{"id":82197,"date":"2023-07-21T00:01:33","date_gmt":"2023-07-20T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82197"},"modified":"2022-02-25T17:37:04","modified_gmt":"2022-02-25T16:37:04","slug":"ein-arbeiterkinderheim","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/21\/ein-arbeiterkinderheim\/","title":{"rendered":"Ein Arbeiterkinderheim"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man steigt von Elgersburg eine kleine halbe Stunde hinauf, den Blick st\u00e4ndig \u00fcber den herrlichen Waldesh\u00f6hen, die, Goethes Spazierwege, nach Ilmenau und weiter f\u00fchren. Dort, mitten im Th\u00fcringer Wald, liegen die beiden h\u00fcbschen H\u00e4user des Kinderheims Mopr. Dort, in ges\u00fcndester H\u00f6henluft, zwischen Nadel- und Laubholz, finden die Kinder Erholung, deren V\u00e4ter um ihrer \u00dcberzeugung willen in den Gef\u00e4ngnissen und Zuchth\u00e4usern der deutschen Republik geschunden werden, und die Kinder der Opfer des Noske.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich, in den letzte April-Tagen, das Heim besuchte, war es von 33 Kindern bev\u00f6lkert, von 5 Jahren aufw\u00e4rts; das \u00e4lteste war knapp 15. Der gr\u00f6\u00dfte Teil kam aus M\u00fcnchen, lauter Waisen erschlagener und standrechtlich erschossener Rotgardisten der R\u00e4te-Republik. Ein Dutzend ostpreu\u00dfischer Buben und M\u00e4del von Genossen im Gef\u00e4ngnis zu Insterburg und drei Rheinl\u00e4nder, die V\u00e4ter mit 10, 11 und 15 Jahren im Zuchthaus, darunter der achtj\u00e4hrige Rudi Margies, ein lieber, aufgeweckter, kleiner Kerl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rote Hilfe Deutschlands hat hier \u2013 und in Worpswede, wo sie ein zweites Kinderheim unterh\u00e4lt \u2013 ein prachtvolles Werk geschaffen. Die Kinder werden ausgezeichnet verpflegt, haben vorz\u00fcgliche Bade- und Spieleinrichtungen, ger\u00e4umige, helle Schlafr\u00e4ume, stehen unter regelm\u00e4\u00dfiger \u00e4rztlicher Kontrolle, singen, schreien, kugeln um einander, sind vergn\u00fcgt und gl\u00fccklich. Der jugendliche Lehrer Willy und die Helferinnen Liesbeth, Emmy, Erna und Eva sind die \u00e4ltern Geschwister; sie leiten an, ohne zu kommandieren, werden als Gleiche, nicht als Autorit\u00e4ten angesehen. Der Geist der Kameradschaft, der das Heim geschaffen, waltet in ihm und erh\u00e4lt es. Eines Jeden Erleben ist das Erleben Aller. Bei der gemeinsamen Mahlzeit liest jedes Kind, das Post bekommen hat, den Gef\u00e4hrten vor, was die Mutter, die Geschwister, Freund oder Freundin geschrieben haben, und die kleinen Gesichter werden ernst und feierlich, wenn der Gru\u00df eines Vaters aus seiner einsamen Zelle dabei ist. Sie haben tiefe Ehrfurcht vor dem Schicksal der Verurteilten; die Toten der Revolution und sie, ihre M\u00e4rtyrer, sind den Kindern Vorbild und mahnendes Gewissen. W\u00fc\u00dfte die herrschende Klasse, w\u00fc\u00dften ihre Staatsanw\u00e4lte und Richter, welchen heiligen Eifer f\u00fcr die Sache, die sie ersticken wollen, sie in den Herzen der heranwachsenden Generation entz\u00fcnden: sie w\u00e4ren nicht so \u00fcppig im Dienst ihrer politischen Rachejustiz. Wer als Revolution\u00e4r in die reinen Augen der Kinder in Elgersburg blickt, wenn sie in ihren kleidsamen blauen Kitteln mit den breiten roten T\u00fcchern hellstimmig ihr \u201eBr\u00fcder, zur Sonne, zur Freiheit\u201c singen, der wei\u00df voll gro\u00dfem Trost: die V\u00e4ter sind nicht umsonst in den Tod, in den Kerker gegangen \u2013 die Zukunft keimt in gutem Boden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle acht Wochen wechselt die Belegschaft im Heim; dann wird f\u00fcr drei Dutzend andrer Kinder von den Schulen Urlaub nachgesucht, und der Eifer der deutschen Gerichte und die Eigenartigkeit der deutschen politischen Amnestien sorgen ja leider daf\u00fcr, da\u00df es lange w\u00e4hrt, bis\u00a0das gleiche Kind zum zweiten Mal von der Liebe proletarischer Solidarit\u00e4t Gebrauch machen kann, die es in Elgersburg umgibt. Die Frauen der Heimarbeiter von Elgersburg haben die Kittel und die W\u00e4sche gen\u00e4ht, die Porzellanarbeiter von Geraberg haben das sch\u00f6ne symbolisch bemalte Tafelgeschirr geliefert \u2013 an Einrichtungs- und Gebrauchsgegenst\u00e4nden h\u00e4ngt der Schmelz br\u00fcderlichen Opfersinns. Noch fehlt es an manchem. Wer etwas stiften will \u2013 B\u00fccher, Spielzeug oder was sein Herz ihm eingibt \u2013, wird Kinder erfreuen, die mehr vom Leide erfahren haben in ihrem jungen Leben als von Freude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Tage dauerte mein Besuch in Elgersburg. Zum Abschied begleiteten mich die Kinder an die Bahn. Sie sangen, winkten und riefen dem abfahrenden Zuge nach. Im jungen Fr\u00fchling lag das th\u00fcringische Land, besonnt und leuchtend. Ich war reicher als zuvor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle<i>: Die Weltb\u00fchne<\/i>. Jahrgang 22, Nummer 32, Seite 231-232<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98331\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam-160x171.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Informationen \u00fcber Erich M\u00fchsam finden Sie <a href=\"http:\/\/www.muehsam.de\/appl\/index.php\">hier<\/a>.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man steigt von Elgersburg eine kleine halbe Stunde hinauf, den Blick st\u00e4ndig \u00fcber den herrlichen Waldesh\u00f6hen, die, Goethes Spazierwege, nach Ilmenau und weiter f\u00fchren. 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