{"id":8237,"date":"2012-10-29T00:17:33","date_gmt":"2012-10-28T23:17:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8237"},"modified":"2019-10-05T15:19:19","modified_gmt":"2019-10-05T13:19:19","slug":"von-raum-zu-zeitraum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/29\/von-raum-zu-zeitraum\/","title":{"rendered":"Von Test zu Text, von Raum zu Zeitraum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Novalis hat die Braunkohlenfl\u00f6ze vermessen,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>an deren Rand Hilbig die Pferde st\u00fcrzen sah<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Jan Kuhlbrodt<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><strong>Er ist seltsam anwesend und abwesend zugleich,<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schreibt <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jens-Fietje_Dwars\">Jens-Fietje Dwars <\/a>im Nachwort des von ihm herausgegebenen Bands 10 der Edition ornamente \u00fcber Andr\u00e9 Schinkel und stellt dem deutschen Literaturbetrieb kein gutes Zeugnis aus: <em>Anders als Hilbigs Abwesenheit in der DDR ist die seine keiner Ideologie geschuldet. Die Zensur des Marktes arbeitet sublimer, doch nicht weniger effektiv.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><strong>Nicht jeder gro\u00dfer Name ist ein gro\u00dfer K\u00fcnstler und nicht jeder gro\u00dfe K\u00fcnstler ist ein gro\u00dfer Name.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<em>Parlando<\/em> ist die Komposition von Texten aus zwanzig Jahren, der Band umfasst Gedichte, lyrische Prosa und Essays. Was bisweilen zum Kolonialwarenladen werden kann, findet in <em>Parlando<\/em> zum stimmigen Gesamtgef\u00fcge; nicht unwesentlich tragen die Holzstiche \u2028von Karl-Georg Hirsch und das feine Layout hierzu bei. So ist es&nbsp; bereits ein sinnliches Vergn\u00fcgen, das Buch in die Hand zu nehmen. F\u00fcr jeden Leser, der bisher kein Buch von Schinkel gelesen hat ist <em>Parlando<\/em> ein Gl\u00fccksfall, der ideale Einstieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em> Letztlich geht&#8217;s in der Lyrik nur um ganz wenige Dinge&nbsp;\u2013 die klassischen Themen: Liebe, Tod, Verfall, Sexualit\u00e4t, Sehnsucht nach Sexualit\u00e4t, nat\u00fcrlich, das sind ganz wichtige Dinge, da die Lyrik auch ein ganz sinnlicher Vorgang ist, und nat\u00fcrlich ganz fein eingesprenkelt und eingestreut auch Gl\u00fccksmomente. Aber das Gl\u00fcck ist eigentlich keine Sache, die im Gedicht verhandelt werden muss. Wenn man gl\u00fccklich ist, soll man Bier trinken gehen oder sich mit Freunden treffen.<\/em>&nbsp;(Andr\u00e9 Schinkel)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><strong>Feststecken zwischen den tradierten Dingen<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bindestrichland Sachsen-Anhalt bietet einen guten Boden f\u00fcr Kultur, dies hat sowohl historische wie auch aktuelle Gr\u00fcnde: Als Teil von Mitteldeutschland ist es altes Kulturland, und die Kultur lugt im Luther-R\u00fcckzugsraum \u00fcberall um die Ecke. Der aktuelle Grund ist, dass Sachsen-Anhalt ein guter Boden f\u00fcr kulturelle Regungen geblieben ist, gerade f\u00fcr neue Literatur. Das hat damit zu tun, da\u00df sich dieses Land in einem Zwiespalt befindet zwischen Versinken und Aufbruch. Dieses Feststecken zwischen den tradierten Dingen, die lange eine geringere Rolle gespielt haben und nun langsam wieder ans Licht kommen, dieses Wegbrechen vieler Dinge und das Sehen neuer M\u00f6glichkeiten, die man aber erst einmal f\u00fcr dieses Land nutzbar machen muss, ist sowohl f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?author=36\">Holger Benkel<\/a> als auch f\u00fcr Andre Schinkel reivzoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bei den Autoren, die in Sachsen-Anhalt leben, und aus deren Lebenssituation etwas in die Texte einflie\u00dft, gibt es nat\u00fcrlich auch den direkten Bezug auf konkrete Orte im Land. Halle spielt zunehmend eine Rolle direkt in den Texten der Autoren; das hat damit zu tun, dass man sehr wohl erkennt, dass diese Stadt ein Literaturort ist, sowohl in der Geschichte wie auch in der Gegenwart. Diese Texte nehmen sehr stark auf die Stimmung, die in der Stadt herrscht, Bezug, diesem Bruch zwischen mentalem Wegsinken, Wegrutschen der Stadt und der Neu-Besinnung auf Kultur, Bildung; Hoffnung auf wirtschaftliche