{"id":82509,"date":"2024-11-02T00:01:34","date_gmt":"2024-11-01T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82509"},"modified":"2022-02-21T16:45:41","modified_gmt":"2022-02-21T15:45:41","slug":"fuer-eine-freundin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/11\/02\/fuer-eine-freundin\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine Freundin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe Tote, und ich lie\u00df sie hin<\/p>\n<p>und war erstaunt, sie so getrost zu sehn,<\/p>\n<p>so rasch zuhaus im Totsein, so gerecht,<\/p>\n<p>so anders als ihr Ruf. Nur du, du kehrst<\/p>\n<p>zur\u00fcck; du streifst mich, du gehst um, du willst<\/p>\n<p>an etwas sto\u00dfen, da\u00df es klingt von dir<\/p>\n<p>und dich verr\u00e4t. O nimm mir nicht, was ich<\/p>\n<p>langsam erlern. Ich habe recht; du irrst<\/p>\n<p>wenn du ger\u00fchrt zu irgend einem Ding<\/p>\n<p>ein Heimweh hast. Wir wandeln dieses um;<\/p>\n<p>es ist nicht hier, wir spiegeln es herein<\/p>\n<p>aus unserm Sein, sobald wir es erkennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich glaubte dich viel weiter. Mich verwirrts,<\/p>\n<p>da\u00df <i>du<\/i> gerade irrst und kommst, die mehr<\/p>\n<p>verwandelt hat als irgend eine Frau.<\/p>\n<p>Da\u00df wir erschraken, da du starbst, nein, da\u00df<\/p>\n<p>dein starker Tod uns dunkel unterbrach,<\/p>\n<p>das Bisdahin abrei\u00dfend vom Seither:<\/p>\n<p>das geht uns an; das einzuordnen wird<\/p>\n<p>die Arbeit sein, die wir mit allem tun.<\/p>\n<p>Doch da\u00df du selbst erschrakst und auch noch jetzt<\/p>\n<p>den Schrecken hast, wo Schrecken nicht mehr gilt;<\/p>\n<p>da\u00df du von deiner Ewigkeit ein St\u00fcck<\/p>\n<p>verlierst und hier hereintrittst, Freundin, hier,<\/p>\n<p>wo alles noch nicht <i>ist;<\/i> da\u00df du zerstreut,<\/p>\n<p>zum ersten Mal im All zerstreut und halb,<\/p>\n<p>den Aufgang der unendlichen Naturen<\/p>\n<p>nicht so ergriffst wie hier ein jedes Ding;<\/p>\n<p>da\u00df aus dem Kreislauf, der dich schon empfing,<\/p>\n<p>die stumme Schwerkraft irgend einer Unruh<\/p>\n<p>dich niederzieht zur abgez\u00e4hlten Zeit \u2013:<\/p>\n<p>dies weckt mich nachts oft wie ein Dieb, der einbricht.<\/p>\n<p>Und d\u00fcrft ich sagen, da\u00df du nur geruhst,<\/p>\n<p>da\u00df du aus Gro\u00dfmut kommst, aus \u00dcberf\u00fclle,<\/p>\n<p>weil du so sicher bist, so in dir selbst,<\/p>\n<p>da\u00df du herumgehst wie ein Kind, nicht bange<\/p>\n<p>vor \u00d6rtern, wo man einem etwas tut \u2013:<\/p>\n<p>doch nein: du bittest. Dieses geht mir so<\/p>\n<p>bis ins Gebein und querrt wie eine S\u00e4ge.<\/p>\n<p>Ein Vorwurf, den du tr\u00fcgest als Gespenst,<\/p>\n<p>nachtr\u00fcgest mir, wenn ich mich nachts zur\u00fcckzieh<\/p>\n<p>in meine Lunge, in die Eingeweide,<\/p>\n<p>in meines Herzens letzte \u00e4rmste Kammer, \u2013<\/p>\n<p>ein solcher Vorwurf w\u00e4re nicht so grausam,<\/p>\n<p>wie dieses Bitten ist. Was bittest du?<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Sag, soll ich reisen? Hast du irgendwo<\/p>\n<p>ein Ding zur\u00fcckgelassen, das sich qu\u00e4lt<\/p>\n<p>und das dir nachwill? Soll ich in ein Land,<\/p>\n<p>das du nicht sahst, obwohl es dir verwandt<\/p>\n<p>war wie die andre H\u00e4lfte deiner Sinne?<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Ich will auf seinen Fl\u00fcssen fahren, will<\/p>\n<p>an Land gehn und nach alten Sitten fragen,<\/p>\n<p>will mit den Frauen in den T\u00fcren sprechen<\/p>\n<p>und zusehn, wenn sie ihre Kinder rufen.