{"id":82505,"date":"2022-12-04T00:01:25","date_gmt":"2022-12-03T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82505"},"modified":"2022-03-21T15:16:45","modified_gmt":"2022-03-21T14:16:45","slug":"die-weise-von-liebe-und-tod-des-cornets-christoph-rilke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/04\/die-weise-von-liebe-und-tod-des-cornets-christoph-rilke\/","title":{"rendered":"Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e\u2026den 24. November 1663 wurde Otto von Rilke \/ auf Langenau \/ Gr\u00e4nitz und Ziegra \/ zu Linda mit seines in Ungarn gefallenen Bruders Christoph hinterlassenem Anteile am Gute Linda beliehen; doch mu\u00dfte er einen Revers ausstellen \/ nach welchem die Lehensreichung null und nichtig sein sollte \/ im Falle sein Bruder Christoph (der nach beigebrachtem Totenschein als Cornet in der Kompagnie des Freiherrn von Pirovano des kaiserl. \u00f6sterr. Heysterschen Regiments zu Ro\u00df\u2026 verstorben war) zur\u00fcckkehrt\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.<br \/>\nReiten, reiten, reiten.<br \/>\nUnd der Mut ist so m\u00fcde geworden und die Sehnsucht so gro\u00df. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde H\u00fctten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir n\u00e4chtens immer wieder das St\u00fcck zur\u00fcck, das wir in der fremden Sonne m\u00fchsam gewonnen haben? Es kann sein. Die Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer. Aber wir haben im Sommer Abschied genommen. Die Kleider der Frauen leuchteten lang aus dem Gr\u00fcn. Und nun reiten wir lang. Es mu\u00df also Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen von uns wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von Langenau r\u00fcckt im Sattel und sagt: \u201eHerr Marquis\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Nachbar, der kleine feine Franzose, hat erst drei Tage lang gesprochen und gelacht. Jetzt wei\u00df er nichts mehr. Er ist wie ein Kind, das schlafen m\u00f6chte. Staub bleibt auf seinem feinen wei\u00dfen Spitzenkragen liegen; er merkt es nicht. Er wird langsam welk in seinem samtenen Sattel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der von Langenau l\u00e4chelt und sagt: \u201eIhr habt seltsame Augen, Herr Marquis. Gewi\u00df seht Ihr Eurer Mutter \u00e4hnlich \u2013\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da bl\u00fcht der Kleine noch einmal auf und st\u00e4ubt seinen Kragen ab und ist wie neu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand erz\u00e4hlt von seiner Mutter. Ein Deutscher offenbar. Laut und langsam setzt er seine Worte. Wie ein M\u00e4dchen, das Blumen bindet, nachdenklich Blume um Blume probt und noch nicht wei\u00df, was aus dem Ganzen wird \u2013: so f\u00fcgt er seine Worte. Zu Lust? Zu Leide? Alle lauschen. Sogar das Spucken h\u00f6rt auf. Denn es sind lauter Herren, die wissen, was sich geh\u00f6rt. Und wer das Deutsche nicht kann in dem Haufen, der versteht es auf einmal, f\u00fchlt einzelne Worte: \u201eAbends\u201c \u2026 \u201eKlein war\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sind sie alle einander nah, diese Herren, die aus Frankreich kommen und aus Burgund, aus den Niederlanden, aus K\u00e4rntens T\u00e4lern, von den b\u00f6hmischen Burgen und vom Kaiser Leopold. Denn was der Eine erz\u00e4hlt, das haben auch sie erfahren und gerade so. Als ob es nur eine Mutter g\u00e4be\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So reitet man in den Abend hinein, in irgendeinen Abend. Man schweigt wieder, aber man hat die lichten Worte mit. Da hebt der Marquis den Helm ab. Seine dunklen Haare sind weich, und, wie er das Haupt senkt, dehnen sie sich frauenhaft auf seinem Nacken. Jetzt erkennt auch der von Langenau: Fern ragt etwas in den Glanz hinein, etwas Schlankes, Dunkles. Eine einsame S\u00e4ule, halbverfallen. Und wie sie lange vor\u00fcber sind, sp\u00e4ter, f\u00e4llt ihm ein, da\u00df das eine Madonna war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wachtfeuer. Man sitzt rundumher und wartet. Wartet, da\u00df einer singt. Aber man ist so m\u00fcd. Das rote Licht ist schwer. Es liegt auf den staubigen Schuhn. Es kriecht bis an die Kniee, es schaut in die gefalteten H\u00e4nde hinein. Es hat keine Fl\u00fcgel. Die Gesichter sind dunkel. Dennoch leuchten eine Weile die Augen des kleinen Franzosen mit eigenem Licht. Er hat eine kleine Rose gek\u00fc\u00dft, und nun darf sie weiterwelken an seiner Brust. Der von Langenau hat es gesehen, weil er nicht schlafen kann. Er denkt: Ich habe keine Rose, keine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann singt er. Und das ist ein altes trauriges Lied, das zu Hause die M\u00e4dchen auf den Feldern singen, im Herbst, wenn die Ernten zu Ende gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sagt der kleine Marquis: \u201eIhr seid sehr jung, Herr?