave Frau.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa sa\u00df mit gesenktem Blicke da und betrachtete \u2013 so schien es \u2013 die Spitze ihres zierlichen Fu\u00dfes. Die Dame wartete noch eine Weile, und da Luisa immer noch nicht zu weinen begann, erkannte sie, da\u00df diesem verstockten M\u00e4dchen gegen\u00fcber doch alle Milde und Anteilnahme erfolglos sein w\u00fcrde. Und indem sie gleichsam in ihrer Miene schon anfing, sich zu erheben, f\u00fcgte sie in bitterem Tone hinzu:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wollte Ihnen nur das Eine sagen, mein Kind. Sie haben doch wohl schon die Ver\u00e4nderungen \u00fcberlegt, welche seit dem Tote Ihrer braven Mutter n\u00f6tig geworden sind?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wei\u00df nicht\u00ab \u2013 z\u00f6gerte Luisa verlegen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs versteht sich doch von selbst, da\u00df Sie diesem jungen Mann augenblicklich k\u00fcndigen m\u00fcssen, der, wie ich mit Erstaunen vernehme, immer noch bei Ihnen wohnt.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber \u2013\u00ab machte Luisa mit gro\u00dfen, erstaunten Augen. Dann zuckte ein L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht, welches fast schelmisch war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Frau von Meering stand schon an der T\u00fcr.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe es f\u00fcr meine Pflicht gehalten, Sie darauf aufmerksam zu machen. Sie k\u00f6nnen ja tun, wie es Ihnen beliebt.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, gn\u00e4dige Frau,\u00ab erwiderte Luisa in pl\u00f6tzlichem \u00dcbermut und stellte sich auf die Fu\u00dfspitzen, um die Oberstin, welche immer gr\u00f6\u00dfer zu werden schien, zu erreichen. Dann fragte sie l\u00e4chelnd: \u00bbWollen Sie nicht noch einen Augenblick ausruhen, gn\u00e4dige Frau?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Dame aber entfloh aus diesem gr\u00e4\u00dflichen Hause. Sie war schon in der K\u00fcche, wo sich ihr die alte Magd Rosalka ungest\u00fcm entgegenwarf, um ihr dann ganz behutsam den \u00c4rmel der Seidenmantille in der N\u00e4he des Ellbogens zu k\u00fcssen. Die Beleidigte entri\u00df sich mit einem knappen \u00bbAdieu\u00ab der sklavischen Verehrung und fand in dem Gaffen der Hausgenossen auf Stiegen und G\u00e4ngen und in ihrer tuschelnden Bewunderung nur ein kleines Entgelt f\u00fcr diese \u00bberlittene Mi\u00dfhandlung\u00ab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa blieb eine Weile nachdenklich stehen. Rosalka war nach vorn ans Fenster gelaufen, um noch etwas von der vornehmen Dame zu sehen, welche, wie sie betonte, \u00bbbei uns\u00ab zu Besuch war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als sie wieder zur\u00fcckkam, hatte sie sehr neugierige Augen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa bemerkte es nicht. Sie sagte w\u00e4hrend des Auf- und Niederschreitens: \u00bbIch glaube, wir bleiben in dieser Wohnung. Und dar\u00fcber hab ich ganz vergessen, mit Ihnen zu sprechen, Rosalka. Sie sind also jetzt bei mir im Dienst und unter den alten Bedingungen. Sie wollen doch?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Alte verschwor ihre zeitliche und ewige Gl\u00fcckseligkeit daf\u00fcr, und dabei passierte es, da\u00df sie unter Tr\u00e4nen mit einemmal, statt wie von Kindheit her: Loisinka, \u00bbFr\u00e4ulein\u00ab zu ihrer Herrin gesagt hatte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dann pochte Luisa an Lands T\u00fcre.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er kam ihr l\u00e4chelnd entgegen. \u00bbSie Maulwurf,\u00ab rief sie ihn scherzend an, \u00bbimmer in der Stube. Heute m\u00fcssen Sie mal hinaus aus der Stadt. Fr\u00fchling! Ich war drau\u00dfen weit, weit\u00ab, und sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihm zeigen, wo der Fr\u00fchling liegt. Ihre Augen gl\u00e4nzten so verhei\u00dfend. Dann fuhr sie fort in wichtigem, gesch\u00e4ftlichem Ton: \u00bbIch will Sie nicht st\u00f6ren, Herr Land. Nur das wollte ich Ihnen mitteilen. Ich behalte die Wohnung; es bleibt also alles beim alten, das hei\u00dft wenn Sie mit dem Zimmer sonst zufrieden sind?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er suchte ihre Augen und sah dann rasch zu Boden: \u00bbOh,\u00ab sagte er weich, \u00bbich bin sehr gerne hier, ich glaube&#8230;\u00ab Er begann die Handfl\u00e4chen aneinander zu reiben&#8230;..<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Luisa hatte die Klinke in der Hand behalten: \u00bbDas ist sch\u00f6n\u00ab, half sie ihm und wurde auch etwas ratlos.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er sah aus, als h\u00e4tte er etwas auf dem Herzen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die beiden jungen Menschen schwiegen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dann begann das M\u00e4dchen: \u00bbIch m\u00f6chte so gern etwas besser deutsch lernen, vielleicht k\u00f6nnen Sie ein wenig b\u00f6hmisch brauchen daf\u00fcr.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa,\u00ab atmete Land auf, \u00bbich liebe Ihre Sprache.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso,\u00ab bat Luisa heiter, \u00bbdann kommen Sie doch, wenn Sie Zeit haben, eine Weile nach vorn. Es giebt ein paar B\u00fccher da, auch deutsche.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und in der T\u00fcre f\u00fcgte sie an: \u00bbKommen Sie so oft Sie wollen\u00ab, und leiser: \u00bbSie m\u00fcssen mir viel von Ihrer Mutter erz\u00e4hlen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99289\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Rainer-Maria-Rilke-e1645458261240.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mittags waren in dem alten Haus gegen\u00fcber der Malteserkirche \u2013 drei Treppen hoch \u2013 die neuen Mieter eingezogen, und bis zum Abend wu\u00dfte man nur, da\u00df sie ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe M\u00f6bel mitgebracht hatten, die in den engen Windungen der Wendeltreppe&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/29\/die-geschwister\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":143,"featured_media":99289,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[267],"class_list":["post-82527","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rainer-maria-rilke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/143"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82527"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82527\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100377,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82527\/revisions\/100377"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99289"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}