{"id":82155,"date":"2023-11-08T00:01:13","date_gmt":"2023-11-07T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82155"},"modified":"2022-02-20T18:51:23","modified_gmt":"2022-02-20T17:51:23","slug":"die-geigerzaehler-hoeren-auf-zu-ticken-revisited","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/08\/die-geigerzaehler-hoeren-auf-zu-ticken-revisited\/","title":{"rendered":"Die Geigerz\u00e4hler h\u00f6ren auf zu ticken &#8211; Revisited"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Iannis Ritsos, dem gro\u00dfen Griechen, soll auf diesen Seiten auf einen der letzten Dichter deutscher Sprache hingewiesen sein, den gr\u00f6\u00dften Sonettisten nach dem Krieg, unbekannt und totgeschwiegen: Klaus M. Rarisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonettisten? Hat nicht Wondratschek mal? Von T\u00f6rne? Biermann? Zuletzt Grass? Grass vergessen Sie gleich wieder, er hat nicht sonettiert, er hat etikettengeschwindelt. Die anderen haben, und haben eine Mode begr\u00fcndet, nachdem in den Sechzigern das Sonett out war; aber erneuert, auf die H\u00f6he gebracht hat es ein einziger, Rarisch, der es zu seinem Instrument gemacht hat wie Chopin das Klavier. Nur einen Vorl\u00e4ufer hat er in diesem Jahrhundert: Gertrud Kolmar. Die Gipfel fr\u00fcherer Jahrhunderte stehen schon in Italien und auf den britischen Inseln. In Deutschland hat das Sonett wohl einzelne gro\u00dfe Vertreter, \u00fcberragende Einzelst\u00fccke auch, bei Chamisso etwa, aber keine Tradition. Ein gro\u00dfer Sonettist wie Uriel Birnbaum konnte vergesen werden, und Arno Holz verlor nicht nur mit seinen St\u00fccken gegen den opportunen Hauptmann, sondern auch mit seinen Gedichten gegen Rilke, der mit Engelsausen dem entrenteten B\u00fcrger Religionsersatz bot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klaus M. Rarisch hat 99 Sonette zusammengestellt, ein Nachwort dazu geschrieben, den Druck preu\u00dfisch sparsam selbst finanziert und den Band bei Robert Wohlleben in Hamburg in 500 Exemplaren herausgeben lassen. Eine der literarischen Taten nach dem Krieg, die man an 10 Fingern abz\u00e4hlen kann: H\u00f6ren Sie den Paukenschlag? Sie h\u00f6ren nichts? Schauen Sie auf diesen Literaturbetrieb, und Sie wissen, warum. Drum fl\u00fcstre ich Ihnen ins Ohr: Besorgen Sie sich den Band, bevor er ein bibliophiles Rarissimum wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Sonetten gebe ich das Wort an Ernst J\u00fcrgen Dreyer, der \u00fcber BILANZ schrieb: \u00bbIhr Sonett ist so \u203aschneidend\u2039 .. man sp\u00fcrt so schmerzlich die Stacheln des zuletzt nach innen gewachsenen Stachelkleides .. da\u00df die grausame \u203aBilanz\u2039 ein ganz gro\u00dfes Gedicht ist, das \u2013 wie Adorno \u00fcber Mahler sagt \u2013 gerade dadurch tr\u00f6stet, da\u00df es keinen Trost bereith\u00e4lt .. da\u00df es selbst hinter der Kunst, dem H\u00f6chsten, was wir haben, noch einen Glanz sieht .. vielleicht \u203adas d\u00e9j\u00e0-vu, das Urgeheimnis\u2039 .. der Schnitt geht immer ins eigene Fleisch, und darin liegt eine tiefe Wahrheit, denn tragisch (oder komisch) ist es nicht, <i>wie<\/i> jemand Mensch ist, sondern <i>da\u00df<\/i> er Mensch ist, und in diesem Sinn ist der Dichter ja das Paradigma der ganzen Menschheit .. Aber ich sp\u00fcre .. da\u00df ich diesen qu\u00e4lenden und grausam-diagnostizierenden 14 Zeilen nicht gerecht werden kann; es bleibt ein metaphysischer Blick in den Spiegel und ein schauerlicher Offenbarungs-Eid ..\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle gro\u00dfe Kunst hat das mit Rarischs Sonetten gemein; Michelangelos Auferstehung in der Sixtina, hinter deren Menschenleiberhaufen ein gro\u00dfer Sch\u00e4del steht, und in deren Mitte Marsyas seine Haut dem Richter zum Urteil hinh\u00e4lt, und die Haut tr\u00e4gt Michelangelos Z\u00fcge .. Klaus M. Rarisch wird heute noch gar nicht verstanden; die Zeit tanzt mit kleineren Gespenstern. Was hei\u00dft das schon? Sch\u00fctz wurde nach 300 Jahren entdeckt, der Gigant Gioacchino Belli, auch ein Sonettist, ihn hat noch kaum jemand in voller Gr\u00f6\u00dfe erblickt. Rarisch hat, um ihn lesen zu k\u00f6nnen, Italienisch gelernt. Ihn zu \u00fcbertragen, w\u00e4re eine Lebensaufgabe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Geigerz\u00e4hler h\u00f6ren auf zu ticken<\/strong>. 99 Sonette mit einem Selbstkommentar von\u00a0Klaus M. Rarisch<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Rarisch.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-82151 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Rarisch.gif\" alt=\"\" width=\"149\" height=\"250\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33276\">hier<\/a>. Eine faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">hier<\/a>. Zur Lyrik von HEL findet sich hier ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54994\">Rezensionsessay<\/a> von Holger Benkel. Eine <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hel\/helbenntjes.htm\">H\u00f6rprobe<\/a> des Autors findet sich auf MetaPhon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nach Iannis Ritsos, dem gro\u00dfen Griechen, soll auf diesen Seiten auf einen der letzten Dichter deutscher Sprache hingewiesen sein, den gr\u00f6\u00dften Sonettisten nach dem Krieg, unbekannt und totgeschwiegen: Klaus M. Rarisch. Sonettisten? Hat nicht Wondratschek mal? Von T\u00f6rne? 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