\u201c Und der von Langenau, in Trauer halb und halb in Trotz: \u201eAchtzehn.\u201c Dann schweigen sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter fragt der Franzose: \u201eHabt Ihr auch eine Braut daheim, Herr Junker?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhr?\u201c gibt der von Langenau zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie ist blond wie Ihr.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie schweigen wieder, bis der Deutsche ruft: \u201eAber zum Teufel, warum sitzt Ihr denn dann im Sattel und reitet durch dieses giftige Land den t\u00fcrkischen Hunden entgegen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Marquis l\u00e4chelt. \u201eUm wiederzukehren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der von Langenau wird traurig. Er denkt an ein blondes M\u00e4dchen, mit dem er spielte. Wilde Spiele. Und er m\u00f6chte nach Hause, f\u00fcr einen Augenblick nur, nur f\u00fcr so lange, als es braucht, um die Worte zu sagen: \u201eMagdalena, \u2013 da\u00df ich immer so war, verzeih!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie \u2013 war? denkt der junge Herr. \u2013 Und sie sind weit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal, am Morgen, ist ein Reiter da, und dann ein zweiter, vier, zehn. Ganz in Eisen, gro\u00df. Dann tausend dahinter: Das Heer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df sich trennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKehrt gl\u00fccklich heim, Herr Marquis. \u2013\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Maria sch\u00fctzt Euch, Herr Junker.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie k\u00f6nnen nicht voneinander. Sie sind Freunde auf einmal, Br\u00fcder. Haben einander mehr zu vertrauen; denn sie wissen schon so viel Einer vom Andern. Sie z\u00f6gern. Und ist Hast und Hufschlag um sie. Da streift der Marquis den gro\u00dfen rechten Handschuh ab. Er holt die kleine Rose hervor, nimmt ihr ein Blatt. Als ob man eine Hostie bricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas wird Euch beschirmen. Lebt wohl.\u201c Der von Langenau staunt. Lange schaut er dem Franzosen nach. Dann schiebt er das fremde Blatt unter den Waffenrock. Und es treibt auf und ab auf den Wellen seines Herzens. Hornruf. Er reitet zum Heer, der Junker. Er l\u00e4chelt traurig: ihn sch\u00fctzt eine fremde Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Tag durch den Tro\u00df. Fl\u00fcche, Farben, Lachen \u2013: davon blendet das Land. Kommen bunte Buben gelaufen. Raufen und Rufen. Kommen Dirnen mit purpurnen H\u00fcten im flutenden Haar. Winken. Kommen Knechte, schwarzeisern wie wandernde Nacht. Packen die Dirnen hei\u00df, da\u00df ihnen die Kleider zerrei\u00dfen. Dr\u00fccken sie an den Trommelrand. Und von der wilderen Gegenwehr hastiger H\u00e4nde werden die Trommeln wach, wie im Traum poltern sie, poltern \u2013. Und Abends halten sie ihm Laternen her, seltsame: Wein, leuchtend in eisernen Hauben. Wein? Oder Blut? \u2013 Wer kanns unterscheiden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich vor Spork. Neben seinem Schimmel ragt der Graf. Sein langes Haar hat den Glanz des Eisens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von Langenau hat nicht gefragt. Er erkennt den General, schwingt sich vom Ro\u00df und verneigt sich in einer Wolke Staub. Er bringt ein Schreiben mit, das ihn empfehlen soll beim Grafen. Der aber befiehlt: \u201eLies mir den Wisch.\u201c Und seine Lippen haben sich nicht bewegt. Er braucht sie nicht dazu; sind zum Fluchen gerade gut genug. Was dr\u00fcber hinaus ist, redet die Rechte. Punktum. Und man sieht es ihr an. Der junge Herr ist l\u00e4ngst zu Ende. Er wei\u00df nicht mehr, wo er steht. Der Spork ist vor Allem. Sogar der Himmel ist fort. Da sagt Spork, der gro\u00dfe General:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eCornet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das ist viel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kompagnie liegt jenseits der Raab. Der von Langenau reitet hin, allein. Ebene. Abend. Der Beschlag vorn am Sattel gl\u00e4nzt durch den Staub. Und dann steigt der Mond. Er sieht es an seinen H\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er tr\u00e4umt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da schreit es ihn an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schreit, schreit,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zerrei\u00dft ihm den Traum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist keine Eule. Barmherzigkeit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der einzige Baum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schreit ihn an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mann!