Wieder-Belebung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><strong>Die poetische Magie eines Landstrichs<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versinken und Aufbrechen sind wesentliche Motive&nbsp; in Schinkels Texten. In&nbsp;<em>Parlando<\/em> wird einem Ort der Geister nachgesp\u00fcrt, der Ahnen, der aufflackernden Urgeschichte. Landschaftsbilder geh\u00f6ren zu den literarischen Topoi mit einer denkbar breiten Tradition, nicht nur in der deutschsprachigen Lyrik, und sie dienen nicht zuletzt dazu, Unterschiedliches in Beziehung zu setzen, oft im Dienst eines gr\u00f6\u00dferen philosophischen oder \u00e4sthetischen Entwurfs. Dem gegen\u00fcber ist der hohe Grad an Innerlichkeit und Selbstreflexivit\u00e4t \u2013 im pr\u00e4zisen Wortsinne als Spiegelung, die seine Gedicht ausmachen, darin liegt die poetische Magie eines Landstrichs, in dem man, f\u00fcr seinen Wohlstand an Geschichte und Kultur nicht immer Zeit hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><em>Mit der Literatur habe ich es mir nicht leicht gemacht, obwohl der Urgrund meiner Poetik denkbar einfach ist: Ich schreibe, um mich meiner Anwesenheit zu versichern. Das ist das Leichteste, meint man &#8211; in meiner Situation ist es unheimlich schwer zugleich. Aus der unglaublichen Verlorenheit des Nicht-Wissens erst war ein Anfang zu filtern, sprachlos und hilflos f\u00fchlte ich mich zun\u00e4chst, \u00fcber die Jahre dem Wenigen ausgeliefert, das ich Ahnung nennen will und in dem ich meine Rettung glaubte: die Ahnung von der Literatur.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><strong>Das Dionysische ist ein Hauptelement dieser Dichtung<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der besondere Reiz von Andr\u00e9 Schinkels Gedichten, der lyrischen Prosa und Essays liegt im Charme der Umkehrung. Ein poetisches und gedankliches Sprachspiel, bei dem der Autor als Anwalt der sprachlosen Dinge den stummen Objekten eine Stimme leiht. Dabei entstehen lakonische, sinnlich unmittelbar ansprechende und zugleich philosophisch mehrdeutige Bilderr\u00e4tsel von stiller Ironie.&nbsp;Das Dionysische wird zu einem Hauptelement dieser Dichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Schinkels <em>Parlando<\/em> kann man sich h\u00e4uslich einrichten. Es gibt Ecken, in denen man schlafen m\u00f6chte, und Fenster, die sich ins Weite \u00f6ffnen. Stundenlang kann man bei einem einzigen Text verweilen oder von Raum zu Raum schlendern, wie in einem guten Museum. Und nach Wochen wird man noch etwas Neues entdecken, ein durchdachtes Detail oder ein verstecktes Zitat, obwohl auf den ersten Blick alles so schlicht und luftig erscheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Parlan<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Parl_VZ1.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8256\" title=\"Parl_VZ\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Parl_VZ1-192x300.gif\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Parl_VZ1-192x300.gif 192w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Parl_VZ1.gif 227w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a>do<\/strong>. <em>Vierundvierzig Texte, Lyrik, Prosa und Essays<\/em>, von Andr\u00e9 Schinkel, heraussgegeben, gestaltet von Karl-Georg Hirsch und mit einem Nachwort versehen von Jens-Fietje Dwars, <a href=\"http:\/\/www.edition-ornament.de\/parl.htm\">Edition Ornament<\/a>, quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2012.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Novalis hat die Braunkohlenfl\u00f6ze vermessen, an deren Rand Hilbig die Pferde st\u00fcrzen sah. Jan Kuhlbrodt Er ist seltsam anwesend und abwesend zugleich, schreibt Jens-Fietje Dwars im Nachwort des von ihm herausgegebenen Bands 10 der Edition ornamente \u00fcber Andr\u00e9 Schinkel und&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/29\/von-raum-zu-zeitraum\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794],"class_list":["post-8237","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8237","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8237"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8237\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8237"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8237"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8237"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}