<\/p>\n<p>Ich will mir merken, wie sie dort die Landschaft<\/p>\n<p>umnehmen drau\u00dfen bei der alten Arbeit<\/p>\n<p>der Wiesen und der Felder; will begehren,<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\"><\/div>\n<p>vor ihren K\u00f6nig hingef\u00fchrt zu sein,<\/p>\n<p>und will die Priester durch Bestechung reizen,<\/p>\n<p>da\u00df sie mich legen vor das st\u00e4rkste Standbild<\/p>\n<p>und fortgehn und die Tempeltore schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Dann aber will ich, wenn ich vieles wei\u00df,<\/p>\n<p>einfach die Tiere anschaun, da\u00df ein Etwas<\/p>\n<p>von ihrer Wendung mir in die Gelenke<\/p>\n<p>her\u00fcbergleitet; will ein kurzes Dasein<\/p>\n<p>in ihren Augen haben, die mich halten<\/p>\n<p>und langsam lassen, ruhig, ohne Urteil.<\/p>\n<p>Ich will mir von den G\u00e4rtnern viele Blumen<\/p>\n<p>hersagen lassen, da\u00df ich in den Scherben<\/p>\n<p>der sch\u00f6nen Eigennamen einen Rest<\/p>\n<p>her\u00fcberbringe von den hundert D\u00fcften.<\/p>\n<p>Und Fr\u00fcchte will ich kaufen, Fr\u00fcchte, drin<\/p>\n<p>das Land noch einmal ist, bis an den Himmel.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Denn Das verstandest du: die vollen Fr\u00fcchte.<\/p>\n<p>Die legtest du auf Schalen vor dich hin<\/p>\n<p>und wogst mit Farben ihre Schwere auf.<\/p>\n<p>Und so wie Fr\u00fcchte sahst du auch die Fraun<\/p>\n<p>und sahst die Kinder so, von innen her<\/p>\n<p>getrieben in die Formen ihres Daseins.<\/p>\n<p>Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht,<\/p>\n<p>nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst<\/p>\n<p>dich vor den Spiegel, lie\u00dfest dich hinein<\/p>\n<p>bis auf dein Schauen; das blieb gro\u00df davor<\/p>\n<p>und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.<\/p>\n<p>So ohne Neugier war zuletzt dein Schaun<\/p>\n<p>und so besitzlos, von so wahrer Armut,<\/p>\n<p>da\u00df es dich selbst nicht mehr begehrte: heilig.<\/p>\n<p>So will ich dich behalten, wie du dich<\/p>\n<p>hinstelltest in den Spiegel, tief hinein<\/p>\n<p>und fort von allem. Warum kommst du anders?<\/p>\n<p>Was widerrufst du dich? Was willst du mir<\/p>\n<p>einreden, da\u00df in jenen Bernsteinkugeln<\/p>\n<p>um deinen Hals noch etwas Schwere war<\/p>\n<p>von jener Schwere, wie sie nie im Jenseits<\/p>\n<p>beruhigter Bilder ist; was zeigst du mir<\/p>\n<p>in deiner Haltung eine b\u00f6se Ahnung;<\/p>\n<p>was hei\u00dft dich die Konturen deines Leibes<\/p>\n<p>auslegen wie die Linien einer Hand,<\/p>\n<p>da\u00df ich sie nicht mehr sehn kann ohne Schicksal?<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang,<\/p>\n<p>die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen,<\/p>\n<p>so haben sie ein Recht, in unserm Blick<\/p>\n<p>sich aufzuhalten, wie die andern Dinge.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Komm her; wir wollen eine Weile still sein.<\/p>\n<p>Sieh diese Rose an auf meinem Schreibtisch;<\/p>\n<p>ist nicht das Licht um sie genau so zaghaft<\/p>\n<p>wie \u00fcber dir: sie d\u00fcrfte auch nicht hier sein.<\/p>\n<p>Im Garten drau\u00dfen, unvermischt mit mir,<\/p>\n<p>h\u00e4tte sie bleiben m\u00fcssen oder hingehn, \u2013<\/p>\n<p>nun w\u00e4hrt sie so: was ist ihr mein Bewu\u00dftsein?