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er schaut: es b\u00e4umt sich. Es b\u00e4umt sich ein Leib<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">den Baum entlang, und ein junges Weib,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">blutig und blo\u00df,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">f\u00e4llt ihn an: Mach mich los!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er springt hinab in das schwarze Gr\u00fcn<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und durchhaut die hei\u00dfen Stricke;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und er sieht ihre Blicke gl\u00fchn<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und ihre Z\u00e4hne bei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacht sie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihn graust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er sitzt schon zu Ro\u00df<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und jagt in die Nacht. Blutige Schn\u00fcre fest in der Faust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von Langenau schreibt einen Brief, ganz in Gedanken. Langsam malt er mit gro\u00dfen, ernsten, aufrechten Lettern:<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u201eMeine gute Mutter,<br \/>\nseid stolz: Ich trage die Fahne,<br \/>\nseid ohne Sorge: Ich trage die Fahne,<br \/>\nhabt mich lieb: Ich trage die Fahne \u2013\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann steckt er den Brief zu sich in den Waffenrock, an die heimlichste Stelle, neben das Rosenblatt. Und denkt: er wird bald duften davon. Und denkt: Vielleicht findet ihn einmal Einer\u2026 Und denkt:\u2026; denn der Feind ist nah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie reiten \u00fcber einen erschlagenen Bauern. Er hat die Augen weit offen, und etwas spiegelt sich drin; kein Himmel. Sp\u00e4ter heulen Hunde. Es kommt also ein Dorf, endlich. Und \u00fcber den H\u00fctten steigt steinern ein Schlo\u00df. Breit h\u00e4lt sich ihnen die Br\u00fccke hin. Gro\u00df wird das Tor. Hoch willkommt das Horn. Horch: Poltern, Klirren und Hundegebell! Wiehern im Hof, Hufschlag und Ruf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rast! Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine W\u00fcnsche bewirten mit k\u00e4rglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen: was geschieht, ist gut. Auch der Mut mu\u00df einmal sich strecken und sich am Saume seidener Decken in sich selber \u00fcberschlagen. Nicht immer Soldat sein. Einmal die Locken offen tragen und den weiten offenen Kragen und in seidenen Sesseln sitzen und bis in die Fingerspitzen so: nach dem Bad sein. Und wieder erst lernen, was Frauen sind. Und wie die wei\u00dfen tun und wie die blauen sind; was f\u00fcr H\u00e4nde sie haben, wie sie ihr Lachen singen, wenn blonde Knaben die sch\u00f6nen Schalen bringen, von saftigen Fr\u00fcchten schwer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum wei\u00df man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle ri\u00df er hin. Das war ein Wellenschlagen in den S\u00e4len, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erw\u00e4hlen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenie\u00dfen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Einer steht und staunt in diese Pracht. Und er ist so geartet, da\u00df er wartet, ob er erwacht. Denn nur im Schlafe schaut man solchen Staat und solche Feste solcher Frauen: ihre kleinste Geste ist eine Falte, fallend in Brokat. Sie bauen Stunden auf aus silbernen Gespr\u00e4chen, und manchmal heben sie die H\u00e4nde so \u2013, und du mu\u00dft meinen, da\u00df sie irgendwo wo du nicht hinreichst, sanfte Rosen br\u00e4chen, die du nicht siehst. Und da tr\u00e4umst du: Geschm\u00fcckt sein mit ihnen und anders begl\u00fcckt sein und dir eine Krone verdienen f\u00fcr deine Stirne, die leer ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer, der wei\u00dfe Seide tr\u00e4gt, erkennt, da\u00df er nicht erwachen kann; denn er ist wach und verwirrt von Wirklichkeit. So flieht er bange in den Traum und steht im Park, einsam im schwarzen Park. Und das Fest ist fern. Und das Licht l\u00fcgt. Und die Nacht ist nahe um ihn und k\u00fchl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBist Du die Nacht?