{"id":82404,"date":"2007-09-09T00:01:40","date_gmt":"2007-09-08T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82404"},"modified":"2022-02-21T13:42:31","modified_gmt":"2022-02-21T12:42:31","slug":"gruppe-47-revisited","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/09\/09\/gruppe-47-revisited\/","title":{"rendered":"Gruppe 47 \u2022 Revisited"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Was war das? Noch eine literarische Tagung? Oder ein ungew\u00f6hnliches Jubil\u00e4ums\u2013Treffen? Oder gar eine sonderbare Trauerfeier?<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Marcel Reich\u2013Ranicki<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Angabe des Chronisten des bundesdeutschen Nachkriegsliteratur, Marcel Reich\u2013Ranicki, fand das Abschiedstreffen der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/09\/06\/kahlschlag-literatur\/\">Schwiegermutter aller Literaturgruppen<\/a>, der Gruppe 47, 1977 in Saulgau statt. Das ist 50\u00a0 Jahre her. Zeit f\u00fcr ein Recap: Eine grobe stilistische Richtlinie galt f\u00fcr die besprochene Literatur: Abwendung von der schw\u00fclstigen Sprache des Nationalsozialismus &#8211; Realismus, Kahlschlag. Paul Celans in eindringlichem Pathos vorgetragene Gedichte &#8211; ein Mitschnitt seiner Lesung zeugt davon &#8211; wurden hingegen verrissen. Die Bedeutung von Celans Lyrik nicht erkannt zu haben, darin liegt einer der gr\u00f6bsten Fehlgriffe der Gruppe 47.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0\u201eAls Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: \u201aDas kann doch kaum jemand h\u00f6ren!\u2018, er las sehr pathetisch. Wir haben dar\u00fcber gelacht, \u201aDer liest ja wie Goebbels!\u2018, sagte einer. [\u2026] Die <em>Todesfuge<\/em> war ja ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine v\u00f6llig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Milo Dor f\u00fcgte den Ausspruch Richters hinzu, Celan habe \u201ein einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge\u201c. In einem Brief an seine Frau Gis\u00e8le kommentierte Celan, Richter sei ein \u201eInitiator eines Realismus, der nicht einmal erste Wahl ist\u201c, und schloss: \u201eJene also, die die Poesie nicht m\u00f6gen \u2013 sie waren in der Mehrzahl \u2013 lehnten sich auf.\u201c Trotz solcher Stimmen machte Celan mit dem Auftritt auf sich aufmerksam. Noch auf der Tagung erhielt er das Angebot f\u00fcr einen ersten Gedichtband in einem deutschen Verlag, und bei der abschlie\u00dfenden Wahl zum Preis der Gruppe erreichte er immerhin den dritten Rang. An weiteren Treffen der Gruppe 47 nahm er aber trotz wiederholter Einladungen nicht mehr teil. Daf\u00fcr weiterhin ein Gro\u00dfsprecher, der sich als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/17\/smells-like-gerontokratie\/\">SS-Mann<\/a> entlarven sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Genau betrachtet, war die Gruppe 47 keine Organisation, sondern eher ein Zentrum, ein Sammelplatz, eine drei Tage im Jahr existierende literarische Probeb\u00fchne.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Marcel Reich\u2013Ranicki<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage mu\u00df erlaubt sein, ob Autoren nicht wie jeder andere Mensch auch ein Recht auf Rente haben. Ob nicht einmal die Zeit kommt, da aus den immer wieder apostrophierten \u201eAltmeistern\u201c einfach nur alte M\u00e4nner geworden sind. Ob kreative Visionen nicht auch ein Verfallsdatum haben. Wir d\u00fcrfen uns das fragen, denn erstens ist dies eine ganz normale Frage, und zweitens beantwortet die Realit\u00e4t dessen, was die Altmeister den Verlagen anbieten die Frage selbst aufs deutlichste. Es gibt inzwischen eine ganze Generation, die ohne die Gruppe 47\u00a0 auszukommen sich angew\u00f6hnt hat und auf diese Form der Gesinnungs\u00e4sthetik, von politischem Erhabenheitskitsch mit vulg\u00e4r-marxistischem Pathos.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich bemerke, dass in der gegenw\u00e4rtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht. Man sucht sein Heil in einer blo\u00dfen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man Literatur \u00fcberhaupt machen kann. Denn wenn man nichts mehr wei\u00df, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben. Es wird \u00fcberhaupt keinerlei Reflexion gemacht.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Peter Handke<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits beim Treffen in Princeton zeigte sich, dass die Gruppe 47 zu einem Senioren\u2013Club geworden ist, zu wirklicher Solidarit\u00e4t nicht f\u00e4hig, weil er tagein, tagaus von Konkurrenzneid getrieben wird. Peter Handke attackiert auf der vorletzten Tagung 1966 die formalen und inhaltlichen Prinzipien der Gruppe 47. Die von ihr favorisierte naturalistische Prosa und ihre Reduktion auf die Beschreibung sei die letzte Flucht schriftstellerischer Einfallslosigkeit, sei &#8222;l\u00e4ppische Literatur&#8220;. Den einzelnen Mitgliedern geht es oft genug nur darum, ihre Pfr\u00fcnde abzusichern. Unter diesen Umst\u00e4nden mutet die Zugeh\u00f6rigkeit zu dieser Gruppe nahezu schizophren an. Da\u00df man mit j\u00fcngeren Kollegen nichts zu tun haben will, versteht sich fast von selbst: \u201eMit vorbildlichen literarischen Leistungen. Vorw\u00e4rts zum 50. Jahrestag der BRD!