<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Erschrick nicht, wenn ich jetzt begreife, ach,<\/p>\n<p>da steigt es in mir auf: ich kann nicht anders,<\/p>\n<p>ich mu\u00df begreifen, und wenn ich dran st\u00fcrbe.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\"><\/div>\n<p>Begreifen, da\u00df du hier bist. Ich begreife.<\/p>\n<p>Ganz wie ein Blinder rings ein Ding begreift,<\/p>\n<p>f\u00fchl ich dein Los und wei\u00df ihm keinen Namen.<\/p>\n<p>La\u00df uns zusammen klagen, da\u00df dich einer<\/p>\n<p>aus deinem Spiegel nahm. Kannst du noch weinen?<\/p>\n<p>Du kannst nicht. Deiner Tr\u00e4nen Kraft und Andrang<\/p>\n<p>hast du verwandelt in dein reifes Anschaun<\/p>\n<p>und warst dabei, jeglichen Saft in dir<\/p>\n<p>so umzusetzen in ein starkes Dasein,<\/p>\n<p>das steigt und kreist, im Gleichgewicht und blindlings.<\/p>\n<p>Da ri\u00df ein Zufall dich, dein letzter Zufall<\/p>\n<p>ri\u00df dich zur\u00fcck aus deinem fernsten Fortschritt<\/p>\n<p>in eine Welt zur\u00fcck, wo S\u00e4fte <i>wollen.<\/i><\/p>\n<p>Ri\u00df dich nicht ganz; ri\u00df nur ein St\u00fcck zuerst,<\/p>\n<p>doch als um dieses St\u00fcck von Tag zu Tag<\/p>\n<p>die Wirklichkeit so zunahm, da\u00df es schwer ward,<\/p>\n<p>da brauchtest du dich ganz: da gingst du hin<\/p>\n<p>und brachst in Brocken dich aus dem Gesetz<\/p>\n<p>m\u00fchsam heraus, weil du dich brauchtest.<\/p>\n<p>Da trugst du dich ab und grubst aus deines Herzens<\/p>\n<p>nachtwarmem Erdreich die noch gr\u00fcnen Samen,<\/p>\n<p>daraus dein Tod aufkeimen sollte: deiner,<\/p>\n<p>dein eigner Tod zu deinem eignen Leben.<\/p>\n<p>Und a\u00dfest sie, die K\u00f6rner deines Todes,<\/p>\n<p>wie alle andern, a\u00dfest seine K\u00f6rner,<\/p>\n<p>und hattest Nachgeschmack in dir von S\u00fc\u00dfe,<\/p>\n<p>die du nicht meintest, hattest s\u00fc\u00dfe Lippen,<\/p>\n<p>du: die schon innen in den Sinnen s\u00fc\u00df war.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>O la\u00df uns klagen. Wei\u00dft du, wie dein Blut<\/p>\n<p>aus einem Kreisen ohnegleichen z\u00f6gernd<\/p>\n<p>und ungern wiederkam, da du es abriefst?<\/p>\n<p>Wie es verwirrt des Leibes kleinen Kreislauf<\/p>\n<p>noch einmal aufnahm; wie es voller Mi\u00dftraun<\/p>\n<p>und Staunen eintrat in den Mutterkuchen<\/p>\n<p>und von dem weiten R\u00fcckweg pl\u00f6tzlich m\u00fcd war.<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Rilke-SW+Bd.+1\" name=\"651\">[651]<\/a><\/p>\n<p>Du triebst es an, du stie\u00dfest es nach vorn,<\/p>\n<p>du zerrtest es zur Feuerstelle, wie<\/p>\n<p>man eine Herde Tiere zerrt zum Opfer;<\/p>\n<p>und wolltest noch, es sollte dabei froh sein.<\/p>\n<p>Und du erzwangst es schlie\u00dflich: es war froh<\/p>\n<p>und lief herbei und gab sich hin. Dir schien,<\/p>\n<p>weil du gewohnt warst an die andern Ma\u00dfe,<\/p>\n<p>es w\u00e4re nur f\u00fcr eine Weile; aber<\/p>\n<p>nun warst du in der Zeit, und Zeit ist lang.<\/p>\n<p>Und Zeit geht hin, und Zeit nimmt zu, und Zeit<\/p>\n<p>ist wie ein R\u00fcckfall einer langen Krankheit.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Wie war dein Leben kurz, wenn du&#8217;s vergleichst<\/p>\n<p>mit jenen Stunden, da du sa\u00dfest und<\/p>\n<p>die vielen Kr\u00e4fte deiner vielen Zukunft<\/p>\n<p>schweigend herabbogst zu dem neuen Kindkeim,<\/p>\n<p>der wieder Schicksal war. O wehe Arbeit.