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie l\u00e4chelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da sch\u00e4mt er sich f\u00fcr sein wei\u00dfes Kleid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und m\u00f6chte weit und allein und in Waffen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz in Waffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hast Du vergessen, da\u00df Du mein Page bist f\u00fcr diesen Tag? Verl\u00e4ssest Du mich? Wo gehst Du hin? Dein wei\u00dfes Kleid gibt mir Dein Recht \u2013.\u201c<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSehnt es Dich nach Deinem rauhen Rock?\u201c<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFrierst Du? \u2013 Hast Du Heimweh?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00e4fin l\u00e4chelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein. Aber das ist nur, weil das Kindsein ihm von den Schultern gefallen ist, dieses sanfte dunkle Kleid. Wer hat es fortgenommen? \u201eDu?\u201c fragt er mit einer Stimme, die er noch nicht geh\u00f6rt hat. \u201eDu!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun ist nichts an ihm. Und er ist nackt wie ein Heiliger. Hell und schlank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam lischt das Schlo\u00df aus. Alle sind schwer: m\u00fcde oder verliebt oder trunken. Nach so vielen leeren, langen Feldn\u00e4chten: Betten. Breite eichene Betten. Da betet sichs anders als in der lumpigen Furche unterwegs, die, wenn man einschlafen will, wie ein Grab wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHerrgott, wie Du willst!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcrzer sind die Gebete im Bett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber inniger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Turmstube ist dunkel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem L\u00e4cheln. Sie tasten vor sich her wie Blinde und finden den Andern wie eine T\u00fcr. Fast wie Kinder, die sich vor der Nacht \u00e4ngstigen, dr\u00e4ngen sie sich ineinander ein. Und doch f\u00fcrchten sie sich nicht. Da ist nichts, was gegen sie w\u00e4re: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingest\u00fcrzt. Und sie bl\u00fchen aus ihren Tr\u00fcmmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fragt nicht: \u201eDein Gemahl?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie fragt nicht: \u201eDein Namen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vorsaal \u00fcber einem Sessel h\u00e4ngt der Waffenrock, das Bandelier und der Mantel von dem von Langenau. Seine Handschuhe liegen auf dem Fu\u00dfboden. Seine Fahne steht steil, gelehnt an das Fensterkreuz. Sie ist schwarz und schlank. Drau\u00dfen jagt ein Sturm \u00fcber den Himmel hin und macht St\u00fccke aus der Nacht, wei\u00dfe und schwarze. Der Mondschein geht wie ein langer Blitz vorbei, und die reglose Fahne hat unruhige Schatten. Sie tr\u00e4umt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War ein Fenster offen? Ist der Sturm im Haus? Wer schl\u00e4gt die T\u00fcren zu? Wer geht durch die Zimmer? \u2013 La\u00df. Wer es auch sei. Ins Turmgemach findet er nicht. Wie hinter hundert T\u00fcren ist dieser gro\u00dfe Schlaf, den zwei Menschen gemeinsam haben; so gemeinsam wie eine Mutter oder einen Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das der Morgen? Welche Sonne geht auf? Wie gro\u00df ist die Sonne? Sind das V\u00f6gel? Ihre Stimmen sind \u00fcberall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist hell, aber es ist kein Tag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist laut, aber es sind nicht Vogelstimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind die Balken, die leuchten. Das sind die Fenster, die schrein. Und sie schrein, rot, in die Feinde hinein, die drau\u00dfen stehn im flackernden Land, schrein: Brand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit zerrissenem Schlaf im Gesicht dr\u00e4ngen sich alle, halb Eisen, halb nackt, von Zimmer zu Zimmer, von Trakt zu Trakt und suchen die Treppe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit verschlagenem Atem stammeln H\u00f6rner im Hof:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sammeln, sammeln!