\u201c Da meinte man den gespenstischen Nachhall einer untergegangenen Ideologie zu h\u00f6ren. Einen so extremen Unwillen wie in Deutschland, Dinge an die n\u00e4chste Generation weiterzugeben, kennt man aus keinem anderen europ\u00e4ischen Land. Da steckt eine K\u00e4lte, eine Aggression dahinter, die\u00a0 stutzig und traurig macht. Man merkt deutlich, wie eine Generation von \u201efreiberuflichen Beamten\u201c die Macht nicht aus den H\u00e4nden geben will. Ihre Gestaltungskraft ersch\u00f6pft sich darin, durch geschickte Klientelpolitik den eigenen Einflu\u00df zu sichern. Zum 50. Jahrestag geht es dieser Interessenvertretung nicht anders als den Altparteien der BRD, niemand braucht sie mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Muss man bei der Gruppe 47 auch singen oder braucht man nur nackt vorzulesen?<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Arno Schmidt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich habe Grund zu der Annahme&#8220;, so Wolfgang Hildesheimer an Richter im Herbst 1966, &#8222;dass die Gruppe 47 f\u00fcr die J\u00fcngsten [&#8230;] nur ein Sprungbrett ist, dessen sie sich bedienen, um zu Erfolg zu kommen, dass also da keine wirkliche Zusammengeh\u00f6rigkeit mehr besteht. Vielleicht kann das auch gar nicht anders sein. Die Mentalit\u00e4t ist eine andere [&#8230;]. Ich glaube, dass gewisse menschliche Eigenschaften bei den J\u00fcngsten einfach verk\u00fcmmert sind.&#8220; Ist es ein Zufall, dass aller wirklich bedeutenden Schriftsteller der alten BRD neben Arno Schmidt und Wolfgang Koeppen nie eingeladen wurden oder nicht kamen, dass Exilanten wie Albert Vigoleis Thelen, Hermann Kesten oder Hans Sahl nie richtig dazugeh\u00f6rten, von Rolf Dieter Brinkmann ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<div id=\"attachment_53079\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kollegen_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-53079\" class=\"wp-image-53079 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kollegen_Cover-250x300.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kollegen_Cover-250x300.jpg 250w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kollegen_Cover.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-53079\" class=\"wp-caption-text\">Coverart: Almuth Hickl<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen 1995 und 1999 hat A.J. Weigoni im Rahmen seiner Arbeit f\u00fcr den VS <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25436\"><em>Kollegengespr\u00e4che<\/em><\/a> mit Schriftstellern aus Belgien, Deutschland, Rum\u00e4nien, \u00d6sterreich und der Schweiz gef\u00fchrt. Sie arbeiteten am gleichen \u201eProdukt\u201c, an der deutschen Sprache. Die Publikation ist zum 30. Jahrestag des VS erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Band war als bibliophile, limitierte Vorzugsausgabe erh\u00e4ltlich \u00fcber: Ventil-Verlag, 55116 Mainz. Aus Recherchegr\u00fcnden hat der vordenker die <em>Kollegengespr\u00e4che<\/em> zuerst ins Netz gestellt. Sie k\u00f6nnen <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">hier<\/a> abgerufen werden. Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) haben diese Reihe in loser Folge ab 2011 fortgesetzt. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war das? Noch eine literarische Tagung? Oder ein ungew\u00f6hnliches Jubil\u00e4ums\u2013Treffen? Oder gar eine sonderbare Trauerfeier? Marcel Reich\u2013Ranicki Nach Angabe des Chronisten des bundesdeutschen Nachkriegsliteratur, Marcel Reich\u2013Ranicki, fand das Abschiedstreffen der Schwiegermutter aller Literaturgruppen, der Gruppe 47, 1977 in Saulgau&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/09\/09\/gruppe-47-revisited\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":99181,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2902,334,2903,137,241],"class_list":["post-82404","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-albert-vigoleis-thelen","tag-arno-schmidt","tag-hermann-kesten","tag-paul-celan","tag-rolf-dieter-brinkmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82404"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82404\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99194,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82404\/revisions\/99194"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99181"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}