<\/p>\n<p>O Arbeit \u00fcber alle Kraft. Du tatest<\/p>\n<p>sie Tag f\u00fcr Tag, du schlepptest dich zu ihr<\/p>\n<p>und zogst den sch\u00f6nen Einschlag aus dem Webstuhl<\/p>\n<p>und brauchtest alle deine F\u00e4den anders.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\"><\/div>\n<p>Und endlich hattest du noch Mut zum Fest.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Denn da&#8217;s getan war, wolltest du belohnt sein,<\/p>\n<p>wie Kinder, wenn sie bitters\u00fc\u00dfen Tee<\/p>\n<p>getrunken haben, der vielleicht gesund macht.<\/p>\n<p>So lohntest du dich: denn von jedem andern<\/p>\n<p>warst du zu weit, auch jetzt noch; keiner h\u00e4tte<\/p>\n<p>ausdenken k\u00f6nnen, welcher Lohn dir wohltut.<\/p>\n<p>Du wu\u00dftest es. Du sa\u00dfest auf im Kindbett,<\/p>\n<p>und vor dir stand ein Spiegel, der dir alles<\/p>\n<p>ganz wiedergab. Nun war das alles <i>Du<\/i><\/p>\n<p>und ganz <i>davor,<\/i> und drinnen war nur T\u00e4uschung,<\/p>\n<p>die sch\u00f6ne T\u00e4uschung jeder Frau, die gern<\/p>\n<p>Schmuck umnimmt und das Haar k\u00e4mmt und ver\u00e4ndert.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>So starbst du, wie die Frauen fr\u00fcher starben,<\/p>\n<p>altmodisch starbst du in dem warmen Hause<\/p>\n<p>den Tod der W\u00f6chnerinnen, welche wieder<\/p>\n<p>sich schlie\u00dfen wollen und es nicht mehr k\u00f6nnen,<\/p>\n<p>weil jenes Dunkel, das sie mitgebaren,<\/p>\n<p>noch einmal wiederkommt und dr\u00e4ngt und eintritt.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Ob man nicht dennoch h\u00e4tte Klagefrauen<\/p>\n<p>auftreiben m\u00fcssen? Weiber, welche weinen<\/p>\n<p>f\u00fcr Geld, und die man so bezahlen kann,<\/p>\n<p>da\u00df sie die Nacht durch heulen, wenn es still wird.<\/p>\n<p>Gebr\u00e4uche her! wir haben nicht genug<\/p>\n<p>Gebr\u00e4uche. Alles geht und wird verredet.<\/p>\n<p>So mu\u00dft du kommen, tot, und hier mit mir<\/p>\n<p>Klagen nachholen. H\u00f6rst du, da\u00df ich klage?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte meine Stimme wie ein Tuch<\/p>\n<p>hinwerfen \u00fcber deines Todes Scherben<\/p>\n<p>und zerrn an ihr, bis sie in Fetzen geht,<\/p>\n<p>und alles, was ich sage, m\u00fc\u00dfte so<\/p>\n<p>zerlumpt in dieser Stimme gehn und frieren;<\/p>\n<p>blieb es beim Klagen. Doch jetzt klag ich an:<\/p>\n<p>den Einen nicht, der dich aus dir zur\u00fcckzog,<\/p>\n<p>(ich find ihn nicht heraus, er ist wie alle)<\/p>\n<p>doch alle klag ich in ihm an: den Mann.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Wenn irgendwo ein Kindgewesensein<\/p>\n<p>tief in mir aufsteigt, das ich noch nicht kenne,<\/p>\n<p>vielleicht das reinste Kindsein meiner Kindheit:<\/p>\n<p>ich wills nicht wissen. Einen Engel will<\/p>\n<p>ich daraus bilden ohne hinzusehn<\/p>\n<p>und will ihn werfen in die erste Reihe<\/p>\n<p>schreiender Engel, welche Gott erinnern.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Denn dieses Leiden dauert schon zu lang,<\/p>\n<p>und keiner kanns; es ist zu schwer f\u00fcr uns,<\/p>\n<p>das wirre Leiden von der falschen Liebe,<\/p>\n<p>die, bauend auf Verj\u00e4hrung wie Gewohnheit,<\/p>\n<p>ein Recht sich nennt und wuchert aus dem Unrecht.<\/p>\n<p>Wo ist ein Mann, der Recht hat auf Besitz?<\/p>\n<p>Wer kann besitzen, was sich selbst nicht h\u00e4lt,<\/p>\n<p>was sich von Zeit zu Zeit nur selig auff\u00e4ngt<\/p>\n<p>und wieder hinwirft wie ein Kind den Ball.