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und bebende Trommeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Fahne ist nicht dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rufe: Cornet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rasende Pferde, Gebete, Geschrei,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fl\u00fcche: Cornet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eisen an Eisen, Befehl und Signal;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stille: Cornet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch ein Mal: Cornet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und heraus mit der brausenden Reiterei.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Fahne ist nicht dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er l\u00e4uft um die Wette mit brennenden G\u00e4ngen, durch T\u00fcren, die ihn gl\u00fchend umdr\u00e4ngen, \u00fcber Treppen, die ihn versengen, bricht er aus aus dem rasenden Bau. Auf seinen Armen tr\u00e4gt er die Fahne wie eine wei\u00dfe, bewu\u00dftlose Frau. Und er findet ein Pferd, und es ist wie ein Schrei: \u00fcber alles dahin und an allem vorbei, auch an den Seinen. Und da kommt auch die Fahne wieder zu sich, und niemals war sie so k\u00f6niglich; und jetzt sehn sie sie alle, fern voran, und erkennen den hellen, helmlosen Mann und erkennen die Fahne\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da f\u00e4ngt sie zu scheinen an, wirft sich hinaus und wird gro\u00df und rot\u2026<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da brennt ihre Fahne mitten im Feind, und sie jagen ihr nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von Langenau ist tief im Feind, aber ganz allein. Der Schrecken hat um ihn einen runden Raum gemacht, und er h\u00e4lt, mitten drin, unter seiner langsam verlodernden Fahne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam, fast nachdenklich, schaut er um sich. Es ist viel Fremdes, Buntes vor ihm. G\u00e4rten \u2013 denkt er und l\u00e4chelt. Aber da f\u00fchlt er, da\u00df Augen ihn halten und erkennt M\u00e4nner und wei\u00df, da\u00df es die heidnischen Hunde sind \u2013: und wirft sein Pferd mitten hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, als es jetzt hinter ihm zusammenschl\u00e4gt, sind es doch wieder G\u00e4rten, und die sechzehn runden S\u00e4bel, die auf ihn zuspringen, Strahl um Strahl, sind ein Fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine lachende Wasserkunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Waffenrock ist im Schlosse verbrannt, der Brief und das Rosenblatt einer fremden Frau. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr (es kam traurig und kalt) ritt ein Kurier des Freiherrn von Pirovano langsam in Langenau ein. Dort hat er eine alte Frau weinen sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99289\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Rainer-Maria-Rilke-e1645458261240.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rainer Maria Rilkes \u00bbDie Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke\u00ab er\u00f6ffnete von 100 Jahren die Insel-B\u00fccherei. Die erste Auflage war rasch vergriffen, in schnellem Rhythmus folgten immer neue, der Cornet avancierte zum Kultbuch mit Millionenauflage und legte den Grundstein f\u00fcr den Erfolg des Autors und der unverwechselbaren Buchreihe. Die Erz\u00e4hlung vom jungen Fahnentr\u00e4ger, der mit gro\u00dfen Augen durch die Schrecknisse eines universellen Krieges taumelt, hat bis heute nichts von ihrer Sprachsch\u00f6nheit und G\u00fcltigkeit verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201e\u2026den 24. November 1663 wurde Otto von Rilke \/ auf Langenau \/ Gr\u00e4nitz und Ziegra \/ zu Linda mit seines in Ungarn gefallenen Bruders Christoph hinterlassenem Anteile am Gute Linda beliehen; doch mu\u00dfte er einen Revers ausstellen \/ nach&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/04\/die-weise-von-liebe-und-tod-des-cornets-christoph-rilke\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":143,"featured_media":99289,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[267],"class_list":["post-82505","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rainer-maria-rilke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82505","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/143"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82505"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82505\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102324,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82505\/revisions\/102324"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99289"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}