<\/p>\n<p>Sowenig wie der Feldherr eine Nike<\/p>\n<p>festhalten kann am Vorderbug des Schiffes,<\/p>\n<p>wenn das geheime Leichtsein ihrer Gottheit<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\"><\/div>\n<p>sie pl\u00f6tzlich weghebt in den hellen Meerwind:<\/p>\n<p>so wenig kann einer von uns die Frau<\/p>\n<p>anrufen, die uns nicht mehr sieht und die<\/p>\n<p>auf einem schmalen Streifen ihres Daseins<\/p>\n<p>wie durch ein Wunder fortgeht, ohne Unfall:<\/p>\n<p>er h\u00e4tte denn Beruf und Lust zur Schuld.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Denn <i>das<\/i> ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist:<\/p>\n<p>die Freiheit eines Lieben nicht vermehren<\/p>\n<p>um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.<\/p>\n<p>Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:<\/p>\n<p>einander lassen; denn da\u00df wir uns halten,<\/p>\n<p>das f\u00e4llt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.<\/p>\n<p>Bist du noch da? In welcher Ecke bist du? \u2013<\/p>\n<p>Du hast so viel gewu\u00dft von alledem<\/p>\n<p>und hast so viel gekonnt, da du so hingingst<\/p>\n<p>f\u00fcr alles offen, wie ein Tag, der anbricht.<\/p>\n<p>Die Frauen leiden: lieben hei\u00dft allein sein,<\/p>\n<p>und K\u00fcnstler ahnen manchmal in der Arbeit,<\/p>\n<p>da\u00df sie verwandeln m\u00fcssen, wo sie lieben.<\/p>\n<p>Beides begannst du; beides ist in Dem,<\/p>\n<p>was jetzt ein Ruhm entstellt, der es dir fortnimmt.<\/p>\n<p>Ach du warst weit von jedem Ruhm. Du warst<\/p>\n<p>unscheinbar; hattest leise deine Sch\u00f6nheit<\/p>\n<p>hineingenommen, wie man eine Fahne<\/p>\n<p>einzieht am grauen Morgen eines Werktags,<\/p>\n<p>und wolltest nichts, als eine lange Arbeit, \u2013<\/p>\n<p>die nicht getan ist: dennoch nicht getan.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Wenn du noch da bist, wenn in diesem Dunkel<\/p>\n<p>noch eine Stelle ist, an der dein Geist<\/p>\n<p>empfindlich mitschwingt auf den flachen Schallwelln,<\/p>\n<p>die eine Stimme, einsam in der Nacht,<\/p>\n<p>aufregt in eines hohen Zimmers Str\u00f6mung:<\/p>\n<p>So h\u00f6r mich: Hilf mir. Sieh, wir gleiten so,<\/p>\n<p>nicht wissend wann, zur\u00fcck aus unserm Fortschritt<\/p>\n<p>in irgendwas, was wir nicht meinen; drin<\/p>\n<p>wir uns verfangen wie in einem Traum<\/p>\n<p>und drin wir sterben, ohne zu erwachen.<\/p>\n<p>Keiner ist weiter. Jedem, der sein Blut<\/p>\n<p>hinaufhob in ein Werk, das lange wird,<\/p>\n<p>kann es geschehen, da\u00df ers nicht mehr hochh\u00e4lt<\/p>\n<p>und da\u00df es geht nach seiner Schwere, wertlos.<\/p>\n<p>Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft<\/p>\n<p>zwischen dem Leben und der gro\u00dfen Arbeit.<\/p>\n<p>Da\u00df ich sie einseh und sie sage: hilf mir.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>Komm nicht zur\u00fcck. Wenn du&#8217;s ertr\u00e4gst, so sei<\/p>\n<p>tot bei den Toten. Tote sind besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Doch hilf mir so, da\u00df es dich nicht zerstreut,<\/p>\n<p>wie mir das Fernste manchmal hilft: in mir.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99289\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Rainer-Maria-Rilke-e1645458261240.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich habe Tote, und ich lie\u00df sie hin und war erstaunt, sie so getrost zu sehn, so rasch zuhaus im Totsein, so gerecht, so anders als